Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Psalm 86,11

Superintendent Sebastian Neuß (ev.-luth.)

27.06.2014 in der Stadtkirche St. Michael in Jena

Gottesdienst zum Schillertag

Der „Schillertag“ erinnert an den Tag der „Akademischen Antrittsrede", die Friedrich Schiller als Professor für Philosophie an der Universität Jena am 26. und 27. Mai 1789 gehalten hat. Der Tag wird von der Friedrich-Schiller-Universität seit Anfang der 1990er Jahre am letzten Freitag im Juni begangen, seit 1997 verbunden mit dem Universitätssommerfest. Dieses hat sich im vergangenen Jahrzehnt zu einem gesellschaftlichen Ereignis nicht nur für die Universität, sondern bis weit in die Stadt Jena und in den Freistaat Thüringen hinein entwickelt.Zu einem „Akademischen Gottesdienst zum Schillertag“ laden die Theologische Fakultät sowie die Katholische und Evangelische Studierendengemeinde in die Jenaer Stadtkirche St. Michael ein.Die Gottesdienstbesucher, zumeist Angehörige der Universität, sind interessiert und erwarten eine dem Tag und seinem Thema zugewandte „akademische“ Predigt.Das Universitätsfest am Schillertag 2014 stand unter dem Motto „Wandel/n“.

Predigt: Psalm 86,11

Weise mir, Herr, deinen Weg, dass ich wandle in deiner Wahrheit; erhalte mein Herz bei dem einen, dass ich deinen Namen fürchte.

Der Wandel und das Wandeln, liebe Gemeinde, wurde in diesem Jahr zum Festmotto des Sommerfestes der Friedrich-Schiller-Universität erklärt. In einem Wort mit Schrägstrich: Der Wandel verschwistert sich dem Wandeln.

Schauen wir zunächst auf den Wandel:

I.

Das Land hat sich gewandelt in den vergangenen 25 Jahren und es wandelt sich weiter, schnell, sehr schnell. Was ich gestern modern fand, was ich brauchte, nutzte, genoss, ist heute veraltet und muss ersetzt werden. Innovation, Evaluation, Umstrukturierung, befristete Arbeitsverhältnisse und private Lebensabschnittspartnerschaften – der Wandel ist ein Signum unserer Zeit, ist zu einem alles grundierenden Lebensgefühl geworden.

Das war vor 30, 40 Jahren, jedenfalls gefühlt, noch anders, in der „bleiernen Zeit“. Ich erinnere besonders die politische Agonie der Ost-West-Gegnerschaft, die das Leben erstarren ließ. Die darin eingefrorenen Lebensentwürfe. Die in Rituale eingeklemmte Politik. Egon Bahrs visionäres Diktum vom „Wandel durch Annäherung“ schien klug, aber den meisten Deutschen in Ost und West vor der erlebten Wirklichkeit ein Gedankenspiel. Im Jugendkreis meiner ostdeutschen Heimatgemeinde sangen wir: „Wenn der Stacheldraht rote Rosen trägt, dann bleiben wir hier, weil sich das Land gewandelt hat.“1 Wir sangen und träumten, träumten von einem Wandel, einen Wandel, der für mich freilich in einer irgendwie endzeitlichen Ferne lag.

Der Wandel, er begann lange vor 1989 und er war damit lange nicht abgeschlossen. Der Stacheldraht trug rote Rosen und er war in Kürze verschwunden. 25 Jahre danach ist der politische und wirtschaftliche Wandel nicht am Ende. Er hält uns in Ost wie in West weiter in Atem.

II.

„Veränderung“ ist das naheliegende Synonym für Wandel. Aber im „Wandel“ klingt denn doch etwas mehr mit als in „Veränderung“. Erst die Summe vieler Veränderungen nährt den Wandel. Auf der individuellen Ebene wird der Gesamtauftritt eines Menschen, die Art sein Leben zu führen, immer noch gebräuchlich mit dem Wort „Lebenswandel“ umschrieben.

Damit haben wir einen sinnfälligen Übergang vom „Wandel“ zum „Wandeln“:

Beim „Wandeln“ denken die, die heute eine Eintrittskarte zum Universitätsfest erworben haben, zuerst an das Wandeln im Garten, das Lustwandeln auf gepflegten Wegen, an ein abendliches Spazieren in gepflegter Gesprächsatmosphäre.

Aber wie Wandel mehr ist als Veränderung, so ist im „Wandeln“, wir spüren das, mehr Bedeutung angelegt als im Gehen und Spazieren. Das Etymologische Wörterbuch zeigt vom alt- und mittelhochdeutschen Gebrauch herkommend Bedeutungen an wie: Ändern, verwandeln, wenden, winden, verhandeln, tadeln, strafen, handeln und verkehren, zaudern, zurückschrecken, ablassen.2

Schiller macht in seiner Elegie „Der Spaziergang“ 1799 einen Ausflug in die Natur durchsichtig auf die Erkenntnisse, die ein Wandeln ins Offene schenkt. Sein Wandeln bergauf ist innig verknüpft mit einer aufstrebenden fast körperlichen Rhythmik der Gedanken und der Einsichten, die ihre Kraft aus dem Gehen und Ersteigen schöpfen. Sein Gedicht beginnt so:

Sei mir gegrüßt mein Berg mit dem rötlich strahlenden Gipfel,

Sei mir Sonne gegrüßt, die ihn so lieblich bescheint,

Dich auch grüß ich belebte Flur, euch säuselnde Linden,

Und den fröhlichen Chor, der auf den Ästen sich wiegt.

Schiller bildet in seinem Gedicht geradezu sinnlich erfahrbar psychosomatische Phänomene ab der wandernd steigenden Gelenkigkeit der Glieder und darin zugleich des Kopfes, des Herzens und aller Gemütskräfte.3 Die elegische Textwanderung nimmt Landschaftseindrücke auf, die sich an einigen Stellen mit dem von Schiller geliebten Terrain um die Dornburger Schlösser nahe Jena in Verbindung bringen lassen:

„Aber zwischen der ewigen Höh und der ewigen Tiefe / Trägt ein geländerter Steig sicher den Wandrer dahin“.

Die innerliche Bewegung der Elegie lässt körperlich erfahren, was Versfüße sind: solche die wirklich gehen, den ganzen Menschen in Bewegung setzen und eben nicht unter den Ruhesessel oder Studiertisch gestellt werden.

Schiller, der an die Tradition antiker Philosophenwege und an die Meditation mittelalterlichen Pilgerwandelns anknüpft, skandiert auf dem Textweg bergauf leiblich die Rhythmik des geschichtlichen Wandels. Sein Nachsinnen endet mit den Zeilen:

„Unter demselben Blau, über dem nämlichen Grün

Wandeln die nahen und wandeln vereint die fernen Geschlechter,

Und die Sonne Homers, siehe! sie lächelt auch uns.“

Das Ende der Elegie lässt nicht mehr die Sonne der Gegenwart wie am Anfang sehen, sondern die Sonne eines zukünftigen Äons. Die Sonne Homers ist keine Vergangenheit, sondern das Versprechen von Zukunft, das Elysium, in Schillers Augen der strahlende Gipfel der Menschheit, eine Welt wahrer Schönheit und großherziger Brüderlichkeit.4

Schiller war es, der das „Wandeln“ mit seinem Fortschrittsglauben und seiner Ästhetik des Schönen und Guten für kommende Generationen, aber auch für politische Ideologien brauchbar - und missbrauchbar gemacht hat. Das Motiv des „Wandelns“ war dem Dichter bereits von seinem großen Vorbild Klopstock zugewachsen, der es neu in die Dichtung eingeführt hatte. Beide, Klopstock und Schiller, aber haben – je unterschiedlich – einen anderen, ganz großen des Wortes und des Wandelns im Ohr: Martin Luther.

III.

Luther hat den Begriff des „Wandelns“ – ganz anders in seinem Verständnis als Schiller dreihundert Jahre später – auf unlöschbare Weise der deutschen Sprache eingepflanzt. Wandeln – das ist bei ihm Leben im Glauben und sich Bergen im Gottvertrauen. Mit Schillers Menschheitsvisionen hätte Luther wenig anfangen können. Deutlicher noch: Er hätte Schillers euphorischem Menschheitsglauben vehement widersprochen.

Unser Psalmwort macht in der prägnanten Übersetzung Luthers sehr schön deutlich, welche Haltung sein Verfasser einnimmt:

„Weise mir, Herr, deinen Weg, dass ich wandle in deiner Wahrheit; erhalte mein Herz bei dem einen, dass ich deinen Namen fürchte.“

Nicht mein Weg, sondern mein Weg in Seinem. Kein Wandeln durch das „Morgentor des Schönen“ „in der Erkenntnis Land“5, wie Schiller das sagen konnte, sondern ein Wandeln in Gottes Wahrheit. Nicht ein Herz, das sich zum „Weltgeist“ schwingt“6 sondern ein Herz, das sich mitten in der Welt demütig allein beim Herrn über die Welt geborgen weiß.

Luther hat dem Wort „Wandeln“ in seiner Bibelübersetzung einen ganzen Kosmos zugeordnet. Jesaja: „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht.“ (Jesaja 9,1) Der Christus des Johannesevangelium: „Ich bin das Licht der Welt, wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ (Joh. 8,12) Paulus: „Damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, [sollen] auch wir in einem neuen Leben wandeln.“ (Röm. 6,4)

Luther übersetzt „wandeln“ sowohl aus dem hebräischen halach für Gehen im Ersten Testament wie aus dem griechischen peripatein im Neuen Testament. Wandeln: im Licht, in der Wahrheit, auf dem Weg der Gerechtigkeit, in allen Geboten, auf dem Wege der Guten, in der Liebe7, im Glauben und nicht im Schauen8. Aber auch: Wandeln im Rat der Gottlosen9, auf bösen Wegen, in der Finsternis.

Wandeln ist hier die Auseinandersetzung mit Kontexten und Lebensräumen, guten und bösen. Das Herz des darin Wandelnden ist angefochten, ängstlich, hin- und hergerissen zwischen Gut und Böse, irrend und verführbar, ohne Weg und Weisung schnell den Mächten der Welt ausgeliefert. Wenig Erhabenheit, kein Stolz, ein Fliehen vom Guten weg, Angewiesensein auf Barmherzigkeit – das ist die Wirklichkeit des Menschen und die persönliche Erfahrung, die Luther im „Wandeln“ verarbeitet.

Der Mensch als der Gestaltende und Vollendende, der alle Möglichkeiten und Ressourcen dafür in sich trägt? Der Psalmist ist da realistischer: „Weise mir Herr, deinen Weg“, das ist die Bitte eines klugen Beters, der sieht, wohin es mit Menschen kommt, die sich ohne Gott selbst überlassen sind. Der Psalmbeter verbindet seine Wegbitte mit einer Sehnsucht: „Dass ich wandle in deiner Wahrheit!“

Wahrheit im biblischen Verstehen ist kein Sachverhalt, sondern ein kommunikativer Vorgang. Zwischen Gott und dem Betenden kann ausgesprochen werden, was ausgesprochen werden muss, es darf das ausgesprochen werden, was ich keinem Menschen sagen möchte. Gottes Wahrheit ist gerade in den Psalmen oft mit anderen Eigenschaften verbunden, die dann wie eine Sache behandelt wird: Wahrheit und Treue, Wahrheit und Barmherzigkeit, Wahrheit und Gerechtigkeit. Gottes Wahrheit deckt sich auf als seine Treue, seine Barmherzigkeit, seine Gerechtigkeit. Im Licht seiner Liebe und Zuwendung kannst du dich der Wahrheit deines Lebens stellen, ihrem Licht, ihren Trübungen und ihren Betrübnissen. Zentrum dieses Trostgrundes ist, dass Gott ihn durch Christus menschlich einfühlsam kommuniziert und ihn in die Interaktion mit uns bringt: Meine Wahrheit hat in der seinen, geliebt, versöhnt und angenommen, ihren Platz. Darum ist mir das Wörtchen „in“ in diesem Psalmvers „... in deiner Wahrheit – so lieb und wichtig.

IV.

Gehen wir noch einmal an den Anfang zurück, vom „Wandeln“ zurück zum „Wandel“.

Der 86. Psalm endet mit den Versen:

Deine Güte ist groß gegen mich,

du hast mich errettet aus der Tiefe des Todes.

Wende dich zu mir und sei mir gnädig;

stärke deinen Knecht mit deiner Kraft

und hilf dem Sohn deiner Magd!

Tu ein Zeichen an mir,

dass du's gut mit mir meinst,

dass es sehen, die mich hassen, und sich schämen,

weil du mir beistehst, Herr, und mich tröstest.

Der Psalm behauptet, dass der auf Gottes Wegen Wandelnde einer ist, der Kraft in den aktuellen Veränderungen bekommt. Sie mögen abrupt sein und schwer zu durchschauen. Aber dieser Wandelnde ist kein Spielball des Wandels, er ist ihm nicht ausgeliefert, sondern vermag ihn zu gestalten. Der in der Wahrheit Lebende tritt darin für Klarheit ein, der gerecht Gesprochene liebt die Gerechtigkeit, der aus Barmherzigkeit neu ins Leben Gerufene kann anderen in Liebe begegnen. Unser biblischer Zeuge weiß davon zu erzählen und zu singen. Tun wir es ihm nach!

Amen.

Predigtlied: EG 295,1-4 Wohl denen, die da wandeln

1. Wohl denen, die da wandeln

vor Gott in Heiligkeit,

nach seinem Worte handeln

und leben allezeit;

die recht von Herzen suchen Gott

und seine Zeugniss' halten,

sind stets bei ihm in Gnad.

2. Von Herzensgrund ich spreche:

dir sei Dank allezeit,

weil du mich lehrst die Rechte

deiner Gerechtigkeit.

Die Gnad auch ferner mir gewähr;

ich will dein Rechte halten,

verlass mich nimmermehr.

3. Mein Herz hängt treu und feste

an dem, was dein Wort lehrt.

Herr, tu bei mir das Beste,

sonst ich zuschanden werd.

Wenn du mich leitest, treuer Gott,

so kann ich richtig laufen

den Weg deiner Gebot.

4. Dein Wort, Herr, nicht vergehet,

es bleibet ewiglich,

so weit der Himmel gehet,

der stets beweget sich;

dein Wahrheit bleibt zu aller Zeit

gleichwie der Grund der Erden,

durch deine Hand bereit'.

Text: Cornelius Becker 1602

Melodie: Heinrich Schütz 1661

1Wenn das rote Meer grüne Welle hat (1972) von Wilhelm Willms (Text) u. Peter Janssens (Melodie), Str. 3.

2Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, Berlin 1989, S. 1936f.

3Klaus Jeziorkowski: Der Spaziergang. In: Interpretationen. Gedichte von Friedrich Schiller, hg. v. N. Oellers (Reclam 9473), S. 165.

4Vgl. a. a.O, 163.

5Friedrich Schiller, Die Künstler. In: A.a.O., 85.

6A. a. O.

7Eph. 5,2; 2. Joh 6.

82. Kor. 5,7.

9Ps. 1,1.