Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Römer 3,21-28

Professor Dr. Okko Herlyn

in der Ev.-ref. Kirchengemeinde Schöller/Wuppertal zum Reformationstag 2001

Liebe Gemeinde!

Reformationstag. Da werden bei manchen von uns Erinnerungen wach: Schulgottesdienst, in geschlossenen Reihen zur Kirche hin. "Ein feste Burg ist unser Gott ...", alle Strophen auswendig. Zuvor im Religionsunterricht die Heldengeschichten der Reformation. "Martinus Luther war ein Christ, ein glaubensstarker Mann ..." Später, vielleicht auf einer Urlaubsreise, der Besuch beim Lutherdenkmal in Worms. Der große Reformator in heldenhafter Pose, männlich-bekennerhaft gegen Kaiser, Fürsten und alle Welt: "Hier steh ich nun, ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen."

Nicht wenige evangelische Christen haben sich inzwischen von dieser Art protestantischen Selbstbewußtseins abgewandt. Dieses Pathetische, Kämpferische sei vorbei. Zu oft habe es Zwietracht gesät. Und außerdem entspreche es nicht mehr unserem heutigen Lebensgefühl.

Statt dessen ist vielerorten, so scheint es, der Weichzeichner in die Kirche eingezogen. Alte, sperrige Texte werden ausgeklammert, weil sie dem modernen Menschen angeblich nicht mehr zumutbar sind. "Hemmschwellen" werden niedriger gesetzt. Kein Gottesdienst mehr ohne eine Kerze, die mir etwas sagen will, ohne ein welkes Ahornblatt, das irgendeine Botschaft enthält. Am Ausgang ein paar hübsche Postkarten mit Sonnenuntergang und einem Wohlfühlsprüchlein. Und wer es bis dahin noch nicht mitbekommen hat, daß man eigentlich nur mit dem Herzen gut sieht, darf es dann auf Hochglanz bei Ulrich Schaffer und Jürgen Fliege nachlesen.

Gegen alle Vorurteile wagen wir es trotzdem, noch einmal neu auf die alte, "sperrige" Botschaft der Bibel zu hören, wie sie den Reformatoren so wichtig geworden ist. Ich lese aus dem Römerbrief, Kapitel 3, die Verse 21-28 (Textlesung).

Vieles in uns wird sich beim ersten Hören womöglich gegen diesen Text sträuben. Vielleicht empfinden wir ihn gar als Angriff auf unser modernes Menschenbild, auf unser Selbstverständnis als grundsätzlich freie, autonome, selbstbewußte Menschen, die mittlerweile wahrhaftig andere Sorgen haben als eine verstaubte Polemik gegen eine vermeintliche jüdische Gesetzlichkeit.

"Sie sind allesamt Sünder". Ist das nicht ein negatives, geradezu demütigendes Menschenbild? Hat uns nicht mittlerweile etwa die Psychologie überzeugend gelehrt, daß so etwas wie Erniedrigung das allerletzte ist, was dem Menschen hilft? Gilt es nicht, den Menschen vor allem stark zu machen, an das Gute zu glauben, positiv zu denken?

"Das Rühmen ist ausgeschlossen." Widerspricht das nicht aller pädagogischen Erkenntnis, wonach das Loben von Menschen durchaus etwas Notwendiges ist? Zum Beispiel Kinder ohne Lob verkümmern. Und gibt es nicht auch ein gesundes Maß an Eitelkeit, das sich mit seinen guten Werken nicht immer schamhaft verbergen muß? Tue Gutes und rede drüber.

"Gerechtigkeit, die vor Gott gilt." Wen interessiert das noch? Paulus' und Luthers persönliches Problem - wie bekomme ich einen gerechten Gott? - ist das nicht ein Thema von gestern? Ist heute nicht vielmehr die Gerechtigkeit wichtig, die vor Menschen gilt? Arbeitslosigkeit, Nord-Süd-Gefälle, das Verhältnis von Frauen und Männern - wir haben doch keinen Mangel an Gerechtigkeitsfragen, die erst einmal unter uns gelöst werden müssen.

Dann die merkwürdige Rede von Christus: "Den hat Gott für den Glauben hingestellt als Sühne in seinem Blut." Ist das nicht die Sprache einer völlig veralteten Opferterminologie? "Sühne", "Opfer" - davon sind wir doch - gottlob - etwa in der Rechtsprechung lange weg. Außerdem: Was soll das für ein Gott sein, der das Blut seines Sohnes braucht, um Gerechtigkeit herzustellen? Nein, auch damit können wir modernen Menschen wenig anfangen.

Und schließlich: Daß wir "ohne Verdienst gerecht werden aus seiner Gnade ... allein durch den Glauben." Wird hier nicht der Mensch aus jeglicher Eigenverantwortung entlassen? Ist das nicht ein Rückfall in längst überholte, fremdbestimmte, autoritäre Denkstrukturen, die dem modernen, selbstbewußten Menschen glatt ins Gesicht schlagen?

Starker Tobak. Der biblisch-reformatorischen Kernbotschaft von der Rechfertigung des Sünders allein aus Gnaden bläst - nicht erst seit gestern - allenthalben ein harscher Wind entgegen. Gleichwohl wollen wir einen Moment standhalten und versuchen, dem alten, scheinbar überholten Text eine Botschaft abzuhorchen, die auch uns vermeintlich modernen, aufgeschlossenen, freien, selbstbewußten Menschen etwas zu sagen hat.

Der moderne Mensch. Ist allein das nicht schon eine Einbildung, ein Klischee, eine fromme oder auch nicht so fromme Fiktion?

Was sind das denn für Freiheiten, die da der angeblich freie Mensch unserer Zeit hat? Etwa die Freiheit, zwischen 24 Fernsehprogrammen oder 237 Brotsorten wählen zu können? Etwa die Freiheit, auf Straßen und Autobahnen ungehemmt rasen zu dürfen, ohne Rücksicht auf Menschen, Tiere, Pflanzen, Luft und Boden? Etwa die Freiheit des Marktes, des Internetsurfens, der globalen Chancen, der Ellenbogen?

Was ist das denn für eine Aufklärung, deren wir uns rühmen? Etwa die des Schnüffelns in anderer Leute Bettgeschichten, des Jappens nach Sensationen, nach reality-tv, nach Nervenkitzel und öffentlicher Entblößung?

Was ist das denn für ein Selbstwertgefühl, das wir wie eine Monstranz vor uns her tragen, das sich mehr und mehr einzig darauf gründet, was ich leiste, was ich "bringe", wie erfolgreich, wie fit oder sympathisch ich bin?

Was ist das denn für ein Lebensglück, das sich nichts mehr schenken lassen kann und will, das immer gleich mit Gegenleistung und Gegengeschenken meint reagieren zu müssen?

Wie abhängig sind wir - modernen - Menschen eigentlich von den vielen angeblichen Segnungen und Verheißungen eines angenehmen, schönen, kurzweiligen, spaßigen Lebens, das uns von jeder Litfaßsäule entgegengrinst? Was ist das für ein Menschenbild, das genauso ist, wie Hugo Boss und Jil Sander sich das für mich ausgedacht haben? Könnte es sein, daß der moderne, selbstbewußte, freie Mensch am Ende ein ... Sklave ist?

Wie befreiend, liebe Gemeinde, inmitten all dieser vielen goldenen Gitterstäbe etwas anderes, etwas sehr anderes, und das nun auch noch in einer sehr anderen Sprache zu hören: "So halten wir denn dafür, daß der Mensch gerecht werde ... allein durch den Glauben." Es könnte sein, daß diese alten, scheinbar überholten Worte, was ihre Botschaft betrifft, exakt und schmerzhaft den zentralen Nerv des modernen Menschen treffen. Des Menschen, der sich nichts schenken lassen will, weil er alles Heil von sich selbst, von seiner Leistung, von seinem Erfolg, von seinem Ansehen, von mir aus auch von seinen religiösen oder spirituellen Erfahrungen abhängig macht. Und der darüber womöglich zum jämmerlichen Knecht wird: zum Knecht oder zur Magd der Verhältnisse, zum Knecht oder zur Magd der Erwartungen anderer, zum Knecht oder zur Magd gar seiner selbst und seines scheint's unstillbaren Anerkennungsbedürfnisses.

"So halten wir dafür, daß der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben." Es mag sein, daß das nicht unsere Sprache ist. Die Sache, um die es Paulus und mit ihm den Reformatoren geht, scheint allerdings aktueller denn je. Nämlich daß es gilt, den Menschen von seinen vielen selbst gewählten Gitterstäben, und seien sie auch noch so golden, zu befreien. Daß es gilt, ihm - in der Tat: um Christi willen - eine andere Gerechtigkeit, ein anderes Menschenbild, ein anderes Selbstwertgefühl zuzusprechen: Du Mensch bist - vor aller Eigenleistung oder Eigenversagen, vor allem Erfolg oder Mißerfolg, vor aller Stärke oder Schwäche, vor aller Gesundheit oder Gebrechlichkeit, vor allem Sympathisch- oder Unsympathischsein - du bist gewollt, geliebt, geachtet und geehrt bei Gott.

Bei Gott. Der Markt der scheinbar unendlich vielen Möglichkeiten, Reize, Meinungen und Stimmungen droht - Gott sei es geklagt - auch uns zum bloßen Angebot, zur bloßen Ware zu degradieren, allenfalls als bloßen Kostenfaktor disponibel zu machen. Bei Gott steht es grundsätzlich anders mit uns. Bei ihm stehen wir - eben: um Christi willen - grundsätzlich nicht mehr zur Disposition. Bei ihm muß nichts mehr verdient, angeboten oder möglichst gut verkauft werden. Das ist in der Tat der Kern der biblischen Botschaft, an die uns die Reformatoren auf ihre Art ja nur noch einmal erinnert haben.

Daß diese andere, wenn man so will: "fremde" Gerechtigkeit, diese kostbare, unverfügbare und unverlierbare Würde, dieses neue, befreiende Menschenbild nun auch unter die Leute komme, dafür haben wir allerdings weiterhin protestantisch wacker zu streiten. Und warum sollte in diesem alten-neuen Kampf, - Paulus würde ihn vielleicht den "guten Kampf des Glaubens" nennen - warum sollte in diesem Kampf dann am Ende nicht auch von uns modernen Menschen tapfer bekannt werden: "Hier stehen wir nun, wir können nicht anders, Gott helfe uns. Amen."