Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Römer 12,17-21

Christian Schröder

08.05.2005 in der Christuskirche Düsseldorf

Anlässlich des Gedenkgottesdienstes zum 60. Jahrestag des Kriegsendes

Anlässlich des Gedenkgottesdienstes zum 60. Jahrestag des Kriegsendes

Liebe Schwestern und Brüder,

heute vor 60 Jahren, ging eine wirklich böse Zeit zu Ende. 12 Jahre, in denen die Macher des Dritten Reiches alles Gute ausgeklammert hatten und mit Ungerechtigkeit und Überheblichkeit regierten. Dabei gingen sie so weit, wie keine Diktatur bisher. Vorher gab es Nationalstolz, es gab Ungerechtigkeiten gegenüber Einzelnen und ganzen Volksgruppen, es gab sogar immer wieder Hass. Wobei Hass aus der Sicht des Dritten Reiches schon ein positiver Begriff ist. Denn um einen Menschen zu hassen, muss ich ihn als Gegenüber anerkennen. Ich muss in diesem Gegenüber einen Menschen sehen. Aber schon das sprachen die Nazis ihren Opfern ab. Für die Nazis gab es die Menschen deutschen Blutes, blond, blauäugig, eben reine Arier und unwertes Leben. Menschen, die aus Sicht der Nazis allenthalben den Stellenwert eines Tieres hatten, wobei das in dieser Ideologie schon manchmal fraglich war.

Das Dritte Reich deshalb mit Begriffen wie Zeit des Hassens oder des Bösen zu umschreiben ist viel zu kurz gegriffen. Die Nazis lehrten nicht den Hass. Sie waren schlimmer. Sie lehrten die Verachtung. Verachtung zunächst erst einmal gegenüber allen Menschen, die sie als unwertes Leben bezeichneten, Juden, Behinderte, Zigeuner, Homosexuelle, und, und, und jeder Mensch, der nicht der Arier-Ideologie entsprach, war unwertes Leben. Sie sprachen diesen Menschen das größte Geschenk Gottes ab, nämlich das Leben selbst.

Aber auch ihrem eigenen Volk gegenüber waren sie nicht besser. Schon Kinder und Jugendliche wurden für ihre Interessen missbraucht. Mädchen wurden zum Hausfrauen-Dasein und zu Gebärmaschinen erzogen mit dem Zweck, Soldaten für das Dritte Reich in die Welt zu setzen. Die Jungen wurden zu Kämpfern erzogen, sie mussten verachten lernen, siegen lernen, Befehlen folgen. Die Kameradschaft in der Hitlerjugend musste die Familie werden, die über der eigenen Familie stand. Wie anders als diese Ideologie hört sich der Text des Paulus an. Er spricht davon, dass wir nicht Böses mit Bösen vergelten sollen, dass wir Frieden halten sollen, wo immer wir es schaffen. Dass wir für Andere da sein sollen, auch wenn wir sie als Feinde empfinden und auch wenn Sie uns enttäuschen, denn das Strafen oder Rechtsprechen obliegt uns nicht, das ist Gottes Sache, Gott hat alle Menschen geschaffen und mit den gleichen Freiheiten der Entscheidung ausgestattet. Also ist es auch Gottes Entscheidung, wen er straft, wenn diese Freiheiten ausgenutzt werden, um andere Menschen einzuengen und ihnen die Gott gegebenen Freiheiten zu nehmen. Denn gerade dies beinhaltet häufig Feindschaft, dass ich mit zweierlei Maß messe, dass ich dem Feind nicht die gleichen Rechte zuspreche, wie mir selbst, dass ich ihn einenge, bis hin zum direkten Angriff.

Aber genau dieses Verhalten steht mir nicht zu. Dies versucht Paulus in seinem Text deutlich zu machen und er weiß sich in der besten aller Traditionen, nämlich in Jesu eigener Lehre. Jesus selbst sagt in seinen Seligpreisungen:
Math. 5, 3-10 Selig die armen Menschen, die gequält werden, denn sie werden frei sein, wenn Gott König ist. Selig die Menschen, die traurig sind, denn sie werden Trost finden. Selig, die auf Gewalt verzichten, denn ihnen gehört die Zukunft? Selig, die Hunger und Durst nach Gerechtigkeit haben, denn Gott wird sie satt machen. Selig die Barmherzigen, denn Gott wird sich ihrer erbarmen. Selig, die im Herzen rein sind, denn sie werden Gott sehen. Selig, die Frieden stiften, denn Gott wird sie seine eigenen Kinder nennen. Selig die unschuldig Verfolgten, denn Gott schenkt ihnen sein Reich.

Jesus lehrt keine Machtinteressen, er lehrt vielmehr Achtung und Demut voreinander. Liebe statt Hass.
Wie anders klingt doch Jesu Lehre als die Ideologie der Nazis. Nicht Verachtung, Kampf, Ausbeutung, Krieg, sondern Liebe, Barmherzigkeit, Achtung, Frieden.

Dieser Unterschied fiel auch schon Christen im Dritten Reich auf und sie leisteten Widerstand. Widerstand im Heimlichen, im Alltag mit kleinen aber gefährlichen Gesten und Widerstand im Großen mit offener Gegenrede in Ansprachen, Predigten und Aktionen. Wie seit Anbeginn der Christenheit gab es auch im Dritten Reich Christen, die es nicht ertragen konnten, gegen Jesu Lehre zu leben. Für die die Gefahr für Leib und Leben weniger wichtig war, als für ihren Glauben einzutreten, denn sie wussten sich geborgen, geborgen nicht zuletzt in Jesu eigenen Versprechungen in den Seligpreisungen.
„Selig die armen Menschen, die gequält werden, denn sie werden frei sein, wenn Gott König ist.“
„Selig die Barmherzigen, denn Gott wird sich ihrer erbarmen.“
„Selig, die Hunger und Durst nach Gerechtigkeit haben, denn Gott wird sie satt machen.“ Und nicht zuletzt:
„Selig, die Frieden stiften, denn Gott wird sie seine eigenen Kinder nennen.“

Diesen Versprechungen hat keine Nazi-Ideologie und kein Hassprediger von heute etwas entgegenzusetzen. Denn was ist schon ein kleiner Triumph des Hasses, der Verachtung, gegenüber ewiger Geborgenheit in Gottes Liebe.

Aus dieser Sicht kann jeder Mensch heute dankbar den 8. Mai feiern. Feiern, als den Tag, an dem der Menschen-Verachtung Einhalt geboten wurde. Feiern als den Tag, an dem jeder wieder offen seine Meinung sagen durfte und seinen Glauben leben konnte. Wir gedenken heute nicht der Schwächen, die das Dritte Reich ermöglichten, denn diese hat Gott schon längst verziehen und uns steht es nicht zu zu verurteilen, denn keiner, der glücklichen Menschen, die diese Zeiten nicht miterleben mussten, weiß, ob er nicht selbst kläglich versagt hätte. Unsere Vorbilder sind die, die Widerstand leisteten, unsere Warnungen sind die, die mitliefen. Denn auch wir sind nicht davor sicher ungerecht zu werden, Hass zu säen, Schuld bei den Unschuldigen zu suchen.

Auch wir leben heute in sozial schwierigen Zeiten, auch wir müssen uns entscheiden zwischen Jesu Lehre und politischen Parolen. Klar, bei uns droht keine Nazidiktatur, aber es droht ein kaltes Klima, ja es hat schon begonnen, in dem die Schwachen durch das soziale Netz fallen. Diese Schwachen brauchen unsere Hilfe als Kirche und als Christen. Ich freue mich jedes Mal, wenn eine anständige Kollekte für das Trebecafé und die christliche Hausgemeinschaft zusammen kommt, denn hier geht das Geld direkt an die Menschen, die in unserer Stadt, in unserer Gemeinde durch das soziale Netz fallen. Jedem, der hier sein Erbarmen zeigt, gilt Jesu Zuspruch:
„Selig die Barmherzigen, denn Gott wird sich ihrer erbarmen.“

Und dies sind nur zwei Projekte, mit denen wir Jesu Lehre folgen können. Andere kaufen vielleicht regelmäßig die Zeitung fifty-fifty von einem der Straßenverkäufer und unterstützen so seine/ihre Rückkehr in das normale Leben. Oder andere haben ein Patenkind z.B. bei der Kindernothilfe und geben so einem Menschen die Chance auf ein würdiges Leben. Möglichkeiten haben wir viele um Jesu Barmherzigkeit weiterzugeben. Nur eine Möglichkeit haben wir nicht, uns davor zu drücken.

Helft den Schwachen und Armen, und unterstützt die, die für die Schwachen eintreten, das sagt uns Jesus gestern, heute und in Ewigkeit. Das ist der einzige Maßstab, der für uns gültig ist und sein darf. Dies lehrte Jesus uns besonders in seinen Seligpreisungen. Dies bestätigte Paulus auch in unserem Text von heute, wobei er uns ganz klar sagt, dass die Hilfe und Barmherzigkeit uns obliegt und nicht das Fragen danach, ob der andere meine Hilfe verdient. Es gibt keine verkehrte Hilfe. Es gibt keine Undankbarkeit, denn wir dürfen keinen Dank erwarten, weil wir nur Jesu Chancen, die wir geschenkt bekommen haben, weitergeben.

Trotzdem werden wir belohnt werden. Häufig schon hier auf Erden, denn so manche Hilfe, die ich vielleicht als vergebens angesehen hatte, kommt nach Monaten und Jahren auf mich zurück.

Und wenn ich das Ergebnis auch hier nicht sehe, weiß ich mich geborgen in Jesu Hand, aus der mich in Ewigkeit nichts reißen kann. Paulus sagt in unserem heutigen Text: "Haltet, wenn möglich, mit allen Frieden." Wenn wir schon dies versuchen, nehmen wir unserer Gesellschaft viel von ihrer Härte und geben Hasspredigern keine Chance.

Lasst uns Frieden halten, und nur denen folgen, die den Frieden vorleben, dann wird unserer Welt viel von ihrer Härte genommen werden.

Amen.