Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Psalm 117 mit der Motette „Lobet den Herrn, alle Heiden“ (J. S. Bach)

Hochschullehrer em. Professor Dr. Okko Herlyn (ev)

28.04.2013 in der Ev. Kirche am Bielert in Leverkusen-Opladen

Festgottesdienst 125 Jahre BachChor Leverkusen

Die Motette hören Sie hier.

Was ist das für ein gewaltiges Brausen, das da mit dieser Motette Johann Sebastian Bachs über uns hereinbricht! Welch vielgestaltiges Stimmengefüge! Welch atemberaubende harmonische Architektur! Welch ein Tempo, welch ein Rhythmus, welch eine tänzerische Leichtigkeit, ja welch ein Swing in dieser geradezu göttlichen Musik!

Göttlich? Moment. Nein, göttlich kann auch diese unfassbar grandiose Musik niemals sein. Göttlich ist allein Gott. Aber das menschlich Grandiose, von mir aus auch das menschlich Geniale ist – zumindest für Johann Sebastian Bach – gerade einmal gut genug, um eben das Lob Gottes anzustimmen.

Ja, Gottes. Es geht hier nicht um irgendeine Religion. Nicht um irgendeine Konfession. Nicht um irgendeine Frömmigkeit oder Spiritualität. Über all diese gewiss wichtigen Dinge mögen wir uns gerne zu gegebener Zeit einmal in Ruhe unterhalten. Hier geht es jetzt um etwas anderes. Genauer: um einen anderen.

So kurz und knapp die Worte des 117. Psalms auch sind, sie weisen mit aller Entschiedenheit und Macht von sich weg. Weg von unseren vermeintlichen Wichtigkeiten. Weg von unseren engen Horizonten. Weg von unseren nicht selten auch religiösen Kleinkariertheiten. Weg von unserem manchmal auch arg provinziellen Christentum. Jetzt ist einmal etwas anderes wichtig. Jetzt geht es schlicht und ergreifend einmal nicht um uns, sondern um einen anderen. Um Gott. Um den Herrn Himmels und der Erden.

„Lobet den Herrn, alle Heiden! Preiset ihn, alle Völker!“ Im Munde Israels sind diese Worte mehr als erstaunlich. War man nicht das erwählte Volk vor allen Völkern? Hatte Gott nicht ausgerechnet dieses Häufchen Elend herausgerufen aus Not und Gefangenschaft? Hatte er es nicht immer wieder vor allen Feinden bewahrt und in das gelobte Land geführt? Ja, das alles war, ist und bleibt wahr, so wahr Israel der „Augapfel Gottes“ war, ist und bleibt.

Umso erstaunlicher nun aber, dass unser Psalm aus dieser einzigartigen Geschichte Gottes mit seinem Volk keinen religiösen Alleinvertretungsanspruch ableitet. Kein „wir sind was Besseres“. Keinen Hochmut des Glaubens. Nein, es heißt – man staune – „lobet den Herrn, alle Heiden! Preiset ihn, alle Völker!“

Wenn das Alte Testament von „Völkern“, gar von „Heiden“ spricht, dann meint es damit in der Regel die vielen Völker um Israel herum, die anderen Göttern dienten und Israel gegenüber nicht selten feindlich, wenn nicht gar todfeindlich gesonnen waren. Manche Texte der Bibel sprechen hier eine grausame, wir können auch sagen: eine grausam realistische Sprache. Die Bibel predigt keine ausgewogene Weltsicht. Keine kosmische Harmonie. Sie predigt kein esoterisches, konfliktbereinigtes Zusammenspiel aller Kräfte.

Die Bibel weiß vielmehr um die tiefe Zerrissenheit des Menschen und so auch der Menschheit seit Adams Fall. Wohlgemerkt: Sie rechtfertigt diese Zerrissenheit nicht. Aber sie weiß um sie. Man wird um manche Aussagen der Bibel gewiss lange streiten können. Realitätsferne wird man ihr jedenfalls nicht nachsagen können. Ein einziger Blick in irgendeine x-beliebige Tagesschau liefert genügend Belege.

Umso erstaunlicher nun aber, dass unser Psalm – angesichts der Zerrissenheit der Völker – genau diese Völker mit einbindet in das Lob Gottes, in das Lob des Herrn Himmels und der Erden: „Lobet den Herrn, alle Heiden! Preiset ihn, alle Völker!“ Der Psalm behauptet nicht, dass sie es schon tun. Er fordert sie vielmehr auf. Imperativ, so haben wir es in der Schule gelernt. Aufforderungsform: „Lobet, preiset!“ Was jetzt – leider – noch nicht ist, soll noch werden. Soll um Gottes Willen noch werden.

Es scheint fast so, als formuliere der Psalm hier einen großen Traum. Einen Glaubenstraum sozusagen. So wie Martin Luther King vor ziemlich genau 50 Jahren eben einen solchen Glaubenstraum einer zerrissenen Welt entgegen geschleudert hat: „I have a dream“. Es war der Traum von einer Welt jenseits der Zerrissenheit von Hautfarbe, Religion oder gesellschaftlichen Stellung. Ein geradezu himmlischer Traum – mit einem leidenschaftlichen Hang zum Irdischen, zum Alltag, zur Veränderung des Hier und Jetzt.

Und wer behauptet, Träume seien am Ende doch nichts als Schäume, und wer sie habe, solle doch besser zum Arzt gehen, wie uns ein ehemaliger Bundeskanzler meinte raten zu müssen, der verkennt, dass Glaubensträume grundsätzlich etwas anderes sind als das, was uns da allenthalben mit „Traumreisen“ und „Traumküchen“ in eine angeblich andere, vermeintlich bessere Welt entführen will.

Glaubensträume entführen uns nicht aus unserer Welt, sie machen uns vielmehr Mut, uns dieser zerrissenen Welt zu stellen. Ja, mehr noch: Mut, die Zerrissenheiten, die Feindschaften und Ungerechtigkeiten dieser Welt tapfer und voller Glaubenszuversicht zu bekämpfen. Die Bibel jedenfalls scheut sich in dem Zusammenhang nicht, auch martialisch anmutendes Vokabular in den Mund zu nehmen: „Kämpfe den guten Kampf des Glaubens!“ (1. Timotheus 5, 12)

„Denn seine Gnade und Wahrheit“, so heißt es, „waltet über uns in Ewigkeit.“ Es wird seinen Grund haben, weshalb unser Psalm das hier in so besonderer Weise betont. Es geht bei dem Lob des Herrn ja nicht um irgendeinen Gott. Nicht um irgendeine Gottheit. Nicht um irgendeine höhere Macht. Und schon gar nicht um irgendeine, wie wir heute gerne sagen, „spirituelle Dimension“.

Es geht um den Gott, der über den Seinen, wie es heißt, in „Gnade und Wahrheit“ waltet. Was Luther hier mit „Wahrheit“ übersetzt, heißt im ursprünglichen Text eigentlich „Treue“. Es geht also um Gnade und Treue. Und genau das sind die unverwechselbaren Eigenschaften des Gottes, der uns in der Bibel von der ersten bis zur letzten Seite gepredigt wird.

Gnade heißt nämlich: Annahme ohne jegliches Verdienst, ohne jegliche Eigenleistung, ohne jegliches Gutmenschentum. Gnade – das signalisiert eine unübersehbare Parteilichkeit Gottes für die, die von sich aus mit solcher Annahme in der Regel gar nicht rechnen können. Gnade also nicht als mildes „Schwamm drüber“ oder beschwichtigendes „Alles halb so wild“. Sondern Gnade als ein überaus wertvolles und unverdientes Geschenk. So wie uns das nicht zuletzt in Jesus Christus in unverwechselbarer Weise begegnet, der sich ja in Gottes Namen der Geringen und Geächteten, der Geschlagenen und Niedergeschlagenen, der an Leib und Seele Hungrigen angenommen hat.

Es geht in unserem Psalm also nicht um irgendeinen Gott. Davon mag es manche geben. Halb-, Dreiviertel- oder Möchtergern-Götter in Weiß oder Schwarz, Technicolor oder auch in irgendeinem Fußballtrikot. Unserem Psalm geht es um den Gott, der eben Gnade walten lässt.

Und Treue! Gott steht zu seiner in Christus begegnenden gnädigen Annahme, komme was da wolle. „In Ewigkeit“, wie es im Text heißt: „Denn seine Gnade und Treue waltet über uns in Ewigkeit.“ Was will man mehr?

Waltet“. Auch so ein vergessenes Wort. Wir könnten auch sagen: seine Gnade und Treue „regiert“. Aber bei „regieren“ denkt man gleich wieder an irgendeinen Regierungschef oder an irgendeine Kanzlerin. Das alte Wort „walten“ hat demgegenüber etwas von Fürsorglichkeit an sich. So wie ein „Verwalter“, sagen wir einmal: ein Gutsverwalter, mit dem ihm anvertrauten Gut eben fürsorglich und gewissenhaft, bewahrend und fördernd umgeht. So jedenfalls wird es uns von Gott gesagt. Warum sollten wir es da mit der uns anvertrauten Welt anders halten?

„Lobet den Herrn, alle Heiden!“ Johann Sebastian Bach hat mit seiner grandiosen Motette einmal wieder sein Bestes gegeben. Und genau darin hat er Recht. Manchmal ist für das Beste auch das menschlich Beste gerade einmal gut genug. Es geht um Gottes Gnade und Treue, die – man staune noch einmal – über unserer armen und zerrissenen Welt in Ewigkeit waltet. Das ist die Botschaft.

Eine bessere gibt es nicht.