Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Psalm 46,1-12

Pfarrer Reiner Fröhlich (ev.)

16.09.2001 in der Evangelische Kirchengemeinde Kierspe-Felderhof

Predigt zum 11. September

Liebe Gemeinde,

An diesem Sonntag kann ich nicht den Predigttext nehmen, der für heute vorgeschlagen ist. In dieser Woche ist so Schreckliches passiert, dass ich in der Bibel gesucht habe, welches Wort unser Gott für uns heute bereit hat. Gott zeigte mir Psalm 46.

Was ist in dieser Woche passiert? In dieser Woche hat die Menschheit gemerkt: Die Macht des Bösen ist ganz gross am Werke in dieser Welt. In dieser Woche wurde allen schlagartig klar: Wir leben nicht im Himmel. Diese Welt ist eine gefallene Welt, in der teuflisches und dämonisches wirksam ist. In dieser Woche sind wir aufgewacht aus einem Traum, den vielleicht viele geträumt haben: Man dachte: Es ist schön auf dieser Erde. Wir haben alles, was wir brauchen. Uns geht es gut. In dieser Woche sind wir aufgewacht aus unserem Denken: Diese Welt ist der Himmel. Schöne Fernsehserien, herrliche Urlaubsprospekte, Supermärkte, in denen man alles kaufen kann.

Wir sind grausam aufgeweckt worden. Wir sehen entsetzt: Diese Welt braucht Rettung und Erlösung. Diese Welt ist so durchzogen von Gewalt und von Bösem, dass sie nah am Untergang ist.
Die Bibel schreibt: Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den grossen Nöten, die uns getroffen haben. Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge und die Berge mitten ins Meer sänken.
In dieser Woche wurden wir in Verzweiflung und Angst und Schrecken gestürzt. In dieser Woche merkten wir: Aus dieser Welt heraus gibt es keine Hilfe und keine Erlösung von dem Bösen.
In dieser Woche habe ich allein bei Gott Zuflucht und Hilfe gefunden. In dieser Woche konnte ich allein bei Gott mir Kraft holen, um den Tag zu bestehen, um meine Aufgaben am Tagwerk zu erfüllen, um für andere da zu sein.
Dennoch soll die Stadt Gottes fein lustig bleiben mit ihren Brünnlein, wo die heiligen Wohnungen des Höchsten sind. Gott ist bei ihr drinnen, darum wird sie fest bleiben.

Allein bei Gott habe ich Halt gefunden. Allein in der Nähe Gottes konnte ich diese ganzen schrecklichen Bilder aushalten. Und viele Menschen sind in dieser Woche in die Kirchen gekommen überall im Land. Sie haben die Nähe Gottes gesucht, für sich und für die Opfer und Rettungskräfte, die sie mit ihren Gebeten vor Gottes Thron hingebracht haben.
Allein bei Gott ist Hilfe und Zuversicht und Trost. Und diese Stadt Gottes, von der hier die Bibel spricht, das ist kein Ort, den jemand für sich in Anspruch nehmen könnte. So nach dem Motto: Bei uns in Berlin ist Gott, bei uns in New York ist Gott, bei uns in Jerusalem ist Gott. Gottes Nähe ist überall. Und wo Gott nahe ist, da ist der Himmel nah. Wo Gott nah ist, da ist Aufatmen und Geborgenheit, mitten in grossen Nöten.
In dieser Woche wird viel von den Reaktionen geredet, von Vergeltung, von Feldzügen der Guten gegen die Bösen, von Ermächtigungsgesetz für George W. Bush. Ich möchte an dieser Stelle erst einmal vorsichtig nach einer anderen Seite fragen.

Wie kann Gott das zulassen, dass so etwas Schreckliches passiert? Auf diese Frage gibt es keine Antwort. Wir können Gott nicht in die Karten sehen. Es gibt keine einfachen Erklärungen. Wir wissen nicht, wie Gott so etwas zulassen kann.
Doch beim Nachdenken über diese Frage bin ich auf einige andere Fragen gestossen, die ich ebenfalls nicht beantworten kann.
Wir Menschen meinen, dass wir alles können und alles vermögen. Wir bauen Häuser bis an den Himmel, die höher sind als der Turm von Babylon. Wir bauen Raketen und Waffen, die schlimmer sind als alles jemals Dagewesene. Wir forschen in der Biotechnik an den Grundlagen des Lebens und wollen auch am menschlichen Erbgut nicht Halt machen: embryonale Stammzellenforschung. Wir spalten das Atom und setzen damit Prozesse in Gang, die unsere Lebenszeit um ein tausendfaches übersteigen und noch unsere Urururur- enkel betreffen werden. Wir organisieren unsere Wirtschaft so, dass die grossen Konzerne immer mehr Geld verdienen und dafür immer mehr Menschen arbeitslos werden. Wir zerstören die Umwelt in einem riesigen Ausmass, und es gibt oft Staatsmänner, die sich gegen Umweltschutzabkommen stellen und sie verhindern wollen. Wir nehmen in Kauf, dass durch unser Weltwirtschaftssystem Millionen von Menschen Hunger leiden und 1.000 e von Menschen täglich sterben, ohne dass sich jemand aufregt. Das alles nennen wir Zivilisation.

Könnte es sein, dass uns dieses schreckliche Geschehen von dieser Woche aufrütteln müsste? - nicht so aufrütteln, dass wir uns in Hass und Vergeltungsgedanken ergehen und mit der ganzen NATO große Verwüstungen in armen Ländern anrichten, - sondern vielleicht so aufrütteln, dass wir zu überlegen beginnen: was tun wir im Westen eigentlich seit Jahren? Kann man unsere Lebensweise als Zivilisation bezeichnen? Was hat sich an Teuflischem und Menschenzerstörendem bei uns eingeschlichen?
Damit komme ich zu dem anderen Text aus der Bibel, der mir in dieser Woche wichtig geworden ist:
Micha 6,8: Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.
Demütig sein vor deinem Gott. Wir Menschen dürfen nicht alles tun, was uns möglich ist. Wir müssen Gott nach den Grenzen fragen, die gut für uns sind. Wir müssen überlegen, wo wir dem Bösen Tür und Tor öffnen und neue schreckliche Gefahren mit unserem Tun heraufbeschwören.
Liebe üben. Das haben wir in den vergangenen Tagen überwältigend getan. Verbundenheit mit den Opfern, Solidarität mit den Angehörigen, Gebete für ganz Amerika. Liebe üben, heisst für mich dann aber auch: Polizei statt Militär. Fahndung und Festnahme statt Krieg und Bomben. Liebe üben heisst: Verhältnismässigkeit der Mittel. Wenn die Terroristen Barbaren waren, dann dürfen wir uns nicht zu Barbaren machen lassen.
Gottes Wort halten. Gottes Wort halten, das heisst für mich, dass wir als Christen Gottes Maßstäbe anlegen müssen an unsere ganze sogenannte Zivilisation. Gottes Wort halten heisst: Anfragen stellen an all das Teuflische und Menschenzerstörende, das zu unserer westlichen Lebensweise und unserem Wirtschaften und Forschen dazugehört. Es kann doch nicht sein, dass die 42.000, die pro Tag verhungern, niemanden interessieren. Da gibt ein keine Sondersendungen der Nachrichten rund um die Uhr.

Die schrecklichen Geschehnisse dieser Woche haben uns zu Boden geschlagen und machen uns ratlos und voller Angst.
Aber Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den grossen Nöten, die uns getroffen haben.

Amen.