Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

Druckversion der Seite: Darstellung Einzelpredigt

Predigt über Psalm 31

Klaus Becker

30.11.2002 in Paderborn

Welt-AIDS-Tag

"Ich lasse dich leben, wie du bist!"

Liebe Gemeinde!

"Ich lasse dich leben, wie du bist!" - so lautet - in Anlehnung an das internationale Motto des diesjährigen Welt-AIDS-Tages "Leben und leben lassen" - das Thema unseres Gottesdienstes. "Ich lasse dich leben, wie du bist!" - für mich greift ein Satz des eben gesprochenen Psalms 31 diese Aussage auf - wohl anders formuliert, aber dennoch in dieselbe Richtung zielend - nämlich: "Du stellst meine Füße auf weiten Raum".

Liebe Gemeinde,

dieses Psalmwort - "Du stellst meine Füße auf weiten Raum" - ist der Kern und Ausdruck jüdischer Befreiungstheologie. So wird Israel u.a. durch Gott aus der Sklaverei Ägyptens befreit, denn Gott ist der, der hinausführt in die Weite. Durch Jesus sind Befreiungsgeschichten wie die des Volkes Israel auch zu Befreiungsgeschichten der Völker geworden - wie die Befreiung aus der modernen Sklaverei vor 200 Jahren in den USA. Fortgesetzt durch die Bürgerrechtsbewegungen des letzten Jahrhunderts. Bis hin zum Kampf gegen Apartheid im Südlichen Afrika in den letzten Jahrzehnten.

Aber auch: Befreiung von der Ausbeutung der Arbeiter und der Armen durch die Reichen und Mächtigen dieser Erde. Befreiung der Menschen mit Behinderungen aus der Sklaverei wohlmeinenden Mitleids in den weiten Raum selbstbestimmten Lebens. Befreiung der Frauen aus der Bevormundung der Männer und aus männlich dominierten Strukturen zu Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein.

In diesem Zusammenhang möchte ich auch das seit letztem Jahr bestehende neue Lebenspartnerschaftsgesetz erwähnen. Mit dem neuen Gesetz geschah ein großer Schritt, die unselige Geschichte der Diskriminierung gleichgeschlechtlich liebender Menschen zu beenden - auch eine Befreiung - eine Befreiung aus fremdbestimmten und selbstverordneten Verstecken in den weiten Raum der Freiheit, zu leben und zu lieben, wie es ihren Gefühlen und Empfindungen entspricht. Diesen Schritt mit zu vollziehen fällt vielen Christen nicht leicht.

Denn es ist richtig: In der Bibel steht, Homosexualität ist Sünde. Es ist aber auch richtig: Heutzutage sehen viele diese Bibelstellen in einem anderen Licht. Ähnlich wie die Verse, die davon sprechen, dass Frauen in der Gemeinde zu schweigen haben. Diese Bibelstellen kann und muss man heute neu bewerten, weil der Kern der Heiligen Schrift die Liebe Gottes ist, die sich in Jesus zeigt. Und Gottes Liebe hört nicht auf bei den Sehnsüchten lesbischer Frauen und schwuler Männer! Auch das ist der weite Raum, den Gott uns schenkt, dass wir offen und tolerant, angstfrei - andere ihr Leben so leben lassen, wie sie es für sich als recht sehen.
"Nicht darin besteht die Liebe, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn [...] gesandt hat. [...] Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm." Liebe Gemeinde,

"Du stellst meine Füße auf weiten Raum", millionenfach haben Menschen so ihre Erfahrung der Befreiung ausgerufen. Wenn wir als Gemeinde bekennen: "Du stellst meine Füße auf weiten Raum", dann stehen wir in einer Reihe mit den Befreiten Israels und den vielen Menschen.

Gott will unsere Freiheit, und Gott schafft uns Freiheit. "Heiland" und "Erlöser" heißt Gott, weil Gott befreit. Befreiung ist Gottes Tun und unser Tun. Und zwar unumkehrbar in dieser Reihenfolge. Gott setzt und wir müssen tun. "Füße auf weiten Raum gestellt" - das heißt - wir sollen diesen Raum auch nutzen. Die Möglichkeiten, die damit eröffnet sind, wahrnehmen. Die neu eröffneten Wege mutig und beherzt gehen. Indem Gott uns etwas zutraut, traut er es mir und dir, ihnen und euch, uns zu! Darum traut euch auch einmal gegen "den Strom zu schwimmen".

Liebe Gemeinde,

was das heißt, auch mal "gegen den Strom zu schwimmen", zeigt uns u.a. die Erzählung vom barmherzigen Samariter: Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber. "Zufällig kam ein Priester denselben Weg herab; er sah ihn und ging weiter. Auch ein Levit kam zu der Stelle; er sah ihn und ging weiter." Ein Fremder aus Samarien aber, als er in sah, half.

Wie jener Fremde aus Samarien - so würde ich es auch machen - klar - und du auch - so ähnlich jedenfalls, jedenfalls Hilfe heranrufen, und lindern soweit es in den eigenen Kräften steht, im Gebirge, im Wald, allein, und du stößt auf einen in seinem Blut. Du musst dich hinbeugen, deinen Mantel ausziehen, du würdest das Richtige tun. Du würdest nicht fliehen, sondern standhalten. Schwieriger, wo viele sind. Sofort die Frage, warum ich? Sind nicht andere kompetenter? Ja riefe einer, ich solle anfassen, ich käme sofort. Oder?

Liebe Gemeinde,

insbesondere der Welt-AIDS-Tag stellt einen jeden von uns vor diese Frage. Viele von euch und ihnen sind in irgendeiner Form aktiv innerhalb der Paderborner AIDS-Hilfe - und das ist auch gut so. Herzlichen Dank dafür!

Dennoch verhalten sich viele Menschen - so wie es in der biblischen Erzählung heißt - sie sehen, aber gehen weiter. Wie wohltuend da auf Jesus zu schauen. Er hatte damals in Galiläa und Judäa keine Berührungsängste, er durchbrach die gesellschaftlichen Barrieren und sprach Hoffnung aus, durch Worte und durch seine Haltung. Sein Tun ist eine Herausforderung, dem sich die Kirchen und wir Christen in besonderer Weise zu stellen haben - um Jesu willen, der den Weg nicht um die Elenden herum suchte, sondern direkt zu ihnen ging und sich ihnen zur Seite stellte - und ihnen damit auch die Freundlichkeit Gottes zeigte, der jedem zuspricht: "Ich lasse dich leben, wie du bist!"

Liebe Gemeinde,

ein Wort des Friedensnobelpreisträgers Erzbischof em. Desmond Tutu aus Südafrika lässt für mich konkret werden, was damit gemeint ist - ich zitiere: Wir sind alle Schwestern und Brüder in einer weltweiten Familie und "in dieser großen Familie gibt es keinen Außenstehenden, es gibt keine Fremden, [...] (jede und jeder gehört dazu). [...] (Alle) die Reichen, die Armen, die Weißen, die Schwarzen, die Gelben, die Farbigen, die Großen und die Kleinen, die Schönen und die weniger Schönen, die Ausgebildeten und die nicht so sehr Gebildeten, (die an AIDS Erkrankten,) Lesben, Schwule und Heterosexuelle. Gott sagt, hey, sie alle sind meine Kinder, wir gehören alle in eine Familie, wir gehören zusammen" - soweit das Zitat.

Liebe Gemeinde,

"Du stellst meine Füße auf weiten Raum" - diesen Psalmvers heißt es darum nicht nur mit den Ohren zu hören, der darf nicht nur im Kopf stecken bleiben. Der will uns Beine machen und unser Herz weiten: Mensch, mach doch was, auch wenn du nicht perfekt bist. Hauptsache, du folgst deinem Gewissen. Liebe und tu was du willst, liebe und hilf, besorge Glück. Erzähl, rede mit Menschen, mach dein Ohr auf, hör zu, lock Menschen heraus aus dem Panzer der Erstarrung. Wobei nicht immer die Einmaligkeit des Tuns gemeint ist, sondern in erster Linie die "Regelmäßigkeit, mit Wiederholung" wie es Dorothee Sölle in einem ihrer Bücher schreibt. Dazu gehört auch die Beständigkeit, Durststrecken aus- und durchzuhalten, wie z.B. in den vielen kleinen Diensten an Menschen, an der staatlichen und sozialen Gemeinschaft, in der Gemeinde oder sonst wo.

Liebe Gemeinde,

wenn die nun beginnende Adventszeit uns hinweist auf Gottes Gerechtigkeit auf Erden, auf Jesu Einsatz für alle Menschen, dann muss und kann es uns möglich sein, für Gerechtigkeit hier bei uns einzutreten, die von AIDS bedrohten und erkrankten Frauen und Männer nicht ins Abseits zu drängen, ihre Nöte nicht zu verdrängen, sondern weiterhin offen darüber zu reden und auch Folgerungen politisch einzufordern.

Also: Bemühen wir uns weiterhin, stärker als bisher, gegen die Menschenverachtung und Zerstörung hier und anderswo anzugehen und Hoffnungszeichen zu setzen, solidarisch zu sein, uns auch solidarisch zu zeigen - in der Nachfolge Jesu und in dem Glauben, dass es Gottes Wille ist, dass jeder und jede sich geliebt und geachtet wisse.

Amen.

Wir hören nun ein Lied - vorgetragen von Alexander Pawlowski. Der Text, den ein an MS erkrankter Freund von ihm verfasst hat, ist - so schrieb mir Alexander - "[...] ein Versuch, zu beschreiben, wie es ist, zu wissen, dass man nicht mehr lange gesund bleiben wird."


 


VNR Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG . Theodor-Heuss-Straße 2-4 . D-53177 Bonn
Tel.: 0228 - 82 05 0 . Fax: 0228 - 36 96 480
info@vnr.de . www.vnrag.de