Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Prediger 3,1

Pfarrer Dr. theol. Sascha Flüchter (ev)

18.03.2012 am Theodor-Fliedner-Gymnasium in Düsseldorf-Kaiserswerth

 

 

Sandwichgeneration – Dazwischen: Verantwortung für alle Generationen

 

Ich möchte....

sollte....

könnte....

müsste.....

das Frühstück, Mittag- und Abendessen richten

den Haushalt ordnen, organisieren, selbst verrichten

auch zur Arbeit gehen

und dort den Mann oder die Frau stehen

am Nachmittag den Kindern zuhören

Erledigungen zu tätigen wären

Den einen oder anderen auf seinen Wegen begleiten

Freunde einladen zu anderen Zeiten

Mich auch ehrenamtlich engagieren

Kuchen, Salate und Basteleien produzieren

Den Kindern immer zur Seite stehen

Auch weiter neben den Eltern gehen

Für Partner und Freunde Partner und Freund sein

Manchmal.....

Manchmal möchte ich nur noch allein sein

Dann spür ich den Rücken

Die Last auf die Schultern drücken

Die Erschöpfung fährt mir in die Glieder

Dann fühl ich mich täglich müder

Ich könnte

Müsste

Sollte

Möchte

Mir Zeit für mich nehmen

Die Glieder dehnen

Kraft tanken

Mich ohne Schranken und freier fühlen

Mir Achtsamkeit schenken

Nur dann kann ich mit Freude an alle Menschen um mich herum denken.

(Elke Schubert, Schülermutter am Theodor-Fliedner-Gymnasium)

Leben ist eine Zeitkunst. – Es vollzieht sich ständig zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Alles in unserem Leben liegt zunächst in der Zukunft, wird dann für kurze Zeit zur Gegenwart, um schließlich endgültig in die Vergangenheit überzugehen. – Ja, man kann den Eindruck bekommen, dass das Leben fast ausschließlich aus Vergangenheit und Zukunft besteht. Der Übergang vom einen in das andere – die Gegenwart, das hier und jetzt unseres Lebens – wird leicht vernachlässigt. So leben wir gleich in doppelter Hinsicht „dazwischen“: Zwischen unseren Kindern und unseren Eltern, im Sandwich der Generationen und zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart im Lauf der Zeit. – Ich habe den Eindruck, dass das eine mit dem anderen zu tun hat.

Im Blick auf unsere Kinder liegt unser Augenmerk die meiste Zeit auf der Zukunft. Das ist beim Eltern-Themen-Abend im letzten Jahr eindrücklich deutlich geworden. Spätestens im dritten Schuljahr ist die Wahl der weiterführenden Schule im Fokus, wenn wir auf die Grundschulzeit unserer Kinder blicken. Wenn am Ende der 5. Klasse die zweite Fremdsprache gewählt wird, spielt bereits die potentielle Berufswahl eine Rolle. Wenn es um die Wahl des Praktikumsplatzes oder der Grund- und Leistungskurse geht, erst recht. Die Gegenwart ist dann nur Durchgangsflur auf dem Lebensweg, eine Art ein Wartezimmer für die Zukunft, als der entscheidenden Bezugsgröße im Leben unserer Kinder. Die Gegenwart wird ganz auf die Zukunft hin orientiert, sie dient in der Hauptsache ihrer Planung und Vorbereitung...

Im Blick auf unsere Eltern ist das genau andersherum. Da liegt unser Augenmerk die meiste Zeit auf der Vergangenheit. Denn aus ihr stammt unser Bild von unseren Eltern, was sie ausmacht, was sie sind, welche Bedeutung sie für unser Leben haben. – Oder sollte ich besser sagen: was sie ausmachte, was sie waren, welche Bedeutung sie hatten? Im Alter geht vieles von dem verloren. Zunehmend müssen wir feststellen, dass sie unseren Bildern und unseren Erinnerungen nicht mehr entsprechen. Das ist auch für unsere Eltern schwierig, mehr aber noch für uns. Es ist schmerzhaft zu sehen und zu erleben, wie wenig von ihnen noch übrig ist gemessen an dem was war. Hier ist die Vergangenheit die entscheidende Bezugsgröße, wenn wir auf das Leben unserer Eltern schauen. Die Gegenwart wird an der Vergangenheit gemessen und dient so oft fast ausschließlich einer verfrühten Nachlassverwaltung...

Leben ist eine Zeitkunst. – Die Bibel, als ein Buch des Lebens, weiß davon: Alles, was auf der Erde geschieht, hat seine von Gott bestimmte Zeit, sagt der Prediger Salomo. Was sagt uns das für unser Leben dazwischen? Zwischen den Generationen und zwischen Vergangenheit und Zukunft? Vielleicht das: Die Vergangenheit hat ihre Zeit, sie hatte ihre Zeit. Das heißt: Der Blick zurück ist wichtig und wertvoll, denn was war, das prägt unser Leben, die Gegenwart und die Zukunft. Aber er ist nicht alles! Wenn wir unsere Eltern nur im Rahmen unserer Kindheitserlebnisse sehen und uns allein von diesem Bild bestimmen lassen, dann werden wir ihnen in der Gegenwart – hier und jetzt – nicht gerecht. Dank des medizinischen Fortschritts und der gesellschaftlichen Entwicklung leben Menschen immer länger und erfahren so den Prozess des Alterns viel länger und intensiver als früher. Es kommt nach der Zeit der Kraft und der Stärke, eine Zeit, in der die Kräfte schwinden, die Fähigkeiten nachlassen und die Hilfebedürftigkeit steigt. Das menschliche Leben ist in gewisser Hinsicht symmetrisch: Was am Anfang des Lebens steht, das angewiesen Sein auf und die Abhängigkeit von den Eltern, hat eine Entsprechung am Ende des Lebens im angewiesen Sein auf und in der Abhängigkeit von den Kindern. Auch davon weiß die Bibel: Das Gebot, du sollst deinen Vater und deine Mutter zu ehren (Ex 20,12), war schon damals nicht auf die kleinen Kinder bezogen, die ihre Eltern dankbar ehren sollten, sondern auf die erwachsenen Kinder, die für ihre Eltern im Alter Verantwortung übernehmen mussten, weil sie darauf angewiesen waren. Am Ende des Lebens sind die Verhältnisse so eigenartig vertauscht. Das kommt uns irgendwie falsch vor, aber wir können es nicht ändern. Es ist die Realität unserer Gegenwart und der unserer Eltern. – Und auch die hat ihre Zeit und sollte ihre Zeit haben. Die wahr und ernst zu nehmen, ist nicht leicht, weil es uns abverlangt, ganz und gar gegenwärtig zu sein, ohne dabei viel nach hinten oder vorne zu schauen. – Das muss man üben und das kann man üben. Und wenn es gelingt, dann verändert es unser Erleben. Dann wird der Besuch im Pflegeheim mit einem kurzen, mühsamen Spaziergang in der Wintersonne zu einem schönen Nachmittag. Dann wird das Gespräch, bei dem der demente Vater / die demente Mutter Dinge erzählt, die nicht im Entferntesten stimmen können, zu einer guten Begegnung, in der die Nähe und nicht die Wahrheit im Vordergrund steht. Weil wir nämlich jetzt da sind und uns unterhalten, wie es jetzt möglich ist. Früher war es anders, aber wir leben jetzt. Alles hat seine Zeit...

Alles hat seine Zeit. Das gilt auch im Blick auf die Zukunft. Was kommen wird, das können wir nicht wissen. Es wird sein, wenn es seine Zeit hat. Die Berufswahl unserer Kinder steht jetzt noch nicht an – und wenn doch, dann legen sie sich damit nicht ein für alle mal und unwiderruflich fest. Unsere Kinder gehen jetzt erst mal zur Schule und können hier eine Menge erleben, ausprobieren und lernen. Ob sie genau das später brauchen werden oder vielleicht etwas ganz anderes, spielt im Moment eigentlich doch keine große Rolle. Sie können erst mal machen, wofür sie sich gerade interessieren und lernen, was für sie gerade von Bedeutung ist. Dabei können wir sie begleiten, ihnen vertrauen und uns mit ihnen freuen. Die Zukunft kommt noch früh genug. Alles hat seine Zeit...

Alles hat seine Zeit. Das gilt auch im Blick auf die Gegenwart. Das gilt besonders dann, wenn wir zwischen der Verantwortung für die junge und die alte Generation dann mal Zeit für uns haben. Oder besser: Wenn wir uns Zeit für uns nehmen. – Dann lasst sie uns auch wirklich für das nehmen, was für uns ganz persönlich jetzt gerade dran ist. Nicht für das was liegengeblieben ist oder bald erledigt werden muss. Nicht für die Wäsche, den Rasen oder die Familienfeier. Nicht für die Vergangenheit oder die Zukunft. Sondern für uns, hier und jetzt: Für ein Buch, für ein Bad, für einen Abend zu zweit. – Denn auch das braucht seine Zeit...

Leben ist eine Zeitkunst. – Die große Kunst ist es dabei ganz hier und jetzt zu leben. Allem seine Zeit zuzugestehen und dabei uns und die Gegenwart nicht zu vergessen. Darauf zu vertrauen, dass Gott allem und jedem eine Zeit zugemessen, ja vielmehr geschenkt hat. Als Christinnen und Christen glauben wir, dass unser Leben und unsere Zeit in Gottes Händen stehen: Unsere eigene Zeit, die Zeit unserer Kinder, die Zeit unserer Eltern, die Zeit der Welt. Alles ist darin aufgehoben: Die Höhen und die Tiefen; die Freude und die Sorge; das Binden und das Loslassen, die Kraft und die Schwäche; das Werden und das Vergehen. Die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft, mit allem was sie ausmacht. Dietrich Bonhoeffer hat aus dem Gefängnis heraus geschrieben: „Ich glaube,
dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten,
Gutes entstehen lassen kann und will.
Dafür braucht er Menschen,
die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.
Ich glaube,
dass Gott uns in jeder Notlage
soviel Widerstandskraft geben will,
wie wir brauchen.
Aber er gibt sie nicht im voraus,
damit wir uns nicht auf uns selbst,
sondern allein auf ihn verlassen.
In solchem Glauben müsste alle Angst
vor der Zukunft überwunden sein.“1 Lasst uns von seiner Lebenskunst und seinem Glauben lernen: Gott trägt uns durch die Zeiten und schenkt uns die Zuversicht, den Mut und die Kraft, immer das zu tun, was gerade dran ist: Für unsere Kinder, für unsere Eltern, aber auch für uns. Amen.

1 D. Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft. Hg.v. E. Bethge, Stuttgart, 1951, 23.