Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Psalm 89,2 und 143,8

Steffen Hunder (ev)

13.06.2011 auf dem Vorplatz des GeMEINdeHAUSES Zwinglistrasse

an Pfingsmontag zum Glockenfest

Gott begeistert!

Liebe Festgemeinde,

heute feiern wir unser Glockenfest hier auf dem Vorplatz unseres GeMEINdeHAUSes. Wir freuen uns alle darüber, dass unsere große Glocke aus dem Turm der Gnadenkirche einen würdigen Platz gefunden hat und wir sie aus nächster Nähe bestaunen können. Ich freue mich persönlich besonders darüber, dass so viele Menschen vor einem Jahr anlässlich meines Silbernen Ordinationsjubiläums gespendet haben, um damit die Aufstellung der Glocke zu ermöglichen. Allen, die dieses für unsere Gemeinde so wichtige Projekt unterstützt haben, möchte ich heute noch einmal sehr herzlich dafür danken. Diese Glocke aus dem Jahr 1905 hat eine bewegte Geschichte. Hans Huckel, unser Gemeinde-Historiker, schreibt dazu: „Wenn sie auch nicht mehr zu den Gottesdiensten ruft, so kann man sie doch wieder vor dem neuen Zugang unseres GeMEINdeHAUSes bewundern. Sie ist das einzige Andenken an das alte Gotteshaus, das am 15. März 1906 von Generalsuperintendent Umbeck geweiht wurde“. Es ist ein großartiges Geschenk, liebe Gemeinde, dass die Glocke jetzt mitten in unserer Gemeinde steht, da sie und ihrer beiden Glocken-Schwestern sowie die Orgel durch Spenden aus der Gemeinde gegossen werden konnten. Hans Huckel erinnert daran, wie die Glocken in ihrer Klangfolge aufeinander abgestimmt waren. Er schreibt: „Die drei Gusstahlglocken e´, g´, und b´ wurden im „ Bochumer Verein gegossen. Während die größte Glocke, außer dem Namen des Herstellers keine weitere Umschrift trägt, lautet die der mittleren: „Lass mich Frühe hören deine Gnade“ aus Psalm 143 Vers 8 und der kleinen Glocke: „ Ich will singen von der Gnade des Herrn ewiglich“ aus Psalm 89 Vers 2“. „ Leider“, so Hans Huckel, „ musste die alte, von Hausschwamm befallene Gnadenkirche abgebrochen werden“. Leider Gottes, liebe Festgemeinde, wurde der Turm im Dezember 1956 gesprengt. Doch Gottseidank hatte man vorher die Glocken geborgen, sodass sie am 4. Oktober 1959 im neuen Turm zum festlichen Einweihungs-Gottesdienst der

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Gnadenkirche einladen konnten. Der Predigttext für den Festgottesdienst war der Vers 13 aus dem 13.Kapitel des 2. Korintherbriefes des Apostel Paulus. Dort heißt es: „Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen“. Sie merken, liebe Festgemeinde, das Thema Gnade zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte unserer Glocke. Das gilt leider nicht für die Gnaden-Kirche als Gebäude. Dazu stellt unser Gemeinde-Historiker Hans Huckel bedauernd fest: „ Leider haben wir alle das Ende dieses Gotteshauses miter- leben müssen, als die Kirche- bis auf den Turm- abgebrochen werden musste. Am Donnertag, dem 28.Februar 2008 haben die Glocken zum letzen Mal geläutet, bis sie mit einem 100 Tonnen Teleskopkran vom Turm in den Garten des Pfarr- hauses gesetzt wurden.“ Liebe Festgemeinde, Der Abriss unserer Gnadenkirche war für uns als Gemeinde ein sehr schmerzlicher Einschnitt. Darüber besteht kein Zweifel. Und das soll heute auch nicht ver- schwiegen werden. Selbst für Hans-Jürgen Plewka, den Polier des Abbruchunternehmens war dies ein bewegender Moment, wie man der WAZ entnehmen konnte. „ Das ist schon was anderes als bei einem normalen Haus“, sagt der Polier.Das macht man mit gemischten Gefühlen, immerhin haben hier viele Menschen Glück und Unglück erlebt… und erzählt von den Leuten, die zu Anfang der „ Rückbau-Arbeiten“ kamen, um sich zu verabschieden. Für eine ältere Frau hat er die Arbeit unterbrochen, damit sie den Innenraum noch einmal sehen konnte“. ( http:www.der westen.de/ staedte/essen/ Ein-Laeuten-Und-Schluss-Kirchenschliessungen). Die WAZ berichtete sogar von Menschen, die eigens mit dem Fahrrad die Abrissstelle aufsuchten. „Für Siegfried Pögel läuteten einst die Hochzeitsglocken der Gnadenkirche. Auch der Sohn des 69-Jährigen hat hier geheiratet. Zahllose Weihnachtsgottesdienste hat er hier mitgefeiert. Jetzt steht der Essener mit seinem Fahrrad am Rande der Abbruchstelle und schaut den Turm hoch. "Ein trauriges Stück", sagt er, "für

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so vieles in der Welt ist Geld da, und hier geht alles kaputt." Nach dem zweiten Weltkrieg hatte er an der Ruine der alten Kirche Stein aufgesammelt.“ (Der Westen s.oben)

Nun steht sie hier vor uns, liebe Fest- Gemeinde, eine Glocke zum Bestaunen und zum Anfassen. Sie hängt nicht mehr hoch oben im Turm, weit weg von uns, sondern wir feiern mit ihr zusammen einen fröhlichen und lebendigen Gottesdienst. Und das Wunderbare dabei ist, unsere Glocke kann immer noch Ihre Stimme erheben und ihren vollen Klang entfalten. Das empfinde ich in der Tat als eine ganz besondere Gnade! Glocken, liebe Gemeinde, begleiten uns durch unser Leben. Erich Kästner hat das kurz und knapp auf den Punkt gebracht, wenn er schreibt:
„Wenn im Turm die Glocken läuten,
Kann das vielerlei bedeuten.
Erstens: Dass ein Festtag ist.
Dann: Dass du geboren bist.
Drittens: Dass dich jemand liebt.
Viertens: Dass es dich nicht mehr gibt.“
Auf unserer Reise durch das Leben werden wir von Glockenklängen begleitet: - Nach unserer Geburt läuten die Glocken der Taufe.

-Wenn wir uns als Brautpaar unter den Segen Gottes stellen läuten die Hochzeitsglocken.

-Und wenn wir von einem geliebten Menschen Abschied nehmen müssen, läuten die Glocken der dankbaren Erinnerung. -Dazwischen läuten die Glocken zu besonderen Festtage: Konfirmation, Weihnachtsglocken, Silberne Konfirmation…

In der Regel können wir Glocken aber nur hören und von Ferne sehen. Unsere Glocke steht mitten in unserer Gemeinde und begeistert uns nicht nur durch Ihren wundervollen Klang, sondern auch durch ihre kraftvolle Präsenz vor unserem neuen GeMEINdeHAUS. Jeder, der jetzt an der Karolinger- strasse vorbeigeht oder fährt, erkennt sofort an der Glocke:

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Hier ist Kirche! Hier ist Gemeinde! Eine bessere Botschafterin als unsere Glocke hätten wir gar nicht bekommen können! Diese Glocke, liebe Festgemeinde, ist wirklich ein Gnaden-Geschenk für uns! Und weil das so ist, habe ich mir gedacht, wir sollten am heutigen Tag unserer Freude und Begeisterung nicht nur mit Singen und Beten Ausdruck geben, sondern auch mit Glocken-Klängen. Deshalb habe ich viele kleine Glocken-Schwestern besorgt, damit wir am heutigen Glockenfest unsere große Glocke herzlich willkommen heißen mitten in unserer Gemeinde. Wir verteilen jetzt kleine Glöckchen. Wenn jeder seine Glocke in der Hand hält, lade ich Sie alle zum einem Willkommens-Läuten für unsere große Glocke ein! Gott gegeistert, so heißt das Motto unseres Festgottes- dienstes. Lassen wir uns von dieser Begeisterung anstecken und läuten voller Freude unsere Glöckchen!

Als Begrüßungslied für unsere Glocke singen wir unser Eingangslied mit folgendem Text:

Liebe Glocke, liebe Glocke,

hörst du uns , hörst du uns,

hörst du schon die Altstadt

hörst du schon die Altstadt

Ding, ding, dong

Ding, ding dong.

Meine Predigt möchte ich mit dem Kanzelgruß des Apostel Paulus beenden:

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit und allen. Amen