Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Römer 11, 33-36

Richard Janus (ev)

30.05.2010 in Marksuhl

zum Trinitatis-Fest

Schwester und Brüder im Herrn!

 Es ist ganz normal den Dingen auf den Grund zu gehen. Wir wollen wissen. Immer tiefer dringen die Wissenschaften in die Geheimnisse des Lebens, der Erde oder des Universums ein. Größer wird das Wissen über die Herkunft des Menschen. So lernte ich in der Schule, dass der Mensch und der Neandertaler nicht verwandt sind und nebeneinander lebten. Jetzt ist bekannt, dass wir alle auch Neandertaler-Gene mit uns herum tragen. Faszinierend finde ich es, was heute alles zu erforschen ist und welche Erkenntnisse gemacht wurden und werden. Das macht unser Leben reicher. Technische Anwendungen machen es einfacher. Medizinischer Fortschritt macht es sicherer. Krankheiten, von denen wir dachten, dass man nie behandeln kann, können nun therapiert werden. Vieles gibt es das für uns unbegreiflich ist und bleiben wird.

 Jeder hat seine Geheimnisse. Manche Familien geben ihre Geheimnisse über Generationen weiter ohne sie auszusprechen. Dann herrscht das Gefühl vor, dass etwas nicht stimmt und keiner kennt den Grund. Geheimnisse können Menschen kaputt machen, wenn sie sie nicht aussprechen dürfen. Wenn das Aussprechen eine Beziehung zerstören würde oder zur Ächtung durch andere führte. Manchmal braucht man aber auch einen Raum für sich. Braucht etwas das nur mir gehört und ich mit niemanden teilen kann. Alle müssen nicht alles über mich wissen. Viele Seiten an mir, kennen die anderen gar nicht, kennt meine Partnerin oder Partner nicht. Manchmal sind Männer da einfacher gestrickt: sie schweigen und reden nicht. Frauen können ihre Geheimnisse raffinierter verbergen. Sie reden und reden , aber eben nicht über alles.

Für Paulus ist Gott ein Geheimnis der Welt. Viel mehr möchte er von Gott wissen, er war ja mal Schriftgelehrter. Als Ausleger der hebräischen Bibel kennt er die Geschichte Gottes mit seinem Volk. Von den Zeiten als die Wendungen der Geschichte als Gottes Eingreifen gedeutet wurden, in denen Menschen immer wieder die Erfahrung der Befreiung gemacht haben. Immer wieder sind Menschen aus der Knechtschaft in die Freiheit geführt worden. Sie haben es gefühlt, wie der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs mit ihnen war. Jetzt ist Paulus Apostel geworden und hat von Menschen über ihre Begegnung mit Jesus von Nazareth gehört. Der Mann aus Nazareth hat das Leben vieler verändert. Er hat Menschen Gutes getan, er hat sie so angenommen wie sie sind. Er hat ihnen Würde und Kraft zurückgegeben.

 Im 11. Kapitel des Römerbriefs kann Paulus nicht anders als ein Loblied zu singen:
 O Tiefe des Reichtums,
 der Weisheit und Erkenntnis Gottes!
 Wie unerforschlich sind seine Entscheidungen
 und unbegreiflich sind seine Wege!
 Denn wer kennt Gottes Ratschluss?
 Oder wer ist sein Berater gewesen?
 Oder wer hat ihm etwas übergeben,
 und wurde es von ihm vergolten?
 Denn aus ihm und durch ihn und in ihm ist alles!
 Ihm sei Ehre in Ewigkeit, Amen.

 Ist das nicht ein eigenartiger Text, Schwestern und Brüder, am Fest der Dreieinigkeit? Wir hören den Apostel Paulus das Lied der Verborgenheit Gottes anstimmen. In dem er feststellt, wie wenig wir die Gedanken Gottes nachvollziehen können. Wie wenig wir über Gott überhaupt wissen. Wie wenig Gott auf uns angewiesen ist. Tja, wie unerforschlich, wie unbegreiflich. Und, wie wenig dreifaltig. Gott ist verborgen und von seinem Sohn und seinem Geist kein Wort. Es sei denn man deutet das „aus ihm“ auf den Vater, das „durch ihn“ auf den Sohn und das „in ihm“ auf den Heiligen Geist wie es der Kirchenvater Gregor von Nazianz im 4. Jahrhundert gemacht hat. Aus dem Vater kommt als alles, er ist der Schöpfer. Durch Christus ist alles wieder gut, er ist der Erlöser. Im Geist wird alles weiter gehen, er ist der Erhalter. Damit könne ich im Grunde schließen und Gott die Ehre geben.

 Wenn ich die Worte des Paulus höre, dann merke ich aber auch, dass er mir fremd ist. Er lebt im Bewusstsein, dass nichts einfach so passiert. Der Lauf der Geschichte ist nicht ein Produkt von Zufällen. In seinem Leben hat er selbst erfahren, was es heißt, Lebenspläne zu haben und doch auf eine andere Spur gesetzt zu werden. Viel erfahren wir nicht über das Leben des Paulus vor seiner Bekehrung. Von Beruf her war er Zeltmacher. Geboren in Tarsus im Süden der Türkei. Ausgebildet als Schriftgelehrter von einem berühmten Gelehrten Gamaliel. Jesus von Nazareth hat er nie persönlich kennen gelernt. Mit seiner Auslegung des Gesetzes konnte er nicht viel anfangen. Deshalb hat er die ersten Christen mit aller Strenge verfolgt. Die Richtung war vorgezeichnet. Er war ein gottesfürchtiger Mensch.

Und dann passiert etwas, was ihn im wahrsten Sinne des Wortes umhaut. In der Nähe von Damaskus in Syrien hat er eine Erscheinung: er sieht ein Licht. Er braucht Zeit, um dieses Erlebnis zu verarbeiten und für sich zu verstehen. Sein Leben bekommt ein total andere Richtung. Jetzt wird ihm der Sinn seines Lebens erst wirklich klar. Nicht die Beachtung der Gesetze bringen ihn weiter und näher an Gott. Bisher war es ihm wichtig gewesen, zu wissen, was man zu tun oder zu lassen hat. Für ihn waren die vielen Vorschriften eine Hilfe und ein Wegweiser gewesen. Da konnte er nicht viel falsch machen. Da war klar, was erlaubt und was verboten ist. Seine Sehnsucht nach Klarheit und Einfachheit hat ihn schließlich zu einem Fanatiker gemacht. Soweit dass er nicht mehr loslassen konnte. Bis zu dem Punkt dass er nicht mehr Herr des Geschehens war.

Dann macht ihm eine Erscheinung einen Strich durch seine Lebensplanung. Für uns sind es vielleicht weniger große Erscheinungen, dass wir ein Licht sehen oder dass wir eine Stimme hören. Visionen werden bei uns vom Arzt oder Therapeuten behandelt. Die Erfahrung, dass es anders kommt. als wir es uns vorgestellt haben, die kennen viele Menschen nur gut. Da gibt es kleine und große Weichenstellungen, die den Weg verändern: eine Krankheit, eine Trennung, ein Jobangebot, eine neue Liebe. Früher da wurden solche Ereignisse kommentiert: der Mensch denkt, Gott lenkt. So einfach lässt sich das heute nicht mehr sagen. Diese Unterbrechungen, wie ich sie auch immer erleben, sind wichtig für uns selbst. Sie bringen mich in Kontakt mit mir selbst. Sie konfrontieren mich mit der Frage, was mir wichtig ist.

Oftmals sind wir so eingebunden, dass wir den Blick auf das Eigentliche verlieren. Wir drehen uns um uns selbst, dass wir gar nicht sehen, wie wir uns auf der Stelle stehen. Um das Lebensgefühl des Sünders zu beschreiben, hat Martin Luther das Bild des in sich selbst verkrümmten Menschen gebraucht. Das ist ein Mensch, der den Dreh nicht mehr raus hat und nur noch sich selbst wahrnehmen kann. Für ihn ist es wichtig, dass er im Mittelpunkt seht. Seine Wünsche und seine Sehnsüchte bestimmen die Umwelt. Mit dem was er aufzuweisen hat, steht er im Mittelpunkt; ebenso mit seinem Leiden oder seinen Krankheiten. Um seinen Vorteil, seine Karriere ist er besorgt. Die Feinfühligkeit für die Bedürfnisse anderer fehlt.

Um da heraus zu kommen, braucht auch ein angehender Apostel eine Auszeit. Zeit zum Nachdenken, Zeit sich neu zu justieren, Zeit sich auf den neuen Weg ein zu lassen. Zeit dem Leben zu vertrauen. Als Saulus hat er alles im Griff gehabt, als Paulus hat er seine wahre Mission erkannt. Er hat gelernt von sich selbst abzusehen und los zu lassen. Das hat ihm eine ganz neue Richtung aufgemacht. So war er es, der dem Christentum eine ganz neue Richtung gegeben hat. Den Kreis der Jünger in Jerusalem hat er aufgebrochen. Aus einer jüdischen Bewegung hat er eine Angebot für alle Menschen gemacht. Die Botschaft des sich den Menschen zuwendenden Gottes bringt er den Menschen in Kleinasien oder in Griechenland und sprengt damit die Grenzen. Wie ein Feuer verbreitet sich die Botschaft des Mannes aus Nazareth um das Mittelmeer. Sie lässt sich nicht aufhalten und verbindet Menschen in ganz verschiedenen Teilen des römischen Reiches. Damit hat Paulus sicher nicht gerechnet.

Paulus hat aber ein Gefühl. Mehr ist es nicht. Er weiss es nicht. Er spürt nur, dass mehr dahin steckt als ihm bewusst ist. Sein Fragen, sein Forschen kommt an eine Grenze, die er nicht übersteigen kann. Er könnte jetzt das Gefühl der Sinnlosigkeit haben. Er könnte sagen: „Ach, alles nur Zufall.“ Das ist es jedoch nicht. Er kann aufrecht stehen. Er blickt nach vorne. Die Schuhspitzen hat er lange genug im Blick gehabt. Wer in sich verkrümmt ist, hat nur eine eingeschränkte Sicht. Erst wer seinen Blickrichtung nach oben richtet, kann sehen, was um ihn herum ist. So stelle ich mir den Paulus vor, wie da seht und nach oben blickt. Seine Augen sind in den Himmel gerichtet. Er steht da. Hat die Hände geöffnet. Das, was in seine Hände gelegt wird, kann er annehmen und dann spricht er die Worte aus dem Römerbrief. Er ist eins mit sich und mit Gott.

 O Tiefe des Reichtums,
 der Weisheit und Erkenntnis Gottes!
 Wie unerforschlich sind seine Entscheidungen
 und unbegreiflich sind seine Wege!
 Denn wer kennt Gottes Ratschluss?
 Oder wer ist sein Berater gewesen?,
 Oder wer hat ihm etwas übergeben,
 und wurde es von ihm vergolten?
 Denn aus ihm und durch ihn und in ihm ist alles!
 Ihm sei Ehre in Ewigkeit, Amen.