Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über Römer 9, 1- 8 + 14-16

Pfarrerin Beate Barwich (ev)

08.08.2010 in St.Thomas in Berlin

10. Sonntag nach Trinitatis

Kanzelgruß: Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus! Amen.

Liebe Gemeinde,
den Israelsonntag zu begehen und von Jerusalem zu sprechen heißt, sich auf etwas einzulassen, was einerseits ganz nahe ist und andererseits auch wieder ganz fern ist.
Städte haben ihre Schicksale. Auch unsere Stadt hat ihr Schicksal. Wer in Berlin geboren ist, fühlt sich anders als einer, der nur nach Berlin irgendwann einmal gekommen ist. Doch Berlin ist eine offene Stadt, wer sich als Berliner fühlen will, der darf sich auch wie ein gebürtiger Berliner verstehen.
In Berlin wird viel gebaut. Das Stadtbild verändert sich zusehends. Doch die Spuren der Geschichte lassen sich nicht auslöschen. Das merkt man, wenn man an den Streit um den Wiederaufbau des Stadtschlosses denkt. Die Zeit hat ihre eigene Dynamik.
Der heutige Sonntag steht aber nicht nur in der Spannung zwischen diesen beiden Städten.

Er steht eigentlich in Beziehung zu sehr vielen. Und das heißt ganz besonders auch zu der Stadt der Reformation, zu Wittenberg. Damals war sie zunächst eine kleine mittelalterliche Stadt in Deutschland, erst als sie eine Universität bekam und nicht unbedeutende Männer dort lehrten, kam sie zu einer weltweiten Bedeutung.
Neben Luther war es Melanchthon, der die Studenten aus aller Welt an zog. Obwohl man damals noch alles in Latein vortrug, waren seine Vorlesungen in dem, was er meinte, doch ganz anders und neu. Es war der Geist des Humanismus, der den Sprachen nachging und der Bildung des Herzens.
Paulus schreibt nun im Römerbrief zu der brennenden Frage und das ist der heutige Text:
Wie sieht das Verhältnis zwischen Christen und Juden vor den Augen Gottes aus, wie steht Jerusalem zu Christus und gibt es eine Beziehung des Christus zum Judentum?

Wir hören den Text aus Rö. 9, 1- 8 + 14-16.
„ Ich sage die Wahrheit in Christus und lüge nicht,
wie mir Zeugnis gibt mein Gewissen in dem heiligen Geist, dass ich große Traurigkeit
und Schmerzen ohne Unterlass in meinem Herzen habe.
Ich selber möchte verflucht und von Christus geschieden sein meinen Brüdern zugut,
die meine Stammverwandten sind nach dem Fleisch;
die da sind von Israel, welchen die Kindschaft gehört und die Herrlichkeit und der Bund
und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen;
welcher auch sind die Väter, und aus welchen der Christus hervorkommt nach dem Fleisch,
der da Gott ist in Ewigkeit.

Aber nicht sage ich solches, als ob Gottes Wort nun aus sei.
Denn nicht alle sind Israeliten, die von Israel stammen;
auch nicht alle, die Abrahams Nachkommen sind, sind darum auch Kinder.
Sondern nur „was von Isaak stammt, soll dein Geschlecht heißen“.
Das heißt: nicht das sind Gottes Kinder, die nach dem Fleisch Kinder sind,
sondern nur die Kinder der Verheißung werden als sein Geschlecht gerechnet.
Was wollen wir denn hierzu sagen? Ist denn Gott ungerecht? Das sei ferne!
Denn er spricht zu Mose: “Welchem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig;
und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.“
So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen.“

Paulus erinnert an seine einzigartige Berufung, die er durch Christus erfahren hat. Er kann sich von daher mit keinem anderen der Apostel vergleichen. Seine Liebe zu seinen Vätern und zu seinen Lehrern ist dennoch lebendig und – fast ungebrochen. Auch diesen innersten Konflikt, den er hier vor uns ausbreitet, teilt er mit, er behält ihn nicht für sich. Er meditiert ihn laut, seine Gedanken gehen zurück aber genauso auch nach vorn in die Zukunft.
Er lässt nicht los, er tritt damit vor den Auferstandenen und lässt es sich sagen, wie es eigentlich weitergehen soll. Wenn Gott, der Vater Jesu Christi, der Herr der Geschichte ist, dann muss sein Plan eine Zukunft haben.
Die Gedanken des Paulus bewegen sich um die Erwählung. Wer nun sagt: Da steht es doch:
Warum müht sich denn der Ausleger damit so sehr ab? Den einen hat Gott erwählt und den anderen hat er nun einmal verworfen. So ist Gott. - Was dasteht – das steht so da. Das lässt sich doch aus der Bibel ablesen. - Ja, wirklich? Lässt sich das so leicht ablesen?
Wir haben mit dem Psalm gebetet:
Herr, du erforschest mich und kennest mich.
Was auch immer ich tu, es ist vor deinen Augen nicht verborgen,
Wo ich aus sei – es gibt keinen Ort, da du nicht auch sein kannst und willst.
Wir bringen die Dinge vor Gott, wir erinnern uns daran, dass Gott es ist, der sein Herz öffnen und verschließen kann. Es gibt einen Unterschied zwischen dem Geist und dem Buchstaben.
Jeder möge sich fragen: Wie sehe ich die Dinge eigentlich? Wie nehme ich die Wirklichkeit um mich herum wahr. Sehe ich sie bloß von ihrer Oberfläche her oder betrachte ich sie auch von ihrer Innenseite aus. Denn die Augen des Geistes lesen anders. Der Buchstabe allein bleibt stumm.
„Der Geist ist es, der lebendig machen will“.

Und dennoch - es bleibt eine Spannung und es bleibt so stehen, wie es hier geschrieben ist: Den Jakob habe ich geliebt und den Esau habe ich gehasst.
Die Zeit der Väter rückt uns nahe. Die Namen wurden zu Symbolen. Die Erfahrungen der ersten Zeit blieben in der Erinnerung des Volkes wach.
Durch die Sprache der Symbole drückte dann die Kirche ihren Glauben aus :
Weil Jerusalem zerstört wurde, darum wurde sie zum Symbol der gefallenen Stadt und zur ver- worfenen Stadt. In den großen Kirchen, besser gesagt am Straßburger Münster findet sich eine solche Darstellung:
Die gebrochene Synagoge steht neben der fast heldenhaft wirkenden Kirche, der ecclesia. Beide Skulpturen, in Stein gehauen, sind am Eingang in Übergröße zu sehen.
Was der Fromme sieht, das ist dann auch Inhalt seines Glaubens. Die Synagoge mit einer Augenbinde und einer gebrochenen Lanze in der einen Hand und die Schrift in der anderen Hand nach unten geneigt. Und auf der anderen Seite die Kirche stolz mit einer Krone geziert und einem Zepter in der Hand. -
Ich frage mich: War der Künstler wirklich mit dem ganzen Herzen bei einer solchen Aussage?
Symbole sind wichtig und gut. Doch wir denken heute, - nach allen diesen Ereignissen in deren Schatten wir noch stehen, weiter.
Es gibt ein Lernen nicht nur aus Büchern, es gibt auch ein Lernen aus der Geschichte.
Erinnern wir uns doch auch noch einmal an eine Begegnung in unserer Zeit.

Als vor nicht allzu langer Zeit unser Bürgermeister die heilige Stadt besuchte, die für ihn einen ganz starken Symbolcharakter hat, war er so sehr begeistert, dass er dem Jerusalemer Bürger - meister ganz spontan eine Städtepartnerschaft anbot. Es müsste doch jetzt an der Zeit sein, dass auch dies möglich ist. Die Stadt steht in einer Weise da, dass alle Welt auf sie schaut. Und ihre Anziehungskraft ist gewaltig. -
Da aber stutzte der Bürgermeister von Jerusalem nicht wenig.
Weiß man in Berlin denn nicht, dass das nichts mit der „Geschichte“ zu tun hat? Jerusalem ist eine Stadt, für die es keinen Vergleich gibt. Und sie schließt mit keiner Stadt in der Welt eine Partnerschaft. Sie reicht jedem, der kommt, die Hand, doch sie kann sie auch wieder loslassen.
So dicht können Ewigkeit und Zeit beieinander liegen!

Für Israel ist Jerusalem wieder erstanden und hat eine neue Zukunft bekommen. Für uns Christen war Jerusalem eigentlich immer da, auch als es die vielen vielen Jahre im Schatten ein ganz stilles Dasein führte. -
Es ist ganz merkwürdig, von diesem Weitblick zeugte ein anderer schon, als er ein Bild für dies gespannte Verhältnis schuf, ein Symbol müsste ich lieber sagen: nämlich das von den Ringen. Und ich meine die „Ringparabel“ aus dem Drama von „Nathan dem Weisen“ von Gotthold Ephraim Lessing. Sie gibt dem modernen Menschen die Tiefe wieder, die man braucht, um dem Geheimnis Gottes näher zu kommen.
Ausgangspunkt ist die Frage des Sultans Saladin an Nathan, warum er denn an seinem offensichtlich veralteten Glauben immer noch festhielte. … Und Nathan stutzt – auch hier stutzt wieder einer, ob der einfachen Frage. Und um nicht zu einfach zu antworten, kleidet er seine Antwort in eine Parabel: - Es ist zunächst wie im Märchen: ein Vater hat einen wunder wirkenden Ring, den er an den meist geliebten Sohn vererbt, von Generation zu Generation. Doch plötzlich – da ist ein Vater, der hat drei Söhne, die ihm alle drei gleich lieb und wert sind, den wunderwirkenden Ring, der die Kraft hat „vor Gott und Menschen angenehm zu machen“ zu ererben. - Und siehe, nach seinem Tode bemerken die Söhne; ein jeder hat einen Ring aus des Vaters Hand erhalten und den Segen dazu. …
Plötzlich erwachen sie - wie aus einem Traum. Hat der Vater sie etwa betrogen? - Es kommt, wie es kommen muss: Es gibt Streit. Nur einer kann den Streit unter ihnen beenden, der weiser ist als sie und einen Rat geben kann. Damit treten sie vor den Richter. - Der Richter fühlt mit , es ist ja keine Sache des Rechts. Der Ring ist ein Geschenk. - Nach langem Drängen, was er denn mit dieser Sache zu tun habe, kommt er zu dem ebenso wunderbaren Schluss: Wenn der eine Ring die große Kraft des Vaters hatte, dann hat es jetzt jeder Ring bei jedem der drei Söhne und die „Antwort“ zu geben liegt bei jedem einzelnen von ihnen. Darum:
„ Wohlan!“ - führt der Richter weiter aus:
„ … es eifere jeder seiner unbestochenen, von Vorurteilen freien Liebe nach!
Es sterbe jeder von euch um die Wette, die Kraft des Steins in seinem Ring an Tag zu legen!
Komme dieser Kraft mit Sanftmut, mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun,
Mit innigster Ergebenheit in Gott zu Hilf!
Und wenn sich dann der Steine Kräfte bei euren Kindes-Kindeskindern äußern:
so lad ich über tausend tausend Jahre sie wiederum vor diesen Stuhl.
Da wird ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen als ich und sprechen. – Geht! –
So sagte der bescheidene Richter“.

Und ich sehe nun im Geist noch einen ganz anderen Namen vor mir, der auf seine Weise eine unzerstörbare Brücke zwischen diesen beiden einmaligen Städten gebaut hat: Es ist der bekannte und doch schon fast vergessene Heinrich Grüber. Die Straße, in der er in der dunkelsten Zeit der deutschen Geschichte die Adresse für unzählige Christen war, die aus dem Judentum kamen, liegt gar nicht weit von uns hier entfernt. Im Blick auf Jesus und seine Worte, war es ihm unmöglich an dieser letzten Not jener Menschen vorbei zu gehen.
Wachgerüttelt von seinem Gewissen und dem Bild Jesu, auf dessen Weisungen er hörte wie kaum ein anderer, schreckte er nicht davor zurück, sein eigenes Leben für andere einzusetzen.
Während viele andere verständnislos blieben und - abwarteten.

Seine Stimme haben viele unter uns noch im Gedächtnis: wie er damit rang, Wege aus der Verzweiflung zu finden, Not zu lindern, Arbeitsplätze für die zu finden, denen die Ausreise noch gelang. Auch eine Schule richtete er in seinen Räumen ein.

Wo er hin kam, wurde es lebendig, man atmete auf. Ungebrochen wirkte er auch nach dem Krieg weiter. Zuerst war er Bürgermeister und packte zu. Denn nun mussten nicht nur Schutt und die Trümmer beseitigt werden. Nun musste, wie aus dem Nichts ein anderes, ein neues Leben aufgebaut werden. Die Menschen mussten wieder lernen, aufeinander zu hören und einander die Hand zu reichen.

Er fand Worte, um Brücken zu bauen, die mit Gewalt zerstört worden waren. Und legte den Grundstein für Hoffnung, wo er auf Hoffnungslosigkeit stieß. Alles das ist unvergessen.
Jerusalem setzte ihm dafür ein Zeichen, ein Symbol des Lebens. So wie der Ring in der Parabel zu einem Symbol der Hoffnung geworden ist. Gottes Liebe kommt auf uns zu.

Diese Brücke trägt, um der Liebe willen, die sie gebaut hat. Um des Geistes willen, der von ihr ausgeht. Solche Zeichen und solche Leute braucht Gott. Solche Leute lasst uns sein.

Paulus schließt dieses große Kapitel, das das Band zwischen Juden und Christen weder lösen geschweige denn zerreißen will mit einem große Lobpreis auf die Güte Gottes, wenn er sagt:

O welch ein Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis! Wie gar unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege!

Denn „ wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen?“
Oder „ wer hat ihm zuvor etwas gegeben, dass ihm werde wieder vergolten?“ Denn von ihm und zu ihm und durch ihn sind alle Dinge. Ihm sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.


 


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