Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Psalm 137

Herbert Sperber (rf)

27.06.2010 in der Bergkirche Osnabrück

1 An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten.

2 Unsere Harfen hängten wir an die Weiden dort im Lande.

3 Denn die uns gefangen hielten, hießen uns dort singen und in unserm Heulen fröhlich sein: »Singet uns ein Lied von Zion!«

4 Wie könnten wir des HERRN Lied singen in fremdem Lande?

5 Vergesse ich dich, Jerusalem, so verdorre meine Rechte.

6 Meine Zunge soll an meinem Gaumen kleben, wenn ich deiner nicht gedenke, wenn ich nicht lasse Jerusalem meine höchste Freude sein.

7 HERR, vergiss den Söhnen Edom nicht, / was sie sagten am Tage Jerusalems: »Reißt nieder, reißt nieder bis auf den Grund!«

8 Tochter Babel, du Verwüsterin, wohl dem, der dir vergilt, was du uns angetan hast!

9 Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und sie am Felsen zerschmettert!

 

Liebe Gemeinde,

ich weiß, fluchen gehört sich eigentlich nicht für einen Christenmenschen, so lautet eine ungeschriebene Regel, alles was mit „verdammt“, „verflixt“, „Kruzifix noch amal“, oder gesteigert sackramentzefixalleluja zu tun hat, wie es ein Münchner im Himmel angeblich einmal von sich gegeben haben soll, all das sollte unseren gläubigen Herzen und Mündern eigentlich nicht entspringen.

Aber ganz ehrlich: wer von uns hat noch nie geflucht, über die kleinen oder großen Mißgeschicke, über den Hammer auf den Daumen, statt auf den Nagel, über den dreisten Autofahrer, der einem eben die Vorfahrt nimmt, über die tausendprozentige Chance, die Klose oder Özil vergeigt haben, oder über die Bänker oder die Öl- und Energiekonzerne mit ihren unfassbaren Fehlern, mit schlimmen Folgen für die ganze Welt?!

Man muß seinem Herzen doch mal Luft machen, wird ein jeder, eine jede von Ihnen zu recht sagen. Und oft ist es ja so, wenns dann mal raus ist, kann man mit frischem Mut wieder weitermachen, oder weitergehen oder weitersehen auf die zukünftigen Wege.

Erfrischungen am Wasser, so lautet unser diesjähriges Ferienpredigtmotto – allerdings scheint unser heutiger Text  bis auf den gewaltigen Fluch am Schluß ja alles andere als von frischem Mut zu künden, im Gegenteil: an den Ufern von Babylon, am Euphrat und Tigris wurde geweint, so heißt es. Geweint wurde um die verlorene Heimat, aus der ein Großteil der Israeliten verschleppt worden war ins Land des übermächtigen Feindes. Geweint wurde um die Toten, die Kinder, die Ehepartner, die Eltern, die Freunde, die dem Machtstreben und der grausamen Gewalt einer kriegerischen Supermacht zum Opfer gefallen sind. Beweint wurde die eigene Ohnmacht – aber dann schließlich aus vollem Herzen geflucht:

7 HERR, vergiss den Söhnen Edom nicht, / was sie sagten am Tage Jerusalems: »Reißt nieder, reißt nieder bis auf den Grund!« 8 Tochter Babel, du Verwüsterin, wohl dem, der dir vergilt, was du uns angetan hast! 9 Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und sie am Felsen zerschmettert!

- Ein Klagepsalm, ein Rachepsalm: erfrischend an den Ufern von Babylon?

Und selbst, wenn das Fluchen manchmal zu neuem frischen Mut helfen soll, darf es denn ein solches Fluchen sein?

Nun, ich glaube, es darf – vor allem, wenn man gerade das letzte Bild nicht wörtlich nimmt. Schließlich wird Tochter Babel, also eine Stadt- uns Staatsmacht verflucht, und ihre Kinder, das sind all die Befestigungen, die Kasernen und Gefängnisse in den Orten, an denen diese Unterdrückermacht Babylon hauste. Diese Kinder der Gewalt, die sollen zerschmettert werden, so wünschen es sich die Israeliten.

- Ich weiß, es gibt manchmal in der Bibel auch Stellen, wo der eine, oder die andere persönlich mit Tod und Verdammnis verflucht wird, man lese z.B. nur über die Königin Jezebel, die freilich selber ganz schön grausam wütete.

 

Aber bei all dieser Flucherei gilt es etwas Elementares zu beachten:

nicht der Fluchende selbst will sich rächen, sondern Gott soll rächen, oder richtiger gesagt: rechten und richten. „Die Rache ist mein, spricht der Herr“, heißt es ja, und das nehmen die Menschen, die nicht nur klagen, sondern sogar fluchen im Gebet – um es mal salopp zu sagen: verdammt ernst!

 

In einer Zeitung von den letzten Wochen las ich, dass ein nigerianischer Fußballspieler nach seiner roten Karte in einem Vorrundenspiel über tausend Morddrohungen erhalten hatte.

Der Kommentar eines afrikanischen Journalisten gegenüber einem  deutschen war dazu: wenn ein Deutscher dir einen Mord androht, bist du in der nächsten Woche tot. Wenn ein Afrikaner dir mit Mord droht, heißt das in der Regel nur: „ich bin nicht glücklich mit dir!“

Liebe Gemeinde, auch wenn ich mich zugegeben etwas schwer tue mit dieser afrikanischen Sichtweise, einen Kern Wahrheit entdecke ich durchaus darin: indem ich über jemanden fluche, erleichtere ich nicht nur meine angestauten Emotionen, ich sehe nach meinem verbalen Gewaltausbruch nicht mehr rot, sondern wieder klarer und kann normalerweise auch entspannter weiterfahren oder auch weiterarbeiten mit meinem Gegenüber.

Auch die Israeliten haben es damals so gehalten: geflucht haben Sie, aber dann doch auch das Beste der Stadt gesucht, auch und gerade in Babel, haben sogar als Staatsbeamte wie Daniel zum Beispiel dem König Nebukadnezar gedient, ohne sich freilich verbiegen oder gar brechen zu lassen.

Liebe Gemeinde, das ist also die erste Erfrischung, die sich, glaube ich aus unserem Psalm an den Wassern von Babylon beschreiben lässt: Fluchen kann auch für einen gottesfürchtigen Menschen etwas Gutes sein, weil man – in nicht zu überhörender Weise ausspricht, was einem nicht passt, und was vielleicht wirklich alles andere als passend ist, sei es das  rücksichtslose Vorfahrt nehmen oder sei es das rücksichtslose Vorteilnehmen an den Börsen oder in den Meeren.

Es kann etwas Gutes sein, weil man sich mit seinem Ausbruch zugleich aus den Gefühlen der Ohnmacht und des brodelnden Zornes befreien kann. - Auch und gerade, wenn man seine Enttäuschung und seinen Ärger über sich selbst und seinen verfehlten Hammerschlag oder seine verfehlte Note oder auch die verfehlte Beziehung herauslässt.

So war es ja sicher auch bei den Israeliten, sie waren nicht nur erzürnt über die Unterdrücker Babels, sondern auch über ihre eigenen Machthaber, die damals das Spiel der Großen mitspielen wollten und über sich selber, die dies zugelassen haben und geglaubt haben, das geht schon alles gut, das gibt bestimmt großes  Wachstum, große Erfolge, was unsere Politiker und Wirtschaftsbosse da auf den Spielfeldern der Macht ausprobieren.

Es ist gründlich schiefgegangen, es ist zum Weinen und zum Jubel-Instrumente an den Nagel hängen, es ist zum Trübsinn blasen, ja. Und doch ist es damit nicht zu Ende.

Sie wollen sich nicht kleinkriegen lassen, wollen nicht zur Belustigung ihrer Widersacher die gezähmten Hausmusikanten spielen. Sie wollen sich erinnern, dass sie trotz aller Ohnmacht Stärke haben, Ziele haben, dass Sie in der Hand eines starken Gottes sind. Sie puschen sich sogar mit einer Selbstverfluchung hoch: möge die Hand mir verdorren, wenn ich mein Ziel, mein Jerusalem, den Ort an dem ich ich und Gott bei mir sein kann, vergesse! - Ein bisschen vielleicht wie Poldi nach seinem vergebenen Elfer sich selber ins Gebet nimmt: Verdammt noch mal, jetzt reiß dich zusammen das nächste Spiel ist dein Spiel; vergiss nicht, was du kannst und was du willst!“

Liebe Gemeinde, ich gestehe, mir waren sie schon immer sympathisch, die Trotzköpfe auf den Spielfeldern des Lebens, ob auf dem Fußballfeld oder aber auf dem Feld des Weltgeschehens, ob sie Nelson Mandela oder Mutter Theresa oder Aung San Suu Kyi oder einfach Georg oder Natascha heißen.

Und Gott sind sie offenbar auch sympathisch, sonst würde er ja schließlich nicht so mit sich reden, bzw. beten lassen.

Ja schließlich hören wir in der Bibel manchmal Gott selbst  sozusagen schimpfen wie ein Rohrspatz über sein Volk, seine Menschenkinder und treibt sie damit immer aufs neue dazu, neu aufzustehen, umzukehren - und sich selbst, immer weiterzugehen mit ihnen, uns, seinen Menschen.

 

Fluchen als Motivation, - unsere Fußballer werden bestimmt auch ein Lied davon singen können, wie Jogi Löwi und ihre Heimtrainer sie damit wieder auf die Beine bringen können, gerade, wenn sie völlig am Boden zu sein scheinen.

Also, liebe Gemeinde, ein gscheiter Fluch, der sie wieder Mut fassen lässt und auf die Beine bringt – diese Erfrischung sollten Sie sich in besonderen Situationen nicht verbieten, finde ich.

Und ich möchte Sie damit auch ausdrücklich dazu einladen, den einen oder anderen Ärger auf mich etwa rauszulassen, weil ich ja schließlich maßgeblich mitverantwortlich war und bin für manchen Ärger hier, für all unsere Abschiede aus unseren alten Kirchen, für die ganze Renoviererei hier oder auch, wenn sie nach den Ferien zum Abendgottesdienst in die Jugendkirche kommen, für eine Kirche, die vielleicht inzwischen fremder wirken mag,  die aber  mit Sicherheit oftmals unordentlicher und unsortierter sein wird, am Ende einer Woche mit allem jugendlichem Da sein.

Allerdings bitte ich Sie bei aller Flucherei auch das zweite Erfrischende dieses Psalmes an den Wassern Babels zu beachten:

Es gibt immer ein „wir“, - ein gemeinsames Klagen und dann ein gemeinsames Fluchen und schließlich ein gemeinsames sich weiter auf den Weg machen.

Unser Psalm ist kein Ausdruck der Klage und der Hoffnungslosigkeit und des Zorns, nach dem Motto: ich gegen die ganze Welt – sondern er ist das Lied eines Volkes, einer Gemeinschaft:

 An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten.

- Menschen klagen vor Gott und voreinander ihr Leid, sie teilen es.

Es ist nicht so sehr die Trauer, oder auch der Zorn eines einzelnen, die etwas verändern, es ist das sich voreinander Öffnen, das gemeinsame Leid und Trauer benennen und bekennen.

Wie ich schon sagte: die Menschen, die da an den Ufern Babylons festsaßen, die gaben nicht nur dem bösen Babel die Schuld an ihrer Lage, sie gaben auch einander und sich selbst die Schuld. Und sie sagten es sich deutlich, am klarsten sicherlich immer wieder die Propheten wie Jesaja oder Jeremia. Aber dennoch sahen sie sich als ein Volk, waren und blieben sie sein Volk, gehörten sie bei aller Trauer und Zorn zusammen als die, denen gesagt wurde: fürchte dich nicht, ich bin mit dir, wohin du auch gehst!

Die Israeliten damals klagten voreinander und miteinander, sie schimpften aufeinander und miteinander – und sie richteten sich gegenseitig auf, indem sie gemeinsam all das Böse nicht zum Teufel, sondern vor Gott wünschten und im Vertrauen auf sein Richten und auch sein neu Aufrichten ihren Weg weitergingen, zunächst Jahrzehnte im Exil und schließlich heim, nach Jerusalem.

Liebe Gemeinde, natürlich lässt sich unser Aus-und vorläufiger Umzug nicht auch nur annäherungsweise vergleichen, mit dem, was die Leute damals erfahren mussten. Aber es mag doch in den letzten Jahren und vielleicht heute wieder besonders ein Gefühl der Heimatlosigkeit aufgekommen sein, im Vergleich zu den guten alten Zeiten in der Berg- der Atter- der Gnaden- der Erlöser und der Friedenskirche.

Und Sie, Ihr habt, glaube ich, jedes Recht zu klagen und vielleicht auch zu fluchen, über all das, was verloren scheint, was nun ganz anders und gar nicht mehr schön laufen mag hier.

Aber heute möchte ich euch versuchen in Erinnerung zu rufen, was damals bei den Israeliten und was in vielen Jahren in unserer Gemeinde, so erfrischend war und auch jetzt noch sein wird:

wenn wir in aller Trauer, in allem Ärgern und Fluchen uns doch als die sehen, die zusammengerufen sind, gemeinsam auf den Weg geschickt sind in dieser Gemeinde, die genauso Teil des Volk Gottes ist, wie sie es damals an Babylons Wassern waren.

Ich bin mir sicher, wir werden noch einiges in den kommenden Jahren zu fluchen haben, über widrige Umstände, über einander, vielleicht auch manchmal die Älteren über die Jüngeren und umgekehrt, und natürlich auch über uns selbst und unsere Fehler oder unsere Sturheit, - und auch dies schon gesagt, lassen Sie mich Ihren Ärger ruhig auch hören – aber lassen sie mich, uns gerade bei allem Ärger und geteiltem Leid immer auch spüren: wir gehören zusammen, wir schimpfen zusammen und wir gehen zusammen den Weg weiter.

Und was letztlich das ganz Rechte ist, das allerdings lasst uns bei allem, was wir nun planen und tun, zuletzt Gott in die Hand geben, denn er wird’s wohl machen mit uns!

Liebe Gemeinde, und nun, nicht mit einem Fluch, sondern mit einem Segen will ich diese Ansprache enden: mögen wir in Frieden hier ausziehen und in Freude wieder hier ankommen – der Herr segne unseren Ausgang und Eingang – von nun an bis in Ewigkeit. Amen.

 

Und, liebe Gemeinde, die Gitarre hab ich natürlich nicht umsonst mitgebracht. Denn der Psalm 137 ist nicht nur ein Gebet, er ist eines der meistvertonten und gesungenen Lieder, und in einer Fassung auch in unserer Generation sehr populär geworden – und in dieser Fassung übrigens im reformierten Judentum sogar in ihr offizielles Liederverzeichnis aufgenommen.

Ich finde, obwohl der Fluchteil des Textes herausgenommen wurde, kann eben doch aus der Melodie, der Stimmung dieses Liedes die Ermutigung, der Ruf, der Protest für das Leben, fürs Weitergehen heruasgehört werden – aber urteilen sie selbst:

by the rivers of babylon singen....

 

By the rivers of Babylon, there we sat down;

ye-eah we wept, when we remembered Zion.

 

By the rivers of Babylon, there we sat down;

ye-eah we wept, when we remembered Zion.

 

 

When the wicked

Carried us away in captivity

Require from us a song -

Now how shall we sing the Lord's song in a strange land?

 

When the wicked

Carried us away in captivity

Requiring of us a song -

Now how shall we sing the Lord's song in a strange land?

 

Oh Lord oh Lord oh lord, Oh Lord oh Lord oh lord,

Oh Lord oh Lord oh lord, Oh Lord oh Lord oh lord

 

Let the words of our mouths and the meditation of our hearts

be acceptable in Thy sight here tonight

 

Let the words of our mouths and the meditation of our hearts

be acceptable in Thy sight here tonight

 

Oh Lord oh Lord oh lord, Oh Lord oh Lord oh lord,

Oh Lord oh Lord oh lord, Oh Lord oh Lord oh lord

 

By the rivers of Babylon, there we sat down;

ye-eah we wept, when we remembered Zion.

 

By the rivers of Babylon, there we sat down

ye-eah we wept, when we remembered Zion.

 

Oh Lord oh Lord oh lord, Oh Lord oh Lord oh lord,

Oh Lord oh Lord oh lord, Oh Lord oh Lord oh lord