Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über Römer 12,21

Dr. Wiebke Bähnk (ev.-luth.)

02.01.2011 in der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde St. Markus-Hoheluft Hamburg

Gottesdienst zum Jahresbeginn mit Predigt zur Jahreslosung 2011

Liebe Gemeinde,

es ist der 30. Januar 1990, als vor einem Haus in Lobetal in der Nähe von Bernau bei Berlin drei schwere Limousinen halten. Aus einer der Limousinen steigen Margot und Erich Honecker. Honecker ist als Staatsratsvorsitzender der DDR gestürzt, er soll vor Gericht gestellt werden, unzählige Opfer der DDR-Politik wollen ihn zur Rechenschaft ziehen. Gerne auch direkt, mit ihren eigenen Fäusten. Aus der Sicht vieler Menschen, die jahre- oder jahrzehntelang in der DDR gelitten haben, inhaftiert waren, Angehörige verloren haben, keine adäquaten Ausbildungen machen konnten, bespitzelt wurden, nachvollziehbar.

Wobei ich bei allem, was ich in dieser Predigt sage, dazu sagen möchte: Ich habe immer im Westen gelebt. Einige unter Ihnen haben in der DDR gelebt, kennen das Unrecht aus eigenem Erleben und Erleiden. Sie werden vielleicht etwas anders sehen, gar denken: “Sie hat ja gut reden.” Dennoch bitte ich Sie zu hören oder sich zu erinnern, was in den letzten Januartagen 1990 passiert ist.

Honecker weiß nicht mehr, wohin er und seine Frau gehen sollen. Deshalb fährt er an diesem 30. Januar vor elf Jahren nach Lobetal. Das Haus, vor dem er und seine Frau aussteigen, ist ein Pfarrhaus. Es ist das Haus des Pastors Uwe Holmer. Er geht den Honeckers entgegen und heißt sie willkommen. Drei Monate werden Margot und Erich Honecker bei Uwe Holmer wohnen; zwei Söhne Holmers haben ihre Zimmer geräumt, damit Honeckers dort unterkommen können. Die Dusche teilen sie sich mit Holmers Söhnen, ab und an essen sie zusammen mit dem Pastor und seiner Familie, gehen zusammen spazieren, wenn der Gesundheitszustand Erich Honeckers es zulässt. Das einzige Bild, das die drei zusammen zeigt, stammt von einem solchen Spaziergang. Aber Spaziergänge sind immer erst dann möglich, wenn niemand mehr vor dem Haus steht und demonstriert: “Honecker nach Bautzen”, steht auf einem Transparent; eines Tages steht einer mit einem Strick für Honecker im Garten.

Uwe Holmer schützt die Honeckers in ihrem Asyl im Pfarrhaus, er sucht das Gespräch, erweist ihnen tatsächlich Gastfreundschaft. Dabei wird er als Pastor dauerhaft bespitzelt; “heute sitzt ein Aufpasser im Gottesdienst”, wird er oft gewarnt. Er hält sich fest an die zehn Gebote und die Bergpredigt Jesu und scheut den Konflikt nicht: Als Bauern enteignet werden, protestiert er dagegen; ihm wird mir Gefängnis gedroht. Er hält kritische Predigten, macht seinen Wahlzettel bei Volkskammerwahlen absichtlich ungültig. Keines seiner zehn Kinder darf Abitur machen.  Holmer protestiert, zuletzt sogar bei der Volksbildungsministerin Margot Honecker. Keine Antwort. Warum nimmt ausgerechnet er die Honeckers auf, schützt sie sogar? Uwe Holmer selbst hat gesagt: “Ich habe meinen Ärger bei Gott abgegeben. Er hat gesagt: Die Rache ist mein.” Diese Haltung bestimmt ihn. Und deshalb kann er die Honeckers bei sich aufnehmen, kann sogar sagen: “Herr Honecker, Sie sind uns willkommen.”

Über das Jahr 2011 ist ein Vers aus dem Römerbrief als Jahreslosung gestellt: Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. Der Apostel Paulus leitet diese Aufforderung aus dem Verzicht auf eigene menschliche Rache her.

Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes, denn es steht geschrieben: Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.

Vielmehr, wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem

Nicht wir selbst sollen für angetanes Unrecht Rache üben, sondern Gott überlassen, was er tun wird. Wir sollen auf Böses nicht mit demselben reagieren, sondern Gutes dagegen setzen. Das klingt einfach, und ist es doch so oft überhaupt nicht. “Wie du mir so ich dir”, dieser Grundsatz scheint viel näher zu liegen, und außerdem ist Rache manches Mal doch auch süß, oder? Und dann nützt es doch so oft auch gar nichts, mit Gutem auf Böses zu reagieren. Derjenige oder diejenige, die Böses tun, ändern doch ihr Verhalten nicht, oder? Da gehört doch eher auf einen groben Klotz ein grober Keil. Die politischen und militarischen Auseinandersetzungen der USA mit dem Irak, mit Afghanistan, mit der weltweiten Terrorgefahr funktionieren genau so.

Paulus gibt nun keine politischen Ratschläge, sondern fordert zu einer Grundhaltung des Glaubens auf. Und die überlässt jede Vergeltung Gott. Und nimmt uns damit in die Verantwortung, auf Böses, was es auch immer sei, nicht mit ebensolchem zu reagieren. Das gilt im Kleinen, in unserem privaten Leben, genauso wie im Großen, im politischen Bereich. Damit ist keine Garantie gegeben, dass das Böse, das geschieht, damit ein Ende findet. Dass derjenige, der den Nachbarn ärgert, die Arbeitskollegin mobbt, oder eine unmenschliche Politik betreibt, damit zur Umkehr kommt. Uwe Holmer hat gesagt: “Reue haben die Honeckers nie gezeigt.” Als er Margot Honecker erzählte, dass seine Kinder alle nicht hätten Abitur machen dürften, habe sie nur gesagt: “Das habe ich nicht gewusst.”

Reue ist wahrlich etwas anderes. Natürlich kann es geschehen, dass jemand uns Böses tut und schämt sich, wenn wir ihm entgegenkommen. Vielleicht wird sich sein Verhalten ändern. Vielleicht wird aus dem Nachbarn, der seit Jahren Rechtsstreitigkeiten über die Höhe der Hecke vom Zaun bricht, ein Freund. Wenn wir einmal aus diesem Gegeneinander ausbrechen, dem anderen die Hand reichen, ihn einladen. Doch ein Erfolg in diesem Sinne ist nicht garantiert. Ich kann auf Verleumdungen mit Gesprächsangeboten reagieren, ich kann auf jede ähnliche Verhaltensweise verzichten - und trotzdem weiter verleumdet werden. Und dennoch weist die Aufforderung des Paulus den richtigen Weg, ist sie nicht weltfremd oder illusionär. Denn sie zeigt den Weg, der dazu führt, dass das Böse in der Welt nicht überhand nimmt.

Stellen wir uns einfach vor: Wir reagierten alle auf erlittenes Unrecht mit demselben Verhalten. Wer uns vors Schienbein tritt, den treten wir zurück. Wer hinter unserem Rücken Übles über uns redet, über den ziehen wir auch mal gründlich in aller Öffentlichkeit her. Wer uns einen Rechtsstreit anhängt, gegen den suchen wir auch einen Grund zur Klage. Nichts ist gewonnen dann, nur das Böse ist noch mehr geworden. Nämlich genau betrachtet doppelt so viel mehr wie vorher.

Es ist mehr davon in der Welt, und in uns hat es dem Moment gesiegt. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, so fordert Paulus uns auf. Und das meint: Lass es keine Macht über dich gewinnen. Lass nicht die Gedanken mächtig werden, die so heißen: Dem werde ich es schon heimzahlen. Wie du mir so ich dir. Der soll doch auch mal spüren wie es sich anfühlt, so verletzt, gedemütigt, gekränkt, benachteiligt zu werden. Wenn wir so denken, hat das Böse uns selbst überwunden. Denn das dürfen wir auch nicht vergessen: Böses gibt es nicht nur außerhalb von uns; böse verhalten sich nicht nur die anderen. Jede und jeder von uns hat immer wieder die Entscheidung, gut und böse ist uns angelegt als Teil unserer gottgegebenen Freiheit. Und wir selbst können uns entscheiden, wie wir reagieren. Das bedeutet nicht, dass diese Entscheidung immer einfach ist; manches Mal ist es ein langer gedanklicher Weg, der uns erst erkennen lässt, was in einer Situation gut oder was böse ist. Und auch darin können wir fehlen. Auf Böses mit Gutem zu reagieren, wird auch nicht heißen: Alles laufen lassen, hinnehmen, Harmonie schaffen um jeden Preis, herunterschlucken bis das Magengeschwür kommt. Das Gute kann durchaus auch ein klares Wort, eine entschiedene Haltung sein. Aber es kann niemals sein, erfahrenes Böse, erlittenes Unrecht im Verhältnis 1:1 zurückzugeben. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Denn durch das Denken und Tun des Guten verliert das Böse seine Macht. Im Miteinander und besonders auch in uns selbst. Uwe Holmer hat zu einem ehemaligen Häftling aus Bautzen gesagt: “Honecker hat nichts davon, wenn Sie ihm vergeben. Aber Sie haben etwas davon. Wenn Sie Honecker nicht vergeben, frisst die Bitterkeit Ihres Herzens Sie auf.”

 Und deshalb hat auch er den Honeckers nicht nur in Gedanken vergeben, sondern sie sogar aufgenommen; hat auf das Böse mit Gutem reagiert. Und damit dem Guten zum Sieg verholfen, zumindest in diesen drei Monaten und in sich selbst, in seiner Seele, seinem Herzen. Was wir in unseren Gedanken haben, in unseren Seelen, prägt uns; und wer die Gedanken an das Gute in sich stark macht, gegen Böses von außen und auch gegen die eigene Versuchung, doch mal schnell “wie du mir so ich dir” zu denken, lässt sich nicht vom Bösen überwinden. Und verhilft damit dem Guten zum Sieg.

Mit dem Wissen darum, dass dies in Gottes Sinne ist, der uns so vergeben und angenommen hat, dass wir genauso so auch anderen entgegenkommen können. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Amen

 


 


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