Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Römer 5,1-5

Superintendent Gerd Bohlen

07.03.2004 in der ev.-luth. Kirchengemeinde Rhaude/Ostfriesland

Liebe Gemeinde zu Rhaude!

Ich war unterwegs von einer Tagung im Sauerland und wollte mit dem Zug nach Hause fahren. Alles verläuft planmäßig. Auch der Zug ist pünktlich. Wir fahren ab. Nach geraumer Zeit kommt der Schaffner: “Ihre Fahrkarte bitte!” Ich nehme meine Brieftasche, aber: -- Die Fahrkarte ist weg. Verlegenes Kramen. “Ich komme gleich noch mal wieder,” sagte er geduldig, “vielleicht finden Sie sie ja noch!” - In dem Moment schießt es mir in den Sinn: Du hast die Fahrkarte in der Telefonzelle in Siegen liegen gelassen. -

Der Schaffner kommt wieder. Ich erzähle ihm mein Unglück. Er sagt: ”Da hilft gar nichts. Sie brauchen eine neue Fahrkarte: 76,- DM! [Zu der Zeit gab’s die Währung noch.] Wir Schaffner werden auch ständig kontrolliert. Mein Kollege wird das gleich mit Ihnen abrechnen. Wir haben nämlich gleich Schichtwechsel.” Da kommt der neue Schaffner. Man hatte ihn schon informiert. Er sieht, wie ich mit leeren Händen dasitze. Ohne Fahrkarte. Ich erzähle ihm mein Unglück! - Dann fragt er: “Sünt Se`n Ostfreese?” Ich sage: “Jo, dat bün ik!” - und darauf sagt er: “Ik ok! Weeten`s wat: ik nehm hör so mit na Leer hen! Se söllt ja na Huus hen komen.” - So bin ich ans Ziel gekommen, ohne Fahrkarte und ohne noch einmal den Preis dafür zu bezahlen, wie es eigentlich hätte sein müssen!

Ein Alltagserlebnis. Was hat das mit unserem Predigttext zu tun, der überschrieben ist mit den Worten: “Frieden mit Gott”?
Wir Menschen sind unterwegs - von A nach B. Wir haben vielleicht Pläne geschmiedet, uns Ziele gesetzt, die wir erreichen wollen. Und letztlich sind das alles nur Schatten einer großen Reise zu Gott. Wie hatte doch der Schaffner zu mir gesagt: “Se söllt ja na Huus hen komen.” Und auch wenn wir wenig darüber sprechen, aber letztlich ist das eine tiefe Sehnsucht von jedem Menschen: Nicht nur von einer vorübergehenden Reise wieder nach Hause zu kommen sondern auch am Ende seines Lebens, wann immer das sein wird, nach Hause zu kommen. Ich kann auch sagen: Bei Gott zu sein. Letztlich ist das eine Schlüsselfrage aller Menschen, aller Kulturen: Wie komme ich an das Ziel des Lebens? Wie komme ich zu Gott? Diese Frage hat den Paulus umgetrieben, von dem wir wissen, dass er im ersten Teil seines Lebens Saulus hieß. Letztlich war sein ganzes Leben eine einzige Frage: Wie kommt der Mensch zu Gott? Zwei Antworten -meine ich- können wir ihm aus seinen Zeilen entlocken:
1.) Wir haben einen freien Zugang zu Gott.
2.) Wir haben eine begründete Hoffnung auf Gott.

Wir haben einen freien Zugang zu Gott, weil Jesus Christus alle Voraussetzungen dafür geschaffen hat. Jesus Christus hat sozusagen schon für diese letzte Reise bezahlt. Warum tut er das? Das ist nicht gerade einfach zu erklären. - Wobei es auch nicht ganz einfach zu erklären ist, warum dieser eine Schaffner, an den ich geraten bin, mich ohne Fahrkarte mitgenommen hat. Warum der Gnade vor Recht ergehen lassen hat. Das hätte ihn in gewaltige Schwierigkeiten bringen können. Aber: “Ik will ja, dat Se na Huus hen komen”, hatte er gesagt. Letztlich wollte Jesus das auch für alle Menschen. Er hat Geschichten vom Reich Gottes erzählt, die nichts anderes beschreiben, als wie Menschen nach Hause, zu Gott kommen.

Bei dem freundlichen Schaffner hat`s vielleicht auch daran gelegen, dass er Ostfriese war, genau wie ich! Aber seht ihr, darum ist Jesus, der Sohn Gottes, Mensch geworden. Einer von uns, um sozusagen mit uns zu fühlen und empfinden zu können.

Und vielleicht sagt ihr auch: Nun, dieser Schaffner ist einfach einmal großzügig gewesen und hat die Konsequenzen auf seine Kappe genommen. Aber wenn ihr das schon diesem Schaffner zutraut, dann glaubt das doch auch Gott, dass er großzügig mit uns ist, weil er um alles in der Welt will, dass wir nach Hause kommen. Dass er lieber die Konsequenzen auf seine Kappe nimmt, als dass es an diesem Ziel scheitert. Dass er lieber selber bezahlt, als uns noch einmal bezahlen zu lassen. - Wer sich auf Gott einlässt, den bringt er ans Ziel - komme, was da wolle. Davon lebt der Apostel Paulus. Das beschreibt er in seinem Brief: So haben wir denn nun Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus. Durch ihn haben wir auch den Zugang zur Gnade.

Da ist er über jeden Zweifel erhaben. Der Schaffner für seine Lebensreise heißt Jesus Christus und der will, dass er nach Hause kommt und wird auch dafür Sorge tragen.

Dieses hat aber auch noch eine Auswirkung für die Fahrt, für das Leben, bis dorthin. Wer eine begründete Hoffnung hat auf das Ziel am Ende des Lebens, der hat auch Hoffnung für unterwegs. Im letzten Jahr ist ein Lied von Herbert Grönemeyer berühmt geworden, das nicht auf der seichten Welle schwimmt sondern einen ganz ersten Hintergrund hat. Der Song heißt schlichtweg “Mensch”. In der Regel werden solche ernsten Lieder eher in der Kirche gesungen, aber dieses Lied wurde von Hunderttausenden in Stadien und sonstwo gesungen und jeder merkte: Der trifft etwas, was gut tut. Es ist entstanden nach dem Tod der Frau von Herbert Grönemeyer. Eine Zeit, als er in ein ganz tiefes Loch fiel und nichts mehr ging. Er hat sich ein Jahr zurück gezogen und beschreibt: “Es war wie ein Versuch, nach einem Unfall wieder laufen zu lernen”. Schritt für Schritt, zurück geworfen auf das Wesentliche; darum wohl heißt die CD schlicht “Mensch”.
Was ist der Mensch? Nicht nur sein Erfolg und das, was gelingt, auch die dunkle Seite des Lebens hat einen Wert. Und es gibt eine Würde, die nicht aus dem kommt, was wir selbst tun und machen können. Sie wird uns von Gott zugesprochen. Sie lässt uns gerade dann nicht untergehen, wenn alles andere nicht mehr trägt. Sie hält uns, wenn wir anderes loslassen müssen. Das ist die Hoffnung. Herbert Grönemeyer singt:
“Der Mensch heißt Mensch - weil er hofft und liebt - und glaubt!”

Die Seele muss nicht leer und unbewohnt bleiben. Das drückt schon Paulus aus, wenn er sagt: “Wir rühmen uns der Bedrängnisse.” Paulus wird nicht müde zu versichern, dass Bedrängnis Geduld bringt und Geduld Bewährung, Bewährung aber Hoffnung. Das trägt ihn durch den Sturm vor Malta und macht ihm Mut im Gefängnis in Rom. Mitten im Leben gibt es eine “Chronologie der Stärkung!”

Denn Gott will ja, dass wir ans Ziel kommen und nicht unterwegs schlapp machen.
Hoffnung lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.
Wir haben eine begründete Hoffnung. Gott - sei - Dank!

Amen.