Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Römer 11,32-36

Pfarrer Johannes Gerrit Funke

06.06.2004 in der Ev. Kirche Oberdorstfeld (Dortmund)

Liebe Gemeinde,

Zwei Meldungen aus dem kirchlichen Leben fielen mir in diesen Tagen besonders auf. Die eine berichtet, dass ein Trägerkreis innerhalb der evangelischen Kirche unserer Stadt demnächst Aktionstage zum Thema „arm mitten in Dortmund“ plant. Immer mehr Menschen wüssten kaum noch, wie sie die Mittel aufbringen sollen, um ihre Gesundheit aufrechtzuerhalten. Viele bäten schon bei Pfarrämtern um Unterstützung, etwa für besonders teure Medikamente.
In der zweiten Meldung heißt es, dass der Präses der westfälischen Landeskirche vor dem Fundamentalismus warnt. Der wächst weltweit im gleichen Schritt, wie sich die Weltgesellschaft in arm und reich polarisiert. Lassen Sie uns nicht nur an die gewaltbereiten islamistischen Fundamentalisten denken. Deren Taten sind beängstigend und erschreckend. Fundamentalismus aber gibt es auch in unseren eigenen Reihen. Seine Kennzeichen sind griffige Schwarz-Weiß-Muster in den Urteilen. Wenn die Leute sich auf der Straße unterhalten und gemeinsam finden, dass unser Land arm wird, weil zu viele Ausländer hier leben, dann steckt darin genauso ein Keim von Fundamentalismus, wie wenn ein Politiker unter den Staaten der Erde eine Achse des Bösen ausmacht.

Wo herkömmliche Konzepte nicht mehr greifen, suchen die Leute dann ihr Heil bei schnellen Schwarz-Weiß-Lösungen. Man weiß sicher Bescheid, wer die „Guten“ und wer die „Bösen“ , wer die Freunde und die Feinde sind, wer die Opfer und wer die Täter. Daraus entwickeln sich - ehe man sich versieht - regelrechte Hexenkessel. Was als „Lösung“ Auswege schaffen soll, heizt die Lage auf Dauer nur noch zusätzlich an.

Ich glaube, wir sind gut beraten, in dieser Situation einmal sehr achtsam auf das zu hören, was Paulus an einer Stelle seines Briefes an die Gemeinde in Rom geschrieben hat.

Gott hat alle zusammen eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.
O welch eine Tiefe des Reichtums
der Weisheit und der Erkenntnis Gottes!
Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich
seine Wege!
Denn »wer hat des Herrn Sinn erkannt,
oder wer ist sein Ratgeber gewesen?« (Jesaja 40,13)
Oder »wer hat ihm etwas zuvor gegeben, daß
Gott es ihm vergelten müßte?« (Hiob 41,3)
Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind
alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.

Das sind Worte wie von jenseits unserer hausgemachten Hexenkessel. Da ist jemand einfach überglücklich in seinem Gott. Paulus schwärmt geradezu davon, wie Gott handelt. Keine Spur mehr von irgendeinem Schwarz-Weiß-Muster. Im Gegenteil: Paulus malt uns eine durch und durch ausgesöhnte Welt vor Augen, aus der sämtliche Polarisierungen verschwunden sind.
Wer nun meint, dahinter könne sich bestenfalls eine vielleicht salbungsvolle, aber letztlich bloß langweilige Geschichte verbergen, wird bald eines Besseren belehrt. Die Geschichte, um die es geht - mit Paulus können wir sie die Geschichte von Gottes Erbarmen nennen - ist höchst packend und eigenwillig. Spannend ist allein schon der Bogen, den sie schlägt. Das Ziel: Gottes Erbarmen erfüllt ausnahmslos alles und alle. Doch am Anfang tanzt Gott mit lauter Ausnahmen aus der Reihe sämtlicher Regeln. So weiß es Paulus jedenfalls kurz zuvor in seinem Römerbrief zu berichten.
Da ist zum Beispiel die Geschichte von Abraham und Sarah. Von Gott herausgerufen aus ihren angestammten Bindungen und bereits im fortgeschrittenen Lebensalter glichen sie schon einer entwurzelten und halb verwelkten Pflanze. Doch ihre Nachkommenschaft bildet einen Lebensbaum, der bis heute Bestand hat. Oder da ist die Geschichte von Jakob. Als dem Zweitgeborenen wäre es ihm normalerweise vorgezeichnet gewesen, im Schatten seines älteren Bruders aufzuwachsen. Doch Gott sucht sich ihn aus, um mit ihm seine Geschichte zu schreiben. Aus Jakob, dem zarten Liebling, wird ein Mann, der unglaublich resistent gegen die Rückschläge des Lebens ist und mit einer gehörigen Portion Raffinesse viele Schwierigkeiten meistert, ja andere überflügelt.
Da ist schließlich die Geschichte von Jesus, den wir den Christus nennen. Er war ein gewaltiger Hoffnungsträger für viele Leute geworden, die ihm begegneten. Dann wurde er von Menschenhand geschändet und vermeintlich zur Strecke gebracht. Doch Gott hat mit ihm eine ganz neue Geschichte begonnen. Seitdem er unter uns war, will sich die Kunde von Gottes Erbarmen an keine Grenze mehr halten, die Menschen untereinander ziehen. Sie kennt nicht mehr die Grenzen von Nationalitäten oder Kulturen oder die von verschuldeten Leuten hier und solchen, die überall willkommen sind, dort. Sogar der Grenze, die Tod und Gräber unter uns ziehen, geht es seither an den Kragen.

Auf solchen Wegen geht Gottes Erbarmen durch unsere Geschichte. Wem es begegnet, den nimmt es mit. Geht so von einem zum anderen. Wen es trifft, der ist dabei. Bis einmal alle zusammen sind. Paulus drückt das aus, indem er sagt: „Gott hat alle zusammengeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.“

Auch wir werden ihm nur auf solchen Wegen begegnen. Es wird dabei für uns nicht anders zugehen, als dass Gottes Erbarmen uns trifft und einfach mitnimmt. Leider merken wir das oft kaum, weil wir uns schwer damit tun, auf solche Art gemeint zu sein.
Wir sind ja daran gewöhnt, uns Dinge zu verdienen. Dass man, um belohnt zu werden, seine Leistung erbringen muss, ist uns ganz tief eingeschrieben. Wir können wir uns ein Zusammenleben der Menschen nur auf solcher Basis vorstellen. Wir sind auch daran gewöhnt, uns Dinge zu erwerben. Man entrichtet einen Preis und erhält dafür, was man gerne haben möchte. Doch was wir von Gottes Erbarmen mitbekommen in unserem Leben, das ist von anderer Art.
Stellen wir es uns so vor wie wenn man ganz überraschend ein Geschenk überreicht bekommt. Man freut sich sehr. Aber man fragt sich gewiss auch: wie komme ich bloß dazu? Welchen Anlass mag es gegeben haben? Oder hat da womöglich jemand irgendwas verwechselt?
Vielleicht können wir es uns auch so vorstellen, wie es uns geht, wenn uns etwas berührt hat, was wir gar nicht haben kommen sehen. Dann gucken wir uns erstaunt um und fragen: was war das? War ich gemeint? Oder war es ein Versehen? Will mir da jemand was sagen oder war es ein Zufall?

So, nur so können wir reagieren, wo immer etwas von Gottes Erbarmen uns trifft und uns mitnimmt auf seinen Weg. Und nun Hand aufs Herz: haben wir in den glücklichsten Momenten unseres Lebens nicht spontan so reagiert? Dass sich zuerst unwillkürlich ein verwundertes Fragen einstellte: träume ich oder ist es wahr? Kann ich wirklich gemeint sein oder habe ich einfach nur Glück? Darf ich es behalten oder liegt eine Verwechslung vor?

Eine Spur davon ist irgendwo in das Dasein jeden Geschöpfes eingezeichnet. Wo immer wir das merken, sind wir wirklich wach geworden zu unserem vollen Leben. Und umgekehrt: wo immer wir wach werden zu unserem vollsten Leben, da wird uns diese Spur von Gottes Erbarmen ein Stückweit gegenwärtig sein. Von Polarisierungen jedoch ist da keine Spur mehr, obwohl es ausgesprochen spannend zugeht. So spannend wie bei einem wirklich gelösten freien Spiel, bei dem sich eine Menge Spannung aufbauen mag, doch daraus niemals ein Hexenkessel wird.

Einmal, so lautet die biblische Verheißung, wird es ein gemeinsames Erwachen zum Leben geben, zum Leben, wie es unwillkürlich auf Gottes Erbarmen anspricht. Das wird dann endlich ein gemeinsames Erwachen zum vollen Leben werden!

Amen.