Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Psalm 126

Pfarrer Dr. theol. Sascha Flüchter (ev)

07.03.2004 in der Ev. Kirchengemeinde Ruhrort-Beeck

»Die Bibel ist wie ein Haus, in dem sich leben lässt. Ein großes schönes Haus voller Licht, mit offenen Türen und Fenstern, in dem die Menschen zu Hause sind.« Auf diese Sätze, liebe Gemeinde, bin ich bei der Vorbereitung der Predigt für heute gestoßen. Ein schönes Bild: Die Bibel als ein Haus zum Leben. – Aber entspricht das auch unserer Erfahrung?

Jedenfalls ist es sicher nicht das erste, was den meisten Menschen einfällt, wenn sie das Wort Bibel hören. Viele denken da eher an ein verstaubtes altes Buch, ein Familienerbstück vielleicht, von dem man nur noch weiß, dass es irgendwo im Schrank steht. Andere haben vielleicht eine kostbare Bibelausgabe vor Augen, mit verschnörkelter Schrift und kunstvoll gestalteten Bildern, die in einer Glasvitrine zur Bewunderung ausliegt. – Die Bibel, das ist dann eher etwas fürs Museum, eine Erinnerung an längst vergangene Zeiten. Etwas, das man so ohne weiteres gar nicht mehr verstehen kann. Eine Sache für Theologen, und vielleicht noch für Historiker, für Spezialisten jedenfalls. Aber ein Haus zum Leben?!

Doch es gibt auch andere Erfahrungen. Erfahrungen von Menschen, die erzählen, dass bestimmte Texte der Bibel sie auf ihrem Lebensweg begleitet haben: Der eigene Konfirmationsspruch; ihr Trauspruch bei der Hochzeit; dann der Taufspruch der Kinder oder Enkelkinder; und auch das Trostwort bei der Trauerfeier für einen lieben Menschen. – Das sind Worte, die in ganz unterschiedlichen Situationen des Lebens geholfen haben, die eigenen Gedanken und Gefühle zu ordnen und auszudrücken. Worte, die uns ihre Sprache geliehen haben, wo wir selber sprachlos waren. Worte, die durch das Leben tragen, über die Höhen des Staunens und der Freude und durch die Tiefen der Trauer und der Angst.

Unter diesen Worten, liebe Gemeinde, spielen häufig die Psalmen eine besondere Rolle. Im Konfirmandenunterricht auswendig gelernt, bilden sie für manchen einen Schatz, den einem niemand mehr nehmen kann. Mit ihrer dichterischen Sprache malen sie uns Bilder vor unsere inneren Augen. Mit ihrer fesselnden Botschaft wecken sie unsere Sehnsucht und rühren unsere Herzen an.

Der 126. Psalm, den wir zu Beginn im Wechsel gesprochen haben, ist für mich ein schönes Beispiel dafür. Ich lese ihn uns noch einmal vor, diesmal in einer anderen Übersetzung:
Als der Herr das Los der Gefangenschaft Zions wendete,
da waren wir alle wie Träumende.
Da war unser Mund voll Lachen und unsere Zunge voll Jubel.
Da sagte man unter den anderen Völkern:
»Der Herr hat Großes an ihnen getan.«
Ja, Großes hat der Herr an uns getan.
Da waren wir fröhlich.
Wende doch, Herr, unser Geschick,
wie du versiegte Bäche wieder füllst im Südland.
Die mit Tränen säen, werden mit Jubel ernten.
Sie gehen hin unter Tränen
und tragen den Samen zur Aussaat.
Sie kommen wieder mit Jubel und bringen ihre Gaben ein.

Psalmen, liebe Gemeinde, das sind gesungene Gebete. Die Gebete des Volkes Israel. Der 126. Psalm nimmt unter ihnen noch eine ganz besondere Stellung ein: Denn obwohl er jetzt schon 2500 Jahre alt ist, fühlen sich bis heute immer wieder Menschen mit seinen Worten auf eigentümliche Weise verbunden. Sie können verstehen, was den Dichter zu diesen Worten bewegt hat, können ihr eigenes Schicksal darin entdecken und so den Psalm als ihr eigenes Lied singen. Von manchen wird er deshalb das »Volkslied der Juden« genannt. In frommen jüdischen Familien wird er jede Woche zur Feier des Sabbats gesungen oder gelesen.

Dieser Psalm, liebe Gemeinde, singt ein Lied der Erinnerung. Der Erinnerung an die wunderbaren Taten Gottes, so wie damals, als er das Volk aus der Gefangenschaft Babylons befreit hatte. Als sie aus dem Exil zurückkehren durften in ihre Heimat, nach Jerusalem, auf den Zion, und den zerstörten Tempel wieder aufbauen konnten. Als sich wie im Traum ihre innigsten Wünsche und ihre tiefste Sehnsucht erfüllte. Die Freude und der Jubel kannten keine Grenzen! Gott hatte ihr Geschick gewendet, hatte die Verheißungen der Propheten erfüllt, für die sie so viel Spott und Hohn hatten ernten müssen. Selbst ihre ärgsten Feinde mussten es voller Staunen eingestehen: Gott, der Herr hatte Großes an ihnen getan! – Solche Erinnerungen tun gut! Sie lassen etwas von der einstigen Freude und Zuversicht wieder aufleben und nehmen mit hinein in die wunderbare Geschichte, die zugleich die eigene ist: Ja, Großes hat der Herr uns getan. Da waren wir fröhlich.

Solches Erinnern können wir von Israel lernen. Wenn wir den Psalm lesen, stehen wir mit Israel gemeinsam vor dem Gott, dem nicht gleichgültig ist, was mit seiner Schöpfung geschieht. Dem Gott, der sein Volk Israel begleitet mit seinem Segen, seine Not wendet und es schließlich heimkehren lässt. – Wenn wir uns als Christinnen und Christen erinnern, dann wird uns die rettende Kraft Gottes besonders am Leben Jesu deutlich: In seinem Denken, Fühlen und Handeln war er von der Liebe Gottes getragen. Gott hat ihn gerettet aus der tiefsten Not, aus dem Abgrund des Todes, und er hat ihn heimgebracht in seine Herrlichkeit. – Jesu Leben, sein Tod und seine Auferstehung sind für uns eine heilsame Erinnerung. Sein Beispiel ist unser Traum vom Leben!

Doch beim Erinnern bleibt der Psalm nicht stehen. Unvermittelt setzt er zu einer Klage an: Wende doch, Herr, unser Geschick! Aus dem Lied der Erinnerung wird ein Lied der Klage: Die Realität hatte die Heimkehrer aus Babylon schnell eingeholt. Denn auch im wieder aufgebauten Jerusalem mit dem neuen Tempel war das Leben hart. Die Preise explodierten, und so manch einer musste nach einer schlechten Ernte ums Überleben kämpfen. – Trotz der Befreiung alles andere als der Himmel auf Erden! – Und plötzlich liegt das Lachen und Jubeln in der Vergangenheit, erscheint fast schon wieder unwirklich wie ein Traum.

Wer hat das nicht schon einmal selber erlebt… Die guten Zeiten, die erlebte Freude und das geschenkte Glück können ganz schnell verblassen. Die alltäglichen Sorgen und die aktuellen Nöte lassen die guten Erfahrungen der Vergangenheit aus der Erinnerung verschwinden und es entsteht ein düsteres Bild. – Und dann ist die Gefahr groß, in Jammern und Resignieren zu verfallen.Der Psalm, liebe Gemeinde, setzt dem etwas entgegen: Und zwar die Klage! Denn Klagen ist etwas ganz anderes als Jammern. Wer jammert, der bleibt mit seinem Elend bei sich. Er tut sich nur selber leid und umgibt sich derart mit seinen Sorgen, dass er irgendwann überhaupt nichts anderes mehr sieht. Jammern führt so zwangsläufig zur Resignation… - Wer aber klagt, der gibt seinem Elend eine Richtung. Er bleibt gerade nicht bei sich, sondern durchbricht die Mauer seiner Sorgen, wird aktiv und macht sich auf den Weg.

Solches Klagen können wir von Israel lernen! Der Psalm lässt uns erkennen, wie das Volk nicht in seiner Not versinkt, sondern sie emporhebt und vor Gott bringt. Solche Klage befreit und eröffnet neue Perspektiven. Die Erinnerung daran, wie Gott in der Vergangenheit für Rettung gesorgt hat, führt Israel unübersehbar vor Augen, dass nichts, aber auch gar nichts so bleiben muss wie es ist! Die tiefsten Abgründe und die unüberwindbarsten Mauern können überwunden werden. Dass selbst das unvorstellbare Leiden des Holocaust Israels Hoffnung nicht erlöschen konnte, lässt uns ahnen welch unglaubliche Kraft Erinnerung und Klage bergen. Mit dem Psalm können wir uns die Hoffnung Israels im Glauben schenken lassen.

Der Psalm malt uns diese Hoffnung bildhaft vor Augen. Wie die ausgetrockneten Bäche im Südland nach der langen Trockenzeit plötzlich wieder Wasser führen und die Wüste in ein fruchtbares Paradies verwandeln, so kann es sein, wenn Gott wie damals unsere Not wendet und uns erlöst. Wie das heute bei uns aussehen kann, habe ich beim Gottesdienst im Krankenheim erleben dürfen. Da sind Menschen, die durch Alter oder Krankheit geistig so stark beeinträchtig sind, dass sie dem Gottesdienst kaum mehr folgen können. Aber wenn gemeinsam der Psalm gesprochen wird, dann passiert es manchmal, dass plötzlich eine Verwandlung stattfindet. Ganz tief aus ihrer Erinnerung steigen dann die Worte des Psalms auf und finden den Weg über ihre Lippen. Und auf einmal ist dann da eine stille Freude in den Augen und eine unglaublicher Friede; und man hat den Eindruck, da wurde für einen Moment eine gefangene Seele befreit.

Erinnerung und Klage finden im Psalm zusammen zu einem Lied der Erlösung. - Nicht, dass damit das Elend ein für alle mal gewendet wurde. Nicht, dass die Klage überflüssig geworden wäre. Nicht, dass künftig keine Tränen mehr fließen würden. - Der Psalm ist realistisch: Die Widersprüchlichkeit unserer Erfahrungen wird ernst genommen: Das Leben besteht weder nur aus Freude, noch besteht es nur aus Leid! Die Worte des Psalms machen uns aber Mut, uns aus dem Würgegriff einer bedrängten Gegenwart zu befreien. Sie laden uns ein, die Erinnerung an Gottes Erlösungstaten wach zu halten und die Spuren seines Handelns in unserem Leben zu entdecken. Sie rufen uns auf, dabei die Freude nicht zu vergessen und ihn zu loben. Die Worte des Psalms bestärken uns darin, die unvermeidlichen Tränen ungeniert zu weinen: Wer weint, weint um die Veränderung der Welt. Die Worte des Psalm erinnern uns daran, dass Gott auch jetzt und in Zukunft Erlösung unter uns wirkt. Schon heute dürfen wir deshalb mit dem Psalm das Lied der Erlösung singen: Die mit Tränen säen werden mit Jubel ernten.

Und dann, liebe Gemeinde, ist die Bibel für uns wahrlich ein Haus zum Leben. Wo unsere Freude und unser Leid, unsere Hoffnung und unsere Angst, unsere Vergangenheit, unsere Gegenwart und unsere Zukunft Platz haben. Ein Haus, in dem wir wohnen können alle Tage unseres Lebens. - Ein Haus, das Gott selber gebaut hat durch sein heilsames Wort.

So möge Gott die unstillbare Sehnsucht ausgießen in unsere Herzen. Möge Gott uns den Mut zum Träumen geben und die Kraft jeden Tag neu den Aufbruch zu wagen. Möge Gott uns voranziehen und zugleich unser Schutz sein. Möge Gott uns ein Leben in Fülle schenken, damit wir das Lied der Erlösung singen.

Amen.