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Predigt über Römer 8,1-2(3-9)10-11

Pfarrer Heinz Janssen

19.05.2002 in der Providenz-Kirche zu Heidelberg (Altstadt/City)

Das Pfingstwunder -
der Geist des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe

Predigttext: Römer 8, 1-2(3-9)10-11 (Übertragung nach Jörg Zink)
1 Nun ist ganz sicher: Wenn wir zu Jesus Christus gehören und er uns keine Schuld anrechnet, ist wirklich keine Schuld an uns.
2 Denn Gott gab uns seinen Geist und tat damit an uns, was er an Jesus Christus tat: Er gab ihm Leben und machte auch uns lebendig. Bisher galt das Gesetz:, wer Böses tue, ernte den Tod, aber Gott hat uns davon frei gemacht.
10 Wenn aber Christus in euch wohnt, hat der Feind Gottes zwar eure eigenmächtige Menschlichkeit umgebracht, aber der Mensch, den Gott in euch geschaffen hat, lebt, weil Gott ihn festhält, schützt und bewahrt. Gott hat Jesus Christus aus dem Tode auferweckt.
11 Wenn sein Geist in euch wohnt, wird er, der Jesus Christus neues Leben gab, auch eurer armen Menschlichkeit neues Leben geben durch den lebenschaffenden, lebendigen Geist, der in euch wohnt.

(Vorbemerkung:
Ich wähle als Übersetzung des schwierigen theologisch-dogmatisch kompakten Paulustextes die Übertragung von Jörg Zink. Der Gemeinde gebe ich den Bibeltext in zwei Fassungen in die Hand: in der Übersetzung nach Martin Luther (Revision 1984) und in der Übertragung von Jörg Zink. Ich lasse Zeit, um in der Stille die Texte auf sich wirken zu lassen. Vorlesen werde ich dann nur Vers 2. In meiner Predigt konzentriere ich mich auf die Rede des Apostels Paulus vom "Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus", das er in den scharfen Gegensatz zu dem "Gesetz der Sünde und des Todes" stellt. Dabei gehe ich von der Verheißung des auferstandenen Christus aus - Ihr werdet die Kraft des heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judas und Samarien und bis an das Ende der Erde (Apostelgeschichte 1,8) - und versuche, in Aufnahme der Pfingstgeschichte aus Apostelgeschichte 2 "anschaulich" von der ganz und gar unanschaulichen und unverfügbaren dynamis bzw. ruach Gottes zu predigen.)

Liebe Gemeinde!

Das heutige Pfingstfest soll uns wieder an die Anfänge unserer Kirche erinnern und damit zugleich an ihre eigentlichen, ursprünglichen Inhalte. "Ich glaube an den heiligen Geist, die heilige christliche Kirche", so beginnt der dritte Artikel unseres Glaubensbekenntnisses. Pfingsten - das ist der Geburtstag dieser Kirche.

I.

Als der auferstandene Christus ein letztes Mal mit seinen Jüngern zusammen war, versprach er ihnen: Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien bis an das Ende der Erde. Damit war der Beginn der christlichen Kirche eingeläutet. Der Kraft des Heiligen Geistes entspricht in unserem Predigttext der lebendig und freimachende Geist. Der Apostel Paulus stellt dieses "Gesetz des Geistes" dem "Gesetz der Sünde und des Todes" gegenüber. Es ist das Wirken des Heiligen Geistes, dass das Evangelium, die gute Botschaft von Jesus Christus, bis heute verkündigt wird. Es ist ebenso das Wirken des Heiligen Geistes, dass diese Botschaft immer noch gehört wird, Menschen anspricht, sie in eine gute Richtung aufbrechen lässt, ihnen Lebenshilfe und Wegweisung gibt.

Von diesem Pfingstwunder wollte der Evangelist Lukas erzählen. Wir hören von ihm in der Apostelgeschichte, wie aus einer angstvoll resignierten Jüngerschar eine Gemeinde hoffnungsfroher und tatkräftiger Menschen wuchs. Türen gingen auf, Menschen sahen wieder Licht am Horizont, spürten den frischen Luftzug, konnten wieder frei atmen, sich öffnen für Gott und die Welt. Aber wie sollte Lukas dieses Pfingstwunder darstellen? Was damals zu Jerusalem geschah, ließ sich kaum in Worte fassen.

Windesbrausen und Feuer galten seit altersher als Begleiterscheinungen Gottes, der seinem bedrängten Volk zur Hilfe kommt. Sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist, weiß Lukas zu sagen, und fingen an zu predigen in anderen Sprachen. Plötzlich war da eine Menge Leute aus aller Herren Länder. Sie staunten. Denn alle hörten die Galiläer in ihrer eigenen Muttersprache reden. Muttersprache bedeutet verstehen, wissen, was gemeint ist. Ein Bild des Verstehens des Pfingstwunders gab mir meine Schülerin aus der 4. Klasse, sie malte eine Tänzerin mit leuchtend roter Farbe, voller Lebendigkeit und Lebensfreude. Trotzdem bedeutet verstehen noch nicht entsprechend gleich zu handeln.

II.

Die Reaktionen auf jenes wunderbare Pfingstgeschehen waren zwiespältig: die einen waren im guten Sinn aufgewühlt, die anderen "hatten ihren Spott und sagten: Sie sind voll von süßem Wein" (Apostelgeschichte 2,12f.) - das könnte auch heute gesprochen sein.

Der Apostel Petrus fasste daraufhin damals in seiner berühmten Pfingstpredigt die Magnalia Dei, die Großen Taten Gottes zusammen (ein/e Sprecher/-in liest):

Diese sind nicht betrunken, wie ihr meint..., sondern das ist's, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist: Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch...Jesus von Nazareth, von Gott unter euch ausgewiesen durch Taten und Wunder und Zeichen, die Gott durch ihn in eurer Mitte getan hat, ihn hat Gott auferweckt und hat aufgelöst die Schmerzen des Todes...Da er nun durch die rechte Hand Gottes erhöht ist und empfangen hat den verheißenen heiligen Geist vom Vater, hat er diesen ausgegossen, wie ihr hier seht und hört...So wisse nun das ganze Haus Israel gewiss, dass Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zum Herrn und Christus gemacht hat (aus der Pfingstpredigt des Petrus Apostelgeschichte 2,14-36).

Diese wunderbaren Taten Gottes mündeten in die eine Gottestat, die Mitte und Ziel aller Taten Gottes sein sollte: Gott wendet sich uns in dem gekreuzigten und auferstandenen, zum Leben auferweckten Jesus mit unbegreiflicher Liebe zu. So können auch wir einander zuwenden, unsere Beziehungen klären. Die Chance einer Beziehung - ob sie momentan gut oder weniger gut ist - liegt darin, dass wir sie gestalten.

III.

Die Ausgießung des Heiligen Geistes, die wir an Pfingsten feiern, dieses kostbare Geschenk der Liebe Gottes, bedeutete von Anfang an zugleich auch Aussendung der Zeugen in der Kraft diese Geistes. Gott sendet die Zeugen seiner Wahrheit hinaus in die Völker und sucht die Menschen an ihrem eigenen Ort auf. Gott hat auch einen Auftrag für Dich und mich. Nimmst Du ihn an? Beachtest Du ihn? Versäumst Du ihn? - Schwierige Lebenssituationen können uns für unseren Auftrag manchmal blind machen. In solche persönliche, auch kirchliche und gesellschaftliche Situationen hinein spricht Jesus: Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht. In diesem Sinn gilt: Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit (2.Timotheus 1,7).

Der erste Wirkungsort des Heiligen Geistes ist unser Innerstes, was zu unserem Menschsein gehört - Gewissen, Gefühl, Vernunft und Wille, kurz: unser Herz, wie es die hebräische Bibel, die Bibel Jesu, im umfassenden Sinn versteht. Aus dem Wirken des Heiligen Geistes erwachsen Früchte, und diese Früchte des Geistes sind - so sagt es einmal der Apostel Paulus in einem anderen Brief - Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Gütigkeit, Glaube... (Galater 5,22).

Vielleicht hätte der Evangelist Lukas, gefragt, warum er vom Pfingstwunder geschrieben habe, gesagt: Ich wollte nicht nur zeigen, wie es zum Glauben und zur Gemeinde gekommen war. Mein Wunsch war, dass Pfingsten kein Datum der Vergangenheit bleibt, sondern heute auf Eure Kirche und Gemeinden belebend wirkt und Euch in der Kraft des Heiligen Geistes ermutigt zu Wegen des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe.

Amen