Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Robert Enke und die Kirche der Angst

Pfarrer Dietmar Heeg (kath.)

22.11.2009 in Nieder-Olm

Beim Diözesantag des DJK-Sportverbandes im Bistum Mainz

Die Bilder aus Hannover werden uns lange im Gedächtnis bleiben.
Der Sarg von Nationaltorhüter Robert Enke im Mittelkreis der Arena.
Beeindruckend war für mich auch, dass viele im Fußballstadion das Vaterunser mitgebetet haben. Dort, wo sonst Fangesänge gegrölt werden, wurde gebetet. Enorm!
Bleiben werden aber auch Fragen, die der Tod von Robert Enke ausgelöst hat:

  • Warum hat ein Fußballer, ein Sportler, Angst sich anderen anzuvertrauen?
  • Warum hat er Angst vor seinen Kameraden, den Funktionären, den Fans Schwäche zu zeigen?
  • Warum hat er Angst in der Öffentlichkeit, in den Medien zu einer Krankheit zu stehen?

Offenbar ist es im Sport nicht erlaubt Schwächen, Ängste und Unzulänglichkeiten zu zeigen. Hat man sie dennoch, dann werden sie einfach weggedopt!
Offenbar gilt im Sport nur Erfolg, der Beifall, der Glamourfaktor!
Das gilt aber nicht nur im Bereich Bundesliga oder gar Nationalmannschaft.
Schauen wir in unsere Sportvereine vor Ort, auch in die DJK-Vereine.
Welche Atmosphäre herrscht da?
Eine Atmosphäre des Vertrauens oder eher des Misstrauens?

Die DJK schreibt sich das Motto „Sport um des Menschen willen“ auf ihre Fahnen.
Wird das an der Basis umgesetzt? Kann ich mich in unseren Vereinen Menschen anvertrauen, wenn ich Ängste habe, wenn ich eine Krankheit habe? Oder muss ich eher Angst haben, dass ich nach meinem Bekenntnis am Nasenring durch die Gassen des Ortes gezogen werde?

Schauen wir in die Kirche.
Ich weiß es von vielen Pfarrern und auch von mir selbst: Ich muss immer funktionieren, immer gut drauf sein, immer strahlen! Auch in Pfarreien ist kein Platz für Schwäche und Unzulänglichkeiten.

Der Pfarrer soll offenbar immer perfekt sein.

Wo sind die Menschen, denen ich mich in einer Pfarrei anvertrauen kann? Dann, wenn ich einsam im Pfarrhaus sitze?
Und nicht wenige Pfarrer fressen alles in sich rein und irgendwann ist der Akku leer: Burn out!

Aber nicht nur bei den Pfarrern, auch sonst in der Gemeinde, werden doch viel lieber Fassaden aufgebaut und aufrechterhalten: Wenn beispielsweise eine Ehe schon kaputt ist, oder Streit über einer Familie liegt, oder Arbeitslosigkeit um sich greift.

Finden diese Menschen in einer christlichen Gemeinde andere, denen sie sich anvertrauen können oder müssen sie nicht vielmehr Angst haben Opfer von Klatsch und Tratsch zu werden?

Warum herrscht unter uns Christen soviel Angst unsere Schwächen und Fehler zu zeigen?
„Habt Mut, fürchtet euch nicht!“ Das steht schon im Alten Testament.
Christen sind dazu aufgerufen eine Atmosphäre zu schaffen, in der man sich nicht zu fürchten braucht.
Gerade im Sport liegt darin eine Chance.

Der christliche DJK-Sportverband kann zeigen, dass es ihm wirklich um den Menschen geht.
Solange uns Christen das nicht gelingt, egal ob im Sport oder in einer Pfarrgemeinde oder in einem Bistum, ist unser Reden und Predigen von Gemeinschaft, Nächstenliebe und Kameradschaft hohl, farblos und unglaubwürdig.

Der Tod von Robert Enke hat nachdenklich gemacht und sollte uns weiterhin aufmerksam werden lassen für das, was Falsch läuft in Sport, Gesellschaft und Kirche.
Letztendlich muss doch gelten: Wenn ich Schwäche zeigen darf, dann doch wohl in einer christlichen Gemeinde oder in einem kirchlichen Sportverband.
Eben da, wo Christen sind, die an einen Gott glauben, der auch Schwäche gezeigt hat.
Jesus hat doch nicht am Kreuz souverän gesagt: Naja, alles halb so schlimm, in drei Tagen ist Auferstehung!
Nein, er war verzweifelt, er hat geschrien: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!

Wenn ich Schwäche zeigen darf, doch dann wohl bei Christen, deren Gott ihnen bei Schuld und Versagen entgegenkommt, wie ein barmherziger Vater.

Wider die Angst in unserer Kirche, in der Gesellschaft und im Sport!
Das muss das Motto der Zukunft sein. Für Offenheit und Vertrauen!

Wenn kritische Zeitgenossen dies bei uns Christen mehr spüren würden, dann wäre das die beste Werbung für Glaube und Kirche, die wir haben könnten.

  • Sport, wo nur Erfolg und Geld zählt, ist nur noch bloßes Geschäft!
  • Gesellschaft, die keine Schwäche zulässt, ist nur jämmerliche Fassade!
  • Kirche, in der Angst herrscht, ist nicht die Kirche Jesu Christi, wie er sie gewollt hat!

Lasst uns gemeinsam der Angst entgegen wirken!

Amen.