Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Römer 12,21

Karl-Edzard Buse-Weber (ev)

02.01.2012 in der Stephanuskirche in Borchen

Liebe Gemeinde,

ein frohes, neues Jahr Ihnen und euch allen. Damit es ein gutes Jahr 2011 wird und kein böses lasst uns auch in diesem Jahr auf Gott vertrauen, auf sein Wort hören und seinen Willen zu erfüllen suchen. Das Wort der Bibel für unser neues Jahr leitet uns dazu an.

Die Jahreslosung stammt vom Apostel Paulus. Paulus kennt die Menschen und die Welt und er kennt auch sich selbst. Er weiß darum, dass Menschen sich oft zerrissen vorkommen und sich dann falsch, wenn nicht gar böse verhalten. Er klagt: „Das Gute, das ich will, das tue ich nicht, das Böse aber, das ich nicht will, das tue ich. Ach Gott, hilf mir doch und befreie mich.“

Paulus kämpft hier mit dem Bösen in der Welt und in sich selbst. Um das Böse und Schlechte geht es auch in der Jahreslosung aus dem Römerbrief. Paulus empfiehlt den richtigen Umgang mit dem Bösen. Er fordert dazu auf, sich da richtig zu verhalten.

Wie Jesus in der Bergpredigt so überrascht Paulus auch hier. Die Jahreslosung hätte auch gut in der Bergpredigt von Jesus stehen können. Jesus sagt: Wenn dich jemand auf die eine Wange schlägt, so halte ihm auch die andere hin. Und: Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen. Paulus sagt: Vergeltet niemandem Böses mit Bösem… Vielmehr: wenn dein Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihm, so gib ihm zu trinken… Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Es ist schon deutlich, dass das auch den Feind überrascht. Dem Feind Schaden zufügen könnte das Gefühl der Rache befriedigen. Warum sollen wir es nicht tun? Dass der Feind hungert, sollte mich nicht stören, denn er hat mir ja Übles getan. Warum sollen wir nicht wegschauen? Warum sollen wir Menschen, die uns Übles tun, uns ärgern, uns ausstechen, uns übervorteilen, warum sollen wir denen noch Freundschaftsdienste erweisen? Weil es um uns selbst geht und unser Heilwerden, weil es um das Böse geht, das überwunden und aus der Welt gedrängt werden soll. Wenn wir mit harten Worten und schlimmen Taten zurückschlagen, dann hat das Böse über uns gesiegt. Wir sind dann nicht mehr vom Feind zu unterscheiden. Wenn wir Freundschaft anbieten und der Liebe folgen, dann kann eine neue Welt entstehen, in der auch der Feind von seinem Tun ablässt. Die Angst vergeht, Verständnis wächst. Es wird ein gutes, neues Jahr 2011.

„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ Dieser Satz soll uns durch das kommende Jahr leiten. Was können wir da erwarten, wie wird es dann sein, unser neues Jahr? Ein paar Ereignisse und Daten des kommenden Jahres möchte ich Ihnen und euch vor Augen stellen. Schauen wir gemeinsam auf das kommende Jahr und lassen uns überraschen. So könnte es aussehen: das Jahr 2011 im Jahre unseres Herrn Jesus Christus.

Montag, 17. Januar 2011: In den Vereinigten Staaten von Amerika erinnern die Menschen an Martin Luther King. Der Feiertag: Martin-Luther-King-Day wird begangen. Menschen mit weißer Hautfarbe und schwarzer Hautfarbe feiern gemeinsam, dass Martin Luther King mit vielen anderen Menschen zusammen für den Frieden und die Verständigung gestritten hat. Der amerikanische Präsident Barack Obama hält eine Rede. Jeder weiß, dass sein Vater ein schwarzer Kenianer und seine Mutter eine weiße Amerikanerin ist. Obama erinnert an den gewaltfreien Kampf von Martin Luther King für Gleichberechtigung der Menschen und gegen Rassismus. Er zitiert Worte von Martin Luther King: „Die größte Schwäche der Gewalt liegt darin, dass sie gerade das erzeugt, was sie vernichten will. Statt das Böse zu verringern, vermehrt sie es… Durch Gewalt kann man den Hasser ermorden, aber man tötet den Hass nicht. Gewalt verstärkt nur den Hass. Das ist der Lauf der Dinge. Gewalt mit Gewalt zu vergelten, vermehrt die Gewalt und macht eine Nacht, die schon sternenlos ist, noch dunkler. Dunkelheit kann die Dunkelheit nicht vertreiben: das kann nur das Licht. Hass kann den Hass nicht vertreiben, das kann nur die Liebe.“

Mittwoch, 23. März 2011: Am Abend liest Frau Müller ihren kleinen Kindern ein Bilderbuch vor. So kommen sie zur Ruhe nach dem langen Tag. So machen sie es jeden Tag vor dem Schlafengehen. An diesem Abend ist es die Geschichte von einem Mädchen voller Phantasie. Sie spielt mit dem kleinen Jungen Prinzessin und Koch, alle machen mit, die Tiere sind der Hofstaat, die Blätter im Garten sind die Fische, die sie fangen und dann essen. Plötzlich taucht der Teufel auf und erschreckt den kleinen Jungen. Der kleine Junge will nicht mehr mitspielen und läuft davon. Doch das Mädchen weiß Rat: der Teufel wird kurzerhand in Ketten gelegt. Beruhigt können das Mädchen und der kleine Junge zum Opa ins Haus gehen, wo es nach dem Spielen das Abendessen gibt. Der Opa erfährt, wie sie gespielt haben und fragt schließlich: Und was ist mit dem Teufel? Das Mädchen versichert, der sei gefangen in Ketten. Der Opa murmelt nachdenklich vor sich hin: Ob der Teufel sich das wirklich dauerhaft gefallen lässt?

Die beiden Kinder im Arm von Frau Müller sind inzwischen friedlich eingeschlafen – trotz des schrecklichen Teufels.

Karfreitag, 22. April 2011: In den christlichen Kirchen feiern die Menschen Gottesdienst. Sie hören auf die Worte der Bibel, die von Jesus berichten, dem sanftmütigen Streiter für Liebe und Gerechtigkeit. Jesus betet für die Menschen, die ihn am Kreuz hinrichten. Einsam und verlassen stirbt Jesus am Kreuz, unschuldig ist er und ungerecht ist dieses Hinrichten. Seine Henker wollen ihn vernichten und mit ihm die Liebe. Doch das vermögen sie nicht. Denn Jesus Christus spricht, den Blick auf seine Henker gerichtet: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun.

Samstag, 18. Juni 2011: In der Innenstadt von Paderborn ist es auch um 11 Uhr abends noch warm, es ist ein schöner Sommerabend. Die Jugendlichen haben gefeiert. Nun sind sie auf dem Weg von der Kneipe nach Hause. Eine andere Gruppe kommt ihnen entgegen. Es fällt ein böses Wort. Die Stimmung droht zu kippen, schon werden die Fäuste geballt und die gepfefferte Antwort gesucht. Da tanzt einer aus der Reihe und fängt lauthals an zu singen: „Lass dich überraschen, wie schnell kann es geschehen, dass auch deine Wünsche in Erfüllung gehen, lass dich überraschen, gleich, das ist ganz klar, werden Wünsche Wirklichkeit, werden Träume wahr.“ Alle liegen am Boden vor Lachen, klopfen dem coolen Sänger auf die Schulter und ziehen gemeinsam weiter.

Mittwoch, 20 Juli 2011: Bundespräsident Wulff legt einen Kranz nieder zur Mahnung für den Frieden. Die Männer und Frauen des Widerstands gegen die Nazidiktatur werden geehrt. Sie haben ihr Leben gelassen im Kampf gegen die Verbrechen in Deutschland, die die Nationalsozialisten millionenfach verübt haben. Mit Gewalt sollten die Gewalttäter gestoppt werden. Doch der Krieg musste erst bitter weitergehen und viele weitere Menschen sinnlos sterben, bevor die Gewaltherrschaft zum Ende kam. Und bis heute bleibt die bittere Erfahrung, dass Töten, Plündern, Morden und Terror die Menschen bedrohen. Wie können wir den Hass und die Gier stoppen, ohne selbst dem Hass und der Gier zu verfallen? Die Opfer der Gewalt mahnen uns dazu, Wege zu finden, die Gewalt zu überwinden.

Dienstag, 27. September 2011: Am Berufskolleg diskutiert Pfarrer Buse-Weber den Umgang mit schlimmen Verbrechern. Welche Strafe ist angemessen? Welches Ziel soll Strafe haben? Wie soll der Richter oder die Richterin urteilen, wenn ein Mensch einen Mord begangen hat? Viele Schüler sind für die Einführung der Todesstrafe, manche plädieren sogar dafür, den Mörder langsam zu Tode zu quälen, so wie er es ja schließlich auch mit seinem Opfer gemacht hat. Die Phantasien der Rache treiben bunte Blüten. Doch der Beitrag eines Mitschülers lässt alle verstummen. Sie merken durch seine Worte, dass auch der Mörder eine Würde hat, die ihm auch durch seine schlimmen Taten nicht genommen werden kann. Der Mitschüler hat selbst durch einen Mord einen Onkel verloren. Seine Familie will nicht den Tod des Mörders. Denn dadurch wird der Ermordete nicht wieder lebendig, wird die Lücke nicht gefüllt, wird das eigene Leben nicht wieder heil. Als Familie helfen sie sich gegenseitig und arbeiten daran, dass es ihnen gelingt, dem Mörder zu vergeben. Die Gefängnisstrafe für den Mörder soll dazu helfen, dass er seine Tat bereut und auch an sich arbeitet: nicht Böses, sondern Gutes ist das Ziel.

Donnerstag, 10. November 2011: Herr Müller blickt in den Spiegel. Sein Gesicht ist entspannt. Die Kerbe über der Nasenwurzel, die ihn früher oft zornig erscheinen ließ, ist fast nicht mehr zu sehen. Die Augen zeigen ein leichtes Lächeln, die Mundwinkel zeigen in der Tendenz eher nach oben, die Wangen sind leicht gerötet und zeugen von Energie und Lebensfreude. Sein Gesicht ist umso erstaunlicher, findet Herr Müller, weil er heute den ganzen Tag nur mit Stresstypen zu tun hatte, die meinten, ihre schlechte Laune bei ihm abladen zu können. Doch hat Herr Müller ihre Unfreundlichkeit mit freundlichen Worten gekontert und ist ihren Vorwürfen klar, sachlich und ruhig begegnet. Gut, so denkt Herr Müller, dass ich beschlossen habe, mich davon nicht anstecken zu lassen. Das tut mir gut und mir geht’s gut damit.

Heiligabend, 24. Dezember 2011: In der Stephanuskirche in Borchen ist Gottesdienst, die Konfirmandinnen und Konfirmanden spielen Theater. Das Krippenspiel endet mit den Worten des Engels: Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

Das Jahr ist zu Ende, der Weg zum Frieden ist abgesteckt. Lasst uns froh danach tun: Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Amen. Und der Frieden Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.