Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Psalm 139,1-12 (23+24)

Dr. Knut Berner (ev.)

23.05.2010 Pfingsttreffen im Evangelischen Studienwerk e.V. Villigst zum Thema: Kontrolle außer Kontrolle: das Individuum im digitalen Zeitalter

Pfingstsonntag 2010

Pfingstsonntag 2010

Ein Reihenhaus, irgendwo. Schmale Fenster, wie Schießscharten. Darin ein junges Ehepaar, dessen Beziehung alles andere als stabil ist. Unheil lauert an den Grenzen des Bewusstseins. Eines Morgens findet die Frau draussen auf der Treppe einen Briefumschlag mit einer Videokassette. Im Wohnzimmer sehen die Partner sich das Band an. Es zeigt eine Außenaufnahme ihres eigenen Hauses. Schmale Fenster, wie Schießscharten. Wer hat das gefilmt? ‚Muss von einem Immobilienmakler sein’ sagt die Frau. Kurz darauf findet sie morgens wieder auf der Treppe einen Umschlag mit einem weiteren Video. Erneut schauen beide die Aufnahmen auf ihrem Fernseher an. Zu sehen ist wieder die Außenfront dieses Hauses. Aber noch mehr. Das Video zeigt Innenaufnahmen vom Haus. Der Kamerablick fixiert das Sofa, auf dem sie gerade sitzen, wandert langsam über den Flur und endet schließlich im Schlafzimmer, zeigt das Ehepaar im Bett. An dem Ort, wo die Probleme dieser Menschen brodeln. Aber nicht hochkochen. Wer hat das gefilmt? Wer kontrolliert die fragile Intimität dieses Hauses?

Kurze Zeit später befindet sich dieses Ehepaar auf einer Party bei einem Bekannten. Es gibt Scotch für alle und Kontrollverluste der üblichen Art. Der Mann begegnet unvermittelt einer mysteriösen Person mit einem bleichen Gesicht und einer geschlechtslosen Aura. Er strahlt etwas Unheimliches, etwas Abstraktes aus. Augen schwarz wie Kameralinsen. Dieser Mysteriöse geht auf den Mann zu und spricht ihn an: ‚Wir sind uns schon einmal begegnet, nicht wahr!’ ‚Nein, wann soll das gewesen sein?’, sagt der Ehemann. ‚In ihrem Haus, erinnern Sie sich nicht. Um genau zu sein, ich bin jetzt gerade dort’. Darauf der Ehemann: ‚Das ist der totale Schwachsinn, Mann’. Der Mysteriöse nimmt ein Mobiltelephon und reicht es seinem Gegenüber. ‚Rufen Sie mich an. Wählen Sie ihre Nummer’. Der Ehemann wählt die Nummer seines häuslichen Telephonanschlusses. ‚Ich habe Ihnen doch gesagt, dass ich hier bei Ihnen zu Hause bin’, ertönt die Stimme des Mysteriösen aus dem Telefon. ‚Wie geht das’, flüstert der Ehemann seinem leibhaftigen Gegenüber zu. ‚Fragen Sie mich’, sagt der. ‚Wie geht das? Wie kommen Sie in mein Haus’, schreit der Ehemann ins Telefon. Aus dem Hörer kommt die Antwort: ‚Sie haben mich eingeladen. Es ist nicht meine Art dahin zu gehen, wo ich nicht erwünscht bin. Und jetzt geben Sie mir mein Telefon zurück’. Der Ehemann gibt das Mobiltelephon seinem anwesenden mysteriösen Gegenüber wieder zurück. Der lacht. ‚War mir ein Vergnügen, mit Ihnen zu plaudern’. Dann verschwindet er. Erst viel später wird sichtbar werden, dass er gerne mit einer Videokamera hantiert.

 

Kontrolle, liebe Gemeinde, wird zugleich begehrt und gefürchtet. In dieser Ambivalenz liegt ihre unabweisbare Macht. Da ist die Begierde, den eigenen Körper im Griff zu haben. Nicht öffentlich weinen, nicht das Gesicht verlieren, nicht um Worte verlegen sein, nicht dement und nicht inkontinent werden - bloß das nicht. Kontrolle durchzieht den Alltag. Das eigene Aussehen und das der anderen checken: Morgens nach neuen Falten suchen, zwischendurch schnell noch mal die Lippen nachziehen, Spieglein, Spieglein an der Wand, Farbensinn beweisen und bei anderen vermissen. Jeder Blick tastet ab und bewertet: Der ist zu fett, die sollte diesen Rock besser nicht tragen, der hat sich nicht im Griff. Wir sind alle Körperscanner. Ein Neurologe erzählte mir von einem Patienten, der täglich vergeblich versucht, sein Hemd zuzuknöpfen. Immer wenn er mit der linken Hand den letzten Knopf zugemacht, beginnt die rechte unten wieder das Hemd aufzuknöpfen. So schrecklich Kontrollverlust ist, so gewiss sehnen wir uns auch nach ihm. Das zeigt die Palette des Ungezügelten: Vom bizarren Traum bis zum Komasaufen und der Sexualität, die ohne Loslassenkönnen wenig beglückend bleibt. Deshalb wird der Gebrauch der Lüste in allen Kulturen gefeiert und gefürchtet. Geburten lassen sich kontrollieren, Lust tendiert zum Hemmungslosen. Eifersucht, die nicht Herr noch Meister kennt, vereint tiefstes Misstrauen und höchste Wertschätzung einem Menschen gegenüber, rasende Kontrollsucht als Ausgeburt verzweifelter Zuneigung. Überhaupt: Was das Verhalten angeht, da herrscht Turbokontrolle und es triumphieren Neurosen aller Art: Nicht wenige Leute stehen permanent am Fenster und sehen, was die Nachbarn so treiben; Glasreiniger 1,95.-€. Schnell noch mal gucken, ob das Bügeleisen aus ist, lieber noch mal staubsaugen, weil gleich Besuch kommt. Oder: Wer erscheint wann zur Arbeit, wer schafft was in welcher Zeit, wer macht im Büro wie lange Pause? Quälend sind die Kontrollfragen: Bin ich erfolgreich? Habe ich meine Ziele erreicht? Ist mein Konto ausgeglichen? Mögen mich andere und wie kann ich das sicherstellen? Diese Fragen sind wie ein gefürchteter Chef: immer anwesend, auch in Abwesenheit. Man wacht nachts auf und wühlt in Unterlagen, da war doch was, an das ich denken muss, die anderen werden das im Blick haben. Und die anderen sind total. Über jedem Kontrollgremium existiert ein weiteres, anheimelnd wie Kafkas Schloss, das immer präsent, aber nie zugänglich ist. Und dann gibt es noch das Gewissen, jenen inneren Gerichtshof, der uns beständig überwacht und dem wir doch gerne gehorchen. Kein Zweifel: Wir leben Tag und Nacht im Panoptikum. Finsternis ist wie das Licht und wo kämen wir auch hin, wenn wir keine Kontrolle hätten, wenn Politikerinnen oder Finanzjongleure tun könnten, was sie wollen, wenn Atommächte nicht mit Argusaugen beargwöhnt und Terroristen nicht ausspioniert würden? Kontrolle ist begehrt. Und zugleich gefürchtet. Denn sie ist uns über den Kopf gewachsen. Geister, die wir rufen, sind keine Pfingstgeister. Längst sind Tabus abgeschüttelt und Überwachungen totalitär. Geheimdienste operieren im Verborgenen, kontrollieren mit unkontrollierbarer Methodik. Und was ist mit dem medizinischen Blick, dem unsere Sehnsucht und unsere Furcht gilt? Computertomographien blicken ins Innere des Menschen offenbaren das Verborgene, nähren und zerstören Hoffnungen gleichermaßen. Wir beugen uns über Röntgenbilder, die wir sind und doch nicht sind. Ultraschallaufnahmen zieren die ersten Seiten unserer Fotoalben, wenn es glücklich läuft oder sie demonstrieren, das man Leben besser abbrechen und gar keine Fotoalben anlegen sollte. Linien auf dem Monitor an unseren Sterbebetten zeigen an, ob wir am Ende sind. Erste und letzte Blicke gelten in der Regel dem Apparat, dem Zickzack der Kontrollleuchten. Wir können schon Kameras schlucken. Der abstrakte Blick wandert durch unsere Innereien. Alle Geheimnisse des Sichtbaren sind ausgebrannt. ‚Sie haben mich eingeladen. Es ist nicht meine Art, dahin zu gehen, wo ich nicht erwünscht bin’.

 

- Verlesen des Predigttextes: Ps 139,1-12(23+24) -

 

Liebe Gemeinde, die wunderschöne Poesie dieses Textes täuscht leicht darüber hinweg, dass es hier auf den ersten Blick um den Einbruch des Unheimlichen geht. Und wir würden uns wohl nicht wirklich die Allgegenwart und Allwissenheit Gottes vergegenwärtigen, wenn uns Unbehagen und Abwehr fremd blieben. In Peter Ustinovs Roman ‚Der Alte Mann und Mr. Smith’ sagt Gott: ‚Ich bin keiner, der eine Einladung erhält. Ich kriege Gebete, Fürbitten aller Art und manchmal Opfer, aber ich bin noch nie eingeladen worden’. Mal angenommen, das stimmt, womit hängt das zusammen? Doch wohl damit, dass wir Gott nicht ertragen können. Jemanden, der uns durch und durch kennt, an allen Orten präsent ist und vor allem unsere Gedanken versteht. Kontrolle, das haben wir eben nachzuvollziehen versucht, wird von uns begehrt und gefürchtet. Sie ist zum Fürchten, weil sie begehrt wird. So sehr, dass wir aus manchem Traum gerne wieder in die Wirklichkeiten fliehen, weil wir die Realität des Ungezügelten nicht aushalten können.  Kontrolle ist aber immer mit Regulierungswünschen und Änderungsmöglichkeiten verbunden – und dass Alles anders wird oder zumindest demnächst werden kann, ist der Erwartungshorizont unserer Hoffnung und unserer Furcht. Erwarten wir nicht gerade von Gott, der alles sieht und alles vermag, umfassende Änderung? Und fürchten wir nicht gerade von ihm massives Eingreifen in unsere Verhältnisse, in denen wir uns eingerichtet haben? Warum erhält Gott also keine Einladung? Eine drastische Antwort gibt der Heidelberger Katechismus: Ich bin von Natur aus geneigt, Gott und meinen Nächsten zu hassen. Diese Neigung zeigt sich z.B. dann, wenn man bei sich und anderen statt Gottesfurcht nur Gottesfrust fördert. In der Tat ist ja viel Schindluder getrieben worden mit dem Hinweis darauf, dass der liebe Gott Alles sieht. ‚Hände auf die Bettdecke’ ist noch eine der harmloseren Forderungen, die daraus in den Kinderzimmern abgeleitet wurden, manche haben eine Gottesvergiftung fürs Leben davongetragen. Und gerade dieser Psalm hat dabei eine Rolle gespielt. ‚Hinten, vorn engst Du mich ein, legst auf mich Deine Faust’ übersetzt Martin Buber und es kann einem der Gedanke aus dem Hebräerbrief in den Sinn kommen: ‚Schrecklich ist es, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen’. Gott ist gefährlich, das sollte nicht vergessen werden. Ich wundere mich immer wieder darüber, wie leicht sie vielen von den Lippen gehen, die irischen Segenswünsche, die Gott über uns, neben uns, unter uns und in uns empfehlen und ich frage mich: Wissen wir eigentlich, was wir uns und anderen da wünschen? Wie nahe wir uns selber ans Feuer rücken? ‚Wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?’ Fliehen will man vor dem, was man fürchtet, ohne es zu begehren.

Erst dann, wenn diese Gedanken zugelassen werden, kann wohl auf den zweiten Blick der wahre Grund an den Grenzen des Bewusstseins zutage treten, dass wir Gott nämlich nicht deswegen nicht einladen, weil wir seine Kontrolle fürchten, sondern weil wir im Tiefsten seine Liebe nicht ertragen. Kontrolle, Anpassung an Maßstäbe, sogar gewaltsame, lässt sich ertragen, wir haben Übung darin. Liebe aber beobachtet mit höchster Anteilnahme und Zuneigung, ohne das Wesen der Person zu verändern. Sie lässt einem Menschen sein Geheimnis und begegnet ihm mit Geduld. Gott ist unaufdringlich. Er schützt uns vor seiner eigenen Herrlichkeit, weil sie zu grell für uns ist. Er ist anwesend, aber als Abwesender. Nicht im Sinne eines Prinzips, wie es der mysteriöse Mann verkörpert, sondern als lebendige Bewegung. Nicht mal anwesend, mal abwesend, heute hier, morgen dort. Sondern immer da, aber als abwesende Anwesenheit. Näher als das Lid am Auge. Und doch mit verhülltem Angesicht, das man nur um den Preis des Todes sehen könnte. Das zu glauben und zu denken, ist gewöhnungsbedürftig. Aber es ist die angemessene Art, christlich von Gott zu denken. Was sagt der Psalmist? Gottes Auge ruht bei den alltäglichsten und intimsten Verrichtungen auf uns. Und zwar weiss er von ihnen schon, bevor wir sie in die Tat umsetzen. Und er belässt es dabei. Er sagt nicht: Du sollst nicht sitzen, Du sollst nicht aufstehen, Du sollst dieses Wort von deiner Zunge nehmen. Er kennt und erforscht das Innerste, aber er respektiert es. Kontrolle ist per definitionem respektlos. Sie greift durch und durch. Gott hingegen tritt uns nicht zu nahe. Darauf verweist der kleine, aber zentrale Zusatz: Du verstehst meine Gedanken – von Ferne. Wer von Ferne versteht, schützt sein Gegenüber. Wir haben damit Schwierigkeiten, weil wir Nähe ideologisiert haben: Ständiges Umarmen, Küsschen/Küsschen für alle. Das Ausplaudern von Intimitäten Fremden gegenüber. Oder die Verbreitung des Irrglaubens, Liebende dürften keine Geheimnisse voreinander haben. Dabei werden Menschen ohne Geheimnisse schlicht langweilig. Außerdem ertragen wir Nähe nur in geringen Dosierungen. Wer im Fahrstuhl fährt, vermeidet Blick- und Körperkontakt, alle starren auf die Kontrollleuchten, am liebsten auf EXIT.  Liebe zu mehreren Menschen gleichzeitig, was ja vorkommen soll, ist auf Dauer kaum auszuhalten und unsere Phantasie sucht dann nach Wegen, die Geliebten zu ändern, wenn schon ihrer Nähe nicht ausgewichen werden kann. Liebe zu einer Person wiederum kann dazu führen, alle Aufmerksamkeit zu absorbieren, die wir auch anderen schulden. Und: Wer kann schon vorbehaltlos seine eigenen Eltern lieben?

Gott jedenfalls ändert uns nicht, sondern erträgt uns. Und zwar jeden und jede so, dass es nicht auf Kosten anderer geht. Er kann das, weil er nicht nur der nahe, sondern auch der ferne Gott ist. Und weil er nicht nur liebt, sondern Liebe ist. Als solche versteht er Gedanken, geistreiche, schmutzige, flüchtige, perverse und wohlgebildete. Verstehen meint Zuordnen zum geheimen Ganzen der Person. Und damit ist zugleich gesagt, dass er alleine das kann und ihm das auch vorbehalten ist. Für zwischenmenschliche Begegnungen gilt hingegen der Satz des Philosophen Friedrich Nietzsche: Es ist eine Unverschämtheit, verstanden zu werden. Kontrolle soll sich auf das Äußere beschränken. Das ist genug. Auch die Kamera im Inneren kann die Gedanken nicht erfassen – und die schlimmste Variante der Kontrollsucht, die Gehirnwäsche, kann auch nicht zum Verständnis durchdringen, sondern nur Änderungen erzwingen. We don’t need no thought control! Vielleicht ist es das letzte Tabu, dessen Einhaltung vom christlichen Glauben her einzufordern ist, dass wir Halt machen vor dem Versuch, menschliche Gedanken erforschen zu wollen. Ohnehin neigen wir im ungeduldigen Abendland zur Überschätzung unserer Fähigkeit, uns in andere hineinversetzen zu können.

Geheimnisse bewahren, liebe Gemeinde, bedeutet Geheimnisse gelten zu lassen:  Nähme ich Flügel der Morgenröte – niemand weiss, was dieses wunderschöne Bild bedeutet. Die zarten Schwingen der Phantasie, filigran wie Schmetterlinge, einfallsreich wie Kindergeister, dürfen sich freiflattern bis zum äußersten Meer, das für jede und jeden von uns woanders liegt, gemäß den Brutstätten unserer Sehnsüchte. Das Morgenrot ist die Zeit der Unentschiedenheit zwischen Finsternis und Licht. Zwischen Abwesenheit und Anwesenheit, wo man um Segen ringt und die letztlich einzig wichtigen Fragen bedenken kann: Habe ich mir Gottes Liebe schenken lassen und habe ich geglaubt, dass die Sünde, meine Sünde im äußersten Meer versenkt wurde? Im Morgenrot zerfällt alles zu Staub, was sich nicht im Spiegel ansehen kann: Vampire, die anderen und nicht selten ihren Liebsten das Leben aussaugen. Narzisse, die in ihrem eigenen Ego ersaufen. Ikarusse, die auf geliehenen Flügeln zu hoch hinaus wollten. Irgendwann stürzen wir alle ab und warum sollte das nicht heute sein? Und dann?

Bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da – ein weiteres Geheimnis und ein für das Alte Testament ungeheurer Ausspruch. Hat nicht Hiob im Elend zu Gott gesagt: ‚Nun werde ich mich in die Erde legen und wenn du mich suchst, bin ich weg’? (Hi 7,21) Weg wie der Christus, der erst ins Reich der Toten hinabsteigt und dann in den Himmel auffährt, geheimnisvolle Verkehrung menschlicher Lebensläufe. Gott, der Ganz Andere, mischt Tag und Nacht, Himmel und Hölle, Verzweiflung und Hoffnung nach seiner Weisheit, nicht nach unseren Maßstäben. Seine Weisheit mischt aber immer zu unseren Gunsten. Und am Ende, erst ganz am Ende des Psalms wird gesagt: Sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege. Wir erkennen böse Wege, sofern wir sie erkennen, erst dann, wenn es zu spät ist. Und können allenfalls bessere Verhältnisse suchen, nicht aber ewige Wege. Ewigkeit ist nämlich nur der Liebe beschieden, die sich nicht ankündigt noch verabschiedet, die sich nicht machen und nicht kontrollieren lässt, sondern Geschenkcharakter hat. Was Liebende manchmal tun müssen, nämlich heimlich zugunsten des geliebten anderen agieren, weil der aus sich selber nicht herausfindet, das tut Gott die ganze Zeit. Er lässt uns geduldig gewähren, aber er führt zugleich entschieden auf rechter Strasse. Das ist bei ihm kein Widerspruch. Sein Wirken ist dezent, keiner vermag zu sagen, wo menschliche Aktivität beginnt und aufhört und wie Gott seinen heilenden Beistand da hineinwebt. Wir dürfen aber im Sitzen und im Liegen darauf vertrauen und um Kontrollverlust in dieser Angelegenheit bitten. Pfingsten beginnt mit Kontrollverlust. Nicht grundlos werden die Jünger für Betrunkene gehalten. Sie sind randvoll. Wohin soll ich gehen vor deinem Geist? Es war nicht meine Art, dahin zu gehen, wo ich nicht erwünscht bin. Sie bleiben nicht im Haus, nicht hinter schmalen Fenstern, die wie Schießscharten sind und von der Öffentlichkeit abschotten. Mit Flügeln der Morgenröte fliegen sie in der Zeit auf ewigem Wege. Vom Geheimnis getrieben. Siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das Du, Herr, nicht schon wüsstest.

Amen.