Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Psalm 23

Ralf Friedrich (ev.-luth.)

22.04.2012 in Neunkirchen/Odenwald

Wo ist der gute Hirte heute

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!

Amen

Liebe Gemeinde,

Die Flucht

Eine Geschichte, wie sich leider 1000de Male ereignet hatte. Eine Frau, nennen wir sie Anna, lebte als Teenager in Ostpreußen. An einem Tag im Januar 1945 marschierten durch ihr Dorf die KZ-Häftlinge von Auschwitz. Das Konzentrationslager lag nur ca. 40km von ihrem Dorf in Ostpreußen entfernt. Auf dem Weg zur Kirche lagen überall tote Häftlinge; als sie aus der Kirche rauskam, waren nur noch die Blutflecke im Schnee sichtbar. Die Leichen wurden in einem Massengrab auf dem Friedhof verscharrt. Kurz danach begann ihre Flucht, die sie nach Eppertshausen führte, wo sie heute noch lebt. Ich habe diese Geschichte gehört während eines ökumenischen Friedensgebetes vor ca. 1,5 Jahren. Mich hat diese Geschichte emotional stark mitgenommen und ich fragte mich: Wo war Gott, der Hirte in diesem Moment?

Unser heutiger Predigttext ist der Psalm 23. Ich lese die Übersetzung nach Luther:

Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. 2 Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.

3 Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.

4 Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.

5 Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.

6 Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.

Der gute Hirte war sicher auf der Flucht bei ihr und die Flucht war sicher wie eine Reise durch ein finsteres Tal.

Gegessen wurde sicher auch im Angesicht der Feinde während der Flucht und anschließend fand sie Barmherzigkeit in ihrer neuen Heimat.

Die Krankheit

Ein Freund von mir erzählte mir von seiner Mutter. Seine Mutter war todkrank. Sie hatte Krebs im fortgeschrittenen Stadium an vielen Organen. Die Ärzte hatten sie bereits aufgegeben. Nur, sie selbst hatte sich nicht aufgegeben und sicher auch der gute Hirte nicht.

Nach der Diagnose hat sie ihr Leben von Grund auf geändert. Ihre alten Gewohnheiten abgelegt und sich an den Glauben ihrer Kindheit und ihrer Jugend zurückerinnert. „Auf einmal ging sie regelmäßig in die Kirche.“ sagte mein Freund. „Wir waren alle sehr überrascht und ziemlich irritiert.“

Nach 6 Monaten lebte sie immer noch und nach 2 Jahren galt sie medizinisch als geheilt. Ohne Operationen und ohne Chemotherapie und ohne Strahlentherapie. Sie gilt als spontan geheilte Patientin. Die Ärzte haben dafür keine Erklärung und sie interessiert sich auch nicht dafür. „Sie deutet die Krankheit heute als Erweckungserlebnis.“ erklärt mir mein Freund und er kann es selbst nicht begreifen. Ob es ein Erweckungserlebnis war oder nicht ist für mich bedeutungslos. Sie lebt, obwohl sie hätte sterben müssen und ich glaube daran, dass der gute Hirte hier mit am wirken war.

Das finstere Tal war die eigene schwere Krankheit und das Fremde im eigenen Körper war der Feind. Trost durch den Stecken und Stab des guten Hirten. Eine Geschichte, die ich selbst kaum glauben kann.

Der Psalm 23 kann sehr verschiedene Formen im Leben eines Menschen annehmen.

Ich lese den Psalm 23 nach der Bibelübersetzung Neues Leben:

1Der Herr ist mein Hirte, ich habe alles, was ich brauche.

2Er lässt mich in grünen Tälern ausruhen, er führt mich zum frischen Wasser.

3Er gibt mir Kraft. Er zeigt mir den richtigen Weg um seines Namens willen.

4Auch wenn ich durch das dunkle Tal des Todes gehe, fürchte ich mich nicht, denn du bist an meiner Seite. Dein Stecken und Stab schützen und trösten mich.

5Du deckst mir einen Tisch vor den Augen meiner Feinde. Du nimmst mich als Gast auf und salbst mein Haupt mit Öl. Du überschüttest mich mit Segen.

6Deine Güte und Gnade begleiten mich alle Tage meines Lebens, und ich werde für immer im Hause des Herrn wohnen.

Im Hier-und-Jetzt

Jetzt haben wir von einer Flucht gehört, wir haben von einer Heilung gehört, doch was bedeutet der Pslam 23 für uns im hier-und-jetzt? Was bedeutet der Psalm 23 für mich persönlich?

Als Antwort möchte ich Sie in zu einer leichten Meditation nach den Perlen des Glaubens einladen.

Die Perlen des Glaubens sind eine evangelische Gebetskette der schwedischen Kirche, die unsere Gedanken in verschiedene Richtungen führen wird.

Ich werde die Meditation mit einer kurzen Entspannungsübung beginnen.

Nehmen Sie die Kirchenbank war, die Sie sicher trägt und folgen Sie meiner Stimme oder gehen Sie Ihren eigenen Gedanken nach. Wenn Sie wollen dann können sich Ihre Augen am Kreuz ausruhen oder sich auf die Perle fixieren oder schließen Sie einfach Ihre Augen. Achten Sie auf Ihre Atmung. Einatmen und ganz leicht ausatmen. Spüren Sie, wie Sie immer mehr in Ihrem Innern ankommen und ganz entspannt und wach sind. Und wenn Sie wollen, dann können Sie sich jederzeit noch bequemer hinsetzen und so noch entspannter werden. Geräusche von außen und im Kirchenraum helfen Ihnen sich noch besser der Meditation zu folgen.

Die Gottesperle: Herr Jesus Christus, du sagst: „Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben“. Du bist unser guter Hirte, du führst uns auf deinen Wegen. Dafür danken wir dir.

Der Herr ist mein Hirte - Stille

Die Ich-Perle: um seines Namens willen bin ich bei ihm. Ich gehöre mit meinem Leib und Seele zu ihm. Wer bin ich, dass ich es verdiene, dass du mein Hirte bist?

Die Tauf-Perle: Du salbest mein Haupt. Wie ist es für mich dem guten Hirten zu vertrauen?

Der Herr ist mein Hirte - Stille

Die Wüstenperle: Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen. Wie fühlt es sich an, wenn der gute Hirte mich in die Wüste führt? Was will mir mein guter Hirte mir damit lehren? Wo ist der Hirte in meiner Wüstenzeit?

Der Herr ist mein Hirte – Stille

Die Perle der Gelassenheit: Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. Du spürst, wie warmes Öl an deinem Körper herunterläuft. Du siehst das volle Glas deines Lieblingsgetränks auf einem Tisch stehen. Wie fühlt es sich an, vom guten Hirten entspannt zu werden?

Der Herr ist mein Hirte – Stille

Die erste Perle der Liebe: Du bereitest mir einen Tisch. Du siehst alle Gaben auf diesem Tisch. Zeichen der Liebe des Hirten. Welche Gaben zeigen dir besonders die Liebe des Hirten?

Die zweite Perle der Liebe: Ich nehme diese Gaben der Liebe an. Wie ist es die Liebe des Hirten anzunehmen? Was verändert sich bei mir, wenn ich die Liebe erwidere?

Die erste Geheimnis-Perle: Er erquicket meine Seele. Der gute Hirte schafft es immer wieder meine Seele geheimnisvoll zu erquicken. Wie fühlt es sich an, eine erquickende Seele zu haben?

Die zweite Geheimnis-Perle: Du salbest mein Haupt und du schenkest mir voll an. Wenn ich mich abwende bleibst du in deiner Treue bei mir und holst mich immer wieder zu dir zurück. Wie wirkst du heute, dass ich immer wieder zu dir zurückfinde?

Die dritte Geheimnis-Perle: Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang. Wie kann ich das Gute und Barmherzige in den verschiedenen Erlebnissen meines Lebens spüren?

Die Perle der Nacht: Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück. Wo ist mein Hirte in Zeiten der Todesangst? Wo ist mein Hirte in Zeiten der Verzweifelung?

Der Herr ist mein Hirte – Stille

Die Perle der Auferstehung: denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. Wie führst du mich immer wieder ins volle Leben zurück?

Der Herr ist mein Hirte – Stille

Die Gottesperle: und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar. Die Gewissheit, dass der gute Hirte in jeder Lebenslage bei mir ist macht mich dankbar und zuversichtlich. Wie ist mein Leben mit Jesus Christus als Hirten?

Und so lade ich Sie ein, nehmen Sie Ihre Atmung wieder bewusst wahr, einatmen und ausatmen. Kommen Sie zurück in diese wunderschöne Kirche, öffnen Sie Ihre Augen falls sie geschlossen waren und seien Sie wieder ganz fit und wach.

Ich lese zum Abschluss den Psalm 23 aus der Elberfelder Bibel:

1Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.

2Er lagert mich auf grünen Auen, er führt mich zu stillen Wassern.

3Er erquickt meine Seele. Er leitet mich in Pfaden der Gerechtigkeit um seines Namens willen.

4Auch wenn ich wandere im Tal des Todesschattens, fürchte ich kein Unheil, denn du bist bei mir; dein Stecken und dein Stab, sie trösten mich.

5Du bereitest vor mir einen Tisch angesichts meiner Feinde; du hast mein Haupt mit Öl gesalbt, mein Becher fließt über.

6Nur Güte und Gnade werden mir folgen alle Tage meines Lebens; und ich kehre zurück ins Haus des HERRN lebenslang.

Der Psalm 23 ist ein Psalm für jede und jeden von uns und in allen Lebenslagen. Eine Blaupause für unser Leben mit Jesus Christus als guten Hirten, der an uns glaubt und uns Vertrauen schenkt alle Stromschnellen des Lebens zu überstehen und uns auch die Erholungspausen zusteht, die wir für unser erfülltes Leben brauche.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen