Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Römer 8,26-30

Beate Barwich (ev.)

04.05.2008 in St. Thomas, Berlin


Liebe Gemeinde,

wir haben soeben das Lied „Amazing grace“ gehört.
Das heißt: Ich bin überrascht, ich bin überwältigt von der Gnade, die mir zuteil geworden ist.Der Schöpfer dieses Liedes strömt über vor Freude: Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.
Eben diesen Eindruck erweckt auf mich der Text, der uns heute gegeben ist:

Wir hören Röm. 8, 26-30

„Desgleichen hilft auch der Geist unserer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich´s gebührt; sondern der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen. Der aber die Herzen erforscht, der weiß, worauf der Sinn des Geistes gerichtet ist; denn er vertritt die Heiligen, wie es Gott gefällt. Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen die nach seinem Ratschluss berufen sind. Denn die er ausersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dass sie gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes, damit dieser der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern.
Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen;die er aber berufen hat,die hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch herrlich gemacht.“

Die hat er auch herrlich gemacht. So überwältigend die Worte sind - so befremdlich sind sie zugleich. Diese Worte sind ein Brennpunkt im Denken des Apostels.  
Befremdlich, weil wir den ganzen Zusammenhang nicht auf die Reihe bringen und an der Spannung fast zerbrechen. Es geht um das Beten. Hat Paulus denn ganz vergessen,dass wir wissen, wie wir beten sollen?

Jesus hat die Jünger gelehrt und das Vaterunser wurde in allen Gemeinden gebetet. Gott durfte mit Vater angesprochen werden und als Vater geehrt werden.Es wurde um das Kommen des Reiches gebetet und um den Frieden in der Welt und unter einander, in einer Zeit, in der Frieden ebenso brüchig war wir heute;
um das täglich Brot – im konkreten Sinn und im übertragenen, um Bewahrung vor dem Bösen. Und schließlich mündete jedes Beten ein in die Lobpreisung.  
In jeder Gemeinde waren diese Gebetsworte fest in den Gottesdienst eingebunden.Sei es in den ersten Gemeinden im Heiligen Land, in Kleinasien über Griechenland hinaus, natürlich auch in Rom.

Und doch merken wir, das ist nicht alles. Wenn Paulus die Gemeinde daran erinnert: Gott und das ist Gottes Geist will im Gebet beteiligt sein, dann geht das in die Tiefe.
Ihr könnt – so meint Paulus – viele, unzählige Gebete daher sagen, es kommt doch darauf an, dass sie zu Gott durchdringen. Wenn sie nur oberflächlich daher geredet sind, ist das Beten nichts als ein Plappern.
Paulus interessiert sich für den Geist. Keiner der Apostel spricht so viel vom Wirken des Geistes wie Paulus. Es ist ihm eine Freude darüber zu sprechen und zu sagen: Gott hilft durch den Geist unserer Schwachheit auf.
Der Geist selbst seufzt nicht. Aber er nimmt die Schwachheit der Kreatur auf.
Vor kurzem hörte ich einen der Bürgermeister der Stadt sprechen, nicht den Regierenden, sondern einen der Bezirke und er sprach sehr eindrücklich von dem,wie er den Belangen der Stadt gerecht zu werden versucht, von den Sorgen, von den Aufgaben und von den Lösungen. Und eine Wendung fiel mir auf: Er sagte:Ohne den Geist geht es nicht. Ohne auf die Fragen des Geistes Rücksicht zu nehmen, geht es nicht. - Schön, das aus dem Munde eines Bürgermeisters zu hören.

Und ich denke, bei der Entscheidung über den Verbleib oder die Schließung des legendären Flughafens wird dieser Gedanke auch wichtig gewesen sein.Schließlich geht es um den Frieden in der Stadt. Die Menschen haben eine gute Antwort gegeben.

Doch der Geist, von dem Paulus spricht ist das gewiss nicht. Paulus hatte die Stadt Rom vor Augen: Er hatte die Gemeinde, die ekklesia im Geist vor sich. Sie suchte nach einer Orientierung in Fragen des Glaubens. Rom war als Hauptstadt des Reiches offen für viele Einflüsse auch der Religion. Es wurden viele Götter verehrt. Philosophenschulen entsandten ihre Meister und ver- kündeten ihre Lehren. Der Kaiserkult blühte und bedrängte. Man schwelgte in der Fülle. Und der Reichtum verweichlichte.
Und dann noch eine andere Gefahr: Manches ähnelte sich so sehr, dass man es mit dem Christlichen sogar verwechseln konnte. Darum ist die Problematik der Scheidung der Geister so virulent.
Paulus erinnert gerade hier: Wer der Christus ist und was der Christus bewirkt.Er hat sich ihnen in seiner Gnade und durch seine Gnade der Erwählung mitgeteilt. Kann das etwa eine andere Religion - eine andere Philosophie?
Oder kann das etwa ein Kaiser, der wie ein Mensch lebt und stirbt? Nein, der Gott, der der Vater Jesu Christi ist, kommt aus der anderen Welt. Er handelt nicht nach menschlichem Gutdünken. Sein Ohr neigt sich dem, der ihn liebt und sucht. Von ihm seid ihr in der Taufe angenommen.

Paulus schreibt seine Worte nicht in den Schnee hinein, der heute glänzt und morgen in der Sonne schmilzt. Paulus schreibt seine Botschaft in die Herzen der Menschen hinein. Und sie sind bei ihnen angekommen. Bis heute. Ich meine: Paulus muss man lieben. Er hörte den Ruf. Und er brachte das Evangelium nach Europa. Wir begegnen ihm hier als dem auserwählten Zeugen für Christus und für die Kraft seines Geistes.

Wir sind reich beschenkt. Jeder Mensch, der nun diesen Dienst tut und damit eine Hilfe ist, ist wie ein Geschenk des Himmels.
Er hilft auf diese Weise auch dem Ungeist zu wehren, dem der zerstreut, der zu Abwegen verführt, der sich in Ausschweifungen ergeht. Das ist nicht leeres Pathos. Das ist das Herzblut des Apostels.
Das ist der Anbruch eines Neuen. Die Wurzeln gründen in der neuen Erde, der Stamm ragt empor und die Zweige atmen die Luft des Geistes.
In diesen Tagen wollen wir darum auch denen begegnen, die hier anknüpfen:
Es ist die Aktion Sühnezeichen, vor fünfzig Jahren gegründet, in einer Zeit des Aufbaus, besser des Wiederaufbaus. Denn wer vom Frieden Gottes herkommt, der kann auch der Welt Frieden geben.

Sie begannen zuerst ganz praktisch – und räumten Trümmer weg, bauten Häuser,
Kirchen und Synagogen wieder auf – in Ländern, die unter dem Zweiten Weltkrieg besonders gelitten haben. Sie beseitigten die Spuren der verbrannten Erde.
Sie hatten die Kraft dieser verheerenden Wirklichkeit und dem Schweigen, das sich damals auf die Seelen der Menschen gelegt hatte, stand zu halten. Sie konnten nicht viele Worte vom Frieden machen. Sie drückten ihren Friedenswillen dadurch aus, dass sie mit ihrer Hände Arbeit für andere da waren.
Und es begegneten ihnen nicht nur freundliche Blicke. Es dauerte lange, bis man anfing miteinander zu sprechen. Die Freiwilligen nahmen es auf sich, ganz bestimmte Regeln zu beachten und eine entsprechende Atmosphäre zu verbreiten.
Sie fragten sich: Was ist besser, diesen Weg zu gehen und ein neues Symbol für unser Land zu schaffen - oder nicht? Und sie blieben.

Sie suchten die Nähe zur Bibel, hielten Andachten und Gottesdienste. Eine der Andachten ist mir besonders in Erinnerung geblieben, von der ich hier einen Eindruck geben möchte:
Sie nahmen sich den Elia, den legendären Propheten zum Vorbild. Elia, der dem Ruf Gottes folgte, dem Abfall von Gott, dem lebendigen Gott, wehrte und das Volk zum Ursprung zurückführte. Israel war im Begriff, seine Geschichte zu verlieren. Und wir heute? Wenn wir heute so sehr von Erinnerungskultur sprechen, dann meinen auch wir, dass wir unsere eigene Geschichte, zwar kritisch besehen - nicht aufgeben dürfen. Es ist ein Teil darin, ein ganz kostbarer Teil – und ein Teil der Geschichte Europas.
Der Freiwillige schloss seine Andacht mit einem schönen Zeichen:
Er verteilte - so wie Elia damals auf seinem Weg gestärkt wurde – Wasser und Brot an die Teilnehmer, ein Grundproviant, das jedem in dieser Zeit Not tut.
Das öffnete die Herzen und öffnete die Türen zu den Häusern von Menschen, die sich zurück gezogen hatten in der Bitterkeit und in der Verzweiflung.

Der zweite Schritt war dann  - nachdem die Bauphase beendet war -, die Hinwendung zum Menschen: zu den Überlebenden, zu den Behinderten, zu den Bedürftigen. So nahm man auch behutsam das Gespräch mit ihnen auf.

Es ist ja nicht nur ein Lernprozess, es ist ja auch ein Umkehrprozess, wenn es darum ging das Bild des Jesaja: „Schwerter zu Pflugscharen“ in die Wirklichkeit umzusetzen. Und das heißt auch in die politische Wirklichkeit. Wie das im einzelnen aussieht, muss je und je erspürt und gefunden werden. Friede ist nicht konstruierbar. Friede muss geglaubt und erbeten werden. Er wächst von innen und wird dann auch nach außen sichtbar.

Der Gründungsvater sagte darum zu seiner Zeit auch nicht:
Wir bringen die Versöhnung. Sondern wir bitten die Völker, dass wir dies tun dürfen, damit Versöhnung möglich wird. Wie viel an Versöhnung geschehen ist, das ist nicht messbar.
Doch dass Versöhnung nach und nach wachsen konnte, das ist heute ganz offensichtlich.

Die Sprache, die so schwer missbraucht worden war, kann nur aus der KRAFT des GEISTES aufgegeben, umgewandelt und wieder neu gelernt werden.Denn Sprache ist eine Macht eigener Art. Wir würden an der Macht der Sprache scheitern, wenn uns nicht Gott mit der Gegenwart seines Geistes zu Hilfe käme.
Und mit Paulus möchte ich sagen:
„Wir wissen, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen die nach seinem Ratschluss berufen sind.“

Und der Friede, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.“ Amen.