Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Psalm 31

Sabine von Bargen-Ostermann (ev)

25.09.2011 in Schöllkrippen, St. Markus-Kirche

anlässlich des 27. Kahlgrundkirchentages

Du stellst meine Füße auf weiten Raum

Liebe Gemeinde -

Du stellst meine Füße auf weiten Raum –

Ein Vers aus dem 31. Psalm soll uns heute durch diesen Gottesdienst und die Predigt leiten.  Aber zu allererst möchte ich mich kurz vorstellen: ich heiße Sabine von Bargen, bin Referentin bei „Brot für die Welt“ und bedanke mich ganz herzlich, dass sie durch Ihre Anfrage bei uns zum Ausdruck bringen, dass eine weltweite Perspektive Ihnen nicht fremd ist. Wo ich schon einmal da bin, will ich auch die Gelegenheit nutzen, mich einmal ganz ausdrücklich und herzlich zu bedanken für all die Unterstützung, die „Brot für die Welt“ von Ihnen erhalten hat, sei es durch die übliche Kollekte zu Weihnachten, sei es durch die eine oder andere zusätzliche, auch persönliche Spende. Vielen, vielen Dank dafür.

Und weil es bei der Betrachtung einzelner biblischer Verse immer sinnvoll ist, sich den Zusammenhang zu vergegenwärtigen, in dem sie stehen, möchte ich ihnen einen Teil des Psalms vorlesen:

<Ps. 31, 1-15>

Du stellst meine Füße auf weiten Raum – der Mensch, der vor einigen tausend Jahren diesen Psalm verfasste,  hat einen Psalm geschrieben, den ich in einem Kommentar überschrieben fand mit den Stichworten „Bitte, Vertrauen und Dank eines tödlich Bedrohten“ .  Dabei steht doch in meiner Luther-Bibel der 31. Psalm überschrieben mit „In Gottes Händen geborgen“. Und in der Originalfassung steht gar keine Überschrift über den Psalmen.  Sie sehen, liebe Gemeinde, eine Bibelübersetzung ist  immer auch schon ein wenig eine Bibelauslegung.

Aus einem solchen Zusammenhang kommt also der Vers, der einigen von uns vielleicht von schönen Hochglanz-Karten oder Postern mit Bildern von wunderbaren Landschaften - die Weite symbolisierend – vertraut ist. Aber wer weiß denn schon, dass der Sänger oder die Beterin dieses Psalms sich offenbar in großer Not befand? Sein oder ihr Leben war schwach und zerschlagen, verlassen von Freunden und Freundinnen, Schmähungen begegneten ihm – wir würden heute vielleicht sagen: es war Mobbing. Ja, sogar Angst um das Leben kommt zum Ausdruck, wenn der Psalmist sagt: „Wenn sie gemeinsam gegen mich beraten, planen sie mir mein Leben zu nehmen.“ Da ist gar nichts mehr von dem, was wir möglicherweise als erstes denken bei dem Vers „Du stellst unsere Füße auf weiten Raum“ – da ist keine Weite, keine Freiheit, kein „Alles ist möglich“. - - Oder doch, ja - gerade: alles ist möglich, sogar der Tod. 

Ich möchte Ihnen gerne etwas erzählen – wenn Sie mögen, können Sie dazu die Augen gerne schließen und vor ihrem inneren Auge Bilder entstehen lassen: - -

Wir blicken gewissermaßen einer Frau über die Schulter, die etwas tut, was bei uns alltäglich ist: sie kauft in einem Supermarkt ein. Ihr wie üblich überdimensionierter Einkaufswagen füllt sich  allmählich mit Waren des täglichen Bedarfs: Milch, ein wenig Joghurt, Brot. Die Frau heißt – sagen wir mal – Elisabeth Müller. Es handelt sich bei ihr um eine durchschnittliche deutsche Einkäuferin: unsere Frau Müller ist eine sorgsame Rechnerin, schließlich kann die Familie keine großen Sprünge machen.  Man möchte doch noch mehr vom Leben haben und so werden auch kleine Beträge sorgsam gespart – vielleicht kann man sich ja so mal einen neuen Fernseher anschaffen oder in den Urlaub fahren.

<Schnitt> In einer Rückblende sehen wir, wie kurz vor Frau Müllers Ankunft am Kühlregal einige Lagen Joghurtbecher ausgetauscht werden, deren Mindesthaltbarkeitsdatum sich in wenigen Tagen nähert. Flinke Hände ersetzen sie  durch frischere, deren auch so genanntes „Verfallsdatum“ noch eine Woche weiter in der Zukunft liegt. Sie werden ganz unspektakulär aus dem Laden gefahren und hinter dem Supermarkt in einem wenig einsehbaren Hof in einen Müllcontainer geworfen.

<Schnitt>  Unsere Frau Müller setzt ihren Weg durch den Supermarkt fort und kommt an den Obst- und Gemüsestand. Wie gemalt liegen dort die Früchte des Feldes in Reih und Glied, alle gleich oder ähnlich groß und von regelmäßigem Wuchs. Dennoch prüft Frau Müller jede einzelne Frucht ganz genau von allen Seiten, bevor sie sie in die hauchdünne Tüte packt. Für 2,99€ für das Kilo Tomaten oder 3,99€ für die Pfirsiche kann man beste Ware erwarten. Auch die Kartoffeln sind gewaschen und ohne einen Krümel Erde im Netz; sie sind alle ähnlich groß – schließlich will man ja nicht für jede Pellkartoffel eine eigene Garzeit errechnen müssen.

<Schnitt> Wir sehen eine Erntemaschine auf einem westfälischen  Acker : die Kartoffeln, die hier vollautomatisch auf dem Rüttelsieb landen, sind ganz unterschiedlich groß, einige herzförmig oder fast wie knubbelige menschliche Leiber geformt, ganz dicke und klitzekleine, so groß wie Kirschen, um die wir uns als Kinder bei Tisch zu streiten pflegten. Und feuchte lehmige Erde haftet noch an ihnen. Noch auf dem Rüttelsieb werden sie nach Größen sortiert und die, die sich in der Form zu weit von der Norm entfernen, die ganz kleinen und die riesengroßen werden aussortiert. Die riesengroßen landen in einer extra-Kiste und werden wohl eine Karriere als Folienkartoffel antreten. Aber die kleinen und die knubbeligen Kartoffeln werden direkt wieder auf den Acker gekippt und im nächsten Arbeitsgang gleich untergepflügt. Nur die Normkartoffeln werden weiter sortiert, gewaschen und in Netzten verpackt. Das sind zwar die meisten Kartoffeln, aber der aussortierte Teil, der den Acker gar nicht erst verlässt, umfasst doch einen beträchtlichen Teil der Ernte. Als der Bauer mit den sortierten Kartoffeln auf dem Anhänger den Acker verlässt, blickt er noch einmal  kopfschüttelnd zurück: er hat kein gutes Gefühl bei der ganzen Sache, auch wenn er gute Ware abliefern wird.

<Schnitt> Inzwischen ist unsere Frau Müller wieder zu Hause angekommen und packt ihre Einkäufe in den Kühlschrank. Als sie sich davor hockt, sieht sie einen vergessenen Joghurtbecher  im zweiten Fach ganz hinten. Offenbar ist er im Eifer des Gefechtes dorthin geschoben worden. Stirnrunzelnd wirft sie einen Blick auf den Aufdruck auf dem Deckel: schon ein paar Tage drüber. Kurzerhand wirft sie ihn in den Mülleimer, ohne ihn zu öffnen.

<Schnitt> Auf einer Mülldeponie werden containerweise brauchbare Lebensmittel aus den Supermärkten abgeladen. Sie sehen inzwischen zwar nicht mehr so lecker aus, wie noch gestern im Regal. Aus Platzgründen wurden sie komprimiert, d.h. zusammengepresst. Aber man hätte sie noch verwerten können – und sei es als Viehfutter. Doch dafür wird lieber Soja aus Lateinamerika genutzt – man fürchtet weitere Skandale durch verseuchtes Viehfutter. Nun liegen diese Lebensmittel also hier und verrotten – dazu treten Bakterien in Aktion – und diese sondern Methan ab. Dieses Methan steigt in die Atmosphäre und vereinigt sich irgendwo und irgendwie mit dem in den letzten Jahren vielfach debattierten CO2. Der Effekt dieser Vereinigung: der Klimawandel geht noch schneller von statten.

<Schnitt> Wir sehen eine staubige, dürre Landschaft irgendwo in Ostafrika. Irgendwo zwischen hier und dem Horizont liegen Tierkadaver. Ausgemergelte Menschen auf einem Marsch ins Ungewisse – denn ob sie eines der großen Flüchtlingslager in Kenia oder Somalia noch erreichen werden – wer weiß das schon.

Der Wind beutelt ihre weite Kleidung und wo er den Stoff eng an die Menschen presst, sieht man ganz deutlich, dass sie nur noch Haut und Knochen sind. In den letzten Jahrzehnten haben sie die Erfahrung machen müssen, dass die gewohnten Jahreszeiten, der Wechsel zwischen Dürre und Regenzeit immer unzuverlässiger wurde. Erst blieb der Regen aus – und wenn er dann kam, war der Boden so verdichtet, dass er die Wassermassen kaum aufnehmen konnte. Das so ersehnte Wasser wuchs dann schnell zu einer reißenden Flut an, die alles mit sich riss.

Nun sind diese Menschen am Ende ihrer Kräfte und hoffen nur noch, dass sie es schaffen, ein Flüchtlingslager oder eine größere Stadt zu erreichen, bevor sie einfach nicht mehr weiter können. Ihre Kinder, die noch nicht selbst laufen, tragen die Mütter auf ihren Rücken, die wenigen Habseligkeiten haben sie bei sich. Ob sie es schaffen werden?

<Schnitt> „Komm Herr Jesus, sei du unser Gast und segne, was du uns bescheret hast“ wird bei den Müllers vor jeder Mahlzeit gebetet. Der Tisch ist gut gedeckt, alle werden satt.  Aber aufessen können sie oft genug auch nicht alles, was Frau Müller kocht. Ist der Rest noch groß genug für eine oder mehrere Portionen, wird er gut verpackt und kommt verlängert oder aufgewärmt wieder auf den Tisch. Sind es aber nur einige Mund voll, so ist Frau Müller inzwischen dazu übergegangen, sie gleich wegzuschmeißen.

Früher einmal war das verpönt – da warf man unter keinen Umständen genießbare Lebensmittelin den Müll. Manchmal denkt Frau Müller noch an diese Zeit. Aber im Zeitalter des Kalorienzählens und der Einsicht, dass mit dem Aufbewahren einiger weniger Essensreste keinem Kind in Afrika geholfen ist, schiebt sie die Reste mit der Gabel doch schwungvoll in den Mülleimer. –

<Schnitt> und Abspann unseres kleinen Filmes im Kopfkino.

 

Du stellst unsere Füße auf weiten Raum -

Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, dass uns immer alles zu jeder Zeit zur Verfügung steht, dass das grundlegende Wissen um die Erntezeiten schon fast verloren gegangen ist  - ich gebe zu: bis vor kurzem wusste ich auch nicht genau, wann in Deutschland Zwiebeln geerntet werden. Denn ich kann ja jederzeit welche kaufen.

Und so liegt uns eine Auslegung unseres Psalmverses in Richtung von Weite und „alles ist möglich, Gott ist ja bei mir“ natürlich viel näher als die eingangs erwähnte tödliche Bedrohung, die für unendlich viele Menschen auf unserem Planeten eine ganz alltägliche Erfahrung ist.

Natürlich können wir uns das kaum vorstellen – gerade meine Genration ist in Frieden und Wohlstand aufgewachsen und kennt das Gefühl kaum, dass das Leben auch eine sehr bedrohliche Angelegenheit sein kann. Wir kennen ja noch nicht einmal die Abhängigkeit von Jahreszeiten und von Ernten, die auch in unseren Breiten für die Menschen vor noch hundert oder weniger Jahren eine recht nahe Erfahrung gewesen ist.

Dabei ist uns aus dem Blick geraten, dass es für andere Menschen ganz selbstverständlich ist, mehr oder weniger sorgenvoll zum Himmel zu schauen und zu wissen: was von dort kommt oder eben auch nicht kommt, hat ganz direkten Einfluss auf mein Leben. Denn bei uns versorgen sich nur noch die wenigsten selbst von dem, was sie in ihrem Garten selbst säen und ernten.

Dass in einer Auslegung von „alles ist möglich“ auch der Tod mit in den Blick geraten kann, der in unserer Kultur ja nicht mehr Bestandteil unseres Alltags ist, ist uns eher fremd. Auch dass der weite Raum ja beängstigend und bedrohlich sein kann, dass es Mut oder sogar Verzweiflung bedeuten kann, in die Weite zu treten, indem man das Gewohnte verlässt oder verlassen muss, fällt uns zu diesem Vers wahrscheinlich nicht als erstes ein.

Wenn Vater Luther zu Beginn unseres Psalms übersetzt „Herr, auf dich traue ich, lass mich nimmermehr zuschanden werden, errette mich durch deine Gerechtigkeit!“ so kann ich mir diese Worte gut im Munde eines Fliehenden vor der Dürre in Ostafrika vorstellen.

Aber was ist schon gerecht? Ist es gerecht, dass die Welt aufgeteilt ist in reiche und arme Länder? Ist es gerecht, dass der Klimawandel, bei uns im Norden hervorgerufen, zuerst in den Ländern des Südens so lebensbedrohlich wird? In dieser Richtung lassen sich unendlich viele Fragen aufwerfen – und es gibt so oft keine eindeutige Antwort darauf.

Was aber inzwischen kaum mehr bestritten wird, ist der Umstand, dass unser Lebensstil die Verhältnisse auf der Welt stützt, wenn nicht sogar fördert. Ich unterstelle jedem und jeder von uns, dass wir diese Welt wohnlicher machen möchten. Keiner von uns hat die Absicht, diese Erde zu zerstören – und doch ist das die Frage, die wir – wissentlich oder nicht – tagtäglich durch viele kleine Entscheidungen beantworten:

·         Fahre ich Fahrrad oder nehme ich den Bus oder das Auto?

·         Wie viel kaufe ich ein, welche Kriterien leiten mich dabei? „Öko – regional – saisonal – fair“ ?

·         Esse ich Erdbeeren im Winter und Grünkohl im Sommer?

·         Wie warm halte ich meine Wohnung, welche Lampe lasse ich brennen, wo ich doch immer nur in einem Zimmer sein kann, und so weiter und so weiter.

Jede Handlung eine Entscheidung zu Gunsten oder zu Lasten unseres Planeten. Und wie oft handeln wir, ohne groß nachzudenken? - -

Du, Gott, stellst unsere Füße auf weiten Raum – für uns ist vieles möglich: Konsumieren, reisen, lernen, die Zusammenhänge sehen – oder vor ihnen die Augen zu verschließen. Was erwartet Gott von uns, wenn er unsere Füße auf weiten Raum stellt? – Liebe Gemeinde, ich kann Ihnen diese Frage nicht unmittelbar beantworten, denn so einen direkten Draht „nach oben“ habe ich nicht. Dennoch ist mein Eindruck, mein Gefühl, dass Gott uns diese Erde nicht anvertraut hat, damit wir sie zerstören. Diese Folgerung ziehe ich z.B. aus dem Liebesgebot Christi, der uns aufforderte, an unseren Mitmenschen so zu handeln, als handelten wir an ihm selbst.

Er, der die Herrschenden seiner Zeit hinterfragte und provozierte, hat einem Lahmen[1] gesagt: „Steh auf und geh.“ Was wäre, wenn er hier und jetzt zu uns sagen würde: „Steh auf und geh. Misch dich ein. Frage nach und rede mit.“ – Der Lahme stand auf und ging. Was würden wir tun??

Als nach der Schöpfung Gott zu Adam sagte „Füllet die Erde und machet sie untertan“ kann er einfach nicht gemeint haben: „geht hin und quetscht die Erde aus, holt aus dem Planeten raus, was rauszuholen ist, ohne Rücksicht auf Mensch Tier und Pflanze, füllet Eure Taschen und lebet wie es euch gefällt“. Und doch verhalten wir uns oft genug so.

Aus Afrika kommt ein Sprichwort: Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Dinge tun, können das Gesicht der Welt verändern. Darum möchte ich uns heute den Vers „du stellst unsere Füße auf weiten Raum“ betend so übertragen:

Du, Gott, hast uns Verstand gegeben, die Verhältnisse zu durchdenken und zu hinterfragen. Du hast uns Hände gegeben zu handeln. Und du hast uns unsere ganzen technischen Möglichkeiten nicht nur zu unserer Unterhaltung gegeben – lass uns also ins Weite treten, lass uns das Wagnis eingehen, genau hinzusehen, uns zu informieren und die Dinge einzuordnen. Lass uns den Mut haben, das Erkannte dann auch umzusetzen. Lass uns, Gott,  die kleinen Schritte tun, die wir tun können. Lass uns uns selbst oder einander nicht überfordern – aber gib, dass wir uns weiter entwickeln, dass wir kleine Schritte gehen. Lass uns deine Schöpfung wirklich bewahren und sorgsam damit umgehen – für uns und unsere Kinder, aber auch für die Menschen auf der anderen Seite der Erde. Lass uns die Welt gerechter machen.

Und bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus – Amen.

 


[1] Lesung des Evangeliums: Mt. 9, 1-8 „Die Heilung des Gelähmten“