Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Psalm 73

Pastor Andreas Ullrich (ev)

03.03.2013 in der Freien ev. Gemeinde Aachen

Besonderheiten: 1. Darbringung von Kindern (Kindersegnung) 2. integriert in eine Predigtreihe zur Passionszeit (Klagepsalmen)

Liebe Gäste, liebe Freunde, liebe Gemeinde,

gibt es in diesem Raum jemanden, der oder die einen Spagat beherrscht? Wer von Ihnen ist zu einem Spagat in der Lage?

Also, ich selbst kann es auch nicht, und ich habe es auch noch nie gekonnt. – Trotzdem sind wir alle jetzt herausgefordert, einen Spagat zu machen. – Keinen körperlichen – das ist unser Glück – aber einen gedanklichen; einen Spagat mit Herz und Verstand.

Vor wenigen Minuten haben wir uns in der Segenshandlung mit den Eltern und ihren Kindern gefreut. Wir sind ihrem Glück begegnet, haben Anteil daran genommen und sind dabei selbst auch ein wenig glücklicher geworden. Solche Momente lieben wir, oder? – Wir könnten eigentlich jetzt zu den Feierlichkeiten übergehen?

Davor wird uns aber jetzt etwas passieren, was uns in unserm Leben immer wieder mal passiert. Wir werden in unserem Glück gestört. Wie aus heiterem Himmel überfällt uns eine Nachricht, ein Ereignis oder eine Begegnung und fordert unsere Aufmerksamkeit. Gerade noch fröhliches Lachen, und auf einmal – Schluss mit lustig. Wir haben – im Bild gesprochen – quasi schon die Vorspeise auf dem Teller, da klingelt das Telefon und die Nachricht die wir hören, verdirbt uns den Appetit.

Vielleicht empfinden sie es gleich so ähnlich, wenn sie den Predigttext für diesen Sonntag hören. – Wir beschäftigen uns als Gemeinde in den sieben Fastenwochen zwischen Aschermittwoch und Ostersonntag mit sieben Klageliedern der Bibel. Diese sieben Lieder sind Gebete aus alter Zeit in unsere Zeit. Von Menschen lange vor unserer Zeit gesprochen und dennoch nicht weit weg von unseren eigenen Erfahrungen. Diese sieben Klagepsalmen rufen uns zu Einkehr und Umkehr. Sie bringen uns mit der dunklen Seite der Welt, mit der dunklen Seite Gottes und mit der dunklen Seite in uns selbst in Kontakt.

Richten wir uns ein auf den gedanklichen Spagat: gerade noch Segen und Kinderlachen, jetzt Eifersucht, Neid, Wut und Enttäuschung. Hören wir das Gebet eines Mannes, namens Asaf, uns überliefert im Psalm Nr. 73:

(1 Ein Lied Asafs.)

Ich weiß es: Gott ist gut zu Israel, zu allen, die ihm mit ganzem Herzen gehorchen.

2 Doch beinahe wäre ich irregeworden, ich wäre um ein Haar zu Fall gekommen:

3 Ich war eifersüchtig auf die Menschen, die nicht nach dem Willen Gottes fragen; denn ich sah, dass es ihnen so gut geht.

4 Ihr Leben lang kennen sie keine Krankheit, gesund sind sie und wohlgenährt.

5 Sie verbringen ihre Tage ohne Sorgen und müssen sich nicht quälen wie andere Leute.

6 Ihren Hochmut tragen sie zur Schau wie einen Schmuck, ihre Gewalttätigkeit wie ein kostbares Kleid.

7 Ihr Luxusleben verführt sie zur Sünde, ihr Herz quillt über von bösen Plänen.

8 Ihre Reden sind voll von Spott und Verleumdung, mit großen Worten schüchtern sie die Leute ein.

9 Sie reißen das Maul auf und lästern den Himmel, ihre böse Zunge verschont nichts auf der Erde.

10 Darum läuft das Volk Gottes ihnen nach und lauscht begierig auf ihr Geschwätz.

11 »Gott merkt ja doch nichts!«, sagen sie. »Was weiß der da oben von dem, was hier vorgeht?«

12 So sind sie alle, die Gott verachten; sie häufen Macht und Reichtum und haben immer Glück.

13 Es war ganz umsonst, HERR, dass ich mir ein reines Gewissen bewahrte und wieder und wieder meine Unschuld bewies.

14 Ich werde ja trotzdem täglich gepeinigt, ständig bin ich vom Unglück verfolgt.

15 Aber wenn ich so reden wollte wie sie, würde ich alle verraten, die zu dir gehören.

16 Ich mühte mich ab, das alles zu verstehen, aber es schien mir ganz unmöglich.

17 Doch dann kam ich in dein Heiligtum. Da erkannte ich, wie es mit ihnen ausgeht:

18 Du stellst sie auf schlüpfrigen Boden; du verblendest sie, damit sie stürzen.

19 Ganz plötzlich ist es aus mit ihnen, sie alle nehmen ein Ende mit Schrecken.

20 Herr, wenn du aufstehst, verschwinden sie wie die Bilder eines Traumes beim Erwachen.

21 Als ich verbittert war und innerlich zerrissen,

22 da hatte ich den Verstand verloren, wie ein Stück Vieh stand ich vor dir.

23 Und dennoch gehöre ich zu dir! Du hast meine Hand ergriffen und hältst mich;

24 du leitest mich nach deinem Plan und holst mich am Ende in deine Herrlichkeit.

25 Wer im Himmel könnte mir helfen, wenn nicht du? Was soll ich mir noch wünschen auf der Erde? Ich habe doch dich!

26 Auch wenn ich Leib und Leben verliere, du, Gott, hältst mich; du bleibst mir für immer!

27 Wer sich von dir entfernt, geht zugrunde; wer dir untreu wird, den vernichtest du.

28 Ich aber setze mein Vertrauen auf dich, meinen Herrn; dir nahe zu sein ist mein ganzes Glück. Ich will weitersagen, was du getan hast.

Nach der Übersetzung „Gute Nachricht Bibel“

Beeindruckend, dass die heilige Schrift so viel Platz auch für unheilige Worte hat. Asaf macht sich Luft. Er hat die Faxen dicke. Am Anfang und am Ende seines Gebets hält er die höfliche Form – in der Mitte aber gibt es kein Halten mehr. Da überlegt er nicht viel, sondern macht seinem enttäuschten Herzen und seinem verwirrten Verstand Luft:

„Das darf doch wohl nicht wahr sein, dass der Mensch, der sich um Aufrichtigkeit, Anstand und Respekt bemüht, am Ende der Dumme ist? Wo bleibt denn die Gerechtigkeit, wenn Banker für ihre Zockerei noch belohnt werden, der kleine Mann aber mit seinen Steuergroschen die Milliardenverluste ausgleichen soll? – Wo bist du Gott, wenn sich die Spötter über dich und alle, die an dich glauben, das Maul zerreißen und eine Party nach der andern geben? – Wo bist Du? Ich werde noch irre!“

Das Erschreckende und Tröstende zugleich an diesen Worten ist, dass wir als Menschen im Jahr 2013 ganz und gar darin vorkommen.

Erschreckend sind diese Worte, weil die Welt, in der wir heute leben eigentlich kein Stück gottesfürchtiger geworden ist gegenüber der Welt Asafs, der diesen Psalm vor über 2.500 Jahren schrieb.

Tröstend sind diese Worte, weil es nicht nur unsere menschlichen Worte sind, sondern weil sie zu biblischen Worten und damit zu Gottes Worten geworden sind.

Diese Worte sind mächtig. Asaf nimmt seine Umgebung sehr genau wahr. Was er sieht und erlebt, verunsichert ihn bis ins Mark. Er sagt nicht: „Was draußen passiert interessiert mich nicht; geht die Welt heute unter, geht sie ohne mich.“ – Nein, er lässt die Gottlosigkeit seiner Mitmenschen auf sich wirken. Und sie wirkt verheerend. Er steht am Rand der Verzweiflung. Er hat den Eindruck, an seinem Glauben, an Gott selbst irre zu werden. – Dabei ist es nicht die Gottlosigkeit selbst, die ihn verrückt macht, sondern die Beobachtung, dass sie scheinbar ohne Folgen bleibt.

Asaf ist auf der Suche nach Gott und seiner Gerechtigkeit. Er erkennt mehr Erfolg, mehr Freude – ja er hat den Eindruck – auch mehr Segen bei den Spöttern und Gottesverächtern. Und diese Beobachtung wirkt wie ein Sog: „Darum läuft sogar das Volk Gottes ihnen nach.“

Und wenn ihm Gott nicht bald Einsicht schenkt, wird auch er dem Sog nicht länger widerstehen können.

Aus alledem macht Asaf ein Gebet, ohne zu verharmlosen oder schön zu färben, um es leicht verdaulicher zu machen.

Wie beten sie? – Haben sie eine ganz bestimmte Vorstellung von einem Gebet? – Glauben sie, dass ein Gebet eine bestimmte Form haben muss? Oder einen bestimmten Ort, oder eine bestimmte Zeit? Oder einen bestimmten Glauben? – Das Großartige an einem Gebet ist, dass es all das im Grunde nicht braucht, sondern nur ihr Herz, so wie es ist. Du brauchst für dein Gebet keinen Briefkasten, kein Porto, keine freie Telefonleitung, keine Ladenöffnungszeiten, keine Eintrittskarte, keinen Termin wie auf irgendeinem Amt. Du brauchst keine saubere Weste, kein reines Gewissen und keinen Heiligenschein. Du brauchst keine Kirchenmitgliedschaft, keinen Nachweis guter Werke, ja noch nicht einmal eine feste Gottesvorstellung. Alles was du brauchst bist du, dein Herz und deine Gedanken, so wie sie sind.

Um alles andere kümmert sich Gott:

  • er übersetzt es, wenn nötig

  • er bringt es im Himmel zum Klingen, wenn sie es nur flüstern oder denken können

  • er passt auf, dass es nicht verloren geht

  • und erklärt jedes ihrer Gebete zur Chefsache.

Asaf beschreibt das Leben, so wie er es wahrnimmt. – Und wie schon gesagt – es ist nicht weit weg von unserer heutigen Wahrnehmung, oder? – Aber eine kritische Rückfrage sei doch erlaubt: stimmt seine und unsere Wahrnehmung wirklich? Stimmt es wirklich, dass es einerseits fröhliche, wohlgenährte, gottlose Spötter gibt, die in Saus und Braus leben und denen nichts heilig ist? Und andererseits aufrichtige, gottesfürchtige und respektvolle Gläubige, die auf keinen grünen Zweig kommen?

Ich meine nicht! – Ist es nicht vielmehr so, dass wirklich jeder an der Wirklichkeit leidet und sein Päckchen zu tragen hat? – Wie glücklich ist ein Banker tatsächlich, der einen viel zu hohen Bonus für seine Geschäfte erhalten hat, von denen zwar die Bank aber nicht der Kunde profitiert hat? – Wie zufrieden ist der Dealer, der seinen Stoff an Minderjährige vertickt wirklich? – Und müssen wir nicht gerade nach den Erfahrungen der letzten Jahre sagen, dass es ungeheuerliche Gottlosigkeiten mitten in der Christenheit gab in den vielen unmenschlichen und gottlosen Vergehen an Minderjährigen und Schutzbefohlenen? – Die Welt ist nicht so leicht in Gute und Böse zu teilen. Das mag uns ärgern, ist aber die Wahrheit.

Was wir brauchen ist ein Wechsel unserer Blickrichtung. Und damit sind wir wieder ganz bei Asaf:

Asaf macht einen Ortswechsel. Er bleibt nicht auf seinem alten Standpunkt stehen. Er wechselt seinen Standort. Er überschreitet eine Schwelle. Er geht aus der Mehrdeutigkeit seiner Umgebung heraus in einen nächsten Raum – in Gottes Heiligtum, so sagt er.

Was ist das? Und wo ist das? – Es ist der Ort, an dem Gott gegenwärtig ist. Zur Zeit Asafs war dies der Tempel; in den Zeiten davor war es die sog. Stiftshütte – ein Zelt – ds sog. „Zelt der Begegnung“. Daran hatte sich Gott gebunden. Hier kam es zur Anbetung, zur Einsicht, zur Vergebung und zum Gericht.

Gibt es solch einen Ort auch für uns heute? Einen Ort an dem Gott uns und wir ihm nahe kommen? – Ist Gott nicht allgegenwärtig, also im Wald genauso wie im Supermarkt, in der Kneipe ebenso wie in der Kirche? Ich will keine theoretische Antwort darauf geben, sondern eine praktische. Ein Mensch, der wie Asaf mit beiden Beinen in der Welt steht und darin unterzugehen droht, braucht einen anderen Standort. Das ist es ja gerade, worunter er leidet, dass er an seinem Standort, in seinem Lebensumfeld eben nicht Gottes Gegenwart erkennt, sondern Gott-Losigkeit. Rein theoretisch ist Gott allgegenwärtig, aber das nützt ihm nichts. Die Theorie mag klar sein, aber sie ist nicht für ihn erfahrbar.

Er braucht einen Ort, wo er Gottes Stimme hören kann und wo sie nicht unter vielen tausend anderen nicht mehr zu hören ist. Gott kann ihm überall begegnen, aber er nicht Gott. Denn er steckt zu tief drin, ist verwirrt. Es ist um ihn herum und in ihm zu laut.

Er begibt sich in das Heiligtum seiner Zeit, in den Tempel, an den Ort, wo nur die eine Stimme redet, Gottes Stimme. „Seid still und erkennt, dass ich Gott bin!“ – Und hier kommt er zurecht. Dort trifft er Gott – und seine Brüder und Schwestern. Sie stehen neben ihm – manche mit denselben Fragen, wie er sie hat. Manche mit anderen. Sie machen so etwas wie Bildungsurlaub im Heiligtum.

Dabei ist das Gebäude nur Mittel zum Zweck. Schon damals war das eigentliche des Heiligtums nicht die Steine, sondern die Beziehungen, die dort verbaut waren. Die Beziehung Gottes mit den Menschen und der Menschen mit Gott und die Beziehungen der Menschen untereinander.

In diesem Sinne bin ich sicher, dass ein Mensch Kirchen und Gemeinden braucht, in denen er Gott begegnen kann. Dort ändert sich für Asaf Entscheidendes. Er lernt Vorläufiges und Endgültiges unterscheiden. Er lernt, seine Umgebung von ihrem Ende her zu sehen. Andere Tatsachen treten vor sein Auge. Es ist nicht alles Gold, was ohne Gott glänzt. Die so unerschütterlich schienen, das er selbst fast über sie gestolpert wäre, stehen auf ganz dünnem Eis. Über Nacht müssen sie von der ganz großen Bühne abtreten. Schlagartig verlieren sie an Einfluss. Asaf sieht die Welt plötzlich mit anderen Augen.

Und sich selbst sieht er plötzlich auch anders. Er sagt: „Ich Hornochse, ich hatte ja keine Ahnung.“

Am Ende dieses Psalms hat sich seine Sprache völlig verändert. Er spricht jetzt nicht mehr über Gott, sondern mit ihm.

Was er vorher, auf seinem alten Standpunkt erlebt, war so etwas wie ausgesaugt zu werden. Ein Sog hatte ihm den Verstand und den Glauben geraubt. Jetzt hat er beides zurück. Und davon möchte er gerne anderen Menschen erzählen. Am Ende klingt der Psalm wie ein Liebeslied. Wer hätte das gedacht? Aus dem Protestsong ist ein Liebeslied geworden.

Und ihnen? – Wie geht es Ihnen? – Klingt in ihnen auch ein Lied? Wenn ja, welches? Oder befinden sie sich noch im gedanklichen Spagat? – Wie auch immer – machen sie daraus ein Gebet in der kurzen Zeit der Stille, die wir uns jetzt nehmen.

Amen