Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Predigt Lukas 6,36-42

Pfarrerin Christiane Klußmann (ev.-luth.)

28.06.2015 in Deetz/Havel

zum Sommerfest der Gemeinde

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

 

I.

Liebe Gemeinde. Ein wunderbarer Morgen. Schönes Wetter. Die Vögel zwitschern. Es wird wohl ein gelungener Tag werden. Ich stehe am Fenster, reibe mir noch die Augen. Male mir aus, was ich tun werde. Eine Radtour wäre schön, oder nein, lieber ein Spaziergang entlang der Felder. Ich weiß, da blüht der Mohn, das Korn steht und wiegt sich raschelnd im Wind. Kornblumen über weite Strecken. Die Felder scheinen blau. Doch da schlägt mir der widerliche Duft entgegen. Und ich höre das Heulen der Traktoren. Da wird schon wieder Gülle ausgefahren. Ich hasse den Bauern dafür. Und nicht nur dafür. Ringsherum gehört ihm alles, und das macht schon irgendwie Angst. Meinen Tag hat er mir jedenfalls mit dieser Aktion heute gründlich verdorben.

 

II.

Sonntagmittag. Ich sitze in meinem Garten. Der Gottesdienst ist vorbei, endlich Ruhe. Zeit zum Entspannen, die Zeitung von gestern wartet noch, dazu eine Tasse Kaffee, leise Musik von drinnen. Doch dann passiert es: Der Nachbar startet seinen Rasenmäher. Das Ding muss Jahrzehnte alt sein, wahrscheinlich Vorkriegsware, so laut und scheppernd, wie das klingt. Der ist Rentner und hat eigentlich die ganze Woche Zeit. Mit Sicherheit tut er das, um mich zu ärgern. Ich könnte den Idioten würgen. Aus die Entspannung, der Kaffee will mir nicht mehr schmecken, und die Zeitung kann gleich in die blaue Tonne. Ich gehe rein und schreibe einen Brief ans Ordnungsamt. So geht das nämlich nicht.

 

III.

Kein so schöner Tag heute. Irgendwie schwül. Samstagabend. Eigentlich schade, dass ich Kopfschmerzen habe, schon den ganzen Tag. Am besten, ich lege mich erstmal hin. Vielleicht kann ich einschlafen. Dann habe ich wenigstens morgen was vom Tag. Ich lege mich also hin, komme allmählich zur Ruhe. Nur noch das monotone Klopfen an den Schläfen. Doch dann: Laute Musik. Verdammt ich lieb dich – ich lieb dich nicht. Verdammt ich brauch dich – ich brauch dich nicht. Verdammt ich will dich – ich will dich nicht. Ich will dich nicht verliern. Immer und immer wieder. Der Nachbar drei Häuser weiter ist 50 geworden. Und das wird heute gefeiert. So ein Egoist. Der macht jetzt Party bis in die Frühe. Am liebsten würde ich ihm eine Bombe in den Garten werfen. Na warte, wenn das nächste Paket für den ankommt – mit mir nicht; das soll er sich gefälligst bei der Post abholen.

 

 

IV.

Liebe Geiende. Ein grauer Herbsttag. Die Blätter fallen von den Bäumen. Mit verneinener Gebärde, so beschreibt es Rainer Maria Rilke treffend in seinem Herbstgedicht. Irgendwie habe ich Lust zu nichts. Ich erinnere mich an einen Morgen im Frühling. Schönes Wetter. Die Vögel zwitscherten. Es würde wohl ein gelungener Tag werden. Ich stand am Fenster, rieb mir noch die Augen. Malte mir aus, was ich tun würde. Ein Spaziergang entlang der Felder. Da blühte der Mohn, das Korn stand und wiegte sich raschelnd im Wind. Kornblumen über weite Strecken. Die Felder schienen blau. Doch da schlug mir der widerliche Duft entgegen. Und ich hörte das Heulen der Traktoren. Der Bauer von drüben hatte Gülle ausgefahren. Ich weiß noch, wie ich mich geärgert habe. Ich schaue hinüber. Drüben hat seine Frau Wäsche aufgehängt. Ich wittere eine Chance, es ihm heimzuzahlen. Draußen in meinem Garten wartet der große feuchte Haufen. Gras, altes Holz, irgendwelcher Müll. Das wird gewaltig stinken. Der Wind steht gut. Und da hängt sie, die Wäsche des Bauern.

 

 

 

V.

Am Sonntagmittag sitze ich gern in meinem Garten, wenn das Wetter halbwegs schön ist. Denke zurück an die Gottesdienste des Tages, genieße die Ruhe. Zeit zum Entspannen, die Zeitung zu lesen oder ein gutes Buch dazu eine Tasse Kaffee, leise Musik von drinnen. Drüben sehe ich gerade den Nachbarn hinterm Zaun hocken. Das Bücken fällt ihm schwer. Seit ein paar Jahren ist er Rentner, und irgendwie hat er Probleme mit den Hüften, mit dem Rücken wohl auch. Da hockt er hinterm Zaum und plagt sich mit dem Unkraut, das aus meinem Garten rüberwächst. Jede Menge Gras, Klee, Giersch. Mich stört das nicht, aber für ihn ist es unerträglich. Ich erinnere mich, wie er mir manchen Nachmittag mit seinem Rasenmäher verdorben hat. Ich könnte mich freuen, dass er jetzt da hockt. Ich könnte.

 

VI.

Vor einem halben Jahr, da hat er noch gefeiert. 50 Jahre, scheinbar auf der Sonnenseite des Lebens. Verdammt ich lieb dich – ich lieb dich nicht. Immer und immer wieder. Ich werde es nicht vergessen. Schon deshalb nicht, weil ich noch jetzt weiß, wie mir damals der Kopf dröhnte. Jetzt sitzt er alleine drüben, drei Häuser weiter. Seit einem Vierteljahr ist er arbeitslos. Seine Frau ist weg. Depressiv sitzt er da und wartet, dass die Zeit vergeht. Ich sehe ihn eigentlich fast nie. Manchmal holt er verstohlen die Post aus dem Briefkasten. Ich könnte jetzt schadenfroh sein. Er hat mich so geärgert damals. Hat nicht darüber nachgedacht, was die Nachbarschaft von seinen Partys hält. Es war ja nicht nur das eine Mal. Doch jäh werde ich aus meinen Gedanken gerissen. Es klingelt. Die Post. Würden Sie ein Paket für Ihren Nachbarn annehmen?

 

 

Der für heute vorgeschlagene Predigttext, gleichzeitig das Evangelium für diesen Sonntag, steht bei Lukas im 6. Kapitel:

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben. Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr meßt, wird man euch wieder messen. Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis: Kann auch ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen? Der Jünger steht nicht über dem Meister; wenn er vollkommen ist, so ist er wie sein Meister. Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr? Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge und sieh dann zu, daß du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst!