Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über Römer 8,31b

Pfarrerin Isabell Berner

31.10.2007 in der Freien Ev. Gemeinde Wuppertal-Vohwinkel

Reformationstag 2007

Reformationstag 2007

Ist Gott für uns, wer kann gegen uns sein?

Liebe Gemeinde,

„mit Gott auf unserer Seite“ ist ein Songtext von Herbert Grönemeyer überschrieben. Darin nimmt er die Selbstgerechtigkeit vieler Menschen aufs Korn, die ihre Lebensart für die einzig richtige halten.

Und auf den ersten Blick gibt die Geschichte ihm Recht: „Gott mit uns“ stand auf den Koppelschlössern der Soldaten zu Kaiser Wilhelms Zeiten. „Gott mit uns“ dachten die, die in den Weltkriegen voller Überzeugung beteten: „Wir treten zum Beten vor Gott den Gerechten. Er lässt von den Schlechten nicht die Guten knechten“.

Gott mit mir, denkt einer, der im 21. Jahrhundert auszieht, die Schurkenstaaten zu besiegen. Gott mit mir, behauptet eine, die heute im Namen ihres Glaubens Menschen abwertet, die anders leben, als sie es sich je gestattet hat: Andersgläubige, Andersdenkende, Anderslebende.

Wer Gott auf seiner Seite weiß, hat es auf den ersten Blick einfach, denn viele Fragen erübrigen sich: Wer die Schlechten sind und wer die Guten, wer richtig lebt und wer falsch, wer sich entschuldigen muss und wer immer recht hat.

Aber schon die Bibel kennt Geschichten von Menschen, die sicher waren, Gott auf ihrer Seite zu haben und schmerzlich irrten.

So gab es zum Beispiel den König Eglon, von dem die Bibel berichtet, dass er besonders fett gewesen sein soll. Er lebte zur Zeit der Richter, also ungefähr 1200 Jahre vor Christi Geburt. Eglon war ein Moabiter, also eigentlich ein Feind Israels. Aber weil die Israeliten von Gott abgefallen waren, stärkte Gott den Eglon, so dass er in einem Feldzug Israel besiegte und das Volk seiner Herrschaft unterwarf. Gott war auf Eglons Seite. Dachte er. Und beutete die Menschen aus. Schließlich hatten sie es nicht besser verdient. Bis eines Tages der israelische Richter Ehud zu Eglon kam. Ehud nahm Eglon beiseite und sagte zu ihm: Ich muss alleine mit dir sprechen, ich habe ein Wort Gottes an dich. Neugierig kam Eglon näher. Und Ehud stieß ihm seinen Dolch in den Leib. Nachzulesen im Buch der Richter, Kapitel 3.

Wer hatte Gott auf seiner Seite? Der König, der mit Gottes Hilfe die Israeliten unterworfen und geknechtet hatte? Oder der Richter, der mit Gottes Wort auf den Lippen dem dicken König das Messer in den Bauch stößt?

Diese alte Geschichte ist nur ein Beispiel dafür, wie leicht man sich in der Meinung irren kann, auf der richtigen Seite zu sein.

Heute, liebe Gemeinde, feiern wir den Reformationstag. Wir erinnern uns an einen Mann, der gerade deshalb stark war, weil er wusste, dass nur Gott einen auf die richtige Seite stellen kann.

Martin Luther war ein Mensch, der zeit seines Lebens von Selbstzweifeln geplagt wurde.
Er hätte nie vollmundig gesungen: „Wir treten zum Beten vor Gott den Gerechten. Er lässt von den Schlechten nicht die Guten knechten.“ Sondern wenn er von einer Sache zutiefst überzeugt war, war es die, dass er von sich aus niemals auf Gottes Seite gelangen könnte. Deshalb war ihm die katholische Ablasspraxis zutiefst suspekt. Wie konnten es sich Menschen anmaßen, sich durch Geld und gute Werke Gottes Vergebung zu erkaufen? War es nicht allein Gott, der einen Menschen auf seine Seite holen konnte?

Das war die entscheidende Erkenntnis, die Luther in seinem sogenannten Turmerlebnis hatte: Nicht der Mensch kann sich durch gute Werke oder andere Bemühungen Gerechtigkeit erwerben, sondern Gott schenkt dem Menschen seine – Gottes – eigene Gerechtigkeit. Er legt sie uns um wie Sankt Martin dem Bettler seinen Mantel umgelegt hat. Umsonst. Nicht um schlecht oder gut geht es. Nicht um die richtige oder falsche Seite. Sondern darum, sich dieses Geschenk gefallen zu lassen.

Luther hat diese reformatorische Erkenntnis in einem Brief an einen Freund unvergleichlich plastisch ausgedrückt.

Dort schreibt er:
„Mir ist es bisher wegen angeborener Bosheit und Schwachheit unmöglich gewesen, den Forderungen Gottes zu genügen. Wenn ich nicht glauben darf, dass Gott mir...dies...vergäbe, so ist’s mit mir aus. Ich muss verzweifeln. Aber das lass ich bleiben. Wie Judas an den Baum hängen, das tue ich nicht. Ich häng mich an den Hals oder Fuß Christi, wie die Sünderin, ob ich auch noch schlechter bin als diese. Ich halte meinen Herrn fest. Dann spricht er zum Vater: Dieses Anhängsel muss auch noch durch. Er hat zwar...alle deine Gebote übertreten,... aber er hängt sich nun mal an mich. Was will’s? Ich starb für ihn. Lass ihn durchschlüpfen! Das soll mein Glaube sein.“

Hier ist kein vollmundiges Getöse, keine Selbstgerechtigkeit, kein Abwerten Anderer. Hier ist nur Vertrauen zu Gott.

Gott ist für mich, für uns. Nur, wer diesen Satz des Paulus so versteht wie Luther in seinem Brief, kann sich nun der zweiten Hälfte zuwenden:
Wer kann gegen uns sein?

Für Paulus war die Frage schnell beantwortet, er brauchte nicht lange nach Gegnern zu suchen.

Seit seiner Bekehrung, als er vom Christenverfolger zum Verfolgten wurde, war er Angriffen ausgesetzt. Er konnte ein Lied davon singen, was Menschen anderen Menschen antun können. Zu Paulus’ Zeiten waren die Christen die Verfolgten, Schwachen und Unterlegenen. Sie wären nicht auf die Idee gekommen, im Namen ihres Gottes Kriege zu führen oder andere zu unterdrücken. Paulus zählt einige Leiden auf, die für ihn und seine Glaubensgeschwister zum täglichen Brot gehörten: Trübsal, Angst, Verfolgung, Hunger, Blöße, Gefahr, Schwert. Und wer mit seinem Leben etwas vertraut ist, weiß, dass Paulus alle diese Dinge selber erlebt hat. Als Christ gehörte er damals zu einer verfolgten Minderheit. So wie es Christen heute in einigen Ländern, zum Beispiel im Irak, immer noch oder schon wieder sind.

So spricht Paulus hier über den ganz normalen Wahnsinn seines Lebens und auch des Lebens der Menschen in Rom, an die er schreibt.

Er weiß, genau wie seine Leserinnen und Leser, was Menschen einander alles antun können.

Und das, liebe Gemeinde, wissen wir heute auch, wir sehen es jeden Tag in den Nachrichten. Aber gerade da, wo wir es nicht sehen, auch nicht vermuten würden, gerade da, wo Menschen sich geschützt und sicher fühlen möchten, erleben auch viele Menschen offene oder versteckte Formen von Gewalt.

Da lebt eine Frau mit einem Mann zusammen, der sie seit zehn Jahren nicht mehr beim Namen genannt hat. Ein Kind kommt jeden Tag in die Schule, ohne dass ihm jemand etwas zu essen oder eine warme Jacke mitgibt. Ein alter Mensch, pflegebedürftig, wird jeden Tag von Nachbarskindern gequält, die das Fenster im Erdgeschoss aufgebrochen haben.

Menschen können einander eine Menge antun. Einfach weil wir Menschen sind, mit angeborener Schwachheit und Bosheit, wie Luther in seinem Brief schreibt.

Aber bei Paulus geht es nicht nur um den ganz normalen zwischenmenschlichen Wahnsinn. Es geht ihm vor allem darum, was Menschen anderen antun, weil sie an Gott glauben.

Für uns in Westeuropa scheint das heute nicht das dringendste Problem zu sein. Wer ist heute schon gegen uns christliche Kirchen und Gemeinden? Gleichgültigkeit schlägt uns oft entgegen oder höfliche Ablehnung, aber Gegnerschaft oder sogar offene Feindschaft?

Die Evangelische Studentinnen- und Studentengemeinde Dresden hat vor einem Jahr vor der Mensa der Uni eine Schriftrolle aufgehängt. Darauf war ein Zitat von Albert Einstein abgedruckt: „Wissenschaft ohne Religion ist leer. Religion ohne Wissenschaft ist blind.“ Die Studierenden der TU Dresden waren eingeladen, auf der Schriftrolle über dieses Zitat schriftlich zu diskutieren. Das Angebot wurde angenommen, die Schriftrolle füllte sich mit engagierten Zitaten für und gegen die Rolle der Religion. Doch nach einigen Tagen war die Schriftrolle verschwunden. Und es gab eine Bekenner- E-Mail, aus der hervorging, die Rolle sei entführt worden. Der Mail war ein Foto beigelegt, das zwei vermummte junge Männer in der Pose von Selbstmordattentätern neben den gestohlenen Schriftrollen zeigte. Im Gürtel hatten sie rote Kerzen, die wie Sprengstoff aussehen sollten. Sie forderten in ihrem Schreiben: Religion habe in den „heiligen Hallen der Wissenschaft“ nichts zu suchen. Und die Schriftrolle wollten sie erst zurückgeben, wenn die Studentengemeinde ihre „Kreuzritteraktivitäten“ an der Uni unterlassen habe.

Ein Einzelfall, vielleicht.. Aber doch ein Zeichen dafür, wie heftige Emotionen das Bekenntnis zum Christentum hervorrufen kann. Auch heute bei uns.

Heute feiern wir den Reformationstag. Wir erinnern uns an Luther, an seinen Mut, für das einzustehen, was er als richtig erkannt hatte. Auch zu seiner Zeit taten Menschen einander viel an. Und die Kirche war daran nicht unbeteiligt. Nicht die Christen waren die Verfolgten, sondern sie machten mit ihrer Lehre anderen das Leben schwer. Luther prangerte das an. Und erlitt selber Angst, Verfolgung, Gefahr und Schwert. Durch Vertreter seiner eigenen Kirche, seiner eigenen Leute. Und auch er selber wurde zum Täter, als er die Bauern, die nur ein bisschen mehr Gerechtigkeit wollten, wütend attackierte.

Ist Gott für uns, wer kann gegen uns sein?

Liebe Gemeinde, ich weiß nicht, in welcher Lage Sie dieser Satz heute trifft. Mit welchen Gegnern Sie es zu tun haben.

Ob es die Angst ist oder die Krankheit, die Gleichgültigkeit oder der Zweifel. Oder etwas ganz anderes. Ich weiß nicht, ob Sie es mit fremden Gegnern zu tun haben wie die ESG Dresden, oder mit den eigenen Leuten wie Luther oder mit sich selbst.

Aber ich weiß, dass die Zuversicht des Paulus auch uns, auch Ihnen heute gilt. Die Zuversicht, dass Gottes Liebe immer da sein wird. „Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Hohes noch Tiefes, noch irgend eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist.“ So drückt Paulus seinen Glauben an Gottes Liebe aus.

Gott ist so für uns, wie wir es gegenseitig nicht sein können. Und er ist so für uns, wie wir nie für ihn sein können.

Er begleitet uns unser Leben lang , egal, was uns zustößt, was uns angetan wird oder wir anderen antun. Und am Ende lässt er uns durchschlüpfen, ganz zu ihm.

Amen.


 


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