Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Psalm 31,1-10 und 139,1-6

Gisela Borchers (ev.-ref.)

13.09.2009 in der Evangelisch-reformierten Kirche zu Loga

Die eingereichte Predigt wurde in Anlehnung an den Liedtext von "Irgendwas bleibt" der Gruppe Silbermond entwickelt, der Liedtext lag den Gottesdienstbesuchern vor.

 

Liebe Gemeinde,

Menschen sind auf der Suche. Sie fragen nach dem eigenen Woher und Wohin. Woher komme ich? Wohin gehe ich? Was ist der Sinn meines Lebens? Wo gehöre ich hin? Was gibt meinem Leben Stabilität, einen Rahmen, in dem ich mich sicher fühlen kann?

Der eine stellt solche Fragen ganz bewusst und immer wieder. Für andere stellen sich solche Fragen erst in der Krise, besonders wenn sie in persönliche Schwierigkeiten geraten sind, wenn gewohnte Sicherheiten weg gebrochen sind.

Wir wünschen uns Freiheit für unser Leben, die Möglichkeit, uns frei entfalten zu können: Frei von Sorgen, frei von Leid, frei von irgendwelchen Traurigkeiten.  
In aller Freiheit wünschen wir uns aber auch Sicherheit für unser Leben, um vor Unfall, Unglück und Gefahr bewahrt zu bleiben.
Viele Millionen Euro geben Menschen in Deutschland für Versicherungen aus; eine Versicherung verspricht sogar „ein festes Bündnis mit dem Glück“. Ein festes Bündnis mit dem Glück, etwas das Bestand hat, etwas das bleibt.

Diesen Wunsch nach Sicherheit hat die Gruppe Silbermond in ein Lied gefasst, das ich Ihnen gerne vorspielen möchte.


Silbermond  -  Irgendwas bleibt


„Sag mir, dass dieser Ort hier sicher ist
Und alles Gute steht hier still“  -

Für viele Menschen sind Kirchen Orte der Sicherheit, Räume, in denen sie sich geborgen fühlen, Gebäude, die unverändert Bestand haben.
Andere Menschen fühlen sich bei einem alten, dicken Baum sicher, an dessen Stamm und unter dessen ausladenden Zweigen sie sich geborgen fühlen.
Für manche Menschen ist ein großer, in der Eiszeit rund geschliffener Findling, der irgendwo auf einem Feld oder in einer Gebirgsmulde liegen geblieben ist, ein solcher „Kraftort“.

Ich erinnere mich an die Erzählungen meiner Tante, die in Hamburg lebte und dort im 2. Weltkrieg bei Bombenangriffen oft mit ihren Kindern in einen Bunker flüchten musste, wo sie sich einigermaßen sicher fühlen konnten.

Es gibt unsichere Zeiten, in denen Leib und Leben bedroht sind.
Flüchtlinge, die ihre Heimat verlassen mussten, sehnen sich nach einem sicheren Ort, an dem Körper und Seele geschützt sind.
Schiffbrüchige bangen um ihr Leben, fühlen sich der rauen See ausgeliefert und hoffen darauf, bald wieder sicheren Boden unter den Füßen zu haben.

Aber auch wir, die wir doch eigentlich in gesicherten Verhältnissen leben, können uns nie ganz sicher fühlen, sind von Verlusten und Ängsten bedroht.

„Diese Welt ist schnell und hat verlernt beständig zu sein,
denn Versuchungen setzen ihre Frist“  -

In wirtschaftlicher Krise ist die Gefahr und die Sorge groß, den Arbeitsplatz zu verlieren.
Der frühere Minister Norbert Blüm hat gesagt, die Renten seien sicher  -  und doch müssen viele um die Sicherheit in späteren Jahren bangen.
Wer sich in einer sicheren Partnerschaft glaubt, verliert den Boden unter den Füßen, wenn sich der Partner, die Partnerin abwendet, eigene Wege alleine geht.

Die Mutter einer Bekannten hat einmal einen Satz gesagt, der mir sehr im Gedächtnis haften geblieben ist. Sie sagte: „Das einzige Beständige ist der Wechsel.“ Und ich fürchte, sie hat Recht. Nichts bleibt wie es war, alles ist im Fluss, es gibt keine wirkliche Sicherheit.

„Gib mir'n kleines bisschen Sicherheit,
in einer Welt in der nichts sicher scheint
Gib mir in dieser schnellen Zeit,
Irgendwas, das bleibt“  -

Der Wunsch nach Sicherheit ist keine Erfindung unserer Zeit, schon vor Tausenden von Jahren haben Menschen sich nach Sicherheit gesehnt, nach etwas, das ihr Leben trägt. Sie flüchteten sich in ihrer Not zu Gott  -  wie der Psalmbeter David:

Herr, bei dir suche ich Schutz,
 lass mich nicht zugrunde gehen.
Hilf mir durch deine Gerechtigkeit!
Wende dich zu mir und höre mich. Rette mich schnell!
Sei für mich ein schützender Fels, eine Festung,
 in der meine Feinde mich nicht erreichen können.
Du bist mein schützender Fels und meine Festung.
Führe und leite mich um der Ehre deines Namens willen.
Zieh mich aus der Falle heraus,
die meine Feinde mir gestellt haben,
denn bei dir allein finde ich Schutz.
Ich lege meinen Geist in deine Hände.
Rette mich, Herr, denn du bist ein treuer Gott.
Ich verachte die, die nutzlose Götzen anbeten.
Doch ich vertraue auf den Herrn.
Ich freue mich über deine Gnade,
denn du hast mein Elend gesehen,
und meine Angst ist dir nicht gleichgültig.
Du hast mich meinen Feinden nicht ausgeliefert,
sondern mich an einen sicheren Ort gebracht.
Sei mir gnädig, Herr, denn ich bin verzweifelt!
Mein Blick ist getrübt vor Tränen.
 Mein Leib ist kraftlos, meine Seele ist leer.

(Psalm 31, 1 – 10; Bibelübersetzung „Neues Leben“)


Hilflosigkeit und Angst sind unüberhörbar in diesen Worten. Davids Gebet ist ein Aufschrei in lebensbedrohlicher Situation. Er sieht sich am Rande eines Abgrunds, Feinde bedrohen ihn, haben ihm eine Falle gestellt. Seine Lage scheint hoffnungslos, er ist verzweifelt.

Aber David gibt sich noch nicht auf. Er sucht Schutz bei Gott, der ihm schon in früheren Situationen ein schützender Fels, eine Festung gewesen ist.

David hält sich nicht an nutzlose Götzen, die andere anbeten.

Nutzlose Götzen – welche „beten“ wir an? Auf wen oder was verlassen wir uns auf schwierigen Wegstrecken in unserem Leben, im Beruf, Familienleben, in Beziehungen, Krankheiten, persönlichen Krisen? Wir müssen feststellen: ein Ehevertrag schützt nicht vor dem Ende der Liebe. Eine Krankenversicherung übernimmt schon lange nicht mehr alle Krankheitskosten und vor allem kann sie uns nicht das Risiko nehmen, ernsthaft krank zu werden, so wie eine Lebensversicherung uns nicht das Leben retten kann.

David hält sich an Gott, er setzt sein Vertrauen auf den, der sein Elend sieht, dem seine Angst nicht gleichgültig ist. Der sein Leben in der Hand hält, der ihn an einen sicheren Ort gebracht hat - oder wie Luther übersetzt hat: der seine „Füße auf weiten Raum“ stellt.

In allem Streben nach Sicherheit ist die Frage:
Schnürt mir die Sorge um die Zukunft die Kehle zu, regiert die Angst mich, weil mir irgend etwas zustoßen könnte? Oder kann ich sagen: Ich weiß nicht, ob ich in 20 Jahren einmal eine große oder kleine Rente erhalten werde, ich weiß nicht einmal, ob ich dann noch lebe.

Was ist schon unser Leben? Auch uns hier kann die Zeit auf dieser Erde jederzeit genommen werden. In jedem Alter, zu jeder Zeit. Nächstes Jahr, schon morgen, noch heute?

Was ist schon ein Menschenleben? Auch wenn es 120 Jahre dauert, wie bei dem ältesten Menschen der Welt, der vor kurzem gestorben ist. Im Verhältnis zum Alter der Erde, von der Wissenschaftler sagen, sie sei fast fünf Milliarden Jahre alt – im Verhältnis dazu ist unser kleines Leben gar nichts. Für uns aber ist es alles. Unser eigenes kleines Leben. Und was ist es schon, unser Leben, vor der Ewigkeit Gottes? Im Verhältnis ist es nichts.
Und doch ist es ein Geschenk, ein Geschenk Gottes,
der uns gewollt hat und uns erhält.

Im 139. Psalm betet David:

HERR, du erforschest mich
und kennest mich.
Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es;
du verstehst meine Gedanken von ferne.
Ich gehe oder liege, so bist du um mich
und siehst alle meine Wege.
Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge,
das du, HERR, nicht schon wüsstest.
Von allen Seiten umgibst du mich
und hältst deine Hand über mir.
Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch,
ich kann sie nicht begreifen.

(Psalm 139, 1 – 6, Luther-Übersetzung)

Diese Erkenntnis ist uns zu wunderbar und zu hoch, wir können sie kaum begreifen:
Von allen Seiten umgibt er mich.

-    Wenn ich sitze, weil es ein gemütlicher Tag ist  -  oder weil ich an den Stuhl gefesselt bin durch meine Krankheit. Er umgibt mich.

-    Wenn ich stehe, weil mein Rückgrat gestärkt, meine Seele frei ist  -  oder weil für mich kein Platz mehr auf den Stühlen ist, weil ich ausgeschlossen bin von anderen. Er umgibt mich.

-    Wenn ich liege, weil ich mich ausruhen kann von der Hektik so manch eines Tages  -  oder weil ich nicht mehr stehen kann, da ich zu schwach für das Leben geworden bin. Er umgibt mich.

-    Wenn ich gehe, weil ich auf dem Weg bin in das Leben  -  oder auf dem Weg in den Tod. Er umgibt mich.


Die Unsicherheit unseres Lebens bleibt, jeden Tag. Nie wissen wir, ob wir das Ende eines Tages erleben werden. Aber ich vertraue darauf, dass Gott da ist, der mein Leben fest in der Hand hält. Und wenn ich den Halt verliere, wenn meine eigenen Sicherungsmaßnahmen nicht mehr eingreifen können, dann fängt er mich auf und nimmt mich in seine Arme. Ich muss nicht etwas krampfhaft festhalten, was letztlich ein Geschenk auf Zeit ist: mein Leben und alle meine Fähigkeiten. Ich kann loslassen, das sorgenvolle Grübeln lassen, das mir die Freude am Leben nimmt.

Gott  -  holt mich aus dieser schnellen Zeit  -  in der nichts bleibt wie es ist.
Gott  -  nimmt mir ein bisschen Geschwindigkeit  -  in dem Streben nach Sicherheit.
Gott  -  ist das, was bleibt.

Amen.