Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Offenbarung 7,9-17

Andreas Wendt (ev.-luth.)

26.12.2011 in Elmenhorst (Kreis Stormanr

zum 2. Weihnachtstag

Liebe Gemeinde,

am zweiten Weihnachtstag scheint es, dass Weihnachten schon fast wieder vorbei ist. Natürlich, wer das Kirchenjahr kennt, wird mir jetzt sagen, dass Weihnachten gestern erst begonnen hat und die Weihnachtszeit bis zum 2. Februar geht.

Aber das ändert nichts daran, dass morgen die Geschäfte wieder aufhaben und wir unseren Geschäften nachgehen. Es waren hoffentlich drei schöne Tage, aber jetzt geht der Alltag wieder los.

So ähnlich war es nach der Geburt des Kindes damals wohl auch.

Der Gesang der Engel klingt noch in unseren Ohren, der Gesang von Ehre sei Gott und Friede und so weiter. Aber der Gesang wird schon leiser, und in der Welt gibt es wenig, was ihn wieder lauter klingen lässt. Da geht es den Hirten nicht anders als uns.

Sie gehen wieder zu den Schafen, an die Arbeit.

Joseph, Maria und Kind gehen früher oder später zurück nach Nazareth.

König Herodes herrscht weiterhin. Kaiser Augustus auch. Und mit denen, die nach ihm kamen, sollte es nicht besser werden für Israel, nicht für die, die dem später Erwachsenen Jesus nachgefolgt sind, und für den Rest der Welt auch nicht.

Weihnachten, eine kurze Episode in unserem Kalender? Die Geburt des Erlösers, eine kurze Episode in der Weltgeschichte? Aber ohne die ersehnten Folgen?

Das fragt sich der alte Johannes auch. Weihnachten wurde zu seiner Zeit noch nicht gefeiert, aber die Freude, dass in Jesus Gott selber auf der Erde war, ist bei den Christen nicht zu überhören, ob es den Herrschenden gefällt oder nicht.

Und es gefällt ihnen nicht. Darum sitzt Johannes für seinen Glauben an Jesus in der Verbannung auf einer Mittelmeerinsel. Alles andere als romantisch ist es dort. Dass später Menschen auf solche Inseln reisen würden, statt zu Hause die Geburt Jesu zu feiern, hätte er sicher nicht verstanden. Er würde nichts lieber, als jetzt mit den anderen zusammen Gottesdienst zu feiern.

In dieser Lage schenkt ihm Gott eine der großen Visionen der Weltgeschichte, nimmt ihn mit hinein in den himmlischen Gottesdienst und offenbart ihm, was er mit ihm, mit seiner Kirche und mit der Welt noch vorhat.

Daraus hören wir den Predigttext aus der Offenbarung des Johannes im 7. Kapitel, die Verse 9-17. Ich lese zunächst die Verse 9-13. Da schreibt Johannes:

Danach sah ich, und siehe, eine große Schar, die niemand zählen konnte, aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen; die standen vor dem Thron und vor dem Lamm, angetan mit weißen Kleidern und mit Palmzweigen in ihren Händen,  und riefen mit großer Stimme: Das Heil ist bei dem, der auf dem Thron sitzt, unserm Gott, und dem Lamm!  Und alle Engel standen rings um den Thron und um die Ältesten und um die vier Gestalten und fielen nieder vor dem Thron auf ihr Angesicht und beteten Gott an und sprachen: Amen, Lob und Ehre und Weisheit und Dank und Preis und Kraft und Stärke sei unserm Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Am Ende stehen sie alle da und jubeln. Es ist wie das große Finale eines Monumentalfilms. Alle, die sich bis dahin gehasst und angefeindet haben, alle, die einander ihre Rechte nicht gegönnt haben, Menschen aus allen Völkern der Welt, Menschen und Engel, noch lebende und längst verstorbene, sie stehen da und jubeln Gott zu. Und jubeln Jesus zu. Denn niemand anders ist das Lamm, das da verehrt wird. Der Herr der Welt, der sich zu einem kleinen Kind gemacht hat, hilflos wie ein Lamm, und der sich geopfert hat wie ein Lamm. Jetzt sitzt er, der niemals auf seine Macht gepocht hat, dort, wo er hingehört. Auf dem Thron der Welt. Und alle sind sie da, um ihm zuzujubeln.

Die Engel, die damals den Hirten die Geburt des Erlösers verkündigt haben, die gesungen haben von Gottes Ehre und von Frieden auf Erden – sie sind da und singen wieder von seiner Ehre. Endlich ist es wahrgeworden, was sie damals verkündigt haben. Das ist selbst für einen Engel zum Niederknien schön.

Es ist wie ein Weihnachtsfest im Himmel, das Original für all das, was wir jedes Jahr feiern.

Aber so ganz kann Johannes es nicht verstehen. Es ist wie ein schöner Traum, den er gern weiterträumen würde. Die Realität, in der er lebt, ist ganz anders. Die Christen werden bedrängt und verfolgt. Sie werden den Löwen vorgeworfen oder wie er in die Verbannung geschickt. Sie werden noch Jahrhunderte und Jahrtausende später belächelt, diskriminiert, eingesperrt, in Arbeitslager geschickt, hingerichtet. Nicht alle haben es so gut wie wir, einfach in Freiheit Weihnachten feiern zu können.

Da kann dieser schöne Traum, diese Vision von dem großen himmlischen Gottesdienst zwar eine Zeitlang vom trübsinnigen Alltag des Gefangenenlagers ablenken. Aber Johannes versteht noch nicht, warum Gott ihm das zeigt.

Was nützt mir die schönste Vision von der heilen Welt oder der geheilten Welt – was nützt mir der schönste Traum vom himmlischen Weihnachtsfest – was nützen mir all die großen Ideen für die Zukunft unserer Welt – wenn ich darin nicht vorkomme?

Johannes weiß vielleicht noch gar nicht, welche Frage er stellen muss. Da kommt die Erklärung selber zu ihm. Ich lese die Verse 14-17:

Und einer der Ältesten fing an und sprach zu mir: Wer sind diese, die mit den weißen Kleidern angetan sind, und woher sind sie gekommen? Und ich sprach zu ihm: Mein Herr, du weißt es. Und er sprach zu mir: Diese sind's, die gekommen sind aus der großen Trübsal und haben ihre Kleider gewaschen und haben ihre Kleider hell gemacht im Blut des Lammes. Darum sind sie vor dem Thron Gottes und dienen ihm Tag und Nacht in seinem Tempel; und der auf dem Thron sitzt, wird über ihnen wohnen. Sie werden nicht mehr hungern noch dürsten; es wird auch nicht auf ihnen lasten die Sonne oder irgendeine Hitze; denn das Lamm mitten auf dem Thron wird sie weiden und leiten zu den Quellen des lebendigen Wassers, und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.

Das ist die Frage, die gestellt werden muss. Wer sind diese Menschen, die da aus allen Völkern zusammen kommen? Da kommt Johannes selber vor. Da kommen wir vor in Gottes großem Plan.

Die Menge ist zu groß, als dass er einzelne Gesichter erkennen könnte. Es sind zu viele. Darum wird es ihm gesagt. Es sind all jene, die treu an Jesus geglaubt haben und die dafür viel erleiden mussten. Die sich trotz Leid und Streit an ihn hielten. Die zu ihm um Erlösung und Versöhnung gefleht haben. Jetzt ist es geschafft. Jetzt ist die Klage vorbei und der Jubel angesagt.

Da stehen sie, mit weißen Gewändern und mit Palmzweigen in der Hand, und beten und jubeln und freuen sich über ihren Herrn, das Lamm, Jesus.

Und jetzt fange ich selber an zu träumen. Wie wäre es, wenn Johannes mehr Zeit hätte, sich die Gesichter einzeln anzusehen? Wie wäre es, wenn wir über seine Schulter schauen könnten? Wenn wir sehen, wer da so in der Menge steht?

Da steht Johannes selber, frisch wie lang nicht mehr, gezeichnet vom Leben, aber keine Tränen und keine Narben mehr.

Da steht Johannes der Täufer, vollständig und glücklich, Jesus zu sehen.

Stephanus, der erste, der gesteinigt wurde, weil er an Jesus glaubte.

Johannes reibt sich die Augen. Das sind ja sogar ein paar römische Kaiser.

Und da! Da stehen Soldaten des Dreißigjährigen Kriegs, die sich damals gegenseitig den Glauben absprachen und sich ermordeten. Sie sind da, Schulter an Schulter, nein, Arm in Arm, versöhnt vor Gottes Thron.

Bonhoeffer, der sich für seine Kirche an die Seite der Unterdrückten stellte und dafür den Tod erlitt. Oskar Brüsewitz, den die Unterdrückung seiner Kirche in den Tod getrieben hat.

Die Frau aus Saudi-Arabien, die von ihrer Familie bedroht wird, weil sie Christin geworden ist.

Da ist der Pastor im Iran, der Weihnachten 2011 auf die Vollstreckung seines Todesurteils wartet.

Da ist die Frau aus der Nachbarschaft, die damals keinen anderen Ausweg wusste, als ihr Kind im Mutterleib töten zu lassen. Wie sehr hat sie die nächsten Jahre darunter gelitten. Wie gern hätte sie es ungeschehen gemacht. Da steht sie vor Jesus, ihr Kind auf dem Arm.

Da sind wir selber. Dankbar, dass es uns so viel besser geht als vielen anderen. Aber in einer Reihe mit ihnen allen. Es geht nicht mehr darum, wer mehr und wer weniger geleistet oder gelitten hat. Es geht nur noch darum, zusammen vor Jesus zu stehen. Da singen Israelis gemeinsam mit ihren Nachbarn, das Klima ist stabil, und Samuel Koch macht einen Salto nach dem andern.

Es ist Weihnachten im Himmel. Was die Engel gesungen, was die Hirten gehört haben, ist wahr geworden.

Ist das ein schöner Traum? Eine ferne Zukunftsvision? Die Geburt des Erlösers eine Episode vor langer Zeit, und das große Finale in unbestimmte Zukunft verschoben? Mehr nicht?

Johannes ist immer noch gefangen auf der Insel. Die Welt ist nicht besser geworden für ihn und seine Geschwister. Aber er sieht seine Aufseher mit anderen Augen. Er weiß, dass ihre Macht begrenzt ist. Er hofft und betet, dass auch sie einmal mit ihm in der Menge stehen und dem Lamm zujubeln.

Die großen Krisen und Katastrophen unserer Tage hören nicht auf. Die kleinen Alltagsgeschäfte gehen wieder los. Aber sie nehmen uns nicht mehr gefangen. Wir haben das große Finale gesehen. Ein bisschen von diesem himmlischen Thronsaal nehmen wir mit. Wundern uns, was in der Welt alles wichtig ist. Und manchmal begegnen sich zwei, die mit dieser Vorfreude leben, treffen sich vor einem Schaufenster, schütteln verwundert die Köpfe, lächeln sich an, und ihre Blicke wünschen sich mitten im Sommer: Frohe Weihnachten. Amen