Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Psalm 139,7-10

Pastor Jens-Uwe Flügel

29.06.2004 Open-Air-Motorrad-Gottesdienst vor der Color-Line-Arena, Hamburg

„GOTT GIBT VOLLGAS“

Liebe biker und bikerInnen,
liebe Freundinnen und Freunde,

Es steht nicht mehr da, das Motorrad,
in der kalten und dunklen Garage.
Lange haben wir darauf gewartet,
dass diese bike-losen Tage vorbei sind.
Dass der schwere Geruch von Benzin und Öl in Bewegung gerät.
Dass unser gleichsam „himmlisches Gefährt“ vom Luftzug erfasst wird,
Luft zum Durch-Atmen hat und wir: Lust zum Mit-Atmen.

Reißverschlüsse werden zugezogen.
Die ledernen Ärmel schließen sich eng um die Unterarme.
Das Leder passt.
Als wär’s ein Stück von mir.
Und die Maschine:
Sie ist wieder „wie die Wüste:
entweder sie fasziniert dich oder sie schreckt dich ab“, sagt Wilfrid Noyce.
Woran das liegen mag?
Ein Motorrad, nein: besser gesagt: mein Motorrad
Wird wieder gleichsam zu einer Erweiterung des eigenen Ichs -
des eigenen Körpers, der eigenen Seele
mit allen Fähigkeiten und Unmöglichkeiten,
allen Sympathien und Macken ...
Und ich lasse mich wieder darauf ein. Wie in jedem Jahr.
Wie vor jeder Fahrt.
Entweder auf den liebgewordenen Maschinen,
die ein Stück von einem selbst geworden sind,
oder auf den neuen Highlights des Jahres,
die wir schon bewundern konnten auf den HMT,
den Hamburger Motorradtagen:
mit weniger Gewicht und mehr PS:
ob nun die YAMAHA R1 172 kg leicht mit 172 PS
(die magische Grenze erreicht:1 Kilo pro PS) ...
oder die BMW R 1200 GS ,
die KAWASAKI VN 2000 mit dem weltgrößten V2-Motor
oder die Harley XL 883 - viel Harley für relativ wenig Geld ...
oder aber irgendeine Replik oder ein Oldtimer ...

Und jeweils dazu die betreffenden Persönlichkeiten
mit der dazu passenden Garderobe - ob damals oder heute -
vom Tweedjackett und der Krawatte
bis zur Bomberjacke und den Cowboystiefeln.
Ob ölverschmiert und verschwitzt am Straßenrand
oder im edlen Outfit auf dem Weg zur Party ...
Die Kutte als individuelle Kleidung.
So relativ ist alles. Relativ einfach.
Eine Art von Theorie und Praxis der Relativität.

Die Maschine: das Zaubermittel gegen den Massenmenschen.
Hier begegne ich mir selbst.
Und es ist wirklich so, als würde ich mich selber im Spiegel sehen:
wie ich an mir herumbastele.
An den Schrauben, die bei mir locker geworden sind
oder sich festgefressen hatten und mir Bewegungsfreiheit nahmen.
Lektionen für mein Innenleben.
In der Tat: Relativ einfach ist das...

Für dich und mich als Mensch, der sich als einziges Wesen des Tierreichs
vor allem durch Leidenschaft auszeichnet.
Durch eine Besessenheit,
die oftmals besonders bunte Blüten treibt.
In der Tat:
Was sind wir doch für Typen.
Starke Typen.
Auch die Schwachen.
Und: wir sind solidarisch. Wir haben Gemeinschaftssinn.
Verbunden durch ein unendlich tiefes Faszinosum,
ein durchaus religiöses Gefühl,
das alle Wesensbereiche und alle Berufe umfasst.
Unter der „Kutte“ zählt nur eins: das Herz.
Und das schlägt. - Zeichen für Leben.
Immer unterwegs.
Wenn man will.

„Mit 220 Kilo Metall, Flüssigkeit und Kunststoff
in einem labilen Gleichgewicht zwischen den Beinen ...
eine falsche Bewegung zur Seite,
und die Last, die im austarierten Zustand kaum zu spüren war,
würde unvermittelt einen wilden Versuch unternehmen,
krachend auf dem Beton aufzuschlagen.

Das Motorrad ist im Stand von Natur aus instabil“,
wie im Grunde genommen auch wir Menschen.
Ja, es braucht den Menschen, um zu sich selbst zu kommen.
Zur ureigensten Aufgabe: zur Fort-Bewegung.
In voller Fahrt kann es stabil wirken wie fester Boden.
Durch Vergnügen und Verantwortung hindurch.
Im Gleichgewicht von Geben und Nehmen, einem perfekten Zusammenspiel,
einem geschickten Miteinander.

Und das mit Geschwindigkeit.
In einer eingespielten Partnerschaft der Bewegungen, der Handlungen,
des Miteinanders von Mensch und Maschine.
Wie sagt man? Ein „geiles“ Gefühl. Mit „Kick“.
Sich so fortzubewegen.
Im Fahrtwind.
Der Sonne entgegen.
Eingetaucht in gleißendem Licht.
Oder bis auf die Haut durchnässt,
wenn der Regen vor nichts mehr Halt macht.
Und man zurückgeworfen ist auf seine eigene Existenz.
Deshalb sind Biker schon ein wenig anders als die anderen.
Ein ganz besonderes Völkchen.
Einsam und doch verschworen zu einer kleinen Gemeinde von Auserwählten.
„Sie halten zusammen, wie um sich gegenseitig zu wärmen,
und finden überdies noch einen seltsamen Gefallen an dieser Notwendigkeit,“
wird gesagt.

Und dann ist man wieder allein.
Mitten in der Schnelligkeit.
Ein Augen-Blick nur und doch: ein Stück Ewigkeit.
Eine Sekunde fließt in die nächste.
Was eben noch Gegenwart war, ist bereits vergangen,
und genau so geht’s der Zukunft:
Freiheit, die ich meine.
Und aus Erinnerungs-Punkten werden Lebens-Strecken.
Und das mit 220 Sachen.
Unmittelbar gefühlt.
Die dröhnende Brücke unter den Reifen,
den steifen Wind des Atlantiks im Gesicht,
die gleißende Sonne -
einzigartige Empfindungen,
die einem ein gekonnt gefahrenes, schweres Motorrad vermittelt.
Gefühle, die ausschließlichem einem selbst gehören.

Und die Geschwindigkeit, sie gehört dazu.
Ein geradezu „göttliches Gefühl“.
„Ich stelle mir vor, Gott gibt Vollgas,“ schreibt Moritz Holfelder,
„Es steht geschrieben, er habe die schwere Maschine voll unter Kontrolle.
Geschwindigkeit sei für ihn keine Hexerei.“

Es stimmt schon:
Seit altersher gilt bei uns das Motto
der Alt-Hamburger Firma „Apfelstedt und Hornung“:
„Unmögliches wird sofort erledigt - Wunder dauern etwas länger.“
Geschwindigkeit - in der Tat: ein Stück Wunder,
Synonym für göttliche Kraft und Vollkommenheit.
Sie beschränkt uns nicht in unserer irdischen Existenz,
sie stößt ständig an die menschliche Langsamkeit,
weitet sie aus und: durch-bricht sie.

„Es war eines der ersten Attribute,
das die Menschen den Göttern zugeschrieben haben“,
so Holfelder.
Und deshalb fühle ich mich gut. Göttlich gut.
Weil ich das Gefühl habe, zumindest einen Augenblick lang
an der Unsterblichkeit teilzuhaben
oder aber wenigstens ihr sehr nahe zu kommen.
Das Motorrad beschleunigt. Ich erreiche schnell die Höchstgeschwindigkeit.
Bestimme ich noch das Tempo
Oder rast die Landschaft an mir vorbei, die Welt, meine kleine Welt.
Es ist, als zöge die Landschaft, und wir stünden fest.“
Sagt die Dichterin Hilde Domin,.
„Man muß den Atem anhalten,
bis der wind nachlässt
und die fremde Luft um uns zu kreisen beginnt,
bis das Spiel von Licht und Schatten,
von Grün und Blau
die alten Muster zeigt
und wir zuhause sind,
wo es auch sei
und niedersitzen können und uns anlehnen.“

Das heißt doch wohl:
Geschwindigkeit ist für Gott kein Maßstab.
Er selbst ist Tempo und Ruhe zugleich.
Wie die Bibel auf ihren ersten Seiten
den Beginn von Welt und Mensch meisterhaft verdichtet:
Das erregende Tempo bei der Erschaffung von Himmel und Erde,
den Pflanzen, Tieren und Menschen -
dazwischen immer wieder unterbrochen
durch das betrachtende Zurückgehen Gottes als künstlerischer Pause:
„Und Gott sah alles an ... und siehe: es war sehr gut.“
Bis zu dem entscheidenden Atemholen, der Muße am Sonntag,
mit dem die neue Menschen-Woche begann:
„Und am siebenten Tag ruhte Gott von aller Arbeit...“
Geschwindigkeit im menschlichen Sinn existiert bei Gott also nicht -

Er ist gleichsam der „unbewegte Beweger“:
„JHVH“ - Jahve -
„Ich bin, der ich bin - und ich werde sein, der ich sein werde“...
überall schon „da“.
„GOTT GIBT VOLLGAS“

In den Psalmen des Alten Testaments wird das großartig besungen:
„Wohin soll ich gehen vor deinem Geist
und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?
Führe ich gen Himmel, so bist du da;
Bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.
Nähme ich Flügel der Morgenröte
Und bliebe am äußersten Meer,
so würde auch dort deine Hand mich führen
und deine Rechte mich halten.“ (Psalm 139, 7-10)

Ich erfahre mich immer wieder an meine Endlichkeit erinnert,
so schnell ich auch fahre.
Bis ich spüre: bei wachsender Geschwindigkeit,
vergeht die Zeit langsamer.
Und wir rasen dem unbewegten Beweger, unserem Gott, pausenlos hinterher,
wie der Hase dem Igel in Buxtehude,
und können ihn doch nicht einholen.
Auch nicht auf der schnellsten Maschine.
Wie gerne hätte ich ein wenig mehr Teil an der Göttlichkeit!
Und wenn ich auf meinem „himmlischen Gefährt“
beschleunigen würde, wie ich wollte,
ich würde sie doch nicht erreichen.
„Die scheinbar göttliche Kraft der Maschine
will einfach nicht auf mich übergehen.“

So relativ ist alles.
Sagt Einstein. Und der muß es ja wissen...
Und das alles lässt mich doch sehr realistisch werden.
In Hinblick auf mich und meine begrenzten Möglichkeiten.
Als Mensch. Als Biker. Sagt Einstein. Und der weiß (fast) alles...
Seine Theorie von der sog. „Zeitdilatation“, der Zeit-Ausdehnung, besagt ja,
dass die Zeit bei erhöhter Geschwindigkeit langsamer läuft.
„Beschleunigung + Geschwindigkeit = Gott, so könnte man sagen ...

So kann Motorradfahren zu einer guten Methode werden,
sich Zeit zu nehmen - wir habe ja genug von ihr -
„Selbstwahrnehmung und -begrenzung zu üben,
sensibler zu werden und achtsamer mit allem, was uns umgibt.“ (Pastor Martin Hager).
Und das: be-geistert.

Deshalb:
„Der Herr behüte dich vor allem Übel,
er behüte deine Seele.
Deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit.“
Vor allem, wenn Du nicht schneller fährst,
als Dein Schutzengel fliegen kann. Oder will.

Mit dem guten Geist seiner Liebe
gibt Gott Voll-Gas.

Amen.