Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Römer 1,1-7

Prof. Dr. Christoph Dinkel, Pfarrer (ev.)

24.12.2009 in der Christuskirche Stuttgart

Christvesper

Christvesper

Der Predigttext für diesen Abend ist der Beginn des Briefes an die Römer, den der Apostel Paulus etwa im Jahr 60 an die ihm zu diesem Zeitpunkt noch unbekannte Gemeinde in Rom geschrieben hat. Der Kommunikationsstil im Jahr 60 war – sagen wir es einmal so – etwas aufwändiger und formeller als unser heutiger. Schon die Nennung des Absenders am Beginn des Briefes hat die Länge von drei SMS’, Anrede und Gruß verbrauchen nochmals eine SMS-Länge und dann geht der Brief überhaupt erst los. Unser Predigttext ist da aber schon zu Ende. Absender, Anrede und Gruß – das soll heute Abend genügen. Mehr wäre auch kaum zu verkraften, denn die apostolischen SMS’ sind dicht und kompakt. Hören Sie selbst:

Paulus, ein Knecht Christi Jesu, berufen zum Apostel, ausgesondert zu predigen das Evangelium Gottes, das er zuvor verheißen hat durch seine Propheten in der Heiligen Schrift, von seinem Sohn Jesus Christus, unserm Herrn, der geboren ist aus dem Geschlecht Davids nach dem Fleisch, und nach dem Geist, der heiligt, eingesetzt ist als Sohn Gottes in Kraft durch die Auferstehung von den Toten. Durch ihn haben wir empfangen Gnade und Apostelamt, in seinem Namen den Gehorsam des Glaubens aufzurichten unter allen Heiden, zu denen auch ihr gehört, die ihr berufen seid von Jesus Christus.
An alle Geliebten Gottes und berufenen Heiligen in Rom: Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!

Liebe Gemeinde!
Alles hängt mit allem zusammen – dieser Gedanke gilt manchen als Weisheit des Buddhismus. Andere halten ihn für banal, weil er ganz selbstverständlich ist. Wir leben ja in einer Welt. Wie sollte es da überhaupt isolierte Ereignisse, ohne Rückwirkung auf andere Ereignisse geben können? Alles muss ja mit allem zusammenhängen, sonst würde unsere Wirklichkeit auseinanderfallen.

Alles hängt mit allem zusammen – das ist vor allem anderen eine anstrengende Erkenntnis. Sie ist Ausdruck eines gewissen Überlastungsgefühls. Die Menge der Zusammenhänge erscheint vielen unüberschaubar. Die Zahl der Perspektiven ist verwirrend. Wer soll sich da noch auskennen? Wer weiß noch verlässlich Bescheid?

Alles hängt mit allem zusammen. Das ist unsere moderne Welterfahrung: Mohamed-Karikaturen in Dänemark hängen zusammen mit Attentaten im Nahen Osten und dem Minarettbauverbot in der Schweiz. Westlicher Drogenkonsum hängt zusammen mit dem Krieg in Afghanistan und der Expansion der Rüstungsindustrie. Der Untergang von fernen Südseeinseln mit dem Eis am Nordpol und mit dem Verkehrsaufkommen in Deutschland. Das Zocken von Fondsmanagern in London mit Häuserpreisen in Detroit und den Arbeitsplätzen in der Stuttgarter Automobilindustrie. Schüler in Deutschland konkurrieren mit Schülern in China und Indien. Über Pisa und die globalisierten Märkte sind auch sie miteinander gekoppelt.

Die Komplexität der Zusammenhänge übersteigt alles Vorstellbare und noch viel mehr übersteigt es die Steuerungsmöglichkeiten von Regierungen und Unternehmen. Ein Einzelner kann, selbst wenn er sehr mächtig ist, nur wenig ausrichten. Konnte Schiller noch sagen: „Der Starke ist am mächtigsten allein“, so ist heute nur noch der mächtig, der ein gut gepflegtes Beziehungsnetzwerk unterhält.

Der Apostel Paulus war ein solch begnadeter Beziehungsnetzwerker. Äußere Zeichen dafür sind die vielen Briefe, die von ihm überliefert sind, sowie seine ausgedehnte Reisetätigkeit rund ums Mittelmeer. Paulus lebte globalisiert und Paulus machte auch das Christentum zur ersten globalisierten Religion der Menschheitsgeschichte. Für den Apostel war klar, dass alles mit allem zusammenhängt. Aber für Paulus war das keine Bedrohung, kein Angst- und Überforderungsfaktor. Für Paulus war die Welt nicht überbordend komplex und wirr, vielmehr sah Paulus überall Verbindungen und Zusammenhänge. Und in all diesen Verbindungen und Zusammenhängen sah er Gott am Werk. Das gab ihm die Kraft für seine Arbeit, das gab ihm das Vertrauen, schwere Krisen und bittere Niederlagen zu überstehen. Das gab ihm Zuversicht für sein Leben und für die ganze Welt.

Paulus sieht überall Zusammenhänge und er will sie auch seinen Lesern erschließen. Am liebsten will er dabei alle Zusammenhänge auf einmal erschließen und deshalb ist sein Briefbeginn so dicht und kompakt, dass einem schwindlig werden kann. Heute konzentrieren wir uns nur auf die drei Zusammenhänge, die mit Weihnachten in unmittelbarer Verbindung stehen. Da ist

1. der Zusammenhang von Israel und Christentum. Für Paulus den Juden steht dieser Zusammenhang ganz am Anfang. Er eröffnet den Brief:

Paulus, ein Knecht Christi Jesu, berufen zum Apostel, ausgesondert zu predigen das Evangelium Gottes, das er zuvor verheißen hat durch seine Propheten in der Heiligen Schrift, von seinem Sohn Jesus Christus, unserm Herrn, der geboren ist aus dem Geschlecht Davids nach dem Fleisch.
Israel und Christentum. Vor siebzig Jahren meinten die Deutschen Christen zeigen zu können, dass Jesus Arier war. Jesu Judesein galt unter der Nazidiktatur als anstößig. Und tatsächlich fanden sich willfährige Forscher, die einen Ariernachweis für Jesus meinten erbringen zu können. Wissenschaftlich war dies die reine Lüge. Doch nur wenige protestierten offen, obwohl alle biblischen Zeugen, angefangen bei Paulus, klar sagen: Jesus ist geboren aus dem Geschlecht Davids, er war Jude und wollte nie etwas anderes sein, so wie auch Paulus Jude war und sich nie als etwas anderes verstand. Sicher: Es ging Jesus und Paulus um ein erneuertes Judentum, aber an erster Stelle stand für sie die Kontinuität. Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ist auch der Gott Jesu. Es ist eine Heilsgeschichte, ein Gott, ein Glaube, bei allem was man an Differenzierendem noch weiter dazusagen könnte.

Bemerkenswert ist, dass Paulus’ Argumentation in klarem Widerspruch zur These des Lukasund des Matthäusevangeliums steht, dass Joseph gar nicht der wirkliche Vater von Jesus war und Jesus von einer Jungfrau geboren wurde. Für Paulus, das zeigen seine Sätze klar, ging bei der Zeugung Jesu alles ganz natürlich und irdisch zu. Josef war Davidsnachkomme und deshalb galt diese Nachkommenschaft auch für seinen leiblichen Sohn Jesus. So sieht es der Apostel Paulus, so sieht es das Markus- und das Johannesevangelium, so sehen es auch die Stammbäume Jesu im Matthäus- und Lukasevangelium. Es ist bemerkenswert, dass sich trotz dieses klaren Befundes die Geschichte von der Jungfrauengeburt bis ins Glaubensbekenntnis hinein durchsetzen konnte. Wahrscheinlich fand man sie einfach schöner, phantasievoller, anregender. Und außerdem hatte man vor zweitausend Jahren keine so hochgesteckten Konsistenzerwartungen wie heute.

2. Der zweite Zusammenhang, den der Apostel in seinem Briefanfang aufzeigt, ist der zwischen göttlicher und menschlicher Natur Christi, der Zusammenhang zwischen himmlischer und irdischer Sphäre. Im Blick auf Jesus schreibt Paulus nämlich ein Doppeltes:

Jesus Christus ist geboren aus dem Geschlecht Davids nach dem Fleisch, und er ist zugleich nach dem Geist eingesetzt als Sohn Gottes in Kraft durch die Auferstehung von den Toten.

Für Paulus ist Jesus zwar Mensch wie wir, er ist gezeugt und geboren wie wir es sind und er starb am Ende auch den ganz menschlichen Tod mit all seiner Bitternis. Das heißt aber keinesfalls, dass Jesus wie Du und ich gewesen ist. Um das zu sagen wählt Paulus nun nicht die Metapher von der Jungfrauengeburt, sondern den Gedanken der Gotteskindschaft und die Unterscheidung von Fleisch und Geist. In der Sprache konstruktivistischer Theorien würde man sagen: Paulus führt eine doppelte Codierung ein. Die Wirklichkeit wird aus zwei verschiedenen Perspektiven beschrieben und jede der Perspektiven bringt etwas ireduzibel Eigenes zum Vorschein:

Die Perspektive des Fleisches, die irdische Sicht, zeigt uns Jesus als Menschen, geboren von einer Frau, wohl nicht in Bethlehem, sondern in Nazareth, großgeworden mit mehren Geschwistern, geschult in der Heiligen Schrift, ausgebildet zum Bauhandwerker oder Zimmermann, getauft von Johannes dem Täufer, dann, emanzipiert von Johannes, als Wanderprediger unterwegs in Galiläa mit einer beachtlichen Anhängerschaft, schließlich hingerichtet in Jerusalem von römischen Besatzungssoldaten.

Die Perspektive des Geistes, die himmlische Sicht, zeigt uns Jesus hingegen von Anfang an als Kind Gottes, unübertrefflich anmutig geschildert in den Geburtsgeschichten der Bibel: bedroht und doch bewahrt, von vielen unbeachtet, aber von Hirten und Magiern als König erkannt, begleitet vom göttlichen Zauberstern, der anzeigt, welch Wunder sich ereignet. Aus himmlischer Sicht ist Jesus ein Gotteskind, er ist beseelt vom göttlichen Geist, wirkt mit göttlicher Macht, was Menschen nicht zu tun vermögen. Er widersteht Sünde und Teufel, überwindet den Tod, weil das göttliche Leben in ihm stärker ist als jede Vernichtungsmacht.

Aus dieser Perspektive wird im Leben Jesu die irdische Welt zur Bühne für himmlische Ereignisse. Das Unendliche erscheint in der Endlichkeit, das Ewige im Zeitlichen, das Letzte im Vorletzten. In den Worten des Evangelisten Johannes: Das göttliche Wort wird Fleisch und wohnt unter den Menschen, die in ihm die Herrlichkeit Gottes erkennen.

3. Der dritte Zusammenhang, den Paulus uns aufzeigt, ist der zwischen Gott und Jesus und uns. Der Briefanfang endet:

An alle Geliebten Gottes und berufenen Heiligen: Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus.

Zugegeben: Dieser Gruß richtet sich zunächst an die Gemeinde an Rom, also an die urbs, die Kernstadt des römischen Reiches. Aber Paulus dachte immer global, dachte immer urbi et orbi, nicht nur für die eine Stadt, sondern immer für den ganzen Erdkreis. Und diesem ganzen Erdenkreis gilt von Gott Gnade und Friede.

Das ist der Kern des Evangeliums, das ist der Kern der Weihnachtsbotschaft, das ist das, was alle und alles miteinander verbindet: Die ganze Welt lebt aus Gottes Gnade, die ganze Welt soll von dieser Gnade und dem göttlichen Frieden erfüllt werden. In allem, was lebt, soll Gott so lebendig sein, wie er in Jesus lebendig war und ist: als Lebensmacht, als Hoffnung, als Glaube, als Liebe.

Die himmlischen Mächte des Glaubens, der Hoffnung, der Liebe haben in Jesus Fleisch angenommen und sind in die Sphäre des Irdischen eingegangen. Himmel und Erde, Gott und Welt sind einander verbunden. Nichts auf der Welt ist mehr ohne Gott, ohne seine Gnade und seinen Frieden. Das ist der Kern des Evangeliums, das ist der Kern von Weihnachten, das feiern wir in dieser heiligen Nacht in der globalisierten Welt in China genauso wie in Stuttgart, in Kapstadt, am Nordkap und auf Hawaii. Das verbindet uns untereinander, das verbindet uns mit Jesus und Paulus, das verbindet uns mit Gott: Gottes Gnade und Frieden gilt allen Menschen, er gilt dem ganzen Erdkreis. – Amen.