Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Psalm 126 am Bundestags-Wahlsonntag

Pfarrerin z.A. Andrea Hofacker

18.09.2005 in Barmen-Gemarke, Kirchenkreis Wuppertal

Psalm 126
Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein, wie die Träumenden, dann wird unser Mund voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens sein.

Liebe Gemeinde,

Wovon träumen Sie, wovon träumt Ihr?
Leute träumen von einem neuen Haus oder vom großen Geld.
Arbeitslose träumen von neuen Jobs, die ihrer Qualifikation entsprechen. Politikerinnen und Politiker träumen vom Wahlsieg.
Hedgefonds und multinationale Großunternehmen träumen von minimalen Lohnnebenkosten, mit denen nicht einmal mehr die soziale Grundsicherung geleistet werden kann.
Die Menschen im Osten der Republik träumen von blühenden Landschaften, leichtfertig versprochen, damals, vor 15 Jahren und noch immer nicht eingetroffen und auch in absehbarer Zeit nicht zu verwirklichen.

Die Wahl heute in unserem Land wird vermutlich niemandem Träume erfüllen, geschweige denn, dass die Parteien sich ihren Wahlversprechungen verpflichtet fühlen werden.
Die Probleme sind zu drängend und zu schwerwiegend, als dass wir es uns leisten könnten, uns Illusionen über den Erhalt des Sozialstaates oder den Wert menschlicher Arbeit in dieser Gesellschaft zu machen, so hört man - fast zynisch - allenthalben in den Polit-Talkshows und in den Interviews mit Politikerinnen und Politkern aller Couleur.
Gut, es wird am Ende dieses Wahltages ein paar Abgeordneten geben, die sich über den Erhalt oder den Gewinn ihres Mandates freuen.
Aber es wird niemanden geben, der in befreites Lachen ausbricht, weil er eine geträumte, eine visionäre Zukunft für das Land und seine Menschen sieht.

Und dabei ist es doch genau das, was wir bräuchten: einen Hoffnungsträger, eine gute Idee, eine positive Lösung für die durch die Globalisierung immer heftiger werdende Kluft zwischen arm und reich, Gefälle zwischen Ländern und innerhalb der Nationen selbst.
Wir brauchen eine positive Vision, wohin wir wollen mit unserem Land, mit unserer Gesellschaft, mit unserer Zukunft.
Wir brauchen ein inneres Bild, eine Vorstellung davon, wie unser Leben aussehen soll, welchen Beruf wir ausüben wollen bis zur Rente, wie unser Familienleben, wie unsere Beziehungen, wie auch unser Alter strukturiert und gestaltet sein sollen.
Es nützt doch nichts, ja ich glaube sogar, es ist uns Menschen zutiefst unwürdig die inneren Erwartungen immer nur an den herrschenden Standards zu orientieren, anstatt mutig darüber hinaus zu denken, sich zu trauen, darüber hinaus von etwas zu träumen.
Aber es ist eben schwer, vielleicht auch schwerer geworden zu träumen und zu hoffen.
Und vielleicht ist Psalm 126, der in einer Gesellschaft von Kleinviehzüchtern und Ackerbauern entstanden ist, in der Träume noch greifbarer waren, und Hoffnung sich auf den nächsten Regen oder die unbeschadete Ernte bezog, vielleicht ist der Psalm eine Zumutung für uns moderne Menschen in seiner Einfachheit und Klarheit.

Andererseits ist er vielleicht in seiner einfachen Sicht der Dinge und in seiner vertrauensvollen Hinwendung zu Gott genau das, was wir heute auch noch als Anstoß gebrauchen können.

Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, dann werden wir sein, wie die Träumenden und unser Mund wird voll Lachens sein.

Erlösung ist ein altes Wort.
Es kann vieles bedeuten. Im Zusammenhang mit Psalm 126 hat es etwas mit unserer Vergangenheit und unserer Vision von einer Zukunft zu tun.
Mit unserem Glauben, wie auch immer er genau ausgestaltet sein mag.
Mit unserer Vorstellung, unserem Bild von Gott, wie auch immer das aussehen mag.
Erlösung ist für mich das, was wir treffen,
NEIN, es ist das, was uns trifft, wenn wir dazu in der Lage sind, ohne Bitternis und ohne Angst auf unsere Vergangenheit zu schauen, auf unser Leben, wie es bis gestern ausgesehen hat.

Denn dieser Blick auf unsere Vergangenheit, auf Fehler, die wir gemacht haben in unseren Beziehungen, in der Familie, im Beruf, dieser Blick auf die vielleicht ewig gleichen Strukturen, auf die wir immer wieder hereinfallen, das ist ein Geschenk Gottes.
Gott will sich mit uns auf die Suche begeben, er will uns ein Gegenüber sein auf dem Weg unserer privaten Vergangenheitsbewältigung, vielleicht auch der kollektiven.
Und Gott schaut nicht weg, er schenkt uns nicht - wie Luther sagen würde: die „billige Gnade“ des Vergessens.
Nein, Gott schaut hin mit uns gemeinsam und er will uns mit diesem Hinschauen einen neuen Anfang ebnen.
Er will uns ein Ausbrechen aus verkrusteten Strukturen und bloßem Reagieren auf private aber auch gesellschaftlich relevante Ereignisse ermöglichen.
Er will uns aktivieren, zu unserer eigenen Freiheit.
Er will, dass wir das Leben leben, dass er sich vorgestellt hat, als er uns schuf, mit dieser Freiheit unser Leben zu gestalten und zu formen.
Oft benutzen wir diese Freiheit gar nicht und bleiben passiv.
Manchmal können wir auch gar nicht anders, denn wir formen uns ja nicht wirklich selber.
Wir werden geformt und geprägt von äußeren Umstände, vom Einkommen unserer Eltern, von der Umgebung in der wir aufwachsen, von Verwandten und Bekannten, von Stadt oder Land, von der Schule, der Uni, dem Beruf und so weiter.
Vielleicht empfinden wir es auch als bequem, wenn andere Entscheidungen für uns treffen.
Trotzdem entscheiden wir uns, denn auch eine Entscheidung nicht treffen zu wollen, ist eine Entscheidung.
Erlösung bedeutet für mich dann, das Leben selber in die Hand zu nehmen, die eigenen Ideale zu vertreten, die eigene Lebensweise achten und ehren zu dürfen und für die eigenen Visionen einzutreten und sie den anderen mitzueilen.
Und sie dann vielleicht gemeinsam zu verwirklichen.
Dazu hat uns Gott befreit.
Als Beispiel für einen Menschen, der das konsequent betrieben hat, finden wir Jesus von Nazareth in den Evangelien des Zweiten Testamentes.
Natürlich ist keiner und keine von uns ein zweiter Jesus, niemand vor und niemand nach ihm hat Gottes Gesetz vom Leben, von der Lebensgestaltung und der Lebensart der Menschen, wie es in der Schöpfung gedacht und gewollt war, so erfüllt, wie er.
Niemand von uns kann Lahme gehend und Blinde sehend machen.
Aber manche Dinge, die Jesus getan hat, können wir auch tun: Wir können das Kleine achten, wir können die Armut um uns herum sehen, anstatt sie zu verleugnen oder zu ignorieren. Wir können für Menschen da sein und Hilfeleisten, wie der barmherzige Samariter und unsere Kinder behandeln, wie der Vater den verlorenen Sohn.
Wir haben ja nicht umsonst die Bergpredigt, wir haben nicht umsonst das höchste Gebot der hebräischen Bibel, dass Jesus noch einmal stark gemacht hat:
Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst.
Dreifache Liebe ist es, die unsere Zukunft, unsere Vision und unsere Idee vom Reich Gottes ausmacht:
Die Liebe zu Gott, die Liebe zum Nächsten und natürlich auch die Liebe zu sich selbst.
Man könnte also den Psalm auch so interpretieren: Wenn Gott, der Herr uns dazu befreit, ihn zu lieben und unseren Nächsten wie uns selbst, dann können wir gelassen auf unsere Vergangenheit blicken.
Denn Gott hat uns geliebt, bevor wir uns selbst geliebt haben und bevor wir von anderen geliebt wurden.
Wir können gelassen unseren Nächsten, unsere Nächste lieben ohne die Angst, uns selbst zu verlieren, denn wir wissen uns geliebt von Gott.
Und wir müssen uns nicht mehr verwehren, uns selbst zu lieben, denn wir erfahren uns durch Gott als liebenswerte Individuen.
Das macht uns frei, so zu handeln, wie Jesus es getan hat, heute getan hätte, darin besteht die Freiheit, die Gott uns schenkt.
Darüber dürfen wir jubeln, davon dürfen wir träumen und darauf dürfen wir hoffen.
Das macht uns frei, nach den Maßgaben der Bergpredigt unser Leben zu gestalten.
Das macht uns frei, die Menschenrechte zu achten.
Das macht uns frei, aufzustehen, wenn jemandem Unrecht geschieht.
Das macht uns frei dafür, bei Menschen hinzusehen, wenn sie in Not oder in Trauer sind, auch und gerade wenn vielleicht niemand anderes mehr hinsehen will.
Das macht uns frei, für Benachteiligte einzutreten.
Und nicht zuletzt befreit es uns dazu, uns selber ernst genug und stark genug zu erachten, um etwas zu verändern, in unserer Gesellschaft, in unserem Zusammenleben mit den Menschen, ob sie nun Christen sind, Juden, Moslems, Buddhisten oder Atheisten.
Wir werden dazu befreit zu handeln, aktiv zu werden.
Und dieses Handeln ist eben durchaus auch ein politisches und in jedem Fall ein visionäres Handeln.
Denn es geht ja um ein teilnahmsvolles, ein liebevolles Zusammenleben, um andere Kriterien der Lebens- und der Gesellschaftsgestaltung, als die des Marktes und des Geldes.
Es geht letztlich um die Arbeit an einem Reich Gottes, einem Reich, dass wir selber nur unterstützen können, das wir aber nicht selber machen können.
Denn dazu gehört auch Gott.
Gott muss, und wird uns, wie die Gefangenen Zions heraufführen, damit wir werden wie die Träumenden, mit einer Vision von einer besseren und menschlicheren und wärmeren Gesellschaft.
Und dann, wenn wir das Ergebnis sehen, vorher geträumt und dann verwirklicht, dann werden unser Münder voll Lachens sein.
Darauf hoffen wir und darauf warten wir, in dieser sozial erkalteten und erstarrten und ängstlichen Zeit vielleicht mehr, als in anderen, besseren.

Amen.