Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Psalm 8,2-7

Lektorin Gisela Borchers

in der Evangelisch-reformierten Kirchengemeinde Leer-Loga, Ostfriesland

Dieser Psalm zieht in den Bann. Der Psalmbeter David stimmt ein Lied an, das die Größe Gottes besingt, seine Taten der Schöpfung preist und das zum Nachdenken einlädt, wie Gott zu uns Menschen steht.

Vielleicht ist David gerade mal wieder auf der Flucht, kann nicht schlafen, stellt sich vor seinen Unterschlupf in die Nacht und lässt seinen Blick zu dem Sternenhimmel über sich schweifen, der sich über der kargen Landschaft auftut. Er fühlt sich allein, gehetzt, überfordert angesichts von Feinden, die um ihn lauern. Doch die Adresse seiner Gedanken sind nicht die Feinde, sondern ist Gott. An ihn wendet er sich und bekräftigt seinen Glauben, dass Gott seine Hand über der Erde hält, dass er die Welt regiert und kein Unheil geschehen kann, das Gott nicht sieht.

David zählt auf, woran er Gottes Größe und Souveränität erkennen kann. Er beginnt mit den Kleinsten, den Säuglingen. Das Wunder des neugeborenen Lebens ist für David Zeugnis von Gottes Schöpferkraft. Wer anders als Gott kann Menschen Leben schenken? Gleich nach den Säuglingen wechselt David die Perspektive und preist die Größe des Weltalls, die er nicht ermessen kann. Verglichen mit dieser unendlichen Weite stellt er die Frage: Was ist schon der Mensch?
Was ist der Mensch? Mit dieser Frage beschäftigen sich seit Jahrhunderten – und länger – Wissenschaftler, Philosophen, Dichter und eigentlich wohl jede / jeder, die oder der sich Mensch nennt.

Was ist der Mensch?
Der Wissenschaftler hat es leicht. Er kann den Menschen als „Materie“ definieren:

Der Biologe bezeichnet den menschlichen Körper als eine funktionierende Einheit, die aus vielen einzelnen Systemen besteht.

Der Körper des Menschen besteht aus einem Stütz- und Bewegungsapparat (Knochen, Knorpeln und Muskeln), den Inneren Organen und dem Nervensystem mit den Sinnesorganen als Steuerungssystem für die Funktionen des Körpers.

Der Mensch besteht zu 60 bis 70 % aus Wasser, aus etwa 20 % Proteinen, 15 % Fetten und 5 % Mineralen und anorganischen Stoffen.
Ein erwachsener Mensch hat eine typische Körpergröße zwischen 150 cm und 200 cm.

Der Mensch besteht natürlich nicht nur aus seinem Körper.

Wissenschaftlich erforschen lässt sich auch die Psyche des Menschen. Sigmund Freud glaubte mit der Psychoanalyse Charakter und Verhalten des Menschen deuten zu können. Heute hat sich die Wissenschaft weiter entwickelt, doch entschlüsselt ist das Wesen des Menschen noch immer nicht.

Philosophen wollen die Menschen und die Welt, in der sie leben, besser verstehen. Sie stellen kritische Fragen wie z. B.: „Hat der Mensch einen freien Willen?“, und einige von ihnen, wie Platon und Sokrates in der Antike, fassten ihre Erkenntnisse in eine dichterische Ausdrucksweise, um ihre Lehren zu verbreiten.

Dostojewski sagte:
„Der Mensch ist ein Geheimnis. Man muss es enträtseln, und wenn du es ein ganzes Leben lang enträtseln wirst, so sage nicht, du hättest die Zeit verloren. Ich beschäftige mich mit diesem Geheimnis, denn ich will ein Mensch sein.“

Auch heute noch - und manchmal denkt man, heute mehr als je vorher - formulieren Autoren und Liedermacher ihre Gedanken über den Menschen zu Gedichten und Liedtexten. So heißt es z. B. in Herbert Groenemeyers Lied „Mensch“, das wir eben gehört haben:

Der Mensch heißt Mensch,
weil er vergisst, weil er verdrängt,
weil er schwärmt und stählt,
weil er wärmt, wenn er erzählt
und weil er lacht, weil er lebt.

Der Mensch heißt Mensch,
weil er irrt und weil er kämpft,
weil er hofft und liebt,
weil er mitfühlt und vergibt
und weil er lacht, und weil er lebt.

Der Mensch heißt Mensch,
weil er vergisst, weil er verdrängt,
weil er schwärmt und glaubt,
sich anlehnt und vertraut
und weil er lacht, und weil er lebt.

Der Mensch heißt Mensch,
weil er erinnert, weil er kämpft, weil er hofft und liebt, weil er mitfühlt und vergibt
und weil er lacht, und weil er lebt.

Groenemeyer zeichnet ein realistisches, ehrliches Bild des Menschen mit all seinen Freuden und Sehnsüchten, seinen Ängsten und Unzulänglichkeiten.

Was ist der Mensch?
Über diese Frage können wir endlos nachdenken und kommen immer wieder zu einem anderen Ergebnis - je nach Stand der Wissenschaft oder unserer eigenen Lebenserfahrung.

„Was ist der Mensch?“ fragt der Psalmbeter hier im 8. Psalm, aber er bleibt nicht bei dieser Frage stehen. Eigentlich liegt die Antwort schon in der Frage. Das Psalmwort stellt den Menschen in Beziehung zu Gott: „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt.“

Der Mensch ist ein Geschöpf Gottes, sagt der Psalmbeter. Jeder, jede von uns mit allen seinen und ihren Eigenarten und Fähigkeiten ist ein von Gott geschaffenes Wesen.

Und Gott hat uns als Menschen nicht nur geschaffen, als Menschen mit Würde und von besonderer Qualität, sondern er sucht immer wieder den Kontakt zu seinen Menschen und nimmt sich ihrer an. Immer wieder hat er sich den Menschen zugewandt, die Beziehung zwischen sich und seinen Menschen bestätigt.
Er „gedenkt“ an sie - in ganz besonderer Weise. Wie Gott das getan hat, lesen wir an verschiedenen Stellen in der Bibel:

Gott gedachte an Kain, obwohl der seinen Bruder erschlug. Gott stellte ihn unter seinen Schutz, indem er ihm ein Zeichen auf die Stirn gab, dass niemand Hand an ihn legen sollte.

Gott gedachte an Mose, der - als Neugeborener im Schilf des Nils ausgesetzt, um nicht von den Leuten des Pharao getötet zu werden - später dann als erwachsener Mann von Gott mit besonderen Eigenschaften und Kräften ausgestattet zum Retter des Volkes Israel wurde. Gott gedachte an Abraham und Sarah, die die Hoffnung auf Kinder schon längst aufgegeben hatten, und dann zu den Ureltern ganzer Stämme wurden.

Gott gedachte an Noah, der von seinen Mitmenschen verlacht, in Gottes Auftrag die Arche baute. Mit ihm schloss Gott mit dem Regenbogen einen Bund, dass nie aufhören sollten Sommer und Winter, Saat und Ernte.

Gott gedachte an Josef, der von seinen eifersüchtigen Brüdern in den Brunnen geworfen und als Sklave verkauft wurde, um dann in Ägypten zum Traumdeuter und Ratgeber des Pharaos zu werden und von dort aus seine Familie vor dem Hungertod zu retten.

Gott gedachte an die arme, namenlose Witwe aus Sarepta, deren Klage um den toten Sohn er erhörte und deren Mehltopf nicht mehr leer wurde und deren Öl im Krug nicht versiegte.

Gott gedachte auch an mich, sonst stünde ich heute wohl nicht hier.

Gott denkt an seine Menschen, er geht mit ihnen durch Freude und Leid.

Der Gott, an den wir glauben, ist kein ferner Gott. Er ist in Jesus Christus selber Mensch geworden. Ihm ist nichts Menschliches fremd. Er hat alle Gefühle, alle Leiden, die Menschen durchleben können, selbst erfahren: Liebe und Hass, Freude und Leid, Zorn und Vergebung, Treue und Verrat, Schmerzen und den Tod. Er hat als Mensch gelebt und ist durch die Hölle des Todes gegangen, um alles Trennende zwischen Gott und den Menschen zu tilgen.

Gott hat sich selbst in Jesus Christus ein menschliches Gesicht gegeben. Er hat sich unter Menschen erfahrbar und erlebbar gemacht und damit den Mitmenschen geholfen, ihrerseits befreit, erlöst, "richtig Mensch" zu werden. Wie Herbert Groenemeyer den Menschen beschreibt: als einen, der vergisst und verdrängt, schwärmt und erzählt, lacht und lebt, mitfühlt und vergibt, irrt und kämpft, anlehnt und vertraut, der erinnert, hofft und liebt.
Wir können es uns leisten, so menschlich zu sein, weil wir nicht irgendwelchen gesellschaftlichen Maßstäben genügen müssen, sondern Gott unser Maßstab ist. Oder, wie es anders im 1. Buch Samuel beschrieben ist:
„Der Mensch sieht, was vor Augen ist. Gott aber sieht das Herz an“ (1. Sam 16,7).

Gott liebt seine Menschen so wie sie sind, mit all ihren Fehlern und all ihren guten Seiten. Und er sucht sie als sein Gegenüber.

Vielleicht denken Sie nun: Gott hat mich schon lange nicht mehr gesucht. Ich habe schon lange nichts mehr von ihm gehört, und auch schon eine ganze Weile nicht mehr mit ihm gesprochen, vielleicht auch einige Zeit nicht mehr an ihn gedacht. Vielleicht haben Sie Ihren Glauben verloren, weil Sie Schlimmes erlebt haben. Wer soll dann noch glauben, dass Gott seiner gedenkt?

In einer solchen Situation hat mir folgender Satz geholfen: „Auch wenn wir nicht mehr glauben können - Gott glaubt an uns.“

Was ist der Mensch?

DAS ist der Mensch, guter Gott, dass DU seiner gedenkst.

Amen.