Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Psalm 116

Vikarin Anna-Maria Busch (ev.-luth.)

25.11.2012 auf dem Friedhof Nordend in Berlin

Musikalische Andacht am Ewigkeitssonntag mit Ad-hoc-Ensemble unter Leitung von Kim Nguyen

„Du, Tod, nimmst mir meine Liebe nicht.“

Die Sehnsucht steigt. Sie brennt unter der Haut.

Ich möchte ihn wieder leibhaftig um mich haben. Ihn umarmen – den lieben Mann, mit dem ich so viele Stunden meines Lebens teilte.

Möchte mir ihr reden, Schwester, Mutter, Tante, Oma. Sie hatte eine so schöne Stimme, war so weise, immer voller Kraft und Energie.

Seine klugen Gedanken, sein wunderbarer Humor, Freund, Vater, Opa… Du fehlst.

Geheimnisse haben wir geteilt, sie hat mich in Frage gestellt, liebe Freundin, treue Weggefährtin. Wer bläst nun meine trüben Gedanken weg?

Der Platz am Tisch bleibt leer. Die andere Betthälfte bleibt leer und kalt.

Sie alle fehlen. Sie fehlen so schmerzhaft. Ich möchte schreien in diese unerträgliche Stille hinein.

Das über alles geliebte Kind hast Du genommen. Viel zu zeitig, gegen jede Ordnung. Das ist mehr, als wir verstehen und ertragen können.

Tod, du gnadenloser, nimmst uns unsere Lieben, nimmst mit jedem, der stirbt, uns eine Welt aus Lebenserfahrungen und Lebensgeschichten.

Tod, du unerträglicher, umschnürst meine Kehle, fesselst unsere Lebenskräfte in Trauer und Angst und Einsamkeit.

Du nimmt uns unsere Lieben. Und eines Tages wirst Du uns selbst von dieser Welt nehmen. Tod, du unbarmherziger.

Übermächtig scheint du uns, Tod, an diesem Totensonntag.

Ein Sonntag nur für die Toten.

Aber wir Lebendigen stehen hier

und haben Dir etwas entgegenzusetzen, an diesem Ewigkeitssonntag.

Wir glauben an das ewige Leben.

An keinem anderen Tag im Jahr sind uns die Verstorbenen so präsent wie heute.

Auf Friedhöfen versammeln sich die Menschen, versammeln wir uns heute.

Aber wir stehen auf.

Wir hoffen gegen jeden Augenschein.

Wir glauben an die Auferstehung.

Die Mächtigkeit des Todes greift um sich. Er macht uns die Leere, die unsere lieben Verstorbenen hinterlassen haben, besonders deutlich.

Aber wir erstehen auf.

Ja, du, Tod, hast nicht das letzte Wort.

Du nimmst uns unsere Liebe nicht.

Und: wir haben einen noch viel mächtigeren Verbündeten: Gott.

Jesus hat Dich entlarvt: Du lässt Dich unter Vertrag nehmen von Engeln eines erfüllten Lebens, von Sklaven der Krankheit und Händen des Unglücks.

Ich bin aber eine Liebhaberin des Lebens. Und Gott auch. Das passt Dir nicht. Ich weiß. Und dennoch sitzt Du am längeren Hebel. Aber werde ja nicht hochmütig: Du bist auch nur ein Diener des Schöpfers. Der aber hält seinen Segen für mich bereit. Und für alle anderen, die leben. Ja, du, Tod, hast nicht das letzte Wort. Du nimmst mir meine Liebe nicht weg. Und Du nimmst Gott seine Liebe nicht weg. Du kannst Gottes Liebe für uns nicht aus seinen Händen reißen.

Ich stehe auf. Ja, hier, am Totensonntag. Ich biete Dir die Stirn. Ich erzähle die Geschichten meiner Lieben weiter. Ich suche neue Ort für sie, wo ich sie besuchen kann. Ich nehme die Erde in die Hand, in die sie gelegt sind. Ich pflanze im Frühling blühende Blumen auf ihre Gräber. Im Herbst decke ich sie mit duftenden, immergrünen Tannenzweigen. Grün - die Farbe der Hoffnung und des Lebens. Ich zünde Lichter gegen Deine Dunkelheit. Ich singe Lieder gegen dein unerträgliches Schweigen.

Ich liebe weiter. Wir lieben weiter. Wir leben alle weiter. Auch die Toten leben weiter. Gott hält für uns einen Ort bereit, ein Land und einen neuen Himmel. Leuchtend, farbenfroh, klangfreudig – gegen die Novembertristesse. Geschmückt wie eine Braut, nicht nur in Weiß, auch in Rot, türkisem Blau, sommerlichem Gelb. Lebenswasser gibt es umsonst.

Ich höre Gesang, sehe lachende Augen und Münder, Menschen liegen sich in den Armen, die Fesseln der Einsamkeit und Trauer sind gesprengt;

denn Gott wird abwischen alle Tränen, kein Leid, kein Geschrei, kein Schmerz werden mehr sein.

Gott ist da. Ich bin angenommen als Gottes Tochter. Du bist angenommen als Gottes Tochter. Du bist angenommen als Gottes Sohn.

„Sei nun wieder zufrieden, meine Seele,“

denn Gott hat dir Gutes getan.

Denn du, Gott, hast meine Seele vom Tode errettet,

meine Augen von den Tränen,

meinen Fuß vom Gleiten.

Ich werde wandeln vor Gott im Landes des Lebendigen.“ (Ps 116)

Amen.

(Es folgt Psalm 116 in Vertonung von Johann Herrmann Schein durch das Ad-hoc-Ensemble unter der Leitung von Kim Nguyen.)