Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Psalm 71,20

Magdalene Imig

11.05.2005 auf WDR 3,4,5

Kriegskinder

Wer im Krieg geboren wird, bei dem schwimmt die Angst im Fruchtwasser mit. Die werdenden Mütter im zweiten Weltkrieg rannten im Bombenhagel um ihr Leben, an das ihrer Kinder haben sie kaum noch geglaubt. Manch ein Neugeborenes war nach wenigen Stunden oder Tagen schon wieder tot. Von diesen kurzen Lebenszeiten sprechen die Kriegsgräber auf den Friedhöfen in unserem Land. Diejenigen aber, die nicht gestorben sind, finden ihr Leben lang keine Antwort auf die Angst, die sich so oft unter ihr Lachen mischt.

In unserer heutigen Zeit wissen wir, dass Reize im Mutterleib für das Leben prägen, dass der Mensch bereits als Fötus Eindrücke gewinnt, die sein ganzes Leben bestimmen können und dass der mütterliche Stress während der Schwangerschaft gravierende Folgen haben kann für die spätere Gesundheit des Kindes. Nach diesen neuen Erkenntnissen werden die Kinder in heutigen Kriegsgebieten behutsam therapiert, man scheint zu ahnen, was sie durchmachen und ist bereit, ihnen zu helfen.

Nach jenem großen Krieg, der vor sechzig Jahren zu Ende ging, hat niemand ans Therapieren gedacht. Die Erwachsenen waren in erster Linie mit sich selbst beschäftigt und froh, dass es endlich vorbei war, dass sie überlebt hatten, und die Kinder, ach die haben doch gar nicht viel mitbekommen, dachten ihre Eltern, und zum Verstehen waren sie noch viel zu klein.

So blieben die Kinder des zweiten Weltkrieges allein mit ihren Fragen, allein mit dem Unverständlichen, allein mit ihrem Leben, das sie tapfer durchliefen, fleißig und oftmals ziemlich erfolgreich. Keiner von ihnen hat aufgeschrieen wenn in den Nächten die Alpträume kamen, sie haben stillgehalten die unverständlichen Ängste hinuntergeschluckt, gearbeitet und ihr akkurates kleines Leben geführt. Jeder für sich und allein. Aber vielleicht hat der Friede in unserem Land auch nur deshalb halten können, weil wir Kriegskinder ihn nie mehr verlieren wollten, weil wir ihn pflegten und schützten aus dem Wissen heraus, wie quälend die Angst ist, deren Spuren dieser grausame Krieg damals in unseren Kinderseelen zurückgelassen hatte.

Unser Anfang war schrecklich, das werden wir nie vergessen, darüber hinaus aber hat womöglich gerade dieser lebensbedrohliche Start jenen Blickwinkel entstehen lassen, aus dem heraus wir so bewusst und besonders ausgeprägt und dankbar auf die kleinen Glücksstationen des Lebens blicken können Die erste Frühlingsblumen beispielsweise, der Kranichflug, das Jubilieren der Vögel am Morgen oder ein Kinderlachen am Nachmittag. Wir leben in unserer modernen Welt mit der Technik, dem Knowhow und allem Fortschritt und doch wissen wir um die Werte, die es gilt zu bewahren, die Werte, die nur der Friede im Gepäck hat, die wir nie wieder vermissen wollen.

Dass wir Kinder des Krieges jene schlimme Zeit überlebt haben und immer noch leben ist wunderbar und vielleicht im Ergebnis die Erfüllung der alten Psalmworte: Denn du lässest mich erfahren viele und große Angst und machst mich wieder lebendig und holst mich wieder heraus aus den Tiefen der Erde. In diesem Bewusstsein will ich meinen Lebensweg weitergehen, und darauf hoffen und darum beten, dass er für immer friedlich bleiben wird.

Amen.