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Predigt über Psalm 121

Marten Marquardt

14.03.2008 in der Kartäuserkirche, Köln

Liebe Schwestern und Brüder,

 

ein jüdischer Mitstreiter aus Köln hat mir geschrieben, dass dieser Tag heute, im jüdischen Kalender der 7. Adar, der Geburtstag und der Todestag von „Mosche Rabbenu“ ist, der Tag, an dem unser gemeinsamer Lehrer Mose geboren ist. Mose, das ist das Baby, das nach drei Monaten im Nil schwimmen musste, um zu überleben. Das kleine Kind, das da Gott sei Dank und zu seinem Glück lauter Pech rund herum hatte, in seinem Schilfkörbchen, so dass Mose als Kleinkind im Wasser treibend überleben konnte: ringsum Pech, Gott sei Dank! Das ist meine erste, das ist meine mosaische Orientierung für diesen 14. März 2008. Das Glückspech von Mosche Rabbenu, dem Lehrer der Juden und der Christen.

 

Die zweite, meine christliche Orientierung, entnehme ich dem Herrnhuter Losungsbüchlein, das uns für jeden Tag des Jahres ein Bibelwort zuruft. Der Losungsruf für den heutigen Tag stammt aus dem Psalm 121 und lautet:

 

„Siehe, der Hüter Israels schläft, noch schlummert nicht.“

 

Was für eine aus dem Rahmen fallende Art, von Gott zu sprechen, wenn man an die weit verbreitete religiöse Sprache der Gebildeten unter uns denkt. Vom Ursprung allen Daseins  könnte man so nicht reden. Und die Quelle allen Seins  ruht im ewig gleichen Rauschen. Und die große Stille  lässt nicht erkennen, ob sie nicht vielleicht doch ein wenig schlummert. Die ewige Wahrheit  ruht in sich selbst und der unbewegte Beweger  nimmt an den Bewegungen unseres Lebens selber nicht Teil. 

 

Wir sehen, dieser Hüter Israels fällt aus dem Rahmen der tiefsinnigsten Göttinnen- und Göttergalerien. Von IHM ist menschlich zu reden, widersprüchlich und zuweilen auch in der Tonlage des totalen Chaos, in stetiger Bewegung der Gedanken und des Herzens, auch in Spruch und Widerspruch.

 

Das verbindet den Hüter Israels mit seinem Volk Israel: stetige Bewegung, stets auf dem Quivive-Sein. Und im ersten, im Grundpsalm 1, werden darum auch alle Menschen glücklich gepriesen, die ebenso lebendig sind, die ebenso ständig auf dem Quivive, und Tag und Nacht über dem Wort Gottes knurren.

 

Wieso „knurren“? – So wird es tatsächlich dem Volk Israel empfohlen: Sie sollen über der Tora knurren (Jos 1, 8). Und so beginnt das biblische Psalmenbuch mit der Seligpreisung all derer, die über Gottes Wort knurren Tag und Nacht. Knurren wie Löwen über ihrer Beute, wie Hunde beim Fressen, wenn sie gestört werden: beutegierig, fraßversessen, lustbetont: Wohl dem, glücklich ist der Mensch, der über Gottes Tora brummt und knurrt Tag und Nacht (Ps 1, 2) und sich nicht davon ablenken lässt.

 

Wenn man manchmal während des Seminarbetriebs über die Flure der Melanchthon-Akademie geht, kann man solches Tag- und Nacht-Knurren hinter manchen Türen hören: Akademisches Lernknurren. Und zuweilen dazwischen Gelächter und Jubel: Glück des Lernens.

 

So ist das wohl auch mit Gottes Wort gedacht: Knurren über seinem Wort Tag und Nacht. Und dabei entsteht eine Brücke zwischen dem Himmel und der Erde. Denn der Hüter Israels wartet Tag und Nacht auf dieses Knurren Seiner Menschen; und der im Himmel freut sich über Menschen, die mit Herz und Seele so beweglich und so lernlustig sind und bleiben. Diese Korrespondenz zwischen lebendig chaotischem Knurren hier und unentwegtem Wachen dort, das ist die Stimmung in der „himmlischen Akademie“, von der Melanchthon zeit Lebens geträumt hat.

 

Und in dieser Tradition will ich nun den Psalm 121 mit Ihnen gemeinsam beknurren.

 

„Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher wird mir Hilfe kommen?“

 

·        Ein jüdischer Aufbruch, eine jüdische Wallfahrt durch die Jerusalem umgebenden judäischen Berge mit beängstigenden Perspektiven: Wilde Tiere, tiefe Schluchten, gefährliche Menschen. Woher wird mir Hilfe kommen?

·        Oder auch eine jüdische Heimkehr, zurück aus dem Exil, eine jüdische Wiedergeburt, ein neuer Staat Israel nach 2000 Jahren; aber auch das, wie wir dann erfahren haben und noch täglich erfahren müssen, ist nun seit 60 Jahren eine Geschichte mit abgründigen Aussichten: Woher wird mir Hilfe kommen?

·        Oder ganz privat. Dieser Psalm wird in manchen jüdischen Familien traditioneller Weise bei einer schwierigen Kindergeburt gebetet, mit Hoffnungen und mit Ängsten: Woher kommt mir Hilfe?

 

Generell geht dieses Gebet uns Christinnen und Christen und auch unsere muslimischen Geschwister aus der Völkerwelt so ja scheinbar gar nichts an. Wir Protestantinnen und Protestanten zumindest wallfahren eher selten oder gar nicht, weder hier, noch in den judäischen Bergen; wir leben nicht im Exil und wir müssen nicht erst heimkehren. Höchstens die allgemeine Unsicherheit könnten wir nachvollziehen: Woher kommt mir Hilfe?

 

Aber nun gibt es eine Kölner Besonderheit mit diesem Psalm. Es ist ja der zweite der 15 Maalot-Psalmen. Und diese 15 biblischen Psalmen hat uns der israelische Künstler Dani Karavan alle in den Platz zwischen Bahnhof, Dom und Deutzer Brücke hineingepflastert unter eben diesem Namen: Maalot. Und Karavan hat diese Stufenpsalmen der Sehnsucht, die von der Erlösung aus dem Exil, von der Heimkehr nach Jerusalem singen, nicht etwa der Mehrheit der Kölner Juden ins Pflaster der Roonstraße, oder später auch der kleineren Jüdischen Liberalen Gemeinde auf den Bürgersteig der Stammheimer Straße, sondern allen Kölnerinnen und Kölnern in den öffentlichen Raum des Heinrich-Böll-Platzes gelegt. Spätestens durch Karavans Installation ist Maalot eben auch ein Kölner Thema geworden. Spätestens nun haben auch wir es so oder so mit der Sehnsucht nach Jerusalem und mit den Schrecken der Vernichtung zwischen Köln und Jerusalem zu tun. Mit Schienen, Schütten und Schießscharten werden durch Karavans steingewordene Maalot-Psalmen drei Orte dieser Welt in eine bedrückende Beziehung gebracht: Der Kölner Dom hier, der deutsche Vernichtungsort Auschwitz in Polen und die Stadt Jerusalem in Israel.

 

Und nun müssen wir wirklich gemeinsam mit diesem Psalmbeter fragen: Woher wird mir Hilfe kommen?

 

Zunächst gibt es eine individuelle Antwort, sozusagen in einer soliden Selbstkatechese:

 

„Meine Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde noch immer macht.“

 

Das ist die kürzest mögliche Zusammenfassung der biblischen Schöpfungsgeschichte. - Sie haben allerdings ja gehört, dass ich hier eben anders übersetze als üblich. Einige von uns haben es ja auswendig im Kopf, dass es heißen müsste wie bei Luther: „...der Himmel und Erde gemacht hat“. Aber im hebräischen Text heißt es wörtlich: „Meine Hilfe kommt von Adonai, Himmel und Erde machend.“  Da ist ja keine Rede von Vergangenheit, sondern von Einem, der gerade auch wieder an der Arbeit ist, von dem Einen „der Himmel und Erde noch immer macht“.

 

Aber was für eine überraschende Perspektive ist das?! Schöpfung: eine Geschichte der Gegenwart und aus der Zukunft?! Diese Hilfe kommt ja erst noch. – Während wir es gewohnt sind, die biblische Schöpfungsgeschichte zu lesen wie einen Weltentstehungsbericht aus grauer Vorzeit und nach göttlichem Masterplan, liest sich das hier ganz anders. Die Schöpfung wird angesprochen, nicht um zu sagen, wo und wie alles entstanden ist, sondern um nach vorn zu schauen: was soll denn aus allem, was jetzt so oder so ist, noch einmal werden? Das ist eine ethische Erzählung, die Mut machen will zu einem Leben mit Entwicklungschancen.  

 

Die rückwärtsgewandte Lesart war ja eigentlich noch nie sehr sinnvoll. Denn dass wirklich alles in unserer Welt gut und wir Menschen, und du und ich sogar „sehr gut“ schon seien, das hat  - Hand aufs Herz! - ja so noch nie gestimmt. Das mit der guten alten Zeit, von der wir angeblich alle herkommen, ist ja im besten Fall doch nur reaktionäre Träumerei und Greisengeraune.

 

Aber dass es gut werden soll mit der ganzen Welt und dass wir Menschen sogar sehr gut werden sollen, das ist biblische Schöpfungswahrheit: Die Schöpfung als ethischer Auftrag und die Schöpfungsgeschichte als eine Ermutigungserzählung gerade in Zeiten der Krise, der Zweifel und des Unglaubens, ein Stärkungstext für die, die mit Sorgen nach vorne schauen. Das ist der Akzent in diesem Psalm.

 

„Und der dich behütet, schläft nicht.“

 

Für diesen schöpferischen Weg nach vorn ist nun dem Volk Israel und denen, die sich mit Israel bewegen wollen, Gottes Begleitung zugesagt: Begleitung auf einem Weg, der auch lauter gegensätzliche und manchmal zur Verzweiflung treibende Erfahrungen für uns bereithält. Denken wir dabei nicht an den großen Uhrmacher, der die Welt einmal wie ein kompliziertes Uhrwerk zusammengeschraubt, dann aufgezogen und in Gang gebracht hätte, um sich schließlich selbst zurückziehen, zur Ruhe begeben und alles andere dem mechanischen Räderwerk des Weltgetriebes oder einfach dem künftigen Zufall überlassen zu können. Was den biblischen Schöpfer angeht, so ist von Seinem Tun niemals in der Vergangenheit, sondern immer in der Gegenwart zu sprechen. ER ist nicht vor allem der, der einmal die Welt erschaffen hat, sondern der, der die Welt im Augenblick erschafft und erhält.

 

In schlechtem Deutsch, aber sachlich völlig richtig, müssten wir von IHM sagen: der ständig dran am Schaffen ist. Und das biblische Schöpfungsgefühl ist darum dieses:

 

Wenn ER auch nur einen Augenblick ausfallen würde, dann fiele unsere Welt sofort und endgültig in den Abgrund. Modern gesprochen könnte ich auch sagen: Gott ist wie ein Autofahrer, der sich noch nicht einmal einen Sekundenschlaf leisten kann.

 

„Siehe, der Hüter Israels schläft, noch schlummert nicht!“

 

Nun müssen wir zu dem „Hüter Israels“ noch eine Besonderheit nachtragen. Als der Hüter Israels ist ER ja eigentlich erst von dem Tag an zu erkennen, als ER das ausgebeutete Sklavenvolk da aus ägyptischer Gefangenschaft in die Freiheit, ins Exodusland geführt hat, von dem Tag an, als das Volk Israel eigentlich erst geboren ist. Das war ja Israels erste Wallfahrt, Israels erster Aufstiegsgesang, der Zug durch die Wüste, durchs Schilfmeer hinüber ins gelobte Land.

 

Und da, in den ältesten Exodustexten, finden wir nun eine ziemlich überraschende Notiz, die uns Heiden, vor allem uns Christen und Muslime aus der Völkerwelt, beinahe mehr angeht als die Juden. Es heißt in Exodus 12, 38 beim nächtlichen Auszug aus Ägypten: „Und zog auch mit ihnen viel fremdes Volk“. Martin Buber übersetzt diese hebräische Notiz vornehm und freundlich so: „...auch wanderte vieles Schwarmgemeng mit ihnen hinauf“. Im Hebräischen heißt das „erev rav“, „gemischte Gesellschaft“. Hier ist die Rede von ungeordneten Rotten und Meuten, etwas zwielichtigen Gestalten. In dem hebräischen Ausdruck klingen von ferne Vorstellungen an wie Zwielicht, Dämmerung, Abend. Also in einem Wort: Abendländer zogen da mit Israel hinauf (hören Sie den neuen Klang bei diesem ehemals so stolzen Wort?!).

Und das ist seitdem nicht mehr wegzudenken, dass Israel nach Gottes Willen umgeben ist von zwielichtigen Dämmerungsgestalten, von morgenländischen und auch von abendländischen Rotten.

 

(Eine kurze Randnotiz für meine reformierten Kolleginnen und Kollegen: Darum ist es eben für mich nicht nur eine stabreimende Sprachspielerei, sondern eine ehrenhafte und angemessene Bezeichnung, wenn ich immer wieder gottesdienstliche Nachrichten an die „reformierten Rotte“ adressiert habe: So, als Rotte aus der „erev-rav“-Tradition, sind wir doch biblisch ganz richtig verortet.)

 

Und so kommen wir Christinnen und Christen aus der Völkerwelt - und wenn sie sich da einordnen wollen, auch die Muslime - mit ins Spiel, als Mitbefreite, als heidnische Entourage des Volkes Israel. Und so ist es auch für uns ein Segen, zu hören, dass der Hüter Israels nicht schläft, noch schlummert, so sind wir auch unter Seiner Obhut. – Und bei dieser prekären Menschenmeute verstehen wir wohl erst recht, dass Israels Hüter sich keinen Schlaf gönnen kann.

 

Natürlich ist dieser Psalmvers auch eine Provokation. So wie jedes Loblied Gottes, „der alles so herrlich regieret“ immer auch eine Provokation ist. Zu viele gegenteilige Erfahrungen, zu viele herzzerreißende Schreie von Menschen, die an der Erfahrung der Abwesenheit Gottes leiden, sprechen dagegen. So zu beten ist eine Provokation für jedes wache Herz! Und so zu beten ist eine Provokation, ein Zuruf zu Gott hin: Wache Gott! Hüte Gott! Bewahre uns Gott! vor den Folgen unserer eigenen Vergehen, mit denen wir uns vergangen, verirrt, abgelenkt haben vom Knurren über deiner Tora und vom Leben in Deinem Bund. Wache, Gott! Hüte, Gott! Bewahre uns, Gott! - auch vor dem Bösen, das wir erleben müssen, ohne es uns erklären zu können.

 

Und wenn wir nun der rabbinischen Auslegung weiter folgen, verstehen wir noch ein Stück weiter, wie auch wir mit hineingehören:

 

„Der Herr behütet dich;

der Herr ist dein Schatten

über deiner rechten Hand,

dass dich des Tags

die Sonne nicht steche...“

 

Warum rechte Hand, warum Schatten? 

 

Die rechte Hand wird in rabbinischer Auslegung erkannt als die Tathand, die aktive Hand, die mit der gewaltigen Schaffenskraft. - Wir Kinder aus dem Götz-von-Berlichingen-Land verstehen das sogar noch besser: das ist die eiserne Hand. Und wo die Sonne auf die eiserne Hand fällt, sind wir geblendet. Geblendet von unserer eigenen Tatkraft, blind von eigenen Erfolgen, wirklich irrsinnig stolz auf unsere eigenen Leistungen. Das ist der Sonnenstich, der da auch droht. Gnädig also der Schatten über deiner rechten Hand, dass dich des Tags auch diese Sonne deines eigenen Erfolgs nicht steche!

 

„...noch der Mond des Nachts.“

 

Wer einmal mondsüchtig war, weiß, was das heißt: Nachts im Schlaf auf dem Fensterbrett balancieren, über Dächer klettern, ständig unbewusst am Abgrund spielen. Dieses schlafwandlerisch erst Hinauf- und dann wieder gefährlich Hinabgezogen- und Ins-Abseits-Gedrängt-Werden; diese Depressionen und diese unbewusste und darum kaum zu beherrschende Schwermut. 

 

Aber auch das soll Israel und seine morgen- und abendländisch-zwielichtige Entourage zwar angreifen, aber doch nicht gänzlich zerstören.

 

Merkwürdig, dass dieser besondere Psalm in unserem ganzen Neuen Testament niemals zitiert wird.  -  Er wird niemals zitiert, aber er ist ständig präsent! Denn diesem ständig wachen und bewegten Lebensstil Gottes entspricht das unentwegte Umherziehen des Wanderpredigers aus Nazareth. Er sagt von sich selbst, dass er weder Nest noch Bau für sich habe. Und das zentrale Bekenntnis zu Christus, der selber eben ewig auf dem Quivive und immer auf Achse ist (Mt 8, 20), heißt darum: „Du bist der Sohn des lebendigen Gottes“ (Mt 16,16): der höchst lebendige Sohn des urlebendigen Gottes.

 

Und im johanneischen Kapitel zum Abendmahl spricht Jesus vom Brot des Lebens und verweist für die Quelle allen Lebens auf den „lebendigen Vater“ (Joh 6, 57), auf den Gott, der ständig auf dem Quivive ist, und der auf quicklebendige Menschen hofft, die mit ihrem knurrenden Lerneifer diesem Stil entsprechen wollen.

 

Und das ist der lebendige Gott für Juden und Christen, nämlich der Hüter Israels, der nicht schläft noch schlummert, der tags über unserer eisernen Hand und nachts über unseren mondsüchtigen Depressionen wacht. Es ist der Gott, der das erst drei Monate alte Mosekind mit Glückspech am Leben erhält.

 

Dani Karavan hat links von der Maalot-Schiene diese Akazien-Allee gepflanzt, die Baumreihe, die nach biblischer Ansage einmal Israels Heimkehrstraße rechts und links säumen soll (Jes 41, 19). Die Akazien da und die Segenszusage hier in den letzten Sätzen des Psalms 121 gehören zusammen. Und mit diesem Segen für Israel – und ich hoffe ebenso für seine morgen- und abendländische Entourage – soll es dann für heute auch gut sein:

 

„Der Herr behütet dich vor allem Übel, er behütet dein Leben.

Der Herr behütet deinen Ausgang und Eingang

von nun an bis in Ewigkeit.“

 

 

Amen

 

 

EG 171, 1-4 Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott ...