Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Psalm 23

Pastorin Susanne Schart

03.07.2003 in der Auferstehungskirche Bergkamen-Weddinghofen

Für den Gottesdienst zur Kreissynode zum Thema „Christliche Erziehung und Traditionsabbruch“

Für den Gottesdienst zur Kreissynode zum Thema „Christliche Erziehung und Traditionsabbruch“

Gemeindelied1:
Der Herr ist mein Hirte. Halleluja. Es wird mir nichts fehlen. Halleluja.
Er führt mich zur Weide. Halleluja. Und zum frischen Wasser. Halleluja.
Und ob ich schon wanderte in finsterem Tal, fürcht` ich doch kein Unglück. Halleluja.
Denn du bist bei mir. Halleluja. Dein Stab stützt und tröstet mich. Halleluja.
Ich fürcht` keine Feinde. Halleluja. Denn du hilfst mir siegen. Halleluja.
Gutes und Barmherzigkeit. Halleluja. Die werden mir folgen. Halleluja.
Und so wird` ich bleiben bei dir allezeit. In Jesu Namen, in Ewigkeit!

Der Herr ist mein Hirte. Okay. Soweit alles easy, Alter!
Doch jetzt stellen wir uns den Prototyp eines Jugendlichen vor, der nach den Ferien den Konfirmandenunterricht besuchen ... tja, will, weil die Geschenke locken? Oder muß, weil die Familie es erwartet? Egal. Sicher ist nur, er wird den KU besuchen - wenn auch nur, weil es eben alle machen; weil es schon immer so war; weil das halt dazu gehört. Basta. (Es sage noch mal einer, Jugendliche hätten keinen Sinn für Tradition.) Stellen wir ihn uns also vor, unseren Konfi: Sagen wir 12 Jahre alt, ausgelatschte Jeans, Schlabber-T-Shirt, Turnschuhe mit offenen Schnürsenkeln und Baseballkappe (wahlweise auch Pudelmütze). Er ist Einzelkind. Und Städter! (Nicht daß Hemmerde und Bausenhagen2 jetzt glauben, sie könnten sich entspannt zurücklehnen ... Denn alles hat seine Zeit, bis es auch die Dörfer erreichen wird.) Jetzt muß das Kind nur noch einen Namen haben; und der Einfachheit halber nennen wir unseren Konfi in spe – na sagen wir mal ... Dennis (Natürlich wäre auch Kevin möglich.) So. Fertig!
Jetzt zu seiner Herkunft.
Dennis` Eltern haben keine religiös-kirchliche Anbindung: Sie gehören eher zu den „treuen Kirchenfernen“. Doch sie sind kirchlich getraut, denn mindestens einmal im Leben in einem schneeweißen Brautkleid mit Ave Maria und Blumenkindern ... das ist schon eine echte Linda de Mol wert. Sechs (!) Monate später standen die nun frischgebackenen Eltern mit besagtem Söhnchen auf dem Arm vor der Kirchentür und wünschten die Taufe. Dieses Begehren war nicht zuletzt dem Drängen der frommen Oma zu verdanken, aber das muß man dem Pfarrer ja nicht unbedingt auf die Nase binden; der merkt es sowieso nicht. Gottesleute sind doch irgendwie nicht von dieser Welt. Nun gut. Der zuständige Kollege, dem das weiße Brautkleid gleich auf den ersten Blick etwas zu eng und unpassend vorkam, war nicht wirklich überrascht und erledigte, ohne indiskret zu werden, seine Aufgabe. Er taufte Dennis im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes; wohl wissend, daß er das neue Mitglied der Gemeinde Jesu Christi frühestens in 12 Jahren zum KU wieder sehen wird, um ihn dann endgültig aus der Kirche zu konfirmieren. Nicht, daß der Kollege jegliche Hoffnung verloren hätte, den kleinen Christen, der ja nun ein vollwertiges Mitglied der Communio Sanctorum war, nicht doch noch vorher in der Kinderkirche zu treffen ... na, aber nach 20 Dienstjahren kannte er seine Schäfchen nur zu gut.

Wie im Flug vergingen die Jahre und aus dem Täufling von einst ist ein aufgeweckter 12jähriger geworden; unser Dennis eben. Völlig normal aufgewachsen, widmet er sein Leben - wie die meisten Jugendlichen seiner Zeit - einem großen Hobby, einer echten Leidenschaft. Nein, es ist weder die Schule noch die Gruppe der Jungschar. Es ist - neben dem obligatorischen Skateboard fahren - der geliebte Computer. In der Welt von Bits und Bytes, von Computerspielen und Netzwerkparties fühlt sich Dennis zu Hause. Dort kennt er sich aus wie in seiner Westentasche, wenn er denn eine hätte. Bisher war die Welt noch in Ordnung. Alles war so sicher und vertraut. Doch nun - im Rahmen des KU - kommt unser Dennis mit Baseballkappe auf dem Kopf zum ersten Mal - Entschuldigung, die Taufe mitgezählt - zum zweiten Mal in seinem Leben in eine Kirche. Einen Chatroom kennt er, logo; aber einen Churchroom ..? Während er also im sonntäglichen Gottesdienst in der Bank sitzt, hört er den Pfarrer die Worte sprechen, die uns allen so wohlvertraut klingen und die viele von uns in Dennis` Alter schon längst auswendig konnten: Der Herr ist mein Hirte.
Weiter hört Dennis schon gar nicht mehr zu, denn der erste Gedanke, der ihm spontan in den Sinn kommt, gilt „dem Herrn“. Er überlegt: Ist dieser Herr der Pfarrer oder um welchen Mann handelt es sich hier?
Dennis ist ein aufgewecktes Kerlchen und seine Neugierde ist sofort geweckt. Dennis kombiniert blitzschnell: „Der Herr ist mein Hirte“, sagt der Pfarrer. Folglich ist der Pfarrer nicht der erwähnte Herr, denn dann würde er doch sagen: ich bin mein Hirte. Das aber ist Quatsch. Wer ist schon sein eigener Hirte? Das heißt: Es handelt sich also um einen unbekannten Herrn, der der Hirte des Pfarrers ist. Jau! So muß es sein. Soweit ist die Sache ganz klar! Aber das hilft Dennis nicht wirklich weiter, denn neue Fragen drängen sich auf. Wenn der Pfarrer einen Hirten hat, besitzen dann etwa alle anderen hier in den Bänken auch einen. Wäre es sogar möglich, daß er - Dennis - auch einen hat, ohne es überhaupt zu wissen? Und wenn er einen hat, wie soll er ihn erkennen, denn - und das ist Dennis` eigentliche Frage: Was ist ein Hirte?

Lied: Der Herr ist mein Hirte. Halleluja. Es wird mir nichts fehlen. Halleluja.3

Unsinn?, denken sie, liebe Gemeinde. Dennis wird doch wohl wissen, was ein Hirte ist. ... Da bin ich mir nicht so sicher, denn er lebt in einer Großstadt und gehört zu der Generation, für die Kühe inzwischen lila sind und die Milch aus Tettrapacks kommt. Gut, ich gebe zu, vielleicht hat Dennis schon mal von einem Hirten gehört; zumindest kennt er den Hirtensalat, den seine Eltern beim Griechen um die Ecke kaufen. Aber ... was macht ein Hirte den ganzen Tag? Wo und wie arbeitet er überhaupt? Was ist der Unterschied zwischen einer Heidschnucke und einem Schwarzkopfschaf? Und können vielleicht auch Konfis so was werden? All das weiß Dennis nicht, und vom Urlaub auf dem ländlichen Bauernhof hat er noch nie etwas gehört. Zwar kennt er die Pauschalurlaube all inclusive in den Touri-Hochburgen von Malle und Dom Rep, aber in diese Luxushotels hat sich noch kein Hirte verirrt. Und wenn ... wollte man ihn dort wohl auch nicht haben!
Wir stehen also vor dem Problem oder besser gesagt: vor der Herausforderung (!), dem getauften Christen zu erklären, was er eigentlich längst wissen und erfahren haben sollte, aber nun eben absolut nicht weiß: Was ist ein Hirte und was bedeutet es eigentlich, wenn wir ganz selbstverständlich diese jahrtausende alten Psalmworte beten: der Herr ist mein Hirte.
Dennis zu erklären, daß Gott der besagte Herr ist, wird dabei noch eine der kleineren Aufgaben sein. Doch die Frage nach dem Hirten macht mir Kopfzerbrechen; ganz zu schweigen von den grünen Auen, dem Stecken und der mir folgenden Barmherzigkeit. Natürlich, sie haben recht, liebe Gemeinde, dafür ist doch die Sache mit dem Öl gesalbten Haupt bei den gegelten Kurzhaarfrisuren eine Kleinigkeit. Ja. Aber erklären sie mal den „Hirten“? Was bedeutet er für sie? -
„Ein Hüter von Haustieren beim Weidegang“ - wie es ein modernes Lexikon definiert - reicht zum tieferen Verständnis von Psalm 23 wohl nicht aus, denn die Sache mit dem Hirten ist letztlich eine ganz persönliche Glaubensfrage.
Mit diesem vertrauten und doch zugleich fremden Bild des Hirten, das wir ganz selbstverständlich aus der jüdischen Tradition für unseren christlichen Glauben und Gottesdienst übernommen haben, verbinden wir Sicherheit vor den Gefahren auf der Wanderschaft des Lebens. Gott als Hüter bietet Orientierung und Fürsorge, denn Er weist den Weg zu den guten Weideplätzen unseres Lebens und führt uns, sofern wir Ihm folgen wollen, dorthin. Das Wohl Seiner Herde liegt Ihm am Herzen, deshalb können wir Ihm blind vertrauen. Dieses Bild des Hirten, das noch für die Menschen des Alten Testaments selbstverständlich zu ihrem Alltag gehörte, ist in Psalm 23 mit dem „Gott Israels“ verbunden. Im Neuen Testament wird diese alttestamentliche Tradition christlich umgedeutet: Der gute Hirte, der sein Leben für die Schafe läßt, heißt nun Jesus von Nazareth. Das alte Hirtenbild wird durch den Evangelisten Johannes aufgenommen und weiter entwickelt, denn dort bietet Jesus als Hirte seinen Jüngern und Jüngerinnen Lebensorientierung, sofern sie ihm und seinem Weg folgen wollen. Auch wenn sich religiöse Bilder im Laufe von Generation zu Generation wandeln, so hat ihr eigentlicher Kern doch Bestand, denn der Hirte mit seinem Stab behütet unser Leben und verspricht den Mühseligen und Beladenen Geborgenheit und Schutz.
Wenn ich also bete: Der Herr ist mein Hirte, dann bekenne ich: Gott ist der Herr, dem ich vertraue. Denn ich traue Ihm zu, daß Er mich auf rechter Straße führen wird - ein Leben lang.
Nach diesem Vertrauen in Freud´ und Leid sehnen nicht nur wir Erwachsenen uns, sondern - und darauf wette ich - auch Dennis. Natürlich würde er das nie offen zugeben, denn das wäre schließlich das Mega-Uncoolste von der Welt. Aber ich denke, gerade er braucht den Hirten bzw. einen Grund, der ihn hält. Die Herde bzw. eine Gemeinschaft, die ihn erfahren läßt: du gehörst zu uns; du und in Gottes Namen auch deine Baseballkappe. Und er braucht Vertrauen bzw. einen Glauben, der ihn durch sein Leben trägt.
Doch glauben kann Dennis nur, wenn er ihn selbst erfährt und in der Gemeinschaft erlebt. Denn er lebt von den Menschen, die von ihrem eigenen Glauben an diesen Hirten erzählen; ihn offen bekennen und für andere erfahrbar machen. Männer und Frauen wie wir, die all das, worauf sie selber tief in ihrem Herzen vertrauen, lebendig und verständlich an Kinder und Jugendliche weitergeben. Wer selbst begeistert ist, will andere begeistern. Wer leidenschaftlich glaubt, will weitergeben, was er so sehr liebt. Dennis und seine Freunde werden - und damit sind sie, wenn wir ehrlich sind, letztlich nicht anders als wir alle vorher auch. Sie werden nur das für ihr Leben annehmen, was für sie wirklich wichtig ist und was sie glaubhaft überzeugt.
Unser lebendiger und gelebter Glaube wird dabei helfen, Menschen wieder für den Glauben an Gott zu begeistern. An Gott, der unser Hirte sein will und der uns verspricht: Ich bin bei euch! - auf der grünen Aue und im finsteren Tal. Fürchtet euch nicht vor euren Feinden. Sie werden euch nicht (ver-)folgen, sondern Gutes und Barmherzigkeit. Mein Tisch ist für euch gedeckt, in meinem Haus - immerdar. Fürchte dich nicht. Ich bin bei dir - ein Leben lang!
Diese Botschaft ist es wert, weitergegeben zu werden. Denn Menschen wie Dennis oder Kevin, Marcel und Jacqueline sollten erfahren dürfen, daß der Hirte auch für sie Leben in Fülle bereithält. Wenn sie darauf vertrauen: Der Herr ist mein Hirte.
(Pause)

Natürlich - ich muß ihnen recht geben, liebe Gemeinde - mal wieder leichter gesagt als getan. Aber Jammern ist auch keine Alternative. Wie kann man bloß einem 12jährigen, Computer begeisterten Jungendlichen erklären, daß Gott der Herr ist, der sich auch um ihn sorgt und ihn beschützt? Wie denkt eigentlich so ein Computerfreak ... mit Bits und Bytes, Dateien und Software? Welchen Code spricht er? ... Vielleicht sollten wir eine neue Form, eine neue Formulierung wagen - sozusagen: die alte Botschaft in neuem Gewand. Der alte Hirte in neuem Outfit. Wie wär`s mit einem sprachlichen Update von Psalm 23, damit die frohe Botschaft des Hirten auch für zukünftige Generationen gespeichert bleibt.
Ich gebe es zu: vielleicht ein ungewohnt gewagter Versuch, aber ... nur wer wagt, wird Menschen und gerade Jugendliche gewinnen.

Der Herr ist mein Programmierer; ich werde nicht abstürzen.
Er hat eine Software auf die Festplatte meines Herzens installiert.
All Seine Befehle sind benutzerfreundlich.
Seine Hinweise lassen mich die richtige Wahl treffen.
Auch wenn mein Leben nicht frei von Viren ist, fürchte ich keinen Absturz,
denn Du bist meine Absicherung,
Dein Paßwort beschützt mich Tag und Nacht.
Du läßt mich frei wählen.
Du gewährst mir Hilfe auf Tastendruck und Dein Service ist kostenlos.
Updates und Mails sind für mich auf einer Datei gespeichert mein Leben lang,
und mein Ordner wird eingebettet bleiben in Seinen, gesichert immerdar.

Amen.

Lied: Der Herr ist mein Hirte. Halleluja. Es wird mir nichts fehlen. Halleluja.4

 

1 Text: nach Psalm 23 von M. Geiger; Melodie: I. Kindt; Rechte im J.F. Steinkopf Verlag, Stuttgart.
2 Hemmerde und Bausenhagen sind ländliche Dorfgemeinden im Kirchenkreis Unna.
3 Als Predigteinschub wurde nur die 1. Strophe des vorherigen Gemeindeliedes von einer Kinderstimme solo gesungen.
4 Als Predigtabschluß wurde nur die 1. Strophe des vorherigen Gemeindeliedes gesungen: erst solo von der Kinderstimme, dann vom ganzen Kinderchor, dann mit der Gemeinde, dann im Glockenkanon.<//font>