Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Psalm 62,2

Pfarrer em. Dr. theol. Christian-Erdmann Schott (ev.)

26.04.2009 Tagung der "Gemeinschaft evangelischer Schlesier (Hilfskomitee) e. V. in Wuppertal

Zum 70. Jahrestag des Kriegsbeginns – 1. September 1939

Zum 70. Jahrestag des Kriegsbeginns – 1. September 1939

„Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft“

Liebe Gemeinde, vor siebzig Jahren, am 1. September 1939, hat Deutschland mit dem Einmarsch in Polen den Zweiten Weltkrieg begonnen. Damit ist eine Entwicklung eingeleitet worden, die in unserem Leben bis heute nachwirkt. Denn spätestens dieser Einmarsch war der Anfang für das bittere Ende mit unserer Flucht und Vertreibung aus Schlesien; ein gewaltiger Vorgang, den wir zwar als Kinder miterlebt haben und das ist lange her, der unser Leben aber dennoch bis heute geprägt hat.

Bei der Vorbereitung zu dieser Gedenk-Predigt habe ich mich gefragt: Was haben unsere Pastoren damals, zu Kriegsbeginn ihren Gemeinden gesagt? Was haben sie gepredigt? Es gab ja doch auch in Deutschland eine lange Tradition der Kriegspredigt, die ihre Aufgabe darin sah, die Soldaten (und natürlich auch die Zurückbleibenden in der Heimat) moralisch-christlich-evangelisch aufzurüsten. Es gab sogar Truppenführer, die vor der Schlacht mit ihren Soldaten gebetet haben; zum Beispiel der „Alte Dessauer“. Dieser Haudegen-General Friedrichs des Großen ließ am 15. Dezember 1745 vor der Schlacht bei Kesselsdorf westlich von Dresden die preußischen Truppen antreten, um öffentlich zu beten: Herrgott, hilf mich, und wenn Du das nicht willst, dann hilf wenigstens die Schurken von Feinden nicht, sondern sieh zu, wie es kommt. Amen. In Jesu Namen, Marsch.

Nicht ganz so soldatisch kurz, aber dafür patriotisch-deutsch-national waren viele Gebete und Predigten im Jahr 1914 zum Beginn des Ersten Weltkrieges, die die Kriegsbegeisterung der Bevölkerung bewusst aufgriffen, auf ihre Weise verstärkten und als „Hurra-Predigten“ in die Geschichte eingegangen sind.

Was aber ist 1939 gepredigt worden – hier besonders von Predigern mit Bezug zu Schlesien? Es sind nicht sehr viele Predigten aus dieser Zeit erhalten. Aber die, die ich finden konnte, spiegeln den allgemeinen Trend der evangelischen Predigt dieser Zeit wider. Sie zeigen, dass hier von Hurra-Patriotismus nichts zu spüren ist. Die Predigten sind ernst, gefasst und ausgesprochen seelsorgerlich ausgerichtet. Es geht ihnen um die innere Stärkung, um Kraft der Seele und des Glaubens, damit die Menschen diese Zeit durchstehen können

Als Beispiel nenne ich zum einen den Pastor an der St.- Maria-Magdalena-Kirche zu Breslau, Ulrich Bunzel (1890-1972). Er predigte – ungewöhnlich für Weihnachten – an Heilig Abend 1939 über das Psalm-Wort: „Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft“ Ps.62, 2. Zum anderen nenne ich Dietrich Bonhoeffer, der in einer Lesepredigt für den Sonntag nach Neujahr 1940 zum Evangelium von der Flucht der heiligen Familie nach Ägypten ((Matth. 2, 13-23) geschrieben hatte: Wir gehen in ein neues Jahr, viele menschliche Pläne und Fehler, viel Feindschaft und Not werden unseren Weg bestimmen. So lange wir … bei Jesus bleiben und mit ihm gehen, dürfen wir gewiss sein, dass auch uns nichts widerfahren kann, als was Gott zuvor ersehen und verheißen hat. Es ist der Trost eines Lebens, das mit Jesus gelebt wird, das er auch über ihm verheißen muss: Es wurde erfüllt, was der Herr gesagt hat. Amen.

Damit unterschieden sich die evangelischen Predigten am Beginn des II. Weltkrieges in ihrer überwiegenden Mehrheit nicht nur von den bisher üblichen Kriegspredigten, sondern auch von den Propagandareden, den Filmen (z. B. Wochenschauen) und Zeitungsartikeln der NSDAP. Diese suchten den „deutschen Volksgenossen“ klar zu machen, dass wir aufgerufen sind, in einem heroischen Krieg der edlen germanischen Rasse gegen die Untermenschen um Lebensraum und Herrschaft in der Welt zu kämpfen. Joseph Goebbels, Reichspropagandaminister, war ständig bemüht, die Stimmung der Bevölkerung auf Kriegskurs zu bringen, die Propaganda zu perfektionieren und auf alle Lebensbereiche (Jugend, Familie, Kultur, Radio, Zeitungen) auszuweiten. In seinen Tagebüchern kann man das nachlesen. Dort findet allerdings auch seine Unzufriedenheit ihren Ausdruck, die er den Kirchen gegenüber empfindet. Völlig zu Recht nimmt er wahr, dass die Kirchen in ihrer großen Mehrheit seine Kriegs-Propaganda nicht unterstützen. Das zeigt eine Eintragung vom 28. Dezember 1939, der Krieg war gerade vier Monate alt, in der Goebbels berichtet, dass er sich beim „Führer“ über die Kirchen beklagt habe:

Ich bringe meine Klagen gegen die Kirchen vor. Der Führer teilt sie vollkommen, glaubt aber nicht, dass die Kirchen im Kriege irgendetwas unternehmen werden. Aber er weiß, dass auch er nicht um den Kampf zwischen Staat und Kirche herumkommen wird. …Am besten erledigt man die Kirchen, wenn man sich selbst als positiverer Christ ausgibt. Es gilt also, in diesen Fragen vorläufig Reserve zu wahren und die Kirchen, wo sie frech werden und sich in staatliche Belange einmischen, kalt abzuwürgen. Und das wollen wir nach besten Kräften besorgen. (Die Tagebücher von Joseph Goebbels, herausgegeben von Elke Fröhlich, Teil I, Band 7, München 1998).

Vor diesem Hintergrund und in diesem Kontext gewinnt das Wort aus Psalm 62 eine besondere Leuchtkraft. „Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft“. Das ist in der Tat der glatte Gegensatz zu der auftrumpfenden, brüllenden Propaganda der Nazis. Statt die Menschen mit heroisch-pathetischen Parolen aufzuputschen, empfiehlt die Kirche im Sinne des Psalmbeters die Wendung nach innen, in die Stille, ins Gebet. Das ist der Weg, auf dem die Kraft Gottes zu uns kommt und uns hilft.

Die weitere Geschichte und besonders die Endphase des Krieges haben die Unterschiede gezeigt. Die Nazis haben immer mehr den Terror ausgebaut; den Terror nicht allein gegen die anderen Völker und die Juden, sondern auch gegen das eigene Volk. Terror heißt, sie haben den Menschen Angst gemacht. Sie haben das deutsche Volk mit Angst diszipliniert. Letztlich enden alle totalitären Ideologien, das 20. Jahrhundert hat es erneut überdeutlich gezeigt, im Terror. Terror wird gezielt eingesetzt um den Menschen Angst zu machen. Denn Angst macht den Menschen klein, unsicher, manipulierbar, gefügig, angepasst, feige. Das Vertrauen auf Gott bewirkt das Gegenteil: Es weitetet das Herz, den Blick, den Horizont. Es erhebt uns, es tut uns gut, weil es uns in der Seele stark macht – mit der Folge, dass der Mensch fröhlich, dankbar und zufrieden wird, Humor entwickelt. Auch die Ideologen selbst lachen nicht. Können Sie sich Adolf Hitler oder Joseph Göbbels herzlich lachend vorstellen? Ein Ideologe verbreitet Angst, ein Ideologe kämpft – immer, aber ein Ideologe lacht nicht. Wenn der Psalmist sagt „Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft“, dann können wir das ganz wörtlich nehmen: Das Vertrauen auf Gott macht aus uns Menschen das, was wir nach Gottes Willen sein sollen und sein können.

Und so hat die evangelische Predigt die Menschen beim Beginn des II. Weltkrieges auch angesprochen - nicht in erster Linie als Volksgenossen, als Systemträger, als Deutsche, als Teil einer Rasse, einer Partei oder Klasse. Sie sieht uns in unserer Beziehung zu Gott. Darauf redet sie den Menschen an. Sie begreift ihn als Kind Gottes, als Adressaten des Evangeliums. Damit spricht sie uns an in einer Tiefe der Seele, in die keine andere Macht der Welt hineinreicht, und zeigt, wo wir die Kraft finden können, die wir brauchen: Bei Gott.

Diese Kraft, die aus der Stille des Hörens auf Gott und aus dem Gebet gewonnen werden kann, ist allerdings eine zweischneidige Sache. Sie macht uns leidensfähig. Sie gibt uns Kraft in der Not, sodass wir glauben und durchhalten. Aber sie macht uns nicht nur widerstandsfähig gegen die Not, sondern auch gegen die Vereinnahmung durch „die Welt“, mag sie nun repräsentiert sein von wem auch immer. Die Bedeutung dieser Dimension des Glaubens haben Hitler und Goebbels instinktiv völlig richtig erfasst. Sie haben klar erkannt, dass sie – wenn sie die totale Macht über die Menschen gewinnen wollen – die Macht der Religion, die Macht Gottes in den Seelen der Menschen brechen und die Kirchen  langfristig beseitigen müssen. Das haben nicht nur die Nazis erkannt. Das haben alle Diktatoren gewusst und nach Möglichkeit auch umgesetzt. Religion macht die Menschen stark und innerlich unabhängig. Die, die sich zu Kriegsbeginn 1939 entschieden haben, so zu predigen wie der in Breslau tätige Pastor Bunzel oder der in Breslau geborene Privatdozent Bonhoeffer, haben sich richtig entschieden.

Wenn heute, 70 Jahre nach diesen Ereignissen, gefragt wird, warum haben die Kirchen damals die Bevölkerung vor diesem Krieg und vor diesem politischen System nicht deutlicher gewarnt und wirkungsvoller geschützt? Warum haben sie nicht offensiver gegen den Krieg und für Verständigung gepredigt? dann werden wir daran erinnern: Diese Fragen sind aus heutiger Sicht verständlich. Aber sie sind gestellt nach dem Krieg, nach der Entlarvung der Nazis, nach dem bitteren Ende dieses ganzen Unternehmens. Die Prediger von 1939 lebten vor dem Krieg und im Krieg noch in der alten Tradition der nationalen Verbindung von Kirche und Volk. Vor und dann im Krieg ist eben nicht nach dem Krieg.

Aber selbst wenn die Kirche versucht hätte, im Krieg gegen den Krieg zu predigen, wäre sie nicht gehört worden. Die Anspannung der Deutschen war auf den Krieg ausgerichtet und konzentriert. Eine Anti-Kriegspredigt im Krieg – wer hätte sie überhaupt zu halten gewagt? – wäre als Verrat, als dem-deutschen-Volk-in-den-Rücken-Fallen verstanden worden und vollkommen zwecklos gewesen. In dieser Einschätzung, Goebbels gegenüber abgegeben, lag „der Führer“ durchaus richtig.

Diese Fragen zeigen aber, in welcher Richtung wir heute zu predigen versuchen, zu predigen versuchen sollten – im Kern wie unsere Väter auch: Stärkend, tröstend, Mut machend - dicht bei der Bibel und dicht bei den Menschen. Wobei wir nicht verschweigen dürfen, dass die evangelische Kirche in den langen Jahren des Friedens, die wir seit 1945 in Deutschland haben, dem Evangelium mitunter nicht sehr viel zugetraut hat. Aus Angst, nicht zeitgemäß zu sein, hat sie sich beim Zeitgeist angebiedert, Anlehnung und Unterschlupf bei den verschiedensten weltanschaulichen Moden und Bewegungen gesucht. Ich erinnere nur an die Zeiten, wo die Politik in der Kirche eine viel zu große Rolle spielte, oder das soziale Engagement sich unverhältnismäßig breit machte oder jetzt, wo das Geld eine auffallend große Rolle auch in der Kirche spielt. Das alles sind an sich keine schlechten Dinge, für die Kirche aber ist entscheidend, dass sie weiß: Wir haben einen Schatz, einen einmaligen, uns geschenkten und anvertrauten  Schatz, den wir nicht vergraben und verstecken, sondern immer wieder neu herausstellen und zeigen sollen: Das Wort Gottes. Wenn wir dem Worte Gottes treu bleiben, ist die Kirche stark. Dann haben wir den Menschen auch was zu sagen. Und dann sind alle Sorgen um Zukunft oder Nicht-Zukunft, um Geld oder nicht Geld, um Überleben oder nicht, klein und unwichtig. Denn dann zeigt sich auch die Wahrheit, die in dem Psalmwort steckt:  „Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft“. Amen.