Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Philipper 3,17 - 4,1

Christian Bauer

in der Nürnberger Frauenkirche

Zweiter Fastensonntag 2007

 

Bataille, bitte eingreifen!

Maßlosigkeit: Todsünde oder Kardinaltugend?

Kennen Sie den Film „Sieben“ von David Fincher? Es handelt sich um einen spannenden Psychothriller, in dem es um einen religiös verwirrten Serienmörder geht. Morgan Freeman und Brad Pitt spielen darin zwei Polizisten, die ihm erst dann auf die Schliche kommen, als sie erkennen, dass er nach dem Muster der sieben Todsünden vorgeht. Daher auch der Name des Films. Zuvor müssen aber noch unter anderem ein reicher Geldhai und eine kleine Prostituierte sterben – der eine wegen seiner Habgier, die andere wegen ihrer Unkeuschheit. Und auch ein dickleibiger Mann wegen seiner ungezügelten Eßsucht. Der Mörder fesselt ihn an einen Stuhl und zwingt ihn so lange zu essen, bis seine inneren Organe platzen. Die beiden Polizisten finden ihn erst nach Tagen inmitten von Erbrochenem und Exkrementen: Tod aus Maßlosigkeit.

Maßlosigkeit – eine Sünde

Kein schöner Beginn für eine Predigt. Aber einer, der mitten hineinführt in das Thema des heutigen Fastensonntags. Im Rahmen unserer Predigtreihe zu den ‚Sieben Todsünden’ ist heute nämlich die „Maßlosigkeit“ an der Reihe. „Gula“ heißt sie auf Latein, und früher hat man das mit „Völlerei“ übersetzt. Auch der Film „Sieben“ setzt uns auf diese Spur. Genauso wie die eben gehörte Lesung aus dem Brief an die Philipper. Dort heißt es von den „Feinden des Kreuzes Christi“ (Phil 3,18), dass „ihr Gott“ (Phil 3,19) der Bauch sei: „Irdisches haben sie im Sinn.“ (Phil 3,19). Ähnliches hatte vermutlich auch der Serienmörder aus „Sieben“ an seinem Opfer auszusetzen. Aber ist Maßlosigkeit denn wirklich nur eine Sache des Bauches? Und nicht auch des Kopfes und des Herzens? - - - Bin denn nicht auch in sündhaftem Sinn maßlos, wenn ich

-    zu hohe Ansprüche an mich selbst und an andere stelle,

-    zuviel Gutes für die Menschen um mich herum möchte, ohne sie nach ihren Wünschen zu fragen,

-    oder ganz einfach zu viele Termine habe, um alles, was ich mache, auch wirklich ‚ganz’ zu tun?

So ist das häufig im Kleinen, so ist es aber auch im Großen. Auf himmelschreiende Weise maßlos ist es, wenn

-    ein Formel-1-Pilot beinahe fünf Millionen Euro im Monat verdient und ein deutscher Normalverdiener im Schnitt nur 2. 400,- Euro – und das inmitten eines weltweiten Meeres von Armut,

-    wenn wir schon seit Jahrzehnten soviel CO2 in die Atmosphäre pusten, dass ein Land wie Bangladesh demnächst am Meeresgrund liegen und ein Land wie Spanien schon bald eine Wüstenlandschaft sein wird,

-    oder wenn wir jedes Jahr mit der globalen Ökobilanz schon im Monat Oktober in den roten Zahlen sind und die letzten drei Monate des Jahres auf Kosten unserer Kinder und Kindeskinder leben.

Soweit so schlecht. Damit könnte man es nun eigentlich bewenden lassen und die Predigt zu einem versöhnlichen Ende bringen. War doch eigentlich soweit ‚ganz nett’: eine alte Todsünde, für das eigene alltägliche Leben aktualisiert und mit ein wenig politischer Polemik gewürzt – und keine Angst: Ich meine das alles auch wirklich so. Aber leider ist das mit der Maßlosigkeit nicht ganz so einfach. Und auch der Film Sieben hat kein so einfaches Ende, obwohl er aus Hollywood stammt. - - - Daher möchte ich nun noch einen etwas ungewöhnlichen Gast zu uns hereinbitten. Bitte stellen Sie sich für einen Moment vor, dass sich die Tür hinten am Hauptportal öffnet und ein dezent gekleideter älterer Herr mit graumeliertem Haar eintritt. Gemessenen Schrittes schreitet er durch den Mittelgang nach vorne. Darf ich vorstellen? Georges Bataille, französischer Philosoph.

Maßlosigkeit – eine Tugend

Georges Bataille war ein Denker des Maßlosen. Er hat viel über die Maßlosigkeit geschrieben. Und zwar nicht im Sinne einer Todsünde, sondern im Sinne einer Kardinaltugend: Menschlichkeit darf maßlos sein. Er interessierte sich vor allem für die Grenzbereiche unseres Lebens, in denen Menschen maßlos werden. In denen sie außer sich geraten und sich selbst überschreiten. Stünde Bataille heute tatsächlich hier, so würde er uns nun zum Beispiel daran erinnern, dass die Sexualität ein „verworfener Teil“ unseres Menschseins ist, über den man gerade in der Kirche zumeist schamhaft schweigt – in dem aber die Kraft einer wirklichen „effervescance de la vie“ steckt: eines eruptiven Ausbruchs von Leben. Ein solcher Ausbruch hat immer einen Zug ins Maßlose. Und er kann die verschiedensten Formen annehmen:

-    maßlose Freude an Gottes Schöpfung in der Natur, wenn einem in den Bergen oder am Meer so richtig das Herz aufgeht,

-    maßlose körperliche Zufriedenheit zu Hause, wenn man sich zuvor im Sport einmal wieder so richtig ausgepowert hat,

-    oder auch maßloses Elternglück, wenn man zum ersten Mal sein neugeborenes Kind in den Armen hält. - - - Menschlichkeit darf maßlos sein!

Das alles fordert uns zum Umdenken heraus. Normalerweise sind wir gewohnt, die Maßlosigkeit als eine Sünde anzusehen. Ihr passendes Gegenstück wäre dann die Tugend der ‚temperantia’: die Mäßigung. Georges Bataille aber fordert uns zu einem Perspektivenwechsel heraus. Mit ihm lässt sich die Maßlosigkeit genauso gut als eine Tugend und die Mäßigung als eine Sünde begreifen. Und zwar beides auch in christlichem Sinne. Denn es gibt so etwas wie eine ‚positive’ Maßlosigkeit nach Maßgabe des Evangeliums. Vor allem in geschichtlichen Grenzsituationen, in denen bürgerliches Mittelmaß eine wahre Sünde wäre. Die Namen eines Dietrich Bonhoeffer, eines Martin Luther King oder eines Oscar Romero stehen dafür. Ihre Lebensgeschichten sind eine bleibende Herausforderung. Denn sie alle waren maßlos in ihrem Einsatz – bis hin zum Opfer des eigenen Lebens. In den extremen Zeiten unser Geschichte gilt nämlich sogar die Maxime: Menschlichkeit muss maßlos sein.

… und Gott?

Und was ist mit Gott? Bisher war viel von Menschen die Rede, aber nur sehr indirekt auch von ihm. Wie sieht die ganze Sache mit der Maßlosigkeit denn nun aus der Perspektive Gottes aus? Sicherlich dürfte sie, wenn man sie wie eben vom Menschen her betrachtet, auch für ihn ebenso eine Frage der Sünde wie eine Frage der Tugend sein. Von ihm selber her jedoch ist sie die reine Gnade – und das ist unser Glück: Gottes Heil kennt kein Maß. Die Ökonomie Gottes ist eine „Antiökonomie“, wie Georges Bataille sagen würde. Eine Ökonomie der Verschwendung, die auf heilbringende Weise maßlos ist und mit Gottes ‚Selbstverschwendung’ im Lebensopfer Jesu endet. - - - Damit sind wir auch schon wieder bei der Lesung gelandet und bei den „Feinden des Kreuzes Christi“, deren Gott „ihr Bauch“ ist. Dieser „Bauch“ (und mit ihm unser ganzer menschlicher Körper) ist nämlich auch für Paulus mehr als nur ein Sitz sündiger Maßlosigkeit – und für den Jesus des heutigen Evangeliums gilt das allemal.

Um das zu erkennen, muss man allerdings schon etwas genauer in die beiden Schrifttexte dieses zweiten Fastensonntags hineinschauen. - - - Paulus verheißt den Philippern in der Lesung, dass unser „armseliger Körper“ (Phil 3,21) bei Gott einst zu einem „verherrlichten Leib“ (Phil 3,21) verklärt werde. Unser menschlicher Körper wird also im Glanz Gottes erstrahlen und auf diese Weise „verherrlicht“ werden. Nicht irgendein bedürfnisloser Engelsleib, sondern unser ganz normaler Menschenkörper mit all seinen zuweilen maßlosen Bedürfnissen. Wie man sich das vorzustellen hat, war gerade im Evangelium von der Verklärung Jesu (Lk 9,28-36) zu hören. Sie alle kennen die Geschichte. Ich möchte Ihren Blick daher heute nur auf einen kleinen Aspekt lenken, der normalerweise übersehen wird – für unser Thema aber von größter Bedeutung ist.

Jesus steigt mit seinen Jüngern auf den Berg. Dort wird er vor ihren Augen verwandelt. Sein Gesicht erstrahlt hell und sein ganzer Körper ist umhüllt von Gottes Glanz. Mir kommt es hierbei auf ein ganz bestimmtes Detail an. Nämlich dass es der ganz und gar menschliche Körper Jesu ist, der hier verklärt wird. Mit Haut und Haar. Mit Kopf und Herz und Bauch. Jener österlich verwandelte Körper also, dessen grausigen Todes wir in wenigen Wochen gedenken werden. Im gerade gehörten Evangelium spricht der solchermaßen verklärte Jesus, auf dessen Gesicht bereits ein Widerschein von Ostern liegt, mit Mose und Elija über sein bevorstehendes Ende in Jerusalem. Kreuz und Verklärung sind nicht zu trennen. In der Passage direkt vor der Verklärungsgeschichte sagt Jesus: „Wer mein Jünger sein will, der […] nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ (Lk 9,23). Die Nachfolge Jesu, die manchmal einen maßlosen Einsatz verlangen kann, und die österliche Verklärung unseres Körpers mit all seinen Bedürfnissen gehören zusammen. Eine schöne Verheißung auch für jene paulinischen „Feinde des Kreuzes Christi“, deren körperlicher Gott ganz allein „ihr Bauch“ ist!

Resümee

Und die Moral von der Geschicht’? - - - Beides ist voneinander nicht zu trennen: Maßlosigkeit und Maßhalten. Und das heißt auch: Ekstase und Askese. Und nicht zuletzt: Fasching und Fastenzeit. Würde man eines vom anderen abspalten, so käme unser ganzes Menschsein aus der Balance und wir wären nicht mehr im Lot. - - - Vielleicht kann das große Lot, das während dieser Fastenzeit in unserer Kirche hängt, uns daran erinnern, dass es einen gesunden Ausgleich zwischen der Maßlosigkeit als Todsünde und der Maßlosigkeit als Kardinaltugend braucht. Und dass dieser Ausgleich selbst wiederum eine Frage des richtigen Maßes ist. Nicht nur in den Höhenregionen eines heroischen Lebensopfers, sondern auch ganz bodennah und auf existentieller Normaltemperatur. - - - Bitten wir doch einfach Georges Bataille, nun mit uns gemeinsam an den Tisch des Herrn zutreten, wenn wir mitten in den Niederungen unseres Alltags das Opfermahl Jesu feiern. Er kann uns ins Gedächtnis rufen, dass sich auch das Finden des richtigen Maßes letztlich nur einer einzigen Sache verdankt: der Maßlosigkeit von Gottes unendlich heilvoller Selbstverschwendung. - - - Für uns und für alle.

Amen.