Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Psalm 23

Christian Fleischer

25.04.2004 in der St.-Marien-Kirche zu Pirna

Rundfunkgottesdienst

Liebe Gemeinde hier in Pirna, liebe Hörerinnen und Hörer.

Der Psalm 23 ist ein Glaubensbekenntnis eines Menschen vor vielen Jahren im alten Israel. Ein Bekenntnis, das ein tiefes Vertrauen zu Gott zum Ausdruck bringt. Ich kenne diesen Menschen nicht persönlich. Vielleicht war es ein Viehhirte, denn er verwendet für seine Vertrauensworte die Bilder, die ihm vertraut sind. Und obwohl ich diesen Menschen nicht kenne, erfahre ich eine ganze Menge aus seinem Leben und davon, was sein Leben im Innersten zusammenhält.
Was bringt diesen Menschen dazu, den anderen so viel zu erzählen? Das Herz ist ihm so davon voll, er muss es einfach weitergeben. Und dabei hat er die feste Hoffnung, dass er keinen Mangel leiden wird. Jemand ist für ihn da, der ihn durchs Leben führt, der für ihn sorgt, der ihm sagt, wo es lang geht, der ich im Unglück bewahrt.
Erleben was das heute noch: Menschen, die uns solche Sätze erzählen? Ich denke, eher selten. Vielleicht müssten wir ja wieder lernen zu buchstabieren, was unser Leben im Innersten zusammenhält. Ich möchte ein wenig versuchen zu buchstabieren.

Er weidet mich auf einer grünen Aue. Er führet mich zum frischen Wasser.

Gott sorgt fürs leibliche Wohl. Ich brauche nicht zu hungern. Essen und Trinken reichen aus für mein Leben. Und Gott sorgt dabei für das rechte Maß. Ich muss nicht gedankenlos futtern, was mein Bauch fasst. Ich kann auch die Unruhe wach halten in mir über zu viel Hunger in dieser Welt und zu viel Überfluss. An meinem Umgang mit Essen und Trinken zeige ich, wes Geistes Kind ich bin. Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen. Jawohl. Aber das reicht noch nicht.

Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.

Gott sorgt auch fürs seelische Wohl. Es geht mir gut, wenn ich weiß, wo es im Leben lang geht. Dabei könnte ich die 10 Gebote als Angebote und damit als etwas Erquickendes ansehen:
Du kannst Gott alles anvertrauen, schütte ihm dein Herz aus.
Du hast einen freien Tag in der Woche, deck ihn nicht mit Arbeit zu.
Du kannst leben inmitten von Leben, das auch leben will, freu dich daran.
Du besitzt etwas, womit du anderen eine Freude bereiten kannst.
Du hast einen guten Ruf und musst ihn nicht größer machen, indem du andere erniedrigst.
Die Angebote Gottes sind ein Geschenk für meine Seele und ich sollte dieses Geschenk nicht einfach in den Müll werfen oder unbeachtet liegen lassen.

Liebe Gemeinde, liebe Hörerinnen und Hörer, spätestens jetzt würde Sie wohl gern einmal dem unbekannten Bekenner sagen, dass er ja gut reden hat. Wer an allen Ecken und Enden bewahrt wird und nichts Schlimmes zu erleben braucht, genug zu essen und zu trinken hat und immer weiß, wo es lang geht, der kann doch gar nicht mitreden, wenn es darum geht, die nackte Existenz zu sichern, nicht betrogen zu werden, nicht ein noch aus zu wissen und an allem zweifeln zu müssen, Schmerzen ertragen zu müssen.
Doch das kennt er offenbar auch.

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir. Dein Stecken und Stab trösten mich.

Sein Leben ist also nicht immer ein gerader Weg auf sonnigen Hügeln. Das Unglück hat auch ihn ereilt, und sein Weg führt durch manches dunkle Tal. Vielleicht hat ihn seine Frau verlassen, ein Kind ist auf die schiefe Bahn geraten, seinen Arbeitsplatz hat er verloren, eine heimtückische Krankheit schwächt seinen Körper. Er kennt das Gefühl, als ob das Leben an einem vorüber ginge. Aber er fürchtet kein Unglück mehr, denn er hat ja jemanden an seiner Seite. Und er erkennt Gott darin. Mit Stecken und Stab wird er getröstet. Er klagt Gott sein Leid. Er hat also ein Ohr gefunden, in das er klagen kann. Und er sieht einen Stecken vor sich, mit dem das Dickicht vor ihm auseinander gedrückt wird, so dass er wieder hindurch kommt. So kann der Beter wieder einen Weg sehen.

Und noch mehr:

Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.

Nicht nur vor sich sah er einen Dschungel voller Probleme, sondern auch hinter ihm saßen die Feinde im Nacken. Er flüchtet sich ins Tempelasyl. Während er vom Opfermahl isst und trinkt, spürt er die Fürsorge Gottes.
Also, ich muss nicht flüchten vor Menschen, die mich verfolgen. Ich kann mich jeden Tag an einem gedeckten Tische setzen. Ich habe ein Dach über dem Kopf. Ich muss nicht nackt herumlaufen. Ich kann mir auch noch eine Urlaubsreise leisten. Wo sind da die Feinde? Es sind nicht die Menschen, die mir das alles etwas nicht gönnen. Es sind meine eigenen oder auch fremde Gedanken, die mir einreden: „Das ist alles noch nicht genug. Du brauchst noch mehr und besseres Essen, eine gesünderen Ernährung, eine komfortablere Wohnung, extravagante Kleidung und den ultimativen Abenteuertrip. Du musst dir mehr leisten können als dein Nachbar.“
Wenn wir doch die Güter dieser Erde besser verteilen könnten. Es gibt für alles genug. Wir hätten dann keine Wirtschaftsflüchtlinge mehr, wir bräuchten keine Abschiebehaft und kein Kirchenasyl. Und wir müssten nicht Unsummen von Geld für den Kampf gegen den Feind Terrorismus oder gegen den Feind Übergewicht ausgeben.

Schließlich blickt der Beter noch in die Zukunft.

Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.

Hinter sich muss er nun nicht mehr Feinde befürchten, sondern wenn er sich umblickt, sieht er Gutes und Barmherzigkeit, Güte und Erbarmen. Da möchte er am liebsten immer im Tempel bleiben, gewissermaßen als Angestellter. Und das alles vor dem Hintergrund, dass Güte und Erbarmen ja nicht selbstverständlich zu haben sind. Er hat nun seinen Raum gefunden, in dem gelingendes Leben kein Fremdwort ist.

Bietet meine Kirche, meine Gemeinde, meine Umgebung solch einen Raum? Wir haben ja hier in Pirna einen großartigen Raum, in dem wir die Worte vom gelingenden Leben seit vielen Generationen hören. Und Sie, die Hörerinnen und Hörer kennen sicher auch solche Räume in Ihrer Nähe. Suchen Sie sie auf, wenn Sie können.
Erinnern Sie sich ans Lebenswasser aus dem Taufbecken.
Erinnern Sie sich an die Angebote Gottes vorm Konfirmationsaltar.
Erinnern Sie sich an Ihr Versprechen, mit einem Menschen durch gute und böse Tage zu gehen, vor dem Traualtar.
Erinnern Sie sich and die Gemeinschaft mit Gott und den Menschen am Abendmahlstisch.
Und entdecken Sie das gute Wort für Ihr Leben von Kanzel und Lesepult.
Entdecken Sie all das in Ihrer Wohnung, in Ihrem Krankenbett.
Buchstabieren Sie mit – die Worte vom gelingenden Leben im Kreis der Gemeinde, im Kreis den Krankenzimmers, im Kreis der Familie und in all den Stationen Ihres Arbeits- oder Arbeitslosenlebens. Gutes und Barmherzigkeit werden Sie dabei begleiten.

Amen.