Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Psalm 36,10

Daniela Bleher

in der Michaelskirche in Eltingen/Leonberg

Trauung von X und Y. X ist angehende Pfarrerin und Y Klavierbauer

Liebe X, lieber Y, liebe Festgemeinde,

Bei dir ist die Quelle des Lebens und in deinem Lichte, sehen wir das Licht (Ps 36, 10).

Staunen wollt ihr heute und Gottes Güte und unerschöpfliche Liebe preisen, die euch bis hierher gebracht hat, dankbar wollt ihr sein und eure Zuversicht auf Gott den Herrn setzen und des Himmels reichen Segen trauen.

Doch bevor wir dies tun, will ich sie und euch gerne einladen, einen kleinen Spaziergang durch Tübingen zu machen, einen Weg abzuschreiten, den ihr beide schon hundert Mal gegangen, seid, allein oder auch zu zweit und den viele hier auch aus eigener Anschauung gut kennen.

Aussicht freihalten. Ich erinnere mich noch gut daran, an dieses Schild mit dieser Aufschrift, Y, das da in der Tübinger Z-gasse eine Zeit lang vor deinem Zimmerfenster hing. Dieses Fenster geht ebenerdig zur Straße hinaus. Mit großen Lettern beschriftet hing es da, liebevoll von dir gestaltet. Aussicht freihalten.
Es sollte jeden Autofahrer, der auf der Suche nach einem Parkplatz war, freundlich darauf hinweisen. Hier - hinter diesem Fenster wohnt jemand und der, der da wohnt, möchte auch, dass da ein bisschen Licht auf den Schreibtisch oder aufs Keyboard fällt. Dieses Schild hielt nicht nur Autofahrer ab, sondern zog auf der anderen Seite gewisse Menschen magisch an.
Selbst die Tübinger Redaktion des Schwäbischen Tagblatts würdigte diesen Aushang und gewährte ihm als Foto einen Platz auf den Seiten ihrer Zeitung.
Im Tübinger Großhirn finden sich ja allerlei Schreiber und Schreiberlinge, deren Gedanken mögen zumindest z. T. beflügelt vom Geiste Hölderlins sein, der da vom Hölderlinturm in die Z-gasse herüberweht.
Just gegenüber der Z-Gasse 14, gegenüber von deinem Zimmer war da mit feinem Kreidestrich ein Kommentar an einem Garagentor zu lesen – ein Kommentar war da zu lesen zum allerorten üblichen Schild Ausfahrt freihalten – mit schwarzer Schrift auf gelbem Grund. Sie kennen das ja alle.
Der Kommentar lautete Freiheit aushalten. Eine neckische, aufmüpfige den Sinn verdrehende Verballhornung. Im Nonsens kann ja durchaus auch der Sinn aufscheinen.
Läuft man die Bursagasse weiter vorbei am Hölderlinturm, vorbei an der Burse zum Stift, wo viele hier die Höhen und Tiefen eines Theologiestudiums durchlebt haben.
- Auch du, X, hast dort studiert und gelebt.
Hält man sich rechts und geht weiter hoch zum Bärengraben - dieser Graben dient als Unterstand für Fahrräder, dann entdeckt man auf der gut verschlossenen Tür aus braun lackiertem Holz ein Gedicht Hölderlins (womöglich steht es da immer noch) – jedenfalls war es nicht zu übersehen: Komm, ins offene Freund! Ob der Schreiber oder die Schreiberin selbst oder die Zweite Hand aus dem Freund eine Freundin gemacht hatte, war nicht deutlich zu erkennen und sei für heute auch einmal dahin gestellt.
X, du hast es jedenfalls gewagt, bist hinausgegangen ins Offene. „Ich setzte meinen Fuß in die Luft und siehe sie trägt.“

Aussicht freihalten.
Freiheit aushalten.
Komm, ins Offene.

Vielleicht könnten alle drei Mottos für ein Leben zu zweit stehen und nicht nur euren früheren alltäglichen Weg begleiten, sondern auch euren gemeinsamen Lebensweg:

Zum einen
Aussicht freihalten:
Könnte dann heißen. Sich nicht gegenseitig die Aussicht versperren, nicht nur einander ansehen, sondern gemeinsam in dieselbe Richtung schauen. Ja, zusammen auf eine drittes schauen, verbindet Menschen inniger, als wenn sie immer nur  sich selber anschauen (F. Steffensky) 
Den Blick frei halten für ein Drittes heißt den Blick frei halten für den Himmel.
Denn der Himmel ist der Ort der sagenhaften Anfänge.
„Herr, deine Güte reicht so weit der Himmel ist, und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen.“, so haben wir vorher gesungen. Im Himmel hat sich Gott die ganze Schöpfung ausgedacht, und auch eure Liebesgeschichte wird da begonnen haben.

Euch wünsche ich immer den freien Blick für den Himmel, Momente, in denen ihr dem Himmel ganz nah seid, Augenblicke der Unbeschwertheit und der Leichtigkeit, wo die alltägliche Beschwernis abgeschüttelt werden kann und ihr dem Himmel entgegenblicken könnt.
Wenn Ihr nach der Hochzeit in den Urlaub fahrt, und euch die Luft der Nordssee auf der Insel Föhr um die Nase weht und die Wolken  den Blick freigeben für den Himmel, dann könnt ihr eine Ahnung davon gewinnen, was für einen großen Schatz ihr in Gottes Güte habt, mit welchem großen Schatz ihr euren gemeinsamen Weg beginnt „Herr, deine Güte reicht so weit der Himmel ist, und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen.“
Mit dem Blick nach oben, ins Licht, habt ihr die richtige Blickrichtung. Denn in seinem Lichte sehen wir das Licht.
Einander lieben heißt, sich von diesem Licht bescheinen zu lassen und miteinander die Welt in diesem Licht zu besehen.
Dazu gehört auch einander ansehen und Ansehen schenken.
 
Manchmal aber geraten die Partner in so einen Sog, sie beginnen einander nur noch in einem bestimmten Licht zu betrachten, dass die dunklen Brillen der Vorurteile  und Enttäuschungen auf einmal so fest sitzen, dass nur noch sehr wenig Licht in die Beziehung fallen kann.  
Deshalb ist es wichtig, an diesem einen Licht festzuhalten, gerade im Alltagstrott und täglichen Kleinkram, wenn die wärmende Flamme der Liebe kleiner wird oder vielleicht auch zu ersticken droht.
 
Das eine helle unvergängliche Licht bleibt. Dieses Licht lässt euch nicht im Dunkeln tappen, sondern hilft Euch einander im Lichte Gottes sehen, in dem jede und jeder so erscheint, wie Gott sie und ihn gemeint hat.
Dieses Licht gibt Eurem Leben eine tiefe gemeinsame Perspektive, es kann euch einen gemeinsamen Weg zeigen. Wenn ihr Eure Beziehung darin verankert in dieser Kraftquelle, die euch beiden schon seit vielen Jahren wichtig ist, dann könnt ihr einander immer wieder im neuen Licht sehen lernen.
Deshalb: immer wieder die Aussicht freihalten für dieses Licht.


Zum anderen

Freiheit aushalten:
Sich für einen Menschen zu entscheiden, ist eine Einschränkung der je eigenen Freiheiten, es bedeutet zugleich aber auch bei jemandem Heimat zu finden.
Ihr beide müsst ständig miteinander ausprobieren, wieviel Freiheit und wieviel Nähe der eine/ die andere gerade aushalten kann oder braucht.
Es wird Zeiten geben, da seid ihr euch besonders nahe, aber auch Zeiten, wo ihr euch einander fern fühlt.
Nie kann man die andere / den anderen zum Besitz machen, zu einer Person, über die man Verfügen könnte. Immer ist er dir / sie dir auch schon wieder entzogen.
Diese Freiheit des anderen will ausgehalten sein.
Beides - Freisein und Nähe gehören zusammen. 

Zum dritten
Komm, ins Offene:
Wenn ihr heute ja zueinander sagt, dann ist das wie ein Aufbruch in eine unbekannte Zukunft, der Ausgang ist offen. Ihr geht in ein offenes Land,  ihr entdeckt das neue offene Land, erforscht es und wollt sein Glück erfahren. Dieses neue Offene schmeckt nach Abenteuer.
Sich Anstrengungen von diesem Neuen abfordern zu lassen, ist mit Mühe und Arbeit verbunden. Aber es lohnt sich, weil man ja weiß, dass man diese Aufgabe, die damit verbundene Verantwortung und die Zeit  miteinander teilen kann.
Dieser Aufbruch ins Offene gehört für euch wahrscheinlich zu einem der wichtigsten Aufbrüche eures Lebens.
 
Aber es ist nicht zu leugnen. Nicht nur faszinierend ist dieser Gang ins Offene, sondern auch, da braucht man sich nichts vorzumachen, brisant.

Durststrecken wird es  da mitunter geben und Wolken werden sich da vor den Himmel schieben.

Als Ehepaar seid ihr einander dabei auf diesem Weg ins Offene Quelle von Mut und Energie, von Lust und Lebensfreude, Ihr ergänzt euch, ihr seid euch Halt und Anreiz und eine geliebte Herausforderung.

Da ist Y, der nicht nur bei Klavieren und Flügeln für gute Stimmung sorgt, sondern auch durch seine ausgleichende, wohltuende Art die Stimmung der Menschen hebt.
Da ist X, die immer wieder Menschen miteinbeziehen kann und gerne auf Leute zugeht und sich auf sie einlassen kann.
Gerade das mögt ihr aneinander und vieles andere  Mehr.

Als Ehepaar ist es aber auch gut zu wissen, dass die tiefste Quelle des Lebens nicht in uns selbst, auch nicht im andern und nicht in unserer verletzlichen Liebesfähigkeit liegt, sondern bei Gott ist.

Von ihm, aus seiner Quelle, strömt uns das zu, was uns hält und was uns rechtfertigt. An dieser Quelle kann man aufatmen, eine Auszeit nehmen von den dauernden Ansprüchen und Forderungen, auch von sich selbst und seinen überzogenen Ansprüchen, es ist ein Ort der Versöhnung, ein Ort fürs Zuhören, ein Ort, aus dem wir aus uns selbst nichts mehr machen müssen. An dieser Quelle können wir Kraft schöpfen, wenn das Maß der Erschöpfung voll ist
 
In diesem Offenen Land, auch Leben genannt, kommt Gott euch entgegen, wenn es Durststrecken gibt.

Von dieser Quelle aus seht ihr alles im rechten Licht, in seinem Licht, im Licht der köstlichen Güte Gottes.

Von dieser Quelle her wird euch heute der Segen Gottes zu gesprochen.
 
Denn bei ihm ist die Quelle des Lebens und in deinem Lichte sehen wir das Licht. (Ps 36, 10)


AMEN.