Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Römer 9,14-24

Pastorin Kathrin Oxen

20.01.2008 in der Reformierten Kirche in Bützow

"Das Eis war dünn"

"Das Eis war dünn"

Liebe Gemeinde,

das Eis war dünn. Es hat sie nicht getragen.
Hier in Bützow sind wir immer noch erschüttert über den Tod der sechsjährigen Zwillinge aus einem Dorf in der Nähe von Bützow. Vor zwei Wochen sind sie beide im Eis eingebrochen und gestorben. Der Schmerz ihrer Eltern und ihrer Familie lässt sich nicht beschreiben. Wir spüren, wie dieser große Schmerz auch zu uns durchdringt und uns berührt, die Großen und die Kleinen, die Kinder in der Kindergartengruppe, die Erzieherinnen, die Eltern der anderen Kinder aus dem Kindergarten, viele Menschen hier.

Das Eis ist dünn, das haben wir alle gespürt. Die glatte Oberfläche unseres Lebens kann Risse bekommen. Aus diesen Rissen quillt so schnell, wie sich das Wasser auf dem Eis ausbreitet, eine Frage. Es ist die Frage, die wir eben gehört haben: Geht es bei Gott etwa ungerecht zu? Wie kann Gott zulassen, daß so etwas passiert?
Das Auftauchen dieser Frage ist ein Zeichen dafür, daß eine tiefere Dimension unseres Lebens erreicht worden ist. Unter der manchmal so trügerisch glatten Oberfläche des Lebens kann sie lange verborgen bleiben.
Da, wo etwas bricht, wo Risse entstehen, wird sie gestellt. Das kann so dramatisch und schrecklich wie bei dem Unglück vor zwei Wochen sein, aber auch leiser, manchmal fast unmerklich, da wo Hoffnungen sich nicht erfüllen, Beziehungen zerbrechen, wo der Sinn des Ganzen in Frage gestellt wird.

Es ist die Frage nach Gott, die aus den Rissen des Lebens quillt, die Frage danach, wie es bei Gott zugeht. Geht es bei Gott etwa ungerecht zu? Wie soll ich das zusammenbringen, die Erfahrung des tiefen Schmerzes angesichts des Todes dieser beiden Kinder, mit Gott, den ich doch für gütig und allmächtig halte?
Niemand wird angesichts einer solchen Erfahrung kalten Herzens auf die Statistik verweisen, wonach die häufigste Todesursache von Kindern in Industrieländern eben der Tod durch einen Unfall ist. Die Frage nach Gott stellt sich auch hier bei uns in einem weitgehend entkirchlichten Umfeld.
Als Christinnen und Christen werden wir immer auch darauf angesprochen. Wie konnte das passieren? Wer hat das zugelassen? Was ist das für ein Gott, an den ihr glauben wollt? Wie bringt ihr das, was ihr von ihm erzählt, zusammen mit dem Leben, wie es wirklich ist?
Eine tiefere Dimension, eine Wirklichkeit hinter unserer Wirklichkeit ist damit genannt, auch von Menschen, die mit der Kirche als Institution wenig zu tun haben. Wo die Oberfläche des Lebens durchbrochen wird, quillt die Frage nach Gott hervor.

Ich finde, man merkt, wie unangenehm Paulus diese Frage ist. „Geht es bei Gott etwa ungerecht zu? Gewiss nicht!“ antwortet Paulus sehr nachdrücklich. Eine Aussage, die verdächtig schnell kommt, finde ich. Die Versuchung, Gott in Schutz nehmen zu wollen, angesichts der Risse in der Oberfläche des Lebens.
Bei Paulus ist die Frage aus einem Riss gekommen, der sich vor ihm aufgetan hat. Er steht vor der Tatsache, dass es zwischen Juden und Christen eine schmerzhafte Trennung gibt. Das Handeln Gottes ist für ihn nicht nachvollziehbar. Darin berührt sich seine Erfahrung mit Erfahrungen, die wir machen.
Die Wirklichkeit, deren Risse und Abgründe wir schmerzhaft erfahren, ist nicht mit der Vorstellung, die wir uns von Gott machen, in Übereinstimmung zu bringen. Wir wissen doch, welche Antwort wir gerne auf die Frage hätten, ob Gott ungerecht ist: Natürlich nicht! Gott ist gut und allmächtig, er lässt es den Guten gut gehen und bestraft die Bösen. Dass es nicht so ist, wissen wir längst und erfahren es immer wieder.

Paulus bestätigt das. Beim Umkreisen der Frage, ob Gott ungerecht ist, betont Paulus Gottes Freiheit. Es liegt also nicht an jemandes Wollen oder Mühen, sondern an Gott, der sein Erbarmen zeigt.
Gott ist frei. Er kann handeln, wie er will. Es liegt nicht an meinem Wollen und auch nicht an meinem Mühen, wie Gott sich verhält. Ich kann ihn nicht festlegen auf meine Vorstellungen von Gerechtigkeit. Wir haben vorhin im Evangelium gehört, was Gott unseren Berechnungen entgegenhält: Ist es mir etwa nicht erlaubt, mit dem, was mein ist, zu tun, was ich will?
Wer zwischen seinem eigenen Tun und Gottes Handeln einen Zusammenhang herstellen will, wer die Antwort schon kennt, bevor die Frage gestellt ist, macht sich ein Bild von Gott. Es ist ein Bild, das leicht zerstört werden kann, weil es auf einem sehr unsicheren Fundament errichtet ist, auf der Oberfläche unseres zerbrechlichen Lebens. Es liegt also nicht an jemandes Wollen oder Mühen. Eine ernüchternde Antwort.
Für meine Frage nach Gott und seiner Gerechtigkeit bedeutet das: Ich darf keine falschen Schlüsse ziehen. Wenn es mir gut geht, habe ich das nicht durch ein besonders gutes, gottgefälliges Leben verdient. Es steht mir nicht in irgend einer Weise zu, ich kann es mir gar nicht verdienen. Ich kann nur dankbar empfangen, was mir geschenkt worden ist.
Es bedeutet aber auch: Wenn es mir schlecht geht, dann habe ich das auch nicht verdient, weil ich mich vorher in irgendeiner Weise falsch verhalten hätte. Gerade Menschen, die einen schweren Schicksalsschlag erlitten haben, stellen diese Frage: Womit habe ich das verdient? Was habe ich falsch gemacht?
Ich denke an die Eltern und die Angehörigen der beiden Kinder. Ich hoffe, dass sie in ihrer Trauer Menschen an ihrer Seite haben, die sie vor solcher zerstörerischer Selbstanklage bewahren.
Die Antwort, die Paulus gibt, ist ernüchternd und befreiend zugleich. Es liegt also nicht an jemandes Wollen oder Mühen. Gott ist frei, er kann handeln, wie er will.

Uns ist mit dieser Antwort noch nicht viel weiter geholfen. „An einen Gott, der so etwas zulässt, kann ich nicht glauben“. Ich kann verstehen, wenn jemand so etwas sagt. Gerade als Menschen, die glauben wollen, spüren wir besonders, auf welch dünnem Eis wir uns mit tastenden Schritten bewegen. Die Vorstellungen und Bilder, die wir uns von Gott machen, werden in Frage gestellt, sie zerbrechen an den Erfahrungen unseres Lebens.
Für mich wird daran noch einmal die Weisheit des Gebots deutlich, sich von Gott kein Bild zu machen. Wo wir das tun, kehren wir das Verhältnis zwischen Gott und uns um. Es ist unsere Vorstellung von Gerechtigkeit, die wir zum Maß der Dinge machen. Es ist unser Bild davon, wie Gott zu sein hat und wie er sich uns gegenüber verhalten soll. Auch hier erreichen wir angesichts des dünnen Eises, auf dem wir uns bewegen und der Risse, die sich durch unser Leben ziehen, noch einmal eine andere, tiefere Dimension. Niemand von uns fertigt sich Götzen aus Holz oder Stein an, aber an meiner Vorstellung von Gott schnitze ich täglich herum, damit sie zu den Erfahrungen meines Lebens passt.

Auch um diesem geläufigen Aberglauben etwas entgegenzusetzen, betont Paulus Gottes Freiheit. Er beschreibt damit auch noch einmal unsere Abhängigkeit. Er bringt sie in einem Bild zum Ausdruck, das vor ihm schon die Propheten verwenden. Unser Verhältnis zu Gott, der uns geschaffen hat, gleicht dem Umgang des Töpfers mit seinem Material. Wer bist du eigentlich, dass du mit Gott zu rechten wagst? Der Topf kann dem Töpfer, der Mensch kann dem Schöpfer keine Vorwürfe machen. Die Anklage des Schöpfers steht uns nicht zu.
Ich merke: Es bleibt ein dünnes Eis, auf dem wir uns bewegen. Es ist möglich, dass wir das Zerbrechen unserer Gottesbilder nicht überstehen und damit die Beziehung zu Gott ganz abbricht.„An einen Gott, der so etwas zulässt, kann ich nicht glauben.“ Wir müssen uns vorsichtig bewegen und genau unterscheiden zwischen einer Anklage Gottes und der Klage vor Gott. Die Anklage Gottes steht uns nicht zu, Gott ist frei und kann handeln, wie er will.
Die Klage vor Gott dagegen, mit der wir ihn als Gegenüber ansprechen, ist Ausdruck dafür, dass die Beziehung zu ihm auch angesichts des Leids weiter besteht. Ein Gegenüber zu haben, ist in der Erfahrung von Leid und Schmerz lebenswichtig. An die Stelle zerstörerischer Selbstanklage tritt die Klage vor Gott.

Die tastenden Schritte über das dünne Eis nach einem tragfähigen Grund für unseren Glauben führen uns vorsichtig weiter. Es liegt nicht an unserem Wollen oder Mühen, schreibt Paulus, sondern an Gott. Er ist ein Gott, der sein Erbarmen zeigt. Es ist der Gott Israels, der von sich sagt „Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich“ (Ex 33, 19)
Gott zeigt sein Erbarmen, er zeigt sich als der Gnädige und Barmherzige, als der Großzügige, der nicht berechnet, sondern verschenkt. So will er von uns gesehen werden. Wie es bei Gott zugeht, das wird auch daran deutlich, dass wir als Menschen, die nicht zu Gottes auserwähltem Volk gehören, in den Bund mit Israel mit hineingenommen werden, ohne dass wir von uns aus etwas dazu tun könnten.
Ich zweifle an Gottes Gerechtigkeit immer dann, wenn ich die Risse in der Oberfläche des Lebens spüre. Ich nehme sie manchmal viel zu selbstverständlich hin, wenn alles glatt läuft und gut geht. Wie zerbrechlich und kostbar ist unser Leben, was für ein Geschenk.
Die Frage, ob es bei Gott ungerecht zugeht, bleibt eine Frage ohne Antwort. Wir bewegen uns auf dünnem Eis. Der Glaube kann an dieser Frage zerbrechen oder aber eine Tiefe erreichen, von der wir noch nicht wissen.

Amen.