Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

Druckversion der Seite: Darstellung Einzelpredigt

Predigt über Römer 8,1-2.10-11

Pastor Dr. Christoph Barnbrock (ev.-luth.)

12.05.2008 im Dom zu Verden

Ökumenischer Gottesdienst

Ökumenischer Gottesdienst

Liebe Gemeinde,


I.

Pfingstmontag – ein gemütliches Frühstück (bei strahlendem Sonnenschein), bevor es losgeht zur Kirche. Auf dem Tisch stehen Brötchen, Butter und eine gediegene Auswahl an Marmeladen. Du nimmst dir ein Brötchen, schneidest es auf, bestreichst es mit Butter und Erdbeermarmelade. Es dauert nicht mehr lange – und du hast den Festtagsgeschmack im Mund. Hmmm. Doch kurz bevor es soweit ist, rempelt dich dein Sohn an, beim Versuch, das Nutella-Glas zu ergattern. Die Brötchenhälfte löst sich aus deiner Hand – und plumps liegt das Brötchen unten. Und welche Seite liegt auf dem Boden? Natürlich die Marmeladenseite.

Murphys Gesetz ist das – jedenfalls in seiner volkstümlichen Form. Im Zweifelsfall geht alles schief, was nur schief gehen kann. Die Schlange an deiner Kasse geht immer langsamer voran als an den anderen Kassen. Im Stau auf der Autobahn fließt der Verkehr auf deiner Fahrbahn garantiert ganz besonders langsam.


II.

Nun wären wir gut dran, wenn das die Probleme unseres Lebens wären. Gut hätten wir's, wenn bloß Brötchen auf die falsche Seite fielen und an der Kasse oder im Stau etwas mehr Geduld gefragt wäre. Wir würden's wohl gerne in Kauf nehmen, wenn es die anderen Gesetzmäßigkeiten im Leben nicht gäbe.

Zum Beispiel das Gesetz der Macht des Stärkeren: dass im Streit eben meistens der gewinnt, der am längeren Hebel sitzt – derjenige, der stärker ist oder einfach besser reden kann. Oder das Gesetz der Macht des Geldes – dass es mit Geld eben doch leichter ist, im Leben voranzukommen und den eigenen Kindern eine möglichst gute Bildung mit auf den Weg zu geben. Oder das Gesetz der Macht der Gewohnheit – dass wir nicht glauben können, dass etwas anders werden kann, als wir es bisher war.

Und diese Gesetze haben eine erstaunliche Macht über uns. Da geht ein schwacher von sich aus schon jedem Streit aus dem Weg – in der Befürchtung, die Auseinandersetzung am Ende ohnehin zu verlieren. Da schicken Eltern mit geringem Einkommen ihre Kinder von sich aus schon nicht auf eine höhere Schule – in der Meinung, sie hätten dort sowieso keine Chance. Oder du beschneidest schon von selbst deine Phantasie, wie das Leben anders aussehen könnte, weil sich ja scheinbar ohnehin niemals etwas ändert.

Schon solche Gesetze haben eine erstaunliche Macht über uns und können uns das Leben schwer machen, ja gelegentlich sogar zerstören. Und spätestens das Gesetz von der Unentrinnbarkeit des Todes macht uns das Leben richtig schwer. Kein Mensch kann dem Tod entkommen. Das ist ein eisernes Gesetz. Bedrängend ist das immer wieder – gerade wenn wir direkt mit dem Tod konfrontiert werden.


III.

Doch nicht jedes Gesetz gilt so umfassend, wie wir meinen. Nicht jede Gesetzmäßigkeit ist so unentrinnbar, wie es auf den ersten Blick scheint.

Den Mitarbeitern der NASA etwa bereitet es seit Jahrzehnten Kopfzerbrechen, dass sich bestimmte Weltraumsonden ohne erkennbaren Grund im Weltraum verlangsamen. Mit den Naturgesetzen, wie sie bisher bekannt sind und auf der Erde gelten, lässt sich das erst einmal nicht erklären. Diese Gesetze gelten offensichtlich nur unter ganz bestimmten Umständen, unter ganz besonderen Bedingungen. Und unter anderen (nämlich in anderen Regionen des Weltraums) dagegen nicht.

So ist das auch mit den Gesetzen, die uns das Leben schwer machen – mit dem Gesetz von der Macht des Stärkeren, von der Macht des Geldes oder der Macht der Gewohnheit oder von der Macht des Todes.

Es ist wie bei den Raumsonden, über die die NASA soviel nachgrübelt: Unter bestimmten Rahmenbedingungen gelten all diese Gesetze, nämlich unter der Bedingung, dass wir Menschen ganz auf uns allein gestellt sind: Da ist es so: Der Schwächere hat keine Chance. Der Reichere hat bessere Bildungsmöglichkeiten als der Arme. Meistens bleibt alles so, wie es ist – und am Ende müssen wir doch alle sterben. Ja, verdammt, dass das so ist.


IV.

Aber genau hier unterbricht uns der Apostel Paulus mit seinem Wort zum Pfingstfest: „Es gibt nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind. Denn das Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus, hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.“

Für Menschen, die an Jesus Christus glauben, gelten diese lebensfeindlichen Gesetze eben nicht mehr umfassend. Wir treten in einen neuen Raum ein, in dem die bekannten Gesetze nicht mehr ohne Weiteres gelten. Mit dem Geist Gottes ist eine neue Gesetzmäßigkeit in unser Leben gekommen. Durch ihn werden wir aus unserem bisherigen Leben herausgerissen. Und ganz neue Lebensmöglichkeiten tun sich auf. Denn du kannst, ja du musst nun mit Gottes Handeln, mit seinem Heiligen Geist rechnen. Und das heißt: Es wird nicht immer alles so weitergehen wie bisher. Bei Gott und mit Gott ist der Reiche nicht besser gestellt als der Arme. Bei und mit Gott ist der Stärkere nicht höher gestellt als der Schwächere. Bei Gott und mit Gott können wir so neue Wege ins Leben wagen. Bei Gott und mit Gott wird Schuld nicht nachgetragen, sondern vergeben.

Sogar das Gesetz des Todes ist durchbrochen: Nein, nicht jeder Mensch bleibt tot – denn einer ist schon auferstanden: Jesus Christus. Nein, es bleibt nicht alles beim Alten: Gottes Reich, eine neue Welt wartet und bricht sich schon in dieser Welt Bahn. Dein Leben ist eben nicht nur „verdammt kurz und verdammt schwer“, sondern hat Perspektive über den Tod hinaus.

Auch die Trennung der Kirchen ist kein ehernes Gesetz, das für alle Zeiten Bestand haben muss – Gottes Geist wirkt, wo wir uns um sein Wort zusammenfinden und um die Wahrheit ringen. Neue Wege tun sich auf!

Selbst dass Menschen sich immer weniger an Glaube und Kirche zu binden scheinen, ist nicht für alle Zeiten festgeschrieben. Schon einmal hat in einer multireligiösen Welt das Wirken des Heiligen Geistes Menschen in großer Zahl zum Glauben geführt: 3000 allein am Pfingsttag, so viele dass dieser Dom sie kaum hätte fassen können – und das, obwohl die ersten Boten des Evangeliums weder besonders gebildet noch besonders reich noch besonders stark waren.


V.

Zu Pfingsten hat sich wirklich Besonderes getan. Neue Wege tun sich auf – und die alten Gesetzmäßigkeiten haben ihren Anspruch verloren, das ganze Leben zu beschreiben.

Doch Gottes Geist gibt es nicht im Vorübergehen. Den können wir uns nicht einfach als kleines Schmuckstück ans Hemd heften und dann so tun, als wäre weiter nichts gewesen. Sondern mit Gottes Geist verändert sich unser Leben – ja es hat sich schon längst verändert und wird sich immer wieder neu verändern.

Denn Gottes Geist kommt nicht nur sonntags zu Besuch, sondern er ist bei uns eingezogen. „Gottes Geist wohnt in euch“, so sagt es Paulus. Und wir kennen das aus dem eigenen Erleben. Es ist ein Unterschied, ob wir allein in einem Haus wohnen oder ob andere mit uns dort wohnen. Wir müssen Rücksicht nehmen, ja mehr noch: Durch die Anwesenheit des anderen verändern sich automatisch die Abläufe. Plötzlich haben wir Hilfe, wo wir früher auf uns allein gestellt waren. Und der andere gestaltet das Leben mit einem Mal wesentlich mit. Das kann auch irritieren und die gewohnten Abläufe stören.

Wir können nicht einfach weiter sagen: „Ja, so bin ich eben. So ist mein Leben halt.“ - Denn wir wohnen nicht mehr allein. Der Geist Gottes wohnt in uns und es ist, als riefe er uns zu: „Nein, dein Leben ist eben nicht mehr so wie früher. Mit mir geht eben nicht mehr alles seinen alten Trott weiter. Sondern ich gestalte nun dein Leben mit. Dein altes Leben ist passe, vorbei – gestorben – mit Christus. Mein Lieber, ein neues Leben hat begonnen.“

Und so verlieren wir Menschen uns, wo uns der Heilige Geist geschenkt wird, um Gott und dann auch uns selbst neu zu finden.


VI.

Und wie sieht das aus, wenn der Heilige Geist wirkt? Da gibt es keine feste Schablone, sondern auf ganz unterschiedliche Wege lassen sich Menschen und Gemeinden durch die Kraft des Heiligen Geistes ein.

Wir haben eben davon aus den einzelnen Gemeinden gehört: Menschen ziehen sich nicht einsam in ihre Häuser und Wohnungen zurück, sondern finden in Gemeinden zusammen – sind zum Beispiel gemeinsam mit dem Kanu unterwegs oder finden in ihrem Wohngebiet einen Ort der Begegnung. Oder Menschen lernen gemeinsam ein Instrument, entdecken so ihre von Gott geschenkten Gaben und stimmen ein in den Lobpreis Gottes.

Durch den Geist Gottes gelten neue Gesetzmäßigkeiten: In einer Zeit der Individualisierung finden Menschen durch seine Kraft zusammen. In einer Zeit, in der Geiz ein bedeutendes Gesetz zu sein scheint, werden Menschen bereit zu teilen und abzugeben. In einer Zeit, in der das Klagen zum Volkssport geworden ist, lassen sich Menschen einladen zu danken und zu loben.

So oder so oder auch ganz anders ist es, wenn Gottes Geist wirkt. Immer und immer wieder wird die Resignation durchbrochen. Es geht eben nicht alles den Bach runter. Es bleibt nicht alles beim Alten. Sondern immer wieder dürfen Menschen erfahren: Die Gesetze der Gewohnheit, die uns lähmen, gelten nicht mehr umfassend für uns. Gottes Geist schafft neue Gesetzmäßigkeiten. Immer wieder scheint schon etwas davon auf, dass mit Gott auch neue Wege möglich sind – im privaten Leben wie im Leben unserer Gemeinden.

Darum: Warum nicht etwas Neues versuchen und mit Gott auch ein Wagnis eingehen? Gott zutrauen, dass er weiter Kirche und Gemeinde baut – auch in Zeiten knapper finanzieller Mittel und rückläufiger Kirchgliederzahlen. Gottes Geist steht so wieder einmal gegen den Trend. Gott, unser Vater, der Jesus Christus von den Toten auferweckt hat, wird auch uns und unseren Gemeinden neues Leben schenken.

Amen.


 


VNR Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG . Theodor-Heuss-Straße 2-4 . D-53177 Bonn
Tel.: 0228 - 82 05 0 . Fax: 0228 - 36 96 480
info@vnr.de . www.vnrag.de