Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über Römer 11,33-36

Pastor Maik Becker (ev.)

30.05.2010 Evangelische Dorfkirche Repelen

Ordinationsgottesdienst

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes des Vaters und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch. Amen.

Liebe Gemeinde, Schwestern und Brüder!

Ich möchte Sie einladen, sich auf drei kurze Szenen einzulassen.

Zuerst möchte ich Sie in die Winterzeit mitnehmen:

Vier Wochen lang musste die kleine Sophia auf den Heiligen Abend warten. Und erst jetzt nach dem Gottesdienst gibt es die Bescherung. Kaum auszuhalten war es für die Kleine. Vier Wochen Adventszeit kamen ihr wie eine halbe Ewigkeit vor. Doch nun ist es soweit: Endlich ist der lange Weg des Wartens vorbei. Die junge Familie kommt nach dem Kirchgang zu Hause an. Nun kann die lang ersehnte Bescherung endlich stattfinden. Als die kleine Sophia in das Bescherungszimmer eintritt, traut sie ihren Augen nicht: Wie schön die Geschenke unter dem Tannenbaum aufgebaut sind – und wie herrlich alles glitzert. Sie bleibt staunend stehen und betrachtet das aufgebaute Kunstwerk an Geschenken, das natürlich das Christkind arrangiert hatte...Ihr Mund formt sich zu einem O. Und ein langes, staunendes „OOOhhhhhh“ kommt nun aus ihrem Mund heraus.

Nun möchte ich Sie zu einer Wanderung mit dem jungen Erwachsenen Phil an einem schönen Sommertag einladen:

Phil ist schon einige Tage in den Alpen unterwegs. Er wandert gerne und hat sich nun vorgenommen, den Gipfel eines Berges zu erklimmen. Nach einem kräftigen Frühstück verlässt er frühmorgens seine Pension und macht sich auf den langen Weg vom Tal ins Gebirge. Nach etlichen Stunden Wandern und Klettern, Durst und Schwitzen, erreicht er nun endlich den Gipfel, auf dem sich ein großes Kreuz befindet. An dieses lehnt er sich an und lässt seinen Blick über die anderen Berge schweifen. Der Anblick dieser Natur und Schöpfung rührt ihn zu Tränen. Mit dem Gipfelkreuz im Rücken steht er staunend und anbetend auf dem hohen Berg. Sein Mund formt sich zu einem O. Und ein langes, staunendes „OOOhhhhhh“ kommt nun aus seinem Mund heraus.
 
Nun entführe ich Sie nach Korinth, einer Stadt in Griechenland etwa 80 Kilometer westlich von Athen. Wir befinden uns im Jahr 56 nach Christus. Der Apostel Paulus sitzt in dem Schreibzimmer eines Freundes und formuliert einen Brief an die Gemeinde in Rom. Damals, 30 Jahren zuvor, veränderte Paulus sein Leben. Der Auferstandene begegnete ihm auf einer Reise nach Damaskus. Seitdem ist Paulus ein Anhänger der jungen christlichen Gemeinde.
Vielen Menschen hat er von Jesus erzählt und ihnen die frohe Botschaft verkündigt.
Doch ihn bewegt seit Jahren die Frage, wie Gott zum Volk Israel steht, also zu den Jüdinnen und Juden. Wer ist denn nun Gottes Volk: Die Juden oder die Christen? Paulus quält die Frage, ob das jüdische Volk verstoßen ist und ob sich das neu entstandene Christentum als etwas Besseres verstehen darf. Nach einem langen Weg des Nachdenkens und eines inneren Konfliktes kommt Paulus nun zu der Erkenntnis, dass beide Gruppierungen, die jüdische und die christliche Gruppe, zu Gottes Volk gehören. Beide leben aus und von Gottes Erbarmen.

Paulus ist ergriffen von dieser Erkenntnis. Sein Mund formt sich zu einem O. Und ein langes, staunendes „OOOhhhhhh“ kommt nun aus seinem Mund heraus. Paulus endet seine Überlegungen über Gottes Erbarmen mit den Versen, die im 11. Kapitel des Römerbriefes stehen. Es sind die Verse 33 bis 36, die ich nun lese.

O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes!
Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege!
Denn „wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder „wer ist sein Ratgeber gewesen?“
Oder „wer hat ihm etwas zuvor gegeben, dass es Gott vergelten müsste?
Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit!
Amen.


Liebe Gemeinde, Schwester und Brüder!
Die Predigt in einem Ordinationsgottesdienst hat wie alle Predigten einen Bibeltext zur Grundlage. Diesen haben wir soeben gehört. Ich gebe zu, dass es mir schwer fällt, mich als Person hinter den Text zu stellen und ihn allein so auszulegen, als ob es mich nicht gäbe. Doch das gelingt mir nicht – erst recht nicht heute. Ja, ich möchte nicht nur über unseren biblischen Text predigen, vielmehr möchte ich ihn selbst sprechen. Ich möchte mir die Worte des Apostels Paulus ausleihen.
Ich möchte meine eigenen Gedanken in diese Verse legen und Sie daran teilhaben lassen.

Besonders der Satz „Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege!“ klingt in mir weiter nach. Ich möchte bei dem Bild des Weges bleiben. Die drei Personen Phil, Sophia und Paulus haben auch Wege hinter sich.
Sophia hat einen Weg des Wartens hinter sich, Phil einen Weg der Anstrengung und Paulus einen Weg des Haderns und Überlegens.
Und mir fällt mein bisheriger Weg – mein Lebensweg ein.
Das Bild von Friedensreich Hundertwasser mit dem Titel „Der große Weg“ auf dem Programmblatt könnte zeigen, wie der Weg eines Menschen verläuft. „Ziemlich chaotisch“, könnte man meinen, wenn man das Bild betrachtet. Der Weg verläuft ungerade - mal ist er enger, mal breiter. An einigen Stellen ist er heller, an anderen Stellen ist er dunkler. Manchmal sind kleine und größere Hügel zu entdecken und manchmal größere Flächen. Und es ist auch gar nicht klar, ob der Weg nun das Rote oder das Dunkelblaue ist.

Vielleicht entdecken Sie in diesem Bild auch Ihren Lebensweg.
Ich jedenfalls kann mich gut in dieses Bild hineindenken und entdecke meinen bisherigen Lebensweg wieder. Besonders an diesem Tag erinnere ich mich an das, was bisher in meinem Leben geschehen ist, mit allen Ecken und Kanten, Höhen und Tiefen, Lachen und Weinen, Niederlagen und Erfolge, Enttäuschungen und Erfüllungen.
Doch was mich besonders fasziniert ist, dass alle, die hier in diesem Gottesdienst sind, mir auf meinem Lebensweg irgendwo und irgendwann begegnet sind und mich ein Stück des Weges begleitet haben und begleiten. Einige Menschen schon 32 Jahren, andere durch Schule, Heimatgemeinde, Kloster Emmaus und Studium 10 bis 15 Jahre, wieder andere durch Vikariatskurs und Vikariatsgemeinde hier in Repelen die letzten 2 ½ Jahre. Manche auch erst seit einigen Wochen.  

Vielleicht war die Begleitung auf dem Weg mal besonders intensiv und nah, vielleicht auch mal distanzierter. Vielleicht gingen wir mal Seite an Seite, Arm in Arm, vielleicht aber auch mal mit einem gewissen Abstand. Unsere je einzelnen Lebenswege haben sich getroffen, und dafür bin ich sehr dankbar.

Ich stehe wie die kleine Sophia am Heiligen Abend vor den Geschenken, dankbar und staunend über unsere Begegnungen und Begleitungen.  

Zu unserem Leben gehört auch, dass wir Entscheidungen fällen müssen. Manchmal werden auch über uns Entscheidungen getroffen. Dann verläuft der Weg anderes. Paulus schreibt in seinem Brief an die Gemeinde in Rom: „Unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege!“ Anders übersetzt kann es bedeuten: „Seine Entscheidungen sind nicht zu verstehen und seine Wege nicht nachzuvollziehen.“ Oftmals können wir Situation auf unserem Lebensweg nicht verstehen, wir können sie nicht begreifen. Wir verstehen den Sinn hinter dem nicht, was passiert. Dazu schreibt Paulus:
„Wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen?“

Liebe Gemeinde, ich glaube, dass Gott seine Wege mit uns geht. Ich glaube zwar, dass wir freie Menschen sind und unsere Entscheidungen oft alleine treffen können – aber nicht immer. Vielleicht erkennen wir oft gerade deshalb erst einmal keinen Sinn hinter bestimmten Situationen in unserem Leben. Und seine Entscheidungen sind gerade deshalb nicht immer zu verstehen und seine Wege nicht nachzuvollziehen. Gott begleitet uns auf unserem Weg und lenkt unseren Weg.

Gott hat Wege mit und für uns Menschen. Auf unserem krummen, gerade, eckigen und kantigen Weg geht Gott mit.

Jetzt gerade stehe ich hier wie der junge Phil auf dem Gipfel. Das Kreuz steht mit dabei. Es steht hinter mir und es ist nicht wegzudenken – und das ist auch gut so.
Ein anderer hat für mich das Kreuz getragen, dem ich mich verbunden weiß. Deshalb lehne ich mich an das Kreuz. Wie der Phil bin ich gerührt. Ich staune und bete den an, der meinen und unser aller Lebensweg begleitet.

Liebe Gemeinde, heute am Sonntag Trinitatis haben Sie und habt Ihr mich ordiniert. Ich wurde soeben berufen und gesegnet für den Dienst am Wort Gottes und an den Sakramenten. Ich freue mich, dass es gerade dieser Sonntag ist, am Fest des Dreieinigen Gottes.
Was das bedeutet, dass Gott dreieinig ist, bleibt ein Geheimnis, das ich auch gar nicht versuchen möchte zu erklären, geschweige denn, dass ich es kann. Vielmehr möchte ich Sie und euch alle einladen, an diesem Trinitatissonntag den dreieinigen Gott zu loben und über seine oftmals nicht zu verstehenden Entscheidungen und nicht nachzuvollziehenden Wege zu staunen. Auch wenn wir nicht wissen, wie Gottes Weg mit uns morgen weiter geht. Wir vertrauen darauf, dass Gott diesen Weg mit uns geht und uns gleichzeitig entgegen kommt.
Was Morgen ist wissen wir nicht, aber heute stehe ich hier wie der Apostel Paulus: Ich freue mich über Gottes Erbarmen über uns Menschen. Ich empfinde Dankbarkeit für alle Wegbegleitung durch Menschen und Gott. Staunend und anbetend leihe mir die Worte des Apostels und mache sie mir zu eigen:   

O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes!
Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege!
Denn „wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen?“
Oder „wer hat ihm etwas zuvor gegeben, dass es Gott vergelten müsste?
Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit!
Amen.



 


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