Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Psalm 74

Landesbischof Dr. Ulrich Fischer

09.11.2008 in der Katholischen Stadtkirche St. Stephan, Karlsruhe

Ökumenischer Gottesdienst der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen (ACK) in Baden-Württemberg zum Gedenken an die Pogrome von 1938

ERINNERUNG UND UMKEHR

Gnade sei mit uns und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,
wie haben wir eben die Worte des 74. Psalms gehört? Dieses Klagelied eines gequälten und geschundenen Volkes. Wie erregend eindrücklich wird hier die Demütigung durch grausame Feinde beklagt. Die Schändung der heiligen Orte. Die Verwüstung des Tempels. Die Beschädigung der Ehre Gottes durch das mörderische Treiben gottloser Feinde. Nicht wie ein Klagelied aus vorchristlicher Zeit klingt dieser Psalm. Nein, bei jedem Wort haben wir einen anderen Text mitgehört, nämlich jenen, der uns heute zu diesem Gottesdienst zusammenführt: Das Unheil, das am 9. November 1938 unseren jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern zugefügt wurde. Können wir angesichts dieses Subtextes den Text jenes alten Klagepsalms wirklich mitbeten? Nein, das können wir nicht, weil wir dann die Perspektive von Opfern und Tätern verfälschen würden. Hier klagen die Opfer von Unrecht und Gewalt. Hier klagen die Opfer, die den Verlust all dessen beweinen, was ihnen wichtig war. Hier klagen die Opfer, die Gottes Ehre in den Schmutz gezogen sehen. Sie und nur sie allein haben das Recht, so zu klagen. Sie und nur sie allein haben das Recht, ein Klagelied des geschundenen Volkes anzustimmen. Kann ich über diese Worte der Klage predigen? Es fällt mir sehr, sehr schwer, denn all zu leicht würde ich mich beim Reden über diese Worte der Klage in die Rolle des distanzierten Betrachters, ja fast des unbeteiligten Zuschauers begeben. Aber nicht das Leid des jüdischen Volkes zu betrachten, nicht dem zuzuschauen, was diesem Volk angetan wurde, ist unsere Aufgabe, sondern vielmehr unseren Ort in der Leidensgeschichte dieses Volkes zu finden.

Der 74. Psalm mündet ein in eine doppelte Bitte: „So gedenke doch, Herr: Der Feind schmäht den Herrn, ein Volk ohne Einsicht lästert deinen Namen. Lass den Bedrückten nicht beschämt von dir weggehen. Arme und Gebeugte sollen deinen Namen rühmen.“ In beiden Bitten geht es um dasselbe: Gottes Ehre soll wieder hergestellt werden. Sein Name soll wieder gerühmt werden können von jenen, die auf seine Hilfe vertrauen. Genau das wollen wir tun: Gottes Ehre wieder herstellen - nach all dem, was im Namen des deutschen Volkes jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern an Entehrendem angetan wurde. Gottes Ehre wieder herstellen, das können wir nur, wenn wir um Gottes Erbarmen bitten, wie dies in den Schlussversen des 74. Psalms geschieht. Gottes Ehre wieder herstellen, das können wir nur, wenn wir den Weg der Buße beschreiten.

Den Weg der Buße beschreiten - das klingt einfacher als es ist. Dieses Beschreiten beginnt damit, dass wir bereit sind, an Haltepunkten des Lebens ehrlich Bilanz zu ziehen. Ein solcher Haltepunkt ist dieser heutige Gedenkgottesdienst. Nicht erst an unserem Lebensende, auch an den durch das Kirchenjahr geschenkten Haltepunkten sind wir aufgefordert, über eine bestimmte gelebte Zeiteinheit Bilanz zu ziehen. Und bei einer solchen Bilanz kommt für alle, die das eigene Leben in Verantwortung vor Gott zu führen versuchen, das Gericht Gottes in den Blick. Nicht nur jenes Gericht, das wir rückblickend in der Verwüstung Deutschlands im Jahr 1945 als ein Gericht Gottes über das von Deutschland ausgehende Unrecht deuten dürfen. Nein, auch das letzte Gericht Gottes über unser Leben und über unser Volk kommt in den Blick. An dem heutigen Haltepunkt werden wir schmerzhaft dessen gewahr, was in unserem Land und im Leben unseres Volkes geschehen ist. Dieses schmerzliche Wahrnehmen ist Voraussetzung dafür, dass wir unsere Schuld vor Gottes Richterstuhl bekennen können.

Eine ehrliche Lebensbilanz ist nicht möglich ohne genaues Erinnern. Der heutige Tag fordert von uns ein genaues Erinnern, das nicht vorschnell die Perspektive von Tätern und Opfern unter einem pauschalen „Wir“ verunklart. Wir können uns nur erinnern aus der Perspektive der Täter, deren Nachkommen wir sind. Nur wenn wir uns aus dieser Perspektive erinnern, kann das Bekennen von Schuld gelingen, kann der Weg der Buße gegangen werden. Nicht die Frage nach der jeweils individuellen Schuld darf uns dabei leiten. Vielmehr haben wir danach zu fragen, wie wir angesichts einer gemeinsamen Schuld- und Tätergeschichte unseres deutschen Volkes heute wieder zu einer nationalen Identität finden können. Durch ein nichts verschleierndes Erinnern an höchst belastende geschichtliche Ereignisse in der Geschichte unseres Volkes können wir über Grenzen der Generationen hinweg neu zueinander finden – dies umso leichter, als unter uns kaum noch jemand lebt, der am 9. November 1938 persönliche Schuld auf sich geladen hätte. Das ist die große Chance eines solchen Gottesdienstes an einem Haltepunkt des Jahres, dass wir im Eingestehen der Schuld unseres Volkes vor Gott auch den Weg zueinander finden. Die gemeinsame Buße kann Brücken zueinander bauen. Unbußfertigkeit dagegen zerbricht die Brücke zu unseren Mitmenschen. Wo Buße aufhört, dort ist es auch mit der Humanität zu Ende. Da zerbricht menschliche Gemeinschaft. So ist unser genaues Erinnern, das uns zur gemeinsamen Buße führt, ein wichtiger Beitrag für die Gestaltung eines humanen Miteinanders in unserem Volk.

Den Weg der Buße kann nicht beschreiten, wer nicht genau hinschaut, was gewesen ist. Schauen wir auf den 9. November des Jahres 1938. Dieser Tag markiert den Übergang von der Diskriminierung der deutschen Juden seit 1933 hin zur systematischen Verfolgung des europäischen Judentums. Der 9. November 1938 hatte eine Vorgeschichte der Ausgrenzung und er hatte eine Nachgeschichte der Vernichtung. Noch in anderer Hinsicht markiert dieser Tag einen Übergang, denn am 9. November 1938 wurde ungehemmt außer Kraft gesetzt, was bis dahin als anständig galt. Biedere Menschen verwandelten sich in grausame Bestien. Wie tief der Mensch in satanischem Hass und teuflischer Wut fallen kann, das wurde an diesem Tag deutlich. Ein Augenzeugenbericht aus dem nordbadischen Sinsheim: „In den frühen Morgenstunden des 10. November zog ein Trupp Sinsheimer SA-Leute, nationalsozialistische Kampflieder singend, zur Synagoge. Zunächst wollten sie die Synagoge anzünden, jedoch die Anwohner protestierten gegen dieses Vorhaben, da einerseits die Schreinerei Wirth, andererseits die Waldmeister-Schick’sche Scheune voll Heu und Stroh standen, so dass leicht ein großer Brand hätte entstehen können. Daraufhin kletterten einige SA-Leute auf das Synagogendach, warfen die Ziegel herunter und zerschlugen die Dachsparren. Andere zertrümmerten mit Äxten und Hämmern das Inventar. Stühle, Bänke, Vorhänge, die Gebetsrollen und vieles andere wurde auf Wagen geworfen und zur „Stadtwiese“, die damals „Robert-Wager-Platz“ hieß, abtransportiert. Dort wurde alles zu einem Haufen aufgestapelt und verbrannt. Die Schüler der Sinsheimer Schulen mussten zum Platz marschieren, einen Kreis um das Feuer bilden und nationalsozialistische Lieder absingen. An der Synagoge selbst wurde das Zerstörungswerk fortgesetzt: Kleider, Wäsche und Lebensmittel wurden von fanatisierten Einwohnern geplündert.“

All dies geschah in aller Öffentlichkeit. Manche machten aktiv mit, viele andere sahen zu. Übermächtig war die Angst, „Ich nicht“ zu sagen und aus der Menge zu treten. Feigheit und Bequemlichkeit, Vorübergehen und Schweigen, Trägheit des Herzens und verfluchte Vorsicht gingen mit bösem Tun ein verhängnisvolles Bündnis ein. Die Bosheit war in der Nacht vom  9. zum 10. November 1938 ein öffentlich sichtbares Ereignis. Hier wurde eine Saat des Hasses gesät, die in den Vernichtungslagern von Auschwitz und Treblinka tödlich aufgehen sollte. Aber nicht nur wurde in dieser Nacht Menschen schwerstes Unrecht und Leid zugefügt. In dieser Nacht wurde auch die Ehre Gottes verletzt. Indem das Wort Gottes in zahllosen Synagogen verbrannt wurde, wurde Gottes Ehre selbst auf dem Scheiterhaufen menschlichen Hasses geopfert.

Lebensbilanz ziehen, genau erinnern und hinschauen, begangenes Unrecht beim Namen nennen, Schuld erkennen und bekennen – das sind wichtige Stationen auf dem Weg der Buße. Wie anders könnte dieser Weg enden als mit der Bitte um Gottes Erbarmen in seinem Gericht? Wie anders könnten wir diesen Tag als einen Tag der Trauer über die Sünden unseres Volkes begehen, als wenn wir Gott unsere Schuld bekannten? Darum kann auch meine Predigt an diesem Tag nur einmünden ins Gebet.
Mit den Worten des Volkes Israel bitten wir Gott um die Wiederherstellung seiner Ehre:
So gedenke doch, Herr: Der Feind schmäht den Herrn,
ein Volk ohne Einsicht lästert deinen Namen.
Lass den Bedrückten nicht beschämt von dir weggehen.
Arme und Gebeugte sollen deinen Namen rühmen.

Und mit unseren eigenen Worten beten wir:
Du Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, du Vater Jesu Christi,
wir erschrecken, wenn wir zurückdenken
an Unrecht und Hass, Unbarmherzigkeit und Brutalität,
die jüdische Menschen in unserem Land vor 70 Jahren erlitten haben.
Wie konnten Menschen so unmenschlich werden gegenüber ihren Mitmenschen?
Wir spüren die Kälte des Herzens und erschrecken.

Du Gott Saras, Rebekkas und Rahels, du Vater Jesu Christi,
wir erschrecken über das Schweigen unserer Kirchen.
In den Synagogen wurdest doch du, unser Gott, angerufen!
Dein Wort wurde verachtet, als die Torarollen verbrannt wurden:
Wir erschrecken über die Entehrung deines Namens
und die Lästerung deines Bundes und
deiner Verheißungen, die du deinem Volk Israel gegeben hast.

Dreieiniger Gott, wir erschrecken über die Unbußfertigkeit in unserem Land:
Immer wieder müssen Menschen,
die in unserem Land Zuflucht und Heimat gefunden haben,
Gewalt erleiden – und viele schauen zu.
Tief sitzt die Angst vor Fremden – auch bei uns.
Allzu leicht sucht sie sich ihr Ventil in brutaler Gewalt.
Wir erschrecken über das Maß an Ausgrenzung in unserem Land.

Dreieiniger Gott, wir erschrecken über unsere eigene Unbußfertigkeit, die uns geradewegs ins Elend führt: Gewalt tun wir anderen an, nicht mit Steinen und Brandbomben, wohl aber durch unseren unmäßigen Lebensstil. Die Opfer dieser Gewalt leben nicht unter uns. Sie verhungern und verdursten in der so genannten Dritten Welt. Sie kommen um vor Gibraltar und Lampedusa, weil wir Europa zur Festung ausgebaut haben. Führe du uns zur Buße, damit wir den Weg zu dir und zu den Menschen im gemeinsamen Haus der Erde finden. Erneuere unser Volk und fange bei uns an. Amen.