Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Psalm 37,5

Ralf Bröcker (ev.)

22.08.2009 in Duisburg Meiderich

Gottesdienst zur Goldhochzeit der eigenen Eltern

Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird´s wohl machen

Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird´s wohl machen. – Euer Trauspruch vor fünfzig Jahren.
Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird´s wohl machen. – Euer Spruch den ihr euch jetzt für eure Goldhochzeit wieder ausgesucht habt.
Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird´s wohl machen. – Ein Spruch der bei euch zuhause im Esszimmer hängt. Und um den Spruch herum kleben die Fotos der ganzen Familie.
Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird´s wohl machen. - Ein Spruch den wir Kinder  - aber auch viele andere - immer wieder von euch gehört haben.
Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird´s wohl machen. – Ein Spruch der so bekannt und gewohnt ist, dass er ganz leicht und ohne viel Nachdenken über die Lippen fließt: Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird´s wohl machen. – Fast könnte der Spruch uns schläfrig machen und uns einlullen. Satt, müde und zufrieden könnten wir uns zurück lehnen und sagen, wie toll doch alles mit Gott ist, wie toll die fünfzig Ehejahre waren – fast könnten wir das sagen, aber nur fast. Denn in Wahrheit ist dieser Spruch zwar einerseits voller Vertrauen auf Gott aber zugleich ist der Bibelvers voll großer Schärfe und gewaltiger Kraft - auch für eure Ehe.
 
Ihr habt euch 1959 für diesen Trauspruch entschieden, weil er der Konfirmationsspruch meines Opas war. Aber ich glaube dass der Bibelvers auch gut in die damalige Zeit gepasst hat. 1959 waren die Hungerjahre nach dem Krieg lange vorbei. Die deutsche Wirtschaft kam so richtig ins laufen. Vater hatte seine Ausbildung als Hauer - also als Meister - bereits zwei Jahre vorher abgeschlossen. Er arbeitete bei dem damals sichersten Arbeitgeber, dem Steinkohlebergbau. Mit nun 22 Jahren ging er weiter zur Bergschule um Steiger  - also Ingenieur - zu werden. Selbst wenn es bei der Hochzeit auch Bauchschmerzen gab, insgesamt konntet ihr in euren jungen Jahren sehr zuversichtlich in die Zukunft blicken. Ich kann gut verstehen, dass ihr voll Vertrauen gesagt habt: Gott wird´s wohl gut machen.
Und dann kamen die nächsten Jahre eures Lebens voller guter Erlebnisse aber auch voller schwerer Erlebnisse: Ein paar Stationen eures Ehelebens:
Eure erste eigene Wohnung - sicher ein Hochgefühl für jeden Menschen.
Die Geburt eures ersten Kindes; Volker. Keinem Vater und keiner Mutter muss man sagen wie es ist, das erste eigene Kind voller Freude, voller Stolz und Dankbarkeit aber auch voller Sorge in den Armen zu halten. Und gleichzeitig begann für dich Mutter mit der Geburt auch sofort die Doppelbelastung von Familie und Arbeit im Zahnlabor.
Weitere Höhepunkte der jungen Ehe waren die Wohnung in Oberhausen, ein Neubau so wie man es sich gewünscht hat mit anderen Familien im Umfeld und gleichzeitig die Geburt eures zweiten Kindes – mir.
Aber auch Probleme gab es in den ersten Ehejahren schon: Die schwere Krankheit und der frühe Tod deines Vaters. Der Steinkohlebergbau war plötzlich nicht mehr sicher und Vater musste umschulen, Jahre des Lernes, knappen Geldes und starker Belastungen folgten.
Dann kam mit der Geburt eures dritten Kindes, Claudia, zugleich großes Glück wie große Sorge auf euch zu. Lange war nicht klar ob Claudia ihre Krankheit überleben würde. Schön dass du hier bist Claudia.
So haben sich im Fortschreiten eurer Ehejahre bis heute immer wieder Freuden und Probleme abgewechselt. Eure finanzielle Sicherheit hat zugenommen, aber 1977 hatte ihr eine schwere Ehekrise, auch von Trennung war die Rede. Ihr musstet damals eure Rolle als Ehepartner wieder neu finden. Und als nach und nach wir Kinder ausgezogen waren, musstet ihr euch wiederum neu als Ehrpartner finden. Und auch nach Vaters Pensionierung musstet ihr euch noch mal neu finden. Immer wieder standet ihr in diesen Zeiten unter dem Bibelvers: Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird´s wohl machen.
Wann genau ihr in diesen Situationen Gottes gute Wege erkannt habt und wann ihr gezweifelt habt, weiß ich nicht im Einzelnen. Außerdem gibt es sicher noch viele Momente in eurer Ehe, die für euch noch viel mehr für Gottes Nähe und wohl auch Gottes Ferne sprechen als die, die ich genannt habe. Sicher ist, dass ihr die Nähe Gottes und seine gute Führung für eure Wege sehen konntet. Ihr sitzt heute bei eurer Goldhochzeit hier in dieser Kirche und habt euch neu für den Bibelvers aus Psalm 37 entschieden.
Aber warum genau war dieser Bibelvers so wichtig für euch? Ich glaube, dass für euch der erste Teil des Verses viel wichtiger ist als der zweite. Der zweite Teil heißt, „hoffe auf Gott, er wird´s wohl machen“. Das ist ein mutmachender Zuspruch. Das ist das verlässliche Versprechen Gottes für euch zu sorgen.
Der erste Teil des Verses jedoch ist ganz anders. Er ist scharf und hart: „Befiehl du deine Wege“ -  Befiehl! Ein Befehl ist keine Diskussionsaufforderung. „Du kannst das so machen, oder so, und ganz sein lassen und vielleicht doch ganz anders tun“. So ist ein Befehl nicht. Ein Befehl ist bindend. Ein Befehl fragt nicht nach Lust oder momentaner Stimmung, ein Befehl ist dauerhaft. Und wer befiehlt hier wem? Gott befiehlt nicht! Auch David – der Schreiber des Psalms - befiehlt nicht. Vater befiehlt nicht Mutter. Mutter befiehlt auch nicht Vater. Jeder befiehlt nur sich selbst. Vater verpflichtet sich selbst - an Gott. Mutter verpflichtet sich selber - an Gott. Ich glaube dass diese Selbstbefehle diese Selbstverpflichtungen das wahre Geheimnis eurer Ehe sind.
Es gibt Paare die leben voller Harmonie und Eintracht, da passt einfach alles zueinander. Und: Es gibt Paare, die tun so als leben sie voller Harmonie und Eintracht. Ihr gehört weder zu der einen noch zu der anderen Gruppe. Wer euch kennt, weiß dass ihr auch nach 50 Ehejahren deutliche Meinungsverschiedenheiten habt. Ihr seid beide Menschen, die selber entscheiden wollen und bestimmen wollen. Ihr seid beide Menschen, die Führen wollen. Bei dir Vater kommt das deutlicher auf der Arbeit und im Presbyterium zutage. Bei dir Mutter sieht man deinen Führungswillen in deiner Frauengruppe. Und zuhause in Ehe und Familie wollt ihr beide bestimmen, deshalb fliegen immer wieder auch mal die Fetzen. Ihr seid nicht das Paar der unendlichen Harmonien, aber ihr habt jetzt 50 Jahre eine gelingende Ehe geführt.
Ich glaube dass gerade das Befehlen in diesem Bibelvers das Geheimnis des Gelingens eurer Ehe ist. Als zwei Menschen die beide gerne bestimmen habt ihr einen gemeinsamen Weg gefunden, weil ihr euch beide einem Größerem untergeordnet habt. Nur weil jeder von euch einzeln vor Gott zurückgetreten ist, konntet ihr in eurem Leben gemeinsam nach vorne gehen. Ihr hatte den Mut, vor Gott schwach zu sein, deshalb konntet ihr gemeinsam stark sein. Eure Demut vor Gott und euer Vertrauen in seine guten Wege haben euch erst befähig, wirklich gute gemeinsame Wege zu gehen.
Dieses Gelingen können einerseits wir „junger Verheirateten“ von euch beiden lernen. Aber andererseits müsst auch ihr beide dieses Gelingen von euch selber weiter lernen. Den ruhigen Hafen der Ehe wird es für euch nie geben. Eure zukünftigen Wege sind unklar. Ihr werdet bestimmt viele gute Wege weiter miteinander gehen, aber eure Wege werden auch kürzer werden. Und dieser Blick nach vorne macht sicher auch etwas Angst: „Wie wird sich unsere Gesundheit entwickeln? Wie wird sich die eigene Denkweise mit dem Alter verändern, und wie die Denkweisen des Partners?“ Ihr werdet euch als Paar auch wieder mal neu finden müssen. Wie gesagt: Ihr werdet den ruhigen Hafen der Ehe nie haben, aber ihr beide braucht diesen ruhigen Hafen auch nicht. Euer „Eheschiff“ wird wohl immer wieder mal im stürmischen Wasser segeln, aber euer Schiff kann auch im Sturm segeln. Ihr beide wisst schon lange wie das geht: Euer guter Weg miteinander geht über die Demut vor Gott. Darum könnt ihr heute im Seniorenalter genauso wie vor 50 Jahren voller Vertrauen sagen: „Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird´s wohl machen.“ Amen