Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Psalm 4

Pfarrer Hans-Jürgen Feldmann

29.01.2005 in der Stiftskirche Bielefeld

Wochenschlußgottesdienst

Liebe Gemeinde!

Dieser Psalm steht in der Lutherbibel unter der Überschrift „Ein Abendlied“. Im Urtext findet sich diese Titelzeile nicht, und die Ausleger bezweifeln auch eher, ob es sich wirklich um ein Lied oder ein Gebet handelt, das in den vorgerückten Stunden des Tages oder in der Nacht seinen Platz hat. Der bekannteste Vers aus diesem Psalm indessen erlaubt es dennoch, daran zu denken. Er lautet schließlich; „Ich liege und schlafe ganz mit Frieden; denn allein du, Herr, hilfst mir, daß ich sicher wohne.“

Ein stilles Bild tritt damit vor unsere Augen. Völlig entspannt liegt ein Mensch auf seinem Lager. Die Mühen und Plagen des Tages ließ er hinter sich, und sie ließen ihn ebenfalls los. Sie verfolgen ihn nicht mehr bis in den Schlaf, so daß er eigentlich keine Ruhe findet, lange wach liegt und am nächsten Morgen wie gerädert aufsteht. Auch seine Sorgen und Probleme, wenn er denn welche hat, sind zurückgetreten und beanspruchen nicht mehr das letzte Wort.

Man könnte sogar an jemanden denken, der mit sich völlig im Reinen ist, im Einklang mit sich selber lebt und in sich ruht. Dem dürfte es daher ein Leichtes sein, die Ruhe der Nacht zu finden und in einen sanften Schlaf hinüberzugleiten - vielleicht sogar in den sprichwörtlichen „Schlaf des Gerechten“, dessen also, den sein Gewissen nicht quält.

„Ganz mit Frieden“- wer möchte so nicht einschlafen und durchschlafen können, um dann am anderen Morgen wieder erquickt zu erwachen und einem neuen Tag gestärkt entgegenzublicken? Doch allen ist dies leider nicht gegeben. Aus verschiedensten Ursachen leiden nicht wenige auch unter Schafstörungen und kriegen ohne Medikamente kein Auge zu. Aber selbst damit und auch, wenn sie völlig übermüdet sind, bleiben es immer zu wenige Stunden, in denen ihr Leib und ihre Seele zur Ruhe kommen und ihre Gedanken sie nicht mehr bestürmen. Wem es so ergeht, der möchte wohl den Beter dieses Psalms beneiden um seinen gesunden und tiefen Schlaf und um die Worte: „Ich liege und schlafe ganz mit Frieden.“

Doch dieser Eindruck trügt. Zumindest spiegelt er nur einen Teil der Wahrheit. Die Wirklichkeit hat auch in diesem Fall noch andere Seiten und ist viel komplizierter. Denn das Ich dieses Psalms ist ja gerade nicht jemand, der schon von sich aus ruhig ist, gelassen über den Dingen steht und in einer inneren Harmonie mit sich selber lebt. Zwar lernen wir eine Person kennen, die zur Ruhe kommt, das aber erst allmählich, nach und nach.

 

II.„Ich liege und schlafe ganz mit Frieden“- das steht nämlich erst am Ende dieses Psalms. Am Anfang jedoch kann davon überhaupt noch keine Rede sein. Denn mit „Frieden“ hat für diesen Menschen die Nacht eben nicht begonnen, ganz im Gegenteil. Zunächst geht es für ihn höchst dramatisch zu – nicht äußerlich, dafür umso mehr in seinem Inneren. Das wird sich auch auf seinen Körper übertragen und diesen verkrampft haben. Die Muskeln sind nicht erschlafft, sondern arbeiten weiter, und so wälzt er sich womöglich unruhig hin und her, in der vergeblichen Hoffnung, eine Lage zu finden, in der die Anspannung von ihm weicht.

 

Dieser Beter hat Angst. Er hofft, daß Gott sie von ihm nehmen oder verwandeln möchte in einen getrosten Mut - „,Gott meiner Gerechtigkeit, der du mich tröstest in Angst“. Aber zunächst ist sie da und schnürt ihm die Kehle zu. Sie läßt sich nämlich nicht einfach abschütteln oder bereits dadurch besiegen, daß einer sich selbst gut zuredet oder Gründe aufzählt und ins Feld führt, aus denen hervorgeht, daß er eigentlich keine Angst oder zumindest sehr viel weniger Angst zu haben brauchte. Sie läßt sich mit den Mitteln des Verstandes nicht bekämpfen und besiegen; denn sie sitzt sehr viel tiefer – in jenen Schichten der Person, die durch reine Kopfarbeit nicht zu erreichen sind. Es mag vieles geben, das gegen die Angst spricht – allein, sie verschwindet dadurch noch nicht.

Sodann hat dieser Psalmist reichlich Probleme mit anderen. Vielleicht sind es Vorgesetzte, vielleicht auch nur Menschen, die ihm mächtiger und stärker erscheinen als er selbst und denen er sich nicht gewachsen fühlt. Er sieht sie vor sich und obwohl ihm niemand von ihnen zuhört, führt er einen Dialog mit ihnen, einen recht heftigen sogar: „Ihr Herren, wie lange soll meine Ehre geschändet werden? Wie habt ihr das Eitle so lieb und die Lüge so gern!“ Er fühlt sich von ihnen ungerecht behandelt und verkannt. Aber nicht nur das. Er fühlt sich auch verleumdet, in seiner Ehre herabgesetzt und verletzt in seiner Würde. Was über ihn verbreitet wird an Gerüchten, Gerede, Halbwahrheiten, dagegen kann er sich nicht wehren, dagegen ist er machtlos.

Es geschieht ja alles hinter seinem Rücken, und er selber wird dazu nicht gefragt. Was er zu sagen hätte, was er richtigstellen oder in ein anderes Licht rücken könnte, interessiert anscheinend niemanden. So ist er einem Gemisch aus Richtigen und Falschem ausgeliefert, und weil es immer nur teilweise stimmt, muß er es im ganzen als Lüge empfinden und für ihn selbst vernichtend.

An einer Stelle allerdings blitzt auch Selbstkritik auf. Denn der Beter möchte seinen Widersachern sagen: „Zürnet ihr, so sündigt nicht.“ Sie haben wohl, das gibt er damit ja zu, nicht in allem unrecht. Er selbst hat wohl auch Anlaß gegeben, daß man über ihn zornig ist. Worum es sich dabei im einzelnen handelt, erfahren wir nicht. Aber es ist wichtig, daß diese Person in ihrem Nachtgebet eben auch lernt, sich nicht einfach als Unschuldslamm zu betrachten, dem man nur übel mitspielt, sich nicht lediglich in einer Opferrolle sieht und sich selber darin bemitleidet. Vielmehr kann er ins Auge fassen, was bei ihm selber fragwürdig ist und der Korrektur bedarf.

An einer Stelle wird das ein wenig konkret. Da heißt es: „Du erfreust mein Herz, ob jene auch viel Wein und Korn haben.“ Hinter einer solchen Aussage kann aber nur jemand stehen, der keineswegs immer von edlen Gedanken durchdrungen und von einem großzügigen Geist beseelt war. Vielmehr spricht aus diesen Worten der blanke Neid. Zwar ist der inzwischen überwunden, aber er muß diesen Beter einmal nicht unerheblich bestimmt haben. Denn er hat ja – wie er sich nun eingesteht - auf jene geschielt, die mehr haben als er, die vielleicht auch mehr können, die eine höhere Position bekleiden, und er hat ihnen das nicht gegönnt. „Jene“, die „viel Wein und Korn haben“, müssen ihm ein Dorn im Auge gewesen sein. Ihnen gegenüber wird er sich minderbemittelt vorgekommen und vom Leben ungerecht behandelt gefühlt haben.

Aus Neid aber kann nur Unfriede entstehen. Der beginnt im eigenen Herzen und macht einen Menschen innerlich friedlos. Aber er wirkt sich im Miteinander mit anderen eben auch aus. Diese erscheinen dann einseitig als die Bevorzugten und werden als die Konkurrenten erlebt, auf die man aufpassen und vor denen man auf der Hut sein muß. Der Neid kann das Leben nur vergiften und menschliche Beziehungen beeinträchtigen. Es gehört schon Überwindung dazu, sich dies einzugestehen und zu wissen: Wenn ich mit einem anderen tauschen möchte, müßte ich auch dessen Probleme, dessen Sorgen und Ängste mit übernehmen, von denen ich vielleicht nicht einmal etwas weiß. Ich könnte mir eben nicht nur aussuchen, was an Vorteilen, an Glanz und Helligkeit ins Auge springt. Jedes Leben hat eben auch seine dunklen Seiten, und das gilt ohne Ausnahme.

„Du erfreust mein Herz, ob jene auch viel Wein und Korn haben“, heißt es dann. Das ist eine andere Sicht als die aus dem Blickwinkel des Neides. Darin erkennt ein Mensch sein eigenes Leben als ein Geschenk – mit seinen Vorzügen und mit seinen Grenzen und innerhalb des Rahmens, der ihm gesteckt ist. Und er kann sich sagen: So ist es gut und richtig; so ist es aus der Hand Gottes gekommen. Dahinter steht ein guter Wille und eine liebevolle Absicht. Dahinter steht einer, der es gut mit mir meint.

 

III.In manchen Passagen scheint dieser Psalm gar kein richtiges Gebet zu sein. Der Psalmist ist ja nicht nur mit Gott im Gespräch, sondern hat auch ganz andere im Visier, eben die Menschen, vor denen er sich fürchtet und von denen er annimmt, daß sie ihm Schaden zufügen wollen. Aber er ist doch ein Gebet. Denn er beginnt mit den Worten: „Erhöre mich, wenn ich rufe, Gott meiner Gerechtigkeit, der du mich tröstest in Angst; sei mir gnädig und erhöre mein Gebet!“

 

Damit stellt sich ein Mensch in einen anderen und größeren Raum als den seines Lebens – in einen Raum, in dem höhere und tiefere Gedanken gedacht werden, als einer von uns sie zu denken vermag. Darin herrscht auch mehr Klarsicht und Weitsicht als unseren Augen zugänglich ist. „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“, heißt es dazu in einem anderen Psalm.

In diesen Raum trägt der Beter nun nicht als erstes seine Probleme hinein, sondern er bringt die Erfahrungen mit, die er zuvor in seinem Leben schon mit Gott gemacht hat. Wenn er sagt, „der du mich tröstest“, so erinnert er sich daran, daß ihm bereits früher Trost zuteil wurde. Diese Beobachtung kann uns auch für unser Beten einen Fingerzeig geben. Es ist verheißungsvoller, zunächst auszusprechen und sich dabei bewußt zu machen, was wir in der Vergangenheit schon von Gott empfangen haben, wofür wir dankbar sind, wann und wie uns geholfen worden ist und wodurch wir aufgerichtet wurden. Das nämlich ist ein Vorzeichen, unter dem ein Mensch zur Ruhe kommen kann. Das schafft eine Basis des Vertrauens, auf der neue Zuversicht wachsen kann.

In zweiter Linie aber dürfen und sollen wir in den Raum des Gebetes unser ganzes Leben mitbringen, die ungeschminkte Wirklichkeit und all die unfertigen und unfrisierten Gedanken. Es gibt nichts, was verboten wäre, vor Gott auszusprechen. Er weiß um alles dies ja schon, bevor wir den Mund aufgemacht haben. Darum heißt es in einem Lied von Paul Gerhardt: „Er hört die Seufzer deiner Seelen / und des Herzens stilles Klagen, / und was du keinem darfst erzählen, / magst du Gott gar kühnlich sagen.“

Vor ihm können wir die Probleme ausbreiten, die wir mit anderen Menschen haben. Wichtiger als dafür eine Lösung zu finden, ist es zu wissen, daß wir damit nicht allein sind, daß wir einen Ansprechpartner dafür haben. Manche Probleme bleiben ungelöst. Das kann sehr schmerzen, aber es wird trotzdem einen verborgenen Sinn haben.

Sodann dürfen wir, wie dieser Psalm ja auch erkennen läßt, ohne Maske vor Gott erscheinen, ehrlich sein, kritisch gegenüber der eigenen Person, und das ist sehr befreiend. Wir können ihm ohnehin nichts vormachen; denn er schaut bis auf den tiefsten Grund unserer Seele. Er wird uns jedoch nicht verurteilen; denn er selbst hat uns einen Anwalt gegeben, der zu unseren Gunsten aussagt. Das ist sein Sohn Jesus Christus, und auf den wird er hören, selbst wenn uns alle anderen verklagen.

Schließlich werden in diesem Psalm auch die Zweifel nicht verschwiegen und unterdrückt, die ein Mensch sehr wohl haben kann. „Viele sagen: ‚Wer wird uns Gutes sehen lassen?‘“ Was kommt darin anders zur Sprache als eine latente Ungewißheit des Glaubens, ob Gott denn überhaupt hört, ob er hilft, ob er da ist. Was viele sagen, das macht auch vor der eigenen Tür nicht halt, das ist wohl zuweilen auch die Stimme des eigenen Herzens. Niemand hat Gott jemals gesehen, und wenn er handelt, so geschieht das meistens so, daß man es gar nicht bemerkt, zumindest nicht sofort. Denn Gott liebt nicht die spektakulären Methoden, sondern kommt auf stillen, oft unbekanntem Wege zu uns, seltener durchs Hauptportal, eher durch den Hintereingang oder durch den Keller.

In einem solchen Gebet kann es aber geschehen, daß Gott uns wichtiger und größer wird als das, was uns umtreibt, uns zu schaffen und uns das Herz schwer macht. „Herr, laß leuchten über uns das Licht deines Antlitzes“- heißt es gegen Ende. Das ist eine Bitte, die an den gottesdienstlichen Segen erinnert. Dabei mag man spüren, wie es wirklich heller wird und wie die Unrast von einem abfällt, wie die Angst nachläßt und wie sich ein Schutzmantel um die Seele legt, wie ein aufgewühltes Gemüt zur Ruhe kommt und das Herz ruhiger zu schlagen beginnt.

„Ich liege und schlafe ganz mit Frieden; denn allein du, Herr, hilfst mir, daß ich sicher wohne“ – das steht ganz am Ende, und das ist eben nicht der Ausspruch eines Menschen, den nichts aus der Fassung bringt oder der einfach von Natur aus einen gesunden Schlaf hat. Vielmehr hat er erfahren, wie ruhelos sein Herz sein kann, bis es Ruhe findet in Gott. „Denn du allein, Herr, hilfst mir, daß ich sicher wohne“, du allein.

Amen.