Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Psalm 121

Pfarrer Rüdiger Jeno (ev)

20.02.2014 in der St.-Anna-Kirche

Ansprache bei der Beerdigung von Karl Weinmann

© privat

Liebe Trauergemeinde, liebe Angehörige,

liebe Familie Weinmann, liebe Frau Weinmann!

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe? / Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht.“ So haben wir es vorhin im Psalm miteinander gebetet.

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt.“ Dieser Vers aus dem Psalm 121 in der alten Übersetzung stand früher hier oben als Schriftzug an der Wand über dem Chorbogen. Den haben Sie als kleines Kind schon zu entziffern versucht, Frau Weinmann, bis er sich Ihnen in seiner Bedeutung nach und nach immer mehr erschlossen hat – und zu ihrem Leitwort geworden ist. „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt.“

Und so hat später auch ihr Mann mit eingestimmt in dieses Wort, und Sie haben beide miteinander geglaubt und erfahren: „Meine Hilfe, unsere Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.“

So war es auch in den letzten Tagen und Wochen, als Karl Weinmanns Kräfte immer mehr abnahmen. Er musste ja nicht wirklich lange leiden. Und doch ist es nicht leicht, den Weggefährten aus 67 gemeinsamen Ehejahren nun alleine ziehen lassen und Abschied nehmen zu müssen.

Es ist nicht leicht, den Vater und Schwiegervater gehen zu lassen, auch wenn man Gefühl hat: es ist gut so, wie es jetzt ist und wie es gegangen ist die letzten Wochen.

Es ist nicht leicht, vom Opa und Uropa Abschied zu nehmen und ihm das jüngste „Urenkele“, das unterwegs ist und auf das er sich gefreut hat, nicht mehr vorstellen zu können, auch wenn Sie empfinden: wir fünf Enkelkinder und acht Urenkel haben viel von und an unserem Opa und Uropa gehabt und er hatte seine Freude an uns.

Nein, Abschied nehmen ist nicht leicht. Und doch wächst in dieser Zeit des Abschieds oft eine große Dankbarkeit, und die Verbundenheit und das gemeinsam erlebte Glück empfindet man manchmal stärker als vorher.

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt.“

Die Berge, von denen Hilfe kommt, sind auch bei uns in Beilstein nicht unsere Weinberge. So haben Sie es sich als Kind vorgestellt, haben Sie erzählt, Frau Weinmann. Mit den Bergen, von denen Hilfe kommt, meint der Psalmbeter die Berge Judäas; da liegt nämlich Jerusalem. Ich schaue hinauf nach Jerusalem mit seinem Tempel, denn dort wohnt Gott, der Herr, und von ihm kommt meine Hilfe. So erfährt es der Psalmbeter, und so haben Sie und Ihr Mann es in ihrem langen Leben erfahren.

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt.“

Die Berge kommen dann ja auch wieder in dem kurzen Gedicht von Friedrich Hölderlin vor, das Sie, liebe Angehörige, über die Todesanzeige gesetzt haben:

Die Linien des Lebens sind verschieden, / Wie Wege sind, und wie der Berge Grenzen. /
Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen / Mit Harmonien und ewigem Lohn und Frieden.

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen und sehe: die Grenzen der Berge sind verschieden. Und so verschieden sind auch die Linien des Lebens, hat Hölderlin es beschrieben. Wir würden vielleicht sagen: Unsere Lebenswege verlaufen manchmal unerwartet und unvorhersehbar, sie sind oft krumm und uneben. Die Linien des Lebens sind verschieden…

Dabei könnte man vielleicht meinen, die Lebenswege von Karl Weinmann wären gerade und gleichförmig verlaufen. Stetig das Weingut aufbauend, erfolgreich, unbeschwert. Das kann man aber auch nur meinen, wenn man „von außen“ auf dieses Leben schaut. Wer es kennt, weiß, wie „verschieden“ die Linien seines Lebens waren, wie viel Höhen, wie viele Tiefen es aber auch gab, in denen er unzählige Male seine Augen zu den Bergen aufhob, bangend und ringend darum, woher ihm Hilfe kam. Und voller Sehnsucht, dass Was hier wir sind, dort ein Gott ergänzt / Mit Harmonien und ewigem Lohn und Frieden.

Als Karl noch kein Jahr alt war, starb sein Vater, und er und seine fünf Geschwister wurden in der Verwandtschaft verteilt; auseinander gerissen wurde die Familie, und er wuchs mit dem jüngsten und – immerhin! – der Mutter in Marbach bei einer Tante auf.

Nach seiner Gärtnerlehre hätte er sich gerne beruflich weiter entwickelt, aber da kamen Arbeitsdienst und Krieg. Dieser elende Krieg, in dem er zweimal schwer verwundet wurde und in dem er zweimal einen Engel geschickt bekam. So hat er es immer gesehen.

Einmal in Gestalt einer unermüdlichen Krankenschwester, der er es verdankte, dass er sein Bein behielt, und einmal in Gestalt eines mutigen Kameraden, der den Halbtoten nicht einfach auf dem umkämpften Feld zurückließ, sondern barg und in Sicherheit brachte.

Vermutlich gab es in dieser furchtbaren Zeit noch so manchen anderen Engel, von dem Sie vielleicht gar nichts wissen. Einer waren mit Sicherheit auch Sie, Frau Weinmann, die sie ihrem Karl den Lebenswillen und sein Zutrauen ins Leben wieder weckten, indem Sie zeigten, dass Zuneigung kräftiger sein kann als die Ablehnung durch Menschen und Liebe stärker als der Blick aufs Äußere.

Miteinander wagten Sie nach dem Krieg den Neuanfang, gemeinsam mit Ihren Eltern, dem Vater und der schwerkranken Mutter, und bauten das Haus in den Annagärten. Harte Kämpfe an vielen Stellen waren das und folgten lange… Aber irgendwoher kam immer Hilfe – „ich hebe meine Augen auf zu den Bergen…“

Karl war unbeabsichtigt modern, habe ich den Eindruck: den Kinderwagen mit der ersten Tochter Margarete schob er durch den Ort zur Baustelle, hütete das Kind, wusch Windeln auf dem Bau – für einen Mann damals ein Ding der Unmöglichkeit, für ihn keine Frage, denn die Frau musste in den Weinberg.

Erst später, nachdem auch die Tochter Christel und Sohn Hermann auf der Welt waren und der Schwiegervater gestorben war, bot sich ihm die Gelegenheit, bei der Genossenschaft in der Kellerei sich ganz um den Wein kümmern zu können. Und als in den 70er Jahren Sohn Hermann mit der Lehre fertig war, wandten sich die beiden dem Projekt „Sankt Annagarten“ zu und schufen die Grundlagen für das heutige Weingut.

So sehr sein Herz dafür schlug, konnte er doch auch gut loslassen und sich rausziehen im Laufe der Jahre, wenn er sah, dass es gut lief. Das ist eine große Gabe und ist wichtig, wenn mehrere Generationen miteinander arbeiten. Und trotzdem hat er noch bis in den letzten Herbst hinein immer ein „Gläsle“ vom frisch gekelterten Wein probieren müssen. Das gehörte einfach so und das wird Ihnen fehlen, ich kann es mir vorstellen!

Karl Weinmann hat kräftig über den Horizont unserer Weinberge hinausgeschaut. Er las viel und war historisch ungemein bewandert. Er brauchte es, raus zu kommen und etwas anderes zu sehen, die manchmal gar zu kleinkarierten heimischen Berge hinter sich zu lassen. Eines seiner Lieblingsziele, wohl das Lieblingsziel schlechthin war das Elsass: Jahrzehnte lang sind Sie miteinander nach Niedermorschwihr gefahren, oft nur für einen, später dann zwei Tage, aber dafür regelmäßig. Er liebte die Leute und den Wein, und die Leute liebten ihn; er liebte die Landschaft und vielleicht ja auch die Berge der Vogesen in der Nähe: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt.“

Ein langes, erfülltes Leben ist zu Ende gegangen. Die Linien des Lebens verschieden, die Augen zu den Bergen aufgehoben, einen Blick für die Engel, achtgebend auf die Menschen und Dinge an seiner Seite… Ein gesegnetes Leben. Diesen Segen werden Sie, liebe Familie Weinmann, werden wir auch weiterhin spüren und erfahren, darauf dürfen wir vertrauen.

Amen.