Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Römer 13,8-12

Superintendentin Isolde Böhm

30.11.2003 in in der Kirchengemeinde Lichtenrade / Kirchenkreis Tempelhof

Zum Abschlussgottesdienst der Visitation

Zum Abschlussgottesdienst der Visitation

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

wie war das Aufstehen heute morgen? Mit welchem Gefühl haben Sie dem Wecker gehorcht? Mit welcher Erwartung das Bett verlassen?

Ein Freund von mir erzählt, wenn es ums Aufstehen, um Morgenerlebnisse geht, am liebsten die Geschichte über seinen Sohn, wie der Dreikäsehoch noch zu klein war, ohne Hilfe aus dem Gitterbett zu steigen, wie er - für elterliches Empfinden, vor allem am Wochenende - viel zu früh aufwachte, sich im Gitterbett aufstellte und hell und laut durch die Wohnung krähte: Ich bin wieder da!, und das so lange, bis sich Vater oder Mutter ebenfalls bequemten vom Schlaf aufzustehen und das Menschenkind zu begrüßen.

Sollten Sie heute morgen so aufgewacht sein: Ich bin wieder da!, dann haben Sie den 1. Advent schon begonnen, dann hat Sie das neue Kirchenjahr erreicht.

Der Glaube und mit ihm das Kirchenjahr als eine seiner sichtbaren Gestalten, - der Glaube mutet uns Kontrapunkte zu, immer wieder neue Blickwinkel, Aha-Effekte, Überraschungen. Heute, jetzt im Advent sagt er uns Morgenzeit an. Wenn das Jahr in seine dunkelsten Wochen geht, wenn sich das Licht des Tages oft nur mit Mühe Geltung verschafft, wenn sich die Augen des Leibes und die Augen der Seele damit abfinden wollen, dass das Leben dämmrig ist..., - dann, dann ruft uns die Stimme des Glaubens ins Licht.

Es gibt keine andere Kirchenjahreszeit, die so angefüllt ist mit Bildern vom Ende der Nacht, mit Bildern von Christus als dem aufgehenden Licht, dem Stern, der den Morgen, den Tag ankündigt.

Heute beginnt eine neue Zeit. Heute legt uns Gott ein neues Jahr vor die Füße und ins Herz. Wie Kinder den Morgen begrüßen, fraglos sicher, dass sie willkommen sind, und fröhlich erwartungsvoll, dass etwas Gutes vor ihnen liegt, so dürfen und sollen wir als Christen Advent feiern.

"Bedenkt die gegenwärtige Zeit", heißt es in einer anderen Übersetzung dieser Verse aus dem Brief an die Gemeinde in Rom, -"Bedenkt die gegenwärtige Zeit: Die Stunde ist gekommen, vom Schlaf aufzustehen."

Liebe Schwestern und Brüder,
dass wir es doch könnten! Dass Sie, dass wir es in uns einlassen und unter uns einüben: Adventlich zu leben! - Zu leben als "Gute Morgen Menschen", als Menschen, die wissen: Jetzt ist gute Zeit, jetzt bin ich willkommen und kann willkommen heißen, jetzt bin ich erwartet und mein Mittun ist gefragt, ist wichtig, ist ebenfalls willkommen.

Wir haben in der letzten Woche, als Visitationskommission in den Gruppen, Kreisen, Besprechungen und Beratungen dieser Gemeinde ein atemberaubend hohes Maß an Engagement, an Kraft und Einsatz erlebt.
Es gibt hier viele Menschen, die ihrer Gemeinde viel geben, die das Gemeinwesen in Lichtenrade reich und lebendig machen.
Keine Sorge: ich will Sie nicht zu einem "noch mehr" verlocken, eher zu einem anders, zu etwas leichterem...

Ich höre den adventlichen Ruf, auch für mein eigenes Leben, für meine Verantwortung als Superintendentin nicht als einen Ruf zu größerem Einsatz, sondern als einen Ruf, meine Tage und mein Tun in der Haltung eines Kindes zu leben. Eines Kindes, dass sich am Morgen begrüßt weiß und das Tagewerk als ein Zutrauen in seine Fähigkeiten erfährt. Ich bin wieder da!

Vor uns liegt gute Zeit, liebe Gemeinde!

Denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig geworden sind, schreibt Paulus.

Ach, der liebe Paulus, ja, für den war das klar und vollkommen sicher. Für uns ist das anders geworden.
Für uns liegt das Heil viel mehr, vielleicht sogar fast nur noch in der Vergangenheit: Als die Kirche noch was gegolten hat, als noch Geld da war und bedenkenlos geplant und ausgegeben werden konnte, als die Menschen noch in der Mehrheit Gemeindemitglieder waren, als die Zukunft noch die Verlängerung der Gegenwart schien...

An dieser Stelle kommt ein ernster Ton mit in die Botschaft von Advent, hier steht unser Glaube selbst auf dem Spiel:
Wenn wir als Kirche, als einzelne Christen und als Gemeinden in der Haltung leben, das Heil sei spürbar und sichtbar allein oder vor allem in der Vergangenheit, dann verraten wir Gottes Liebe, dann gehen wir nicht auf Weihnachten zu, sondern schnurstracks an Weihnachten vorbei.

Gott kommt uns entgegen. Gott will erkannt und erfahren werden in dem, was auf uns zukommt. Wenn das, was war, alles gewesen sein soll, was Gott für uns als Einzelne und für uns als Kirche bereit hält, dann wären wir arme Geschöpfe, arme Gemeinden, dann würden wir glauben und leben, als wäre Gott am Ende seiner Weisheit. Das aber wäre auch das Ende unserer Weisheit. Wir Christenmenschen dürfen klagen, wenn uns Schweres widerfährt, das lehren uns die Psalmen der Bibel und viele Lieder im Gesangbuch, aber eine Klagehaltung ist dem Glauben nicht gestattet.

Liebe Schwestern und Brüder hier in Lichtenrade,
prüfen Sie Ihr Herz, fragen Sie ernsthaft nach dem, was Sie trägt und bewegt, fragen Sie Ihre Pfarrerinnen und Pfarrer, ihre beruflich in der Gemeinde Beschäftigten, fragen Sie Ihren Gemeindekirchenrat: In welcher Haltung lebst du, lebt ihr, in der Neugier auf Gottes Zeit, die vor uns liegt, in der Freude auf Gotteserfahrungen, die auf uns warten?
Und was ist mit Ihnen, mit mir selbst: Trägt mich die Überzeugung, dass auch mein persönlicher Weg ein guter Weg ist, einer, der mich immer näher in die Liebe, die Nähe, die Gegenwart Gottes bringt? Einer, bei dem das Gute nicht nur in der Vergangenheit liegt, sondern mir im Heute und Morgen begegnen will?
Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe herangekommen. So lasst uns die Machenschaften der Nacht ablegen und anziehen die Strahlen des Lichts.

Wie nach dem Erwachen das Ankleiden kommt, nach den ersten Regungen von Gemüt und Seele die Regungen der Hände und des Körpers, so kommt im Glauben nach der Aufmerksamkeit für die Haltung meines Herzens die Frage nach meinem Tun. Die innere Haltung, die der Glaube schenkt und die aus dem Glauben wächst, sucht ein Kleid, sucht das Gewand des äußeren Verhaltens. Das Nachtgewand wird aus- und das Tageskleid wird angezogen.

Das Bild vom Aus- und Anziehen war in der Urchristenheit auch ein Bild der Taufe, der Entscheidung, - der Entscheidung für den Weg Gottes, den Weg mit Christus.
Heute am Beginn des Kirchenjahres erfahren wir die uns geschenkte Zeit eines neuen Jahres, die gute Zeit, in der Gott uns erwartet, und,
liebe Gemeinde,
und wir werden gefragt, ob wir bereit sind, ein weiteres Jahr dabei zu bleiben, beim Glauben, bei der Gemeinde, beim Weg mit Gott. Nirgendwo auf dem Weg unseres Lebens sollen wir einfach verharren, nirgendwo willenlos dahintreiben, auch und gerade nicht im Glauben. Wie jeden Morgen die Entscheidung für ein bestimmtes Hemd, ein bestimmtes Kleid fällt, so soll auch immer von neuem die Entscheidung für das Gewand des Glaubens fallen, gefällt werden. Sag Ja!, bekräftige, was du lebst von neuem.

Und wie sieht das Gewand aus, das Christen am Morgen ergreifen, das in der Gemeinde üblich sein und aus der Gemeinde hinausleuchten soll?

Seid niemandem etwas schuldig, außer, dass ihr einander liebt. Denn wer die anderen liebt, hat das Gesetz erfüllt..., und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem einen Wort zusammengefasst: "Du wirst deine Nächsten lieben wie dich selbst."

Dieses Gewand, das Gewand der Liebe als Kleidung von uns Christen ist, denke ich, erstens logisch und zweitens nicht zu groß für uns.

Wer sich vor der Zukunft ängstigt, hat keinen Blick nach rechts und links, wer fürchtet, was kommt, wird einmauern und zuschließen, was ist und was er hat.
Wer aber Zukunft sieht und um gute Zukunft weiß, kann Zuwendung leben, - wird andere sorglos teilhaben lassen und muss nicht neiden, was sie haben oder leben. Weil Gott kommt, weil er uns erwartet, darum sind wir frei für einander. Gottes Zukunft gilt allen und reicht für alle.

Und das Gesetz der Liebe wird niemanden überfordern. Es dabei um etwas Nüchternes. Paulus fügt in seine Ermahnung zur Liebe eine Definition ein, an die wir uns halten können und halten sollen:
Die Liebe tut den Nächsten nichts Böses.

Das sollten wir gut hören! Wir Christen sind beim Wort Liebe sofort in der Aktivität, sofort im Tun. Aber Paulus sagt hier nicht, was wir in der Liebe tun sollen, sondern was wir als Liebende nicht tun sollen. Einander nichts Böses tun...,
liebe Schwestern und Brüder, das beginnt mit etwas ganz Stillem, es beginnt unsichtbar und immer im eigenen Herzen!

Einander nichts Böses tun, das heißt in unserem Alltag, in unserem Miteinander vor allem eines: Dass wir das Böse nicht dem anderen unterjubeln, nicht bei den anderen Böses vermuten, argwöhnen, behaupten, z. B. dass eine Entscheidung ja nur gefällt wurde, damit ich den Schaden habe, dass der andere schweigt oder schimpft, nur weil er mir damit was antun will, dass ich die einzige bin, die nicht gehört wird, und immer nur ich...

Einander nichts Böses tun..., lassen Sie sich einmal davon begleiten in den kommenden Tagen, beobachten Sie, wenn sich dunkle Wolken der Verdächtigung oder Vermutung in ihrem Herzen zusammenballen. Dann rufen Sie sich selbst zurück ins Licht, ins Licht des Tages und des Advent. Fürchten Sie nicht um sich selbst und nicht um Ihre Interessen oder Ihre Zukunft. Ihr Heil ist näher als je zuvor. Gott kommt.

Amen.