Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 19,16b-30

Pfarrer em. Wolfgang Kolnsberg (ev.)

03.04.2015 Kirchen der Ev. Kirchengemeinde in Lohne und Bad Sassendorf

Karfreitag

Predigt am Karfreitag zum Evangelium des Tages

Liebe Gemeinde!
"Mitten im Tod: das Leben." - So titelte die Kirchenzeitung "Unsere Kirche" für diese Woche.  Klar, der Redaktionsschluss lag vor dem schrecklichen Ereignis des Flugzeug-Unglücks. Sonst wäre wohl die Aussage "Mitten im Leben: der Tod" naheliegender gewesen.

Aber eigentlich gilt in unserer Welt immer beides: "Leben im Tod" und "Tod im Leben". Zur gleichen Zeit geschieht es: Unglück und Tod hier, Unglück und Rettung dort. Hier: Ende - ohne Chance auf Leben, dort: Rettung - wie ein Wunder. Oft ist es schwer, einen Sinn zu finden, eine Antwort auf die Frage: Warum? Wo liegt der Sinn?  Wer ist schuld? Wir sind sprachlos und wie gelähmt. Da ist der Tod mitten im Leben. Wir finden keinen Sinn!

Die Dornenkrone, die wir bereits am vergangenen Palmsonntag auf unseren Programmzetteln hatten, soll es uns deutlich vor Augen führen. Zuerst sah ich nur eine Dornenkrone und verwendete sie im Programm als Zeichen für das Leiden. Dann  aber erschien sie auch für die versteckte, unsichtbare Macht des Leidenden: die Krone als Zeichen der Macht.  Der Spott benutzt ein über sich selbst hinausweisendes Zeichen der Größe, gerade auch  im Leiden und im sogar im Sterben. Wenn man unsere Dornenkrone genau ansieht, nimmt man drinnen eine Blume mit sieben Blütenblättern wahr.

Mit den sieben Kreuzesworten ausgestattet ergibt sich eine besondere Wegweisung: jenes Menschsein in aller Niedrigkeit und Schwäche hat einen  göttlichen Habitus: dieses eigen-artige "ganz Mensch" und doch zugleich etwas darüber hinaus!

Ja, er hielt seine göttliche Gestalt nicht wie einen Raub fest, sondern nahm Knechtsgestalt an, durch und durch ein  Mensch!  Sogar mit sieben Siegeln, Belegen, Zeichen, - ja, wenn man so will - Beweisen dieser Menschlichkeit: "Vater vergib ihnen...", morgen im  Paradies, die neue Gemeinschaft (Dein Sohn - deine Mutter), aber auch die Klagen aus Ps 22: "Mein Gott, mein Gott...", "Mich dürstet", "Es ist vollbracht" und "In Deine Hände..."      -       Da wird deutlich: Gott und Mensch in Einem!     Wahrlich: Dieser ist Gottes Sohn gewesen!        

Das andere besondere Bild enthält ebenfalls die Dornenkrone - angebracht über einer aufgeschlagenen Bibel. Und nun fällt der Schatten dieser Krone gerade so auf das aufgeschlagene Buch, dass der Schatten in Herzform erscheint: Zeichen der Liebe, die in unseren Liedern und Bibelworten eine so besondere Rolle spielt:  im Wochenspruch "Also hat Gott die Welt geliebt...", im Lied: "o große Lieb, o Liebe ohne Maßen..." - ja in vielen Variationen.           Unser Herr Jesus Christus ist den Weg für uns vorausgegangen: in den Tod und durch den Tod ins wahre Leben. Schmerzen und Qualen begleiten ihn auf diesem Weg. Sie spiegeln sich wider in den Worten Jesu am Kreuz. Sieben sollen es gewesen sein, wenn man sie aus allen Evangelien zusammen nimmt. Bei Johannes sind es drei. Man hat allen diesen Worten eine besondere Bedeutung beigelegt: Ausdruck seiner Menschlichkeit und Gottebenbildlichkeit zugleich, wie etwa das Vermächtnis sogar  noch am Kreuz in Todesnähe, die Stiftung neuer Gemeinschaft:   Frau, das ist dein Sohn! - Siehe, das ist deine Mutter!    -   Und dann doch: Qual der Schmerzen und Todesangst:  Mich dürstet! Ja, da stirbt ein Mensch in seelischen und körperlichen Qualen! - Und schließlich: "Es ist vollbracht!" - Ja, er stirbt "richtig", nicht nur zum Schein:  ... und neigte sein Haupt und verschied.

 


(Dieser Teil nur in der Lohner Kirche:)

Wir haben eben das Evangelium des Tages, das Geschehen auf Golgatha nach Johannes gehört, wir haben es vor Augen in unseren Vorstellungen - wir haben es hier in der Kirche in den vielen Kreuzen vor Augen - ich bin auf die Zahl 12 gekommen, wenn man die Kreuze , die als Halter der Wandlampen fungieren, mitzählt.
Wir sehen: Das obligatorische Kreuz auf dem Altar, das Kreuz in der  Grabesnische, das Kreuz mit Corpus vom Künstler Viegener in der Nähe der Eingangstür. Kreuze finden wir auch in den Fenstern dieser Kirche.  Es sind Zeichen des Todes - aber auch Zeichen des christlichen Glaubens in dieser Welt und für diese Welt - Bekenntniszeichen, Zeichen des Heils, nicht nur des Todes auf Golgatha, vielmehr als Siegeszeichen zu verstehen: In Christus wird der Tod ein für alle Mal besiegt. Wir leiden unter dem Tod, wie wir es gerade wieder so schrecklich erlebt haben. Aber am Ende sehen wir in jedem Kreuz nicht nur den Tod, sondern auch den Weg zu Gott.

(Dieser Teil nur in der Bad Sassendorfer Kirche:)

Wir haben eben das Evangelium nach Johannes gehört: das Geschehen auf Golgatha. Wir haben es hier in der Kirche im Altarbild vor Augen: Kreuzigung und Tod unseres Herrn Jesus Christus. Da sind die Mitgekreuzigten, Verbrecher, die nach dem Gesetz damals den Tod verdient hatten, der eine in Reue, der andere im Spott.   -    Die Kriegsknechte würfeln um die Habseligkeiten, einige Zuschauer stehen abseits, die nächsten Betroffenen stehen unter dem Kreuz - unter ihnen auch Conrad Draudius als später Gast aus dem 17. Jahrhundert.  -  Wie auch immer - sie sind in Trauer vereint neben den Schaulustigen und Spöttern, den Soldaten, die ihren Dienst tun. Insgesamt ein Bild der Schmerzen und des Sterbens - draußen vor der Stadt auf der Schädelstätte. Eigenartig: noch im letzten Akt die wegweisenden Worte an die Mutter und den Lieblingsjünger Johannes. Und dann das Ende: Mich dürstet! Und schließlich: Es ist vollbracht!

 (Gemeinsamer Schluss:)
Am Ende bleibt die Liebe! Ja, immer und überall. Nichts ist größer: Gott selbst ist diese Liebe über alles, unter allem und in allem und in Ewigkeit. Amen.