Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Psalm 14

Pfarrerin Christiane Borchers

27.01.2008 in Leer

Gedenktag der Befreiung von Auschwitz durch die Sowjets

Gedenktag der Befreiung von Auschwitz durch die Sowjets

Liebe Gemeinde,

Heute vor 63 Jahren – am 27. Januar 1945 - ist das KZ Auschwitz von den Sowjets befreit worden. Der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog erklärte 1996 den 27. Januar zum nationalen Gedenktag in Deutschland, um an die Opfer in den Konzentrationslagern zu erinnern und zu mahnen, dass solches Leid nie wieder geschehen darf. In Deutschland gibt es wieder rechtsradikale Tendenzen, denen eine deutliche Absage erteilt werden muss. Rechtsradikalismus und Menschenverachtung lassen sich nicht mit dem Willen Gottes vereinbaren. Wir erinnern uns daran, dass der Gott der Juden auch unser Gott ist, der das Leben will und nicht den unnatürlichen gewaltsamen Tod.

Es ist von Bedeutung, welche Gedenktage es in einem Volk gibt. Wessen nicht gedacht wird, der soll in Vergessenheit geraten und damit des Nichtgewesenseins anheim fallen. Es ist wichtig, dass die Verbrechen des Nationalsozialismus nicht verharmlost, bagatellisiert oder vergessen gemacht werden. Es wäre schlimm, wenn über all dem der Mantel des Vergessens gedeckt würde und niemand mehr von den Verbrechen wüsste. – Warum ist das wichtig? – Warum sollen wir die Vergangenheit nicht Vergangenheit sein lassen? – Weil wir aus der Geschichte mit ihren Fehlern und aus dem Schuldiggewordensein lernen müssen. Wir müssen lernen, andere Menschen zu achten und ihnen ihre Würde zu lassen, damit nicht wiederholt Verbrechen an Menschen begangen werden. Nur die Erinnerung an die Vergangenheit kann uns schützen vor neuen Gräueltaten. Wir sind persönlich dafür verantwortlich, wenn unsere nächsten Mitbürgerinnen und Mitbürger nicht in Ruhe ihr Leben führen können.

Gedenken wollen wir der Menschen, denen erst ihre Würde, dann ihre Rechte, ihre Freiheit und schließlich das Leben genommen wurden. Wenn Menschen aus irgendeinem Grund der Vernichtung preisgegeben werden sollen, so können die Machthaber das nicht sofort und mit einem Schlag ausführen. Dem gehen viele - kleine und große - Schritte voran. Die Vernichtung und Auslöschung beginnt zunächst, indem man über die betreffenden Personen Schlechtes verbreitet, sie diffamiert. Das weckt Zweifel, viele wenden sich von ihnen ab, auch ehemalige Freunde. Der betreffende Personenkreis wird isoliert. Ist eine bestimmte Gruppe erst einmal diffamiert und isoliert, ist es leichter, sie in ihren Rechten zu beschneiden. Sind die Rechte erst eingeschränkt, fällt es leicht, ihnen Stück für Stück weniger zuzubilligen, bis sie ihnen ganz entzogen werden. Wer keine Rechte mehr hat, den kann man auch seiner Freiheit berauben. Wer sowieso schon keine Freiheit mehr hat, da ist es nicht mehr weit, ihm das Leben überhaupt abzusprechen. In dieser Reihenfolge: diffamieren, isolieren, entrechten und eliminieren funktioniert jede Auslöschung von ungeliebten Personen oder von einem ganzen Personenkreis, ja von einem ganzen Volk.

Gedenken wollen wir der Menschen, denen man ihre Würde, ihre Rechte, ihre Freiheit und schließlich das Leben nahm.

Gedenken wollen wir der Jüdinnen und Juden, die unter uns lebten, die man zusammentrieb, unter menschenunwürdigen Bedingungen in KZs hielt und zu mehreren Millionen ermordete.

Gedenken wollen wir der Kinder, die vom Spielplatz verjagt wurden, die aus den Schulen vertrieben, in die Viehwagen gestoßen, in die Lager gebracht, von ihren Eltern getrennt, mit medizinischen Sadismus ausgenutzt und zum Schluss umgebracht wurden.

Gedenken wollen wir der Sinti und Roma, die man diskriminierte, für eine Plage hielt und tötete.
Mehr als 500.000 Sinti und Roma wurden während der Nazi-Zeit Opfer des Völkermordes.

Gedenken wollen wir der Bibelforscher, Pazifisten, Kriegsdienstverweigerer, Deserteure, der ungenannten und unbekannten Opfer nationaler Anmaßung und Mordlust.

Gedenken wollen wir der Kommunisten und der Sozialdemokraten, die man als politische Gegner bis in den Tod verfolgte.
Mehr als 150.000 Kommunisten und Zehntausende von Sozialdemokraten wurden drangsaliert, viele getötet.

Gedenken wollen wir der Behinderten, denen man den Wert des Lebens absprach. Man sagte „Gnadentod“ und mordete mit Medikamenten, Giftgas und Injektionen.

Gedenken wollen wir der Lesben und Schwulen, die mit tödlichem Hass verfolgt wurden. Lange wurden ihre Leiden totgeschwiegen.

Gedenken wollen wir der Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen. Sie verhungerten zu Millionen und starben an Erschöpfung.
Gedenken wollen wir aller, die unter dem Naziregime leiden mussten und verfolgt wurden.

Gedenken wird uns schwer und doch ist das der einzige Weg, verantwortungsbewusst in der Gegenwart zu leben, menschlich zu bleiben und die Weichen für eine humane Zukunft zu stellen. Erinnern ist das Geheimnis der Erlösung.

Die Toren sprechen in ihrem Herzen,
so der Psalmbeter in unserem Psalm 14,
„Es ist kein Gott.“ Sie taugen nichts,
ihr Treiben ist ein Gräuel. Da ist keiner, der Gutes tut.
Gott schaut vom Himmel auf die Menschenkinder,
dass er sehe, ob jemand klug sei und nach Gott frage.
Aber sie sind alle abgewichen und allesamt verdorben.
Da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer.
Will das denn keiner der Übeltäter begreifen,
die mein Volk fressen.
Sie saugen mein Volk aus,
aber Gott rufen sie nicht an.
Aber Gott ist bei dem Geschlecht der Gerechten.
Er ist unsere Zuversicht.
Ach käme doch bald von Zion Hilfe her,
dass Gott sein gefangenes Volk erlöste!

Die Erinnerung an unvorstellbares Leid ist ein aktiver Beitrag zum Frieden. „Da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer“, ist das Resümee des Psalmbeters. Traf das auf das dritte Reich zu? Da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer? Ich denke nicht. Es gab Menschen, die haben Widerstand geleistet, es gab Menschen, die haben geholfen. Manche sind bekannt geworden wie ein Dietrich Bonhoefer oder ein Martin Niemöller. Andere sind namenlos geblieben. Aber es gab welche, die haben Juden unterstützt, an der Hintertür eines jüdischen Geschäftes gekauft oder in der Nacht. Es gab welche, die haben Menschen rechtzeitig zur Flucht verholfen, ihren Nachbarn nicht denunziert, ihn versteckt. Es gibt immer Menschen, die es mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren können, wenn Unrecht geschieht. Diese Menschen sind nie in der Mehrheit; es ist immer eine Minderheit, die sich weigert, bei diesem bösen Spiel mitzumachen.

Menschenverachtendes Gedankengut breitet sich wieder aus in Deutschland. Sie organisieren sich in rechtsradikalen Gruppen und versuchen, ihren Einfluss zu vermehren. Wieder gibt es Brandanschläge auf Häuser, in denen ausländische Familien wohnen. Es gibt so genannte NoGo Areas, bestimmte Straßen und Bereiche in Brandenburg und anderswo, in denen sich Ausländer besser nicht wagen, weil sie sonst mit Prügel und Verfolgung rechnen müssen.
Wir sagen „Nein“ zu menschenverachtendem Vorgehen. Wir sagen „nein“ zu entwürdigenden und erniedrigenden Verhaltensweisen gegen wen sie auch immer gerichtet sind. Jeder Mensch ist ein wertvolles Geschöpf Gottes, von ihm geliebt und gewollt, mit Ehre und Würde ausgestattet. Was ist der Mensch, als dass er sich darüber erhebt und sich anmaßt Gottes Werk zu verachten. - Es geht darum, den Anfängen zu wehren, den Blick zu schärfen, wo Unrecht sich einschleicht. Es geschieht vielleicht anfänglich im Verborgenen, unmerklich und wird gar nicht ernst genommen. Es wird höchstens wahrgenommen als ein nicht näher zu bezeichnendes schlechtes Gefühl. Kaum wahrnehmbar, aber vorhanden. Sensibilität ist gefragt. Kleine Schritte des Unrechts im Alltag können zu großen Ungerechtigkeiten werden. Der Holocaust kam nicht unvermutet und plötzlich. Er hatte eine lange Vorgeschichte.

Die Verfolgung der Jüdinnen und Juden geschah nicht nur anderswo irgendwo weit weg in Deutschland, sie geschah auch in Ostfriesland. Die ältere Generation weiß das aus eigener Erfahrung, die jüngere aus Erzählungen, Filmen und Büchern. In Leer lebten Jüdinnen und Juden, z.B. der jüdische Lehrer Seligman Hirschberg. Er lehrte an der jüdischen Grundschule, bis diese geschlossen und er mit seiner Frau Goldine Hirschberg abtransportiert wurde. Sie haben das KZ nicht überlebt.

Einer, der Ausschwitz überlebt hat, war Carl Polak, der ein bekannter Viehhändler in Leer gewesen war. Er war später noch häufig in Leer, seiner alten Heimat, zu Besuch.
In New York leben heute noch die Geschwister Albrecht und Friedel Weinberg. Trotz ihres hohen Alters besuchten sie im letzten Jahr noch einmal ihre alte Heimat.

Es ist nicht leicht für Überlebende des Holocausts nach Deutschland zu kommen. Zu dunkel sind die Erinnerungen, die sie damit verbinden, und doch zieht es sie dahin, denn hier sind ihre Wurzeln.

Gedenktage erschweren die Verdrängung und das Vergessen historischer Verbrechen. Sie erinnern an die Gesinnung, die Ursache des grausamen Unrechts war.
Wo ein Mensch Verachtung erfährt, wo ein Mensch entwürdigt und gedemütigt wird, da kann es für jeden einzelnen Menschen nur heißen: “Da mache ich nicht mit!“ Nicht mitzumachen, was die anderen machen, ist ein wesentlicher Schritt in eine andere, lebensfreundliche und damit bessere Richtung.

Den Mund auftun, Unrecht anklagen, Unrecht benennen, wenn Gottes Geschöpfe erniedrigt werden, ist ein weiterer Schritt, sich für Gedemütigte und Entrechtete einzusetzen. Denn auch Schweigen kann töten.

Martin Niemöller, ein Theologe, der selbst im KZ inhaftiert war, und durch die Befreiung 1945 aus Dachau lebend herauskam, hat dazu ein Gedicht verfasst mit der Überschrift:
Ich habe geschwiegen.

Als die Nazis die Kommunisten holten,
habe ich geschwiegen,
ich war ja kein Kommunist.
Als sie die Sozialdemokraten einsperrten,
habe ich geschwiegen,
ich war ja kein Sozialdemokrat.
Als sie die Katholiken holten,
habe ich nicht protestiert,
ich war ja kein Katholik.
Als sie mich holten, gab es keinen mehr,
der hätte protestieren können.

„Sie taugen nichts, ihr Treiben ist ein Gräuel,
da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer.“ (Ps 14,1)

Helfe uns Gott, dass wir zu denjenigen gehören,
die wachsam sind in Zeiten der Bedrängnis,
die sich einsetzten für Recht und Gerechtigkeit;
die den Mut finden, nein zu sagen und nicht mitzumachen,
wenn Menschen drangsaliert werden.
Helfe uns Gott, dass wir zu denjenigen gehören;
die ihren Mund auftun und Unrecht beim Namen nennen,
die eintreten für Menschlichkeit und Barmherzigkeit;
denn unser Gott ist ein Gott des Lebens und
nicht des widernatürlichen gewaltsamen Todes.
Er will, dass die Menschen in Frieden miteinander auskommen und in eigener Bestimmung als seine Ebenbilder ihr Menschsein leben.

Mensch, wer bist du, dass du dich erhebst und dir anmaßt, Gottes Ebenbilder zu beschmutzen? Denn nicht nur du, auch deine so genannten Feinde sind Gottes Ebenbilder. Niemand ist befugt, sie zu misshandeln und zu töten. Ach, das doch Hilfe aus Zion käme und Gott die Gefangenen erlöste.

Amen.