Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Römer 14,7-13

Werner Fink

04.07.2004 in der Friedenskirche Radebeul bei Dresden

Liebe Schwestern und Brüder!

In der christlichen Gemeinde von Rom lebten zwei verschiedene Gruppen. In der einen sammelten sich die Christen jüdischer Tradition, man nannte sie „Judenchristen“. In der anderen die Christen aus der römischen Tradition – die so genannten „Heidenchristen“. Zwischen ihnen gab es Spannungen. Ich stelle es mir so vor: die römischen Christen sagten: „Ehe Jesus uns in seine Nachfolge rief, verehrten wir die Götter und huldigten dem Kaiser wie einem Gott. Inzwischen haben wir mit unserer Vergangenheit total gebrochen." Die jüdischen Christen sagten: „Wir machten auch einen Neuanfang – wie ihr, aber wir wollen aus unserer Tradition gern ein paar Kleinigkeiten beibehalten. Wir möchten am Sabbat eine kurze Andacht halten, Kerzen anzünden und Psalmen singen. Am Sonntag kommen wir dann selbstverständlich zum Gottesdienst - das ist klar. Auch möchten wir kein Schweinefleisch essen – und dies und jenes noch.“ Es gab Streit. Schließlich sagten sie zu einander: „Ihr seid nicht echt bekehrt und wirklich fromm.“ Paulus schreibt ihnen: „Warum richtet ihr euch gegenseitig? Bringt die Einheit der Gemeinde nicht in Gefahr, denn: im Grunde und in der Hauptsache sind wir uns alle einig, nämlich:
CHRISTUS IST DIE MITTE UNSERES LEBENS.

Wir ehren, loben und dienen ihm.

Am vergangenen Sonntag verabschiedeten wir uns von den Glocken, die eingeschmolzen und durch neue ersetzt werden. Noch einmal läuteten sie, gemeinsam und einzeln. Ein Kirchenvorsteher deutete uns die Stimme der großen Glocke. Sie sagte: „Nur einmal im Jahr läute ich allein – am Karfreitag, zur Sterbestunde Jesu." Dieses Wort berührte mich tief. Ihm zur Ehre läutet die große Glocke, damit wir uns vor ihm verneigen und ihn ehren, weil er sich für uns opferte. Die Sünden sind gesühnt, die Schulden bezahlt. Wir empfangen die Gnade. Nicht einmal nur, sondern ein Leben lang. Auch heute wieder im Gottesdienst: Beichte und Absolution. Schuldbekenntnis und Freispruch. Deshalb ehren wir Christus. Viele sagen: „Wir l i e b e n ihn, wie man seinen besten Freund liebt." Ehren und lieben. Wir achten seine Gebote. Die Bergpredigt bleibt die Leitlinie für unser Denken, Reden und Tun. Auch wenn wir seine Weisungen nie vollkommen erfüllen – sie bleibt die Leitlinie.
Oft denken wir an Christus, unseren Freund: wenn wir beten und in der Bibel lesen, wenn wir in der Straßenbahn fahren und nicht gerade ein Buch in der Hand haben, wenn wir eine Glocke hören, Gottesdienst feiern und überhaupt: wir können und wollen uns nicht den ganzen Tag ausschließlich auf irdische Dinge konzentrieren. Wir denken an ihn und summen ein Lob- oder ein Klagelied, je nach dem was wir gerade hörten oder erlebten.
Wir dienen ihm. In unserer täglichen Arbeit geht es gewiss um Pflichterfüllung und Geld verdienen, aber das kann und darf doch nicht die einzige Motivation sein. Alles, was ihr tut, das tut von Herzen als dem Herrn und nicht den Menschen. Und wenn ihr es dem Herrn zuliebe tut, wird es für die Menschen bestimmt gut sein. Wir denken an die Arbeit in der Diakonie, im Gesundheits- und Sozialwesen, in den Schulen und bei Auslandseinsätzen – überall: wir wollen uns so verhalten, dass wir Christus ehren, loben und ihm dienen.
Und wenn jetzt jemand kommt uns sagt: „Ich ehre, lobe und diene Christus inniger und besser als du“ – nein, es genügt schon, so zu denken – dann mahnt Paulus: „Wie kommst du zu einem solchen Urteil? Lass es sein. Nur Gott weiß, wie ehrlich und ernst es jeder von uns meint. Nicht du und ich können das beurteilen. Es ist Gottes Angelegenheit. Überlass es ihm.

Unsere Lebensgestaltung ist unterschiedlich.

Das Leben ist bunt. Einer liebt, was der andere nicht mag. Spannungen zwischen Eltern und Kindern? Warum? Die Söhne hatten sich Bilder in ihr Zimmer gehängt, die den Eltern nicht gefielen. Längst sind die Fotos verschwunden. Trotzdem bleiben wir in der Lebensgestaltung unterschiedlich. In unserer Gemeinde freuen wir uns, wenn hin und wieder die Jugend einen Gottesdienst gestaltet: neue Lieder – von allen gern gesungen. Neue Gedanken und Worte in der Verkündigung der alten Wahrheit. Pantomime und Tanz zur Ehre des Herrn. Oder der Gottesdienst zu Verabschiedung der Glocken – ganz anders als sonst, aber eindrücklich. Und was könnte man noch alles sagen? Du bist Vegetarier, ich nicht. Du trinkst keinen Tropfen Alkohol, ich trinke gern ein Glas Wein. Gestatten wir uns gegenseitig die Freiheit, die Jesus uns gewährt. Wir müssen nur darauf achten, dass wir uns in der Lebensgestaltung nicht von seinen Leitlinien entfernen. Auf keinen Fall werden wir uns gegenseitig verurteilen, weder in der Familie, noch in der Nachbarschaft, noch in der Gemeinde. Und wenn Spannungen beginnen, geht es nach folgender Regel: Deine Freiheit beginnt dort, wo meine aufhört, und meine Freiheit beginnt, wo deine zu Ende ist, aber: dir zuliebe stecke ich heute meinen Pflock ein Stück zurück. Und wenn einer sagt – oder auch nur denkt: „Meine Lebensgestaltung ist in Gottes Urteil besser als eure“: wartet Gottes Urteil ab und beschäftigt euch nicht mit Urteilen, für die wir nicht zuständig sind. Christus ist die Mitte unseres Lebens. Wir ehren, loben und dienen ihm. Unsere Lebensgestaltung ist unterschiedlich.

Widersprüche halten wir aus.

Ich denke jetzt nur an ein Problem: die katholische Kirche gestattet keine Abendmahlsfeiern mit uns zusammen. Schade. Aber ich denke: Christus zuliebe und in der Verantwortung vor Gott entscheiden sie so. Und aus dem gleichen Grund entscheiden wir anders und gewähren eucharistisches Gastrecht. Wir bedrängen und verurteilen uns gegenseitig nicht. Gewiss sind die getrennten Abendmahlsgottesdienste ein Stein des Anstoßes, der uns schmerzt, aber: wir achten uns gegenseitig und bezeugen die Einheit des Glaubens in den vielen anderen Bereichen der Theologie, der Frömmigkeit und des Dienstes in der Welt. Wir halten die Widersprüche aus, bis sie überwunden sein werden. Die Achtung voreinander bleibt unbestritten.

Christus ist die Mitte unseres Lebens.

Wir ehren, loben und dienen ihm.
Unsere Lebensgestaltung ist unterschiedlich.
Widersprüche halten wir aus.

Gegenseitige Verurteilungen unterlassen wir, Gott zur Ehre und uns zum Frieden.

Amen.